Erwerbsunfähigkeitsrente

Der gesetzliche Schutz reicht zum Leben nicht aus

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Erwerbsunfähigkeitsrente wurde zum 31. Dezember 2000 abgeschafft und durch die Erwerbsminderungsrente ersetzt.
  • Vor 1961 Geborene haben ein Recht auf Erwerbsminderungsrente, sobald sie nicht mehr in der Lage sind, ihren erlernten oder einen gleichwertigen Beruf auszuüben.
  • Alle anderen bekommen nur dann die volle Erwerbsminderungsrente, wenn sie in keinem Job länger als drei Stunden arbeiten können.
  • Die volle Erwerbsminderungsrente liegt meist bei weniger als einem Drittel des letzten Bruttogehalts.
  • Wer bereits eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsrente nach altem Recht bezieht, erhält diese auch weiterhin.
  • Weil die gesetzliche Absicherung knapp ausfällt, sollten Arbeitnehmer über eine private Ergänzung nachdenken: entweder eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung.
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Schlimme Kniebeschwerden und dann auch noch ein Bandscheibenvorfall – wenn die Schmerzen chronisch werden, kann das für einen Fliesenleger das berufliche Aus bedeutet. Ein Bürokaufmann, der wegen einer Depression nicht mehr arbeiten kann, steht ebenfalls plötzlich ohne Einkommen da.

Wer für einen solchen Fall allein auf staatliche Hilfe baut, ist von Armut bedroht. Denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde die gesetzliche Absicherung für Arbeitnehmer, die nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr arbeiten können, erheblich reduziert. Bis Ende 2000 funktionierte der gesetzliche Schutz für solche Fälle über ein zweigliedriges System aus Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsrente. Eine Berufsunfähigkeitsrente (BU-Rente) erhielt, wer wegen einer Krankheit oder Behinderung seinen Beruf nur noch zu weniger als 50 Prozent ausüben konnte. Eine Erwerbsunfähigkeitsrente (EU-Rente) hingegen gab es, wenn jemand überhaupt nicht mehr in der Lage war, zu arbeiten.

Dieses System aus gesetzlicher Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitsrente hat die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder zum 1. Januar 2001 abgeschafft. Ersetzt wurde es durch die Erwerbsminderungsrente.

Das hat sich mit der Erwerbsminderungsrente geändert

Gegenüber der alten Regelung hat sich mit der Erwerbsminderungsrente vor allem eines verändert: Der erlernte Beruf spielt für den gesetzlichen Schutz keine Rolle mehr. Es zählt allein, ob jemand überhaupt noch irgendeine Arbeit verrichten kann. Ein Handwerksmeister mit Knieschaden zum Beispiel, der noch ein Taxi fahren kann, bekäme daher keine Rente.

Die Deutsche Rentenversicherung zahlt die Erwerbsminderungsrente in zwei Stufen aus. Die volle Erwerbsminderungsrente erhält, wer nicht in der Lage ist, mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten. Sie entspricht in der Höhe etwa der bisherigen EU-Rente. Wer noch zwischen drei und sechs Stunden am Tag arbeiten kann, bekommt die halbe Erwerbsminderungsrente.

Vertrauensschutz für ältere Versicherte

Eine Ausnahme von der Erwerbsminderungsrente gibt es allerdings: Ältere Versicherte genießen Vertrauensschutz. Wer vor dem 2. Januar 1961 geboren ist, profitiert damit noch vom alten Recht. Das bedeutet, die Rentenversicherung prüft, ob der Versicherte in seinem erlernten oder einem gleichwertigen Beruf noch mindestens sechs Stunden täglich arbeiten kann.

Als gleichwertig und damit zumutbar gilt ein anderer Beruf, wenn er dem bisherigen in Hinblick auf soziales Ansehen und notwendige Fähigkeiten ähnelt. Kann die Rentenversicherung einem Erwerbsunfähigen auf keine andere Tätigkeit verweisen, bekommt er als vor 1961 Geborener eine Rente wegen Berufsunfähigkeit. Sie ist allerdings nur so hoch wie die Rente, die er nach der neuen Regelung auch bei teilweiser Erwerbsminderung bekäme. Damit fällt die Zahlung um ein Viertel niedriger aus als die bis 2001 gewährte gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente.

Für Menschen, die bereits vor dem 1. Januar 2001 eine Berufsunfähigkeits- oder Erwerbsunfähigkeitsrente bezogen haben, ist alles gleich geblieben. Ihre Rente wird unverändert weitergezahlt, solange die Voraussetzungen dafür stimmen.

Voraussetzungen für die Rentenzahlung

Eine Erwerbsminderungsrente bekommen Sie nur, wenn Sie in den letzten fünf Jahren mindestens 36 Monate Pflichtbeiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Diese 36 Monate müssen aber kein zusammenhängender Zeitraum gewesen sein. Zusätzlich müssen Sie schon mindestens fünf Jahre versichert gewesen sein.

Unproblematisch für den Anspruch auf Erwerbsminderungsrente sind in der Regel Zeiträume, in denen Sie Kranken- oder Arbeitslosengeld bezogen haben. Diese Phasen gelten ebenso wie bis zu drei Jahre Kindererziehungszeiten und Militär- sowie Zivildienst als Pflichtbeitragszeit. Das bedeutet, diese Zeiten werden dem Rentenkonto wie eine Beschäftigung gutgeschrieben.

Aufgrund der fünfjährigen Wartezeit sind Berufsanfänger in den ersten Jahren ihres Berufslebens kaum abgesichert. Es gibt allerdings Ausnahmen: Bei Arbeitsunfällen oder Berufskrankheiten spielt die Wartezeit keine Rolle. In einem solchen Fall haben Betroffene, sofern sie zum Zeitpunkt des Unfalls versicherungspflichtig waren, direkt Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente und Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung.

Allerdings ist es oft schwierig, eine Berufskrankheit anerkannt zu bekommen. Im Jahr 2014 wurde laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nur rund jeder fünfte Verdachtsfall auch tatsächlich als Berufskrankheit anerkannt.

Wie Sie einen Antrag auf Rentenzahlung stellen, lesen Sie in unserem Ratgeber zur Erwerbsminderungsrente.

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Im Schnitt 630 Euro Rente wegen Erwerbsminderung

Die Höhe der Erwerbsminderungsrente hängt ähnlich wie die der Altersrente von der Anzahl der Versicherungsjahre und dem individuellen Einkommen ab. Erwarten Sie aber nicht zu viel, denn die Rente beträgt oft deutlich weniger als ein Drittel des letzten Bruttogehalts. Der Deutschen Rentenversicherung zufolge lag die durchschnittliche Rente bei voller Erwerbsminderung im Jahr 2014 bei etwa 719 Euro im Monat. Das umfasst aber auch die Altfälle. Versicherte, denen 2014 erstmals eine Erwerbsminderungsrente zugesprochen wurde, bekamen im Schnitt sogar nur 628 Euro.

Das Absicherungsniveau ist infolge der Rentenreformen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Seit dem Jahr 2001 wird die Erwerbsminderungsrente gekürzt, weil sie bereits vor Erreichen der Altersgrenze für die reguläre Rente ausgezahlt wird. Die Grenze wird bis zum Jahr 2024 schrittweise von 63 auf 65 Jahre angehoben. Jeder Monat, den Sie früher Erwerbsminderungsrente beziehen, kostet einen Abschlag von 0,3 Prozentpunkten, höchstens jedoch 10,8 Prozent.

Dieser maximale Abschlag trifft den Großteil der Erwerbsminderungsrentner. Denn ihn muss jeder hinnehmen, der mehr als drei Jahre vor seinem regulären Rentenbeginn erwerbsunfähig wird.

Tipp

Renteninformation

Wie hoch Ihre Erwerbsminderungsrente nach jetzigem Stand ausfallen würde, erfahren Sie in Ihrer Renteninformation.

Wer eine volle Erwerbsminderungsrente oder eine Erwerbsunfähigkeitsrente erhält, darf noch 450 Euro im Monat hinzuverdienen. Bei höheren Einkünften kann die Rentenzahlung gekürzt oder gänzlich eingestellt werden. Für Bezieher einer Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung gelten individuelle Hinzuverdienstgrenzen. Diese können Sie bei Ihrem Rentenversicherungsträger erfragen.

Angesichts der dürftigen gesetzlichen Absicherung sollten Verbraucher unbedingt zusätzlich vorsorgen, um das fehlende Einkommen wenigstens teilweise auszugleichen. Die umfassendste Möglichkeit dazu bietet die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU).

Versorgungslücke mit BU-Versicherung schließen

Die Berufsunfähigkeitsversicherung zahlt, sobald Sie in Ihrem zuletzt ausgeübten Beruf aus Gesundheitsgründen dauerhaft nicht mehr arbeiten können. Ob die Ursache dafür in einer psychischen oder körperlichen Erkrankung liegt, ist unerheblich. Die Rente gibt es also auch dann, wenn Sie theoretisch oder praktisch noch einen anderen Job machen könnten. Damit sind die Voraussetzungen niedriger als bei der Erwerbsminderungsrente.

Diese Absicherung ist allerdings nicht ganz billig und vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen nicht leicht zu bekommen. Deshalb ist eine umfassende Beratung bei einem qualifizierten Versicherungsmakler oder Honorarberater wichtig.

Mehr dazu im Ratgeber Berufsunfähigkeitsversicherung

Julia Rieder
von Finanztip,
Expertin für Versicherungen

Staatliche Rente reicht nicht aus

  • Versichern Sie eine ausreichend hohe Rente.
  • Achten Sie auf die Leistung nicht auf den Preis.
  • Wer Gesundheitsfragen falsch beantwortet, bekommt womöglich keine Leistung.

» Zum Ratgeber

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Erwerbsunfähigkeitsversicherung als Alternative

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung kann oder will sich nicht jeder leisten. Insbesondere für Menschen, die körperlich arbeiten, sind die Beiträge oft unerschwinglich. Für sie kann als Alternative eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung infrage kommen. Diese ist gerade für Handwerker deutlich günstiger. Geld gibt es jedoch nur, wenn der Versicherte überhaupt nicht mehr arbeiten kann. Die Hürden für die Rentenzahlung aus einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung sind damit genauso hoch wie bei der gesetzlichen Erwerbsminderungsrente. Dennoch ist die Erwerbsunfähigkeitsrente aus der privaten Versicherung eine geeignete Möglichkeit, die dürftige gesetzliche Absicherung aufzustocken.

Mehr dazu im Ratgeber Erwerbsunfähigkeitsversicherung

Julia Rieder
von Finanztip,
Expertin für Versicherungen

Staatliche Rente reicht nicht aus

  • Die EU ist eine Alternative, falls Sie keine BU bekommen.
  • Schließen Sie die Versicherung möglichst früh ab.
  • Die Versicherung zahlt, wenn Sie nur noch wenige Stunden arbeiten können.

» Zum Ratgeber

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Finanztip-Chefredakteur
Hermann-Josef Tenhagen

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Artikel verfasst von

Julia Rieder

Finanztip-Expertin für Versicherungen

Julia Rieder ist Expertin für Versicherungen und derzeit kommisarisch für das Thema Reise verantwortlich. Während ihres Volontariats bei Finanztip sammelte sie Hörfunk-Erfahrung beim Inforadio. Vorher war sie in den Redaktionen von Frontal 21, der Berliner Zeitung und dem Online-Magazin politik-digital tätig. Ihr Studium der Politikwissenschaft hat Julia Rieder an der Freien Universität Berlin mit einem Master abgeschlossen.