Unverschuldeter Autounfall

Nutzungsausfall entschädigen lassen statt Mietwagen nehmen

Das Wichtigste in Kürze

  • Wer unverschuldet in einen Autounfall verwickelt wird, kann sich für die Dauer der Reparatur einen Mietwagen nehmen und die Kosten vom Verursacher zurückverlangen.
  • Alternativ können Sie auch eine sogenannte Nutzungsausfallentschädigung einfordern.
  • Die Höhe der Entschädigung wird in aller Regel anhand des Werts Ihres Autos berechnet – mithilfe der Schwacke-Liste. Sie bekommen danach zwischen 23 und 175 Euro pro Tag.
  • Wäre ein Mietwagen billiger gewesen, darf die Versicherung die Entschädigung trotzdem nicht kürzen.
  • Mit der Entschädung fahren Sie meist besser – insbesondere wenn die Schuldfrage beim Unfall nicht eindeutig geklärt ist. Sonst laufen Sie Gefahr, die Mietwagenkosten teilweise selbst zahlen zu müssen.
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Auf dem Weg zum Einkaufen nimmt Ihnen jemand die Vorfahrt. Das Auto ist kaputt und muss erstmal repariert werden. Dann können Sie sich einen Mietwagen bezahlen lassen oder aber auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen und eine sogenannte Nutzungsausfallentschädigung verlangen. Viele Geschädigte verschenken oft mehrere Hundert Euro, weil sie ihren Anspruch auf Nutzungsentschädigung gar nicht oder in viel zu geringem Umfang geltend machen. In vielen Fällen ist die Entschädigung die bessere Variante – doch dabei gibt es einiges zu beachten. Die gegnerische Haftpflicht hat nämlich ein Interesse daran, die Kosten so gering wie möglich zu halten.

Bares statt Mietwagen

Während die Mietwagenpreise von 2010 bis 2014 laut Fraunhofer Institut fast ausschließlich gesunken sind, wurden die Tagespauschalen für die Entschädigung nicht reduziert. Sie sollten daher prüfen, ob Sie mit einer Nutzungsausfallentschädigung besser gestellt sind als mit einem Mietwagen.

Beispiel: Handelt es sich bei dem beschädigten Fahrzeug um einen Alfa Giulietta 2.0 JTDM 16V , 1 Jahr alt, haben Sie einen Anspruch auf Nutzungsausfallentschädigung nach Schwacke-Tabelle 2013, Gruppe F, von 50 Euro pro Tag. Bei zehn Tagen Reparatur bekommen Sie von der Versicherung 500 Euro Entschädigung.

Mieten Sie stattdessen einen Mittelklassewagen an, muss die Versicherung deutlich weniger zahlen. Sie finden einen Mietwagen für 10 Tage in der entsprechenden Klasse auf den Mietwagenportalen Check24, billiger-mietwagen.de oder happycar.de schon für weniger als 300 Euro.

Sie können sich die Entschädigung auszahlen lassen und sind völlig frei in der Verwendung des Geldes. Benötigen Sie das Auto nicht jeden Tag oder können Sie problemlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen, ist die Nutzungsentschädigung immer sinnvoller.

Ist die Schuldfrage beim Unfall nicht eindeutig geklärt, sollten Sie sich auf jeden Fall für die Nutzungsentschädigung entscheiden. Dann übernimmt die gegnerische Haftpflichtversicherung die Kosten für den Mietwagen nämlich eventuell nicht oder nur teilweise. Bei einem Mitverschulden zahlt die Autoversicherung des Unfallgegners zumindest den entsprechenden Anteil der Nutzungsausfallentschädigung. Insoweit erhalten Sie nur weniger Geld, brauchen aber selbst nichts zusätzlich zu zahlen.

Tipp: Lassen Sie sich von einem Fachanwalt für Verkehrsrecht vertreten. Der regelt die ganzen Formalitäten mit der gegnerischen Versicherung und stellt sicher, dass all Ihre Rechte und Ansprüche eingefordert werden. Die Anwaltskosten übernimmt die gegnerische Versicherung. Wie Sie einen Anwalt finden, lesen Sie in unserem Ratgeber. Eine Rechtsschutzversicherung kann sich durchaus lohnen. Dabei gibt es auch Versicherer, bei denen Sie nur einen Verkehrsrechtsschutzversicherung abschließen können.

Mehr dazu im Ratgeber Rechtsschutzversicherung

Julia Rieder
von Finanztip,
Expertin für Versicherungen

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Voraussetzung für Entschädigung

Als Geschädigter müssen Sie darlegen, dass Sie Ihr Fahrzeug während der Reparatur auch tatsächlich benutzt hätten, etwa weil Sie jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeitsstelle fahren.

Ferner müssen Sie auch in der Lage gewesen sein, Ihr Auto zu benutzen. Falls Sie wegen des Unfalls krankgeschrieben sind oder gar im Krankenhaus liegen, wird das schwierig. Es genügt in diesen Fällen aber auch, wenn Sie zum Beispiel Familienangehörigen zugesagt hatten, das Auto auch benutzen zu können (KG Berlin, Urteil vom 29. September 2005, Az. 12 U 235/04).

Dauer der Zahlung

Die Entschädigung wegen Nutzungsausfall wird für die Dauer der Reparatur des Autos oder bei Totalschaden für die Zeit der Ersatzbeschaffung gezahlt. Meist bestimmt das ein Gutachter. Gewöhnlich geht er dabei von einer Dauer von 14 Tagen aus, danach gibt es nur in Ausnahmefällen noch Geld von der Versicherung. Aber: Auch für die Dauer der Schadensfeststellung und während Sie überlegen, ob und wo Sie den Wagen reparieren lassen, bekommen Sie die Entschädigung (BGH, Urteil vom 5. Februar 2013, Az. VI ZR 263/11).

Lassen Sie sich von der Werkstatt oder dem Verkäufer unbedingt bestätigen, wie lange die Reparatur oder die Ersatzbeschaffung dauern wird oder gedauert hat.

Höhe der Entschädigung

Was Sie von der gegnerischen Versicherung für den Nutzungsausfall gezahlt bekommen, richtet sich nach der Fahrzeugkategorie, Leistung und Ausstattung Ihres Unfallwagens. Bei der Berechnung der Entschädigung richten sich die Versicherungen und die Gerichte meist nach der Schwacke-Liste für Nutzungsausfallentschädigungen.

Gruppen     Entschädigung pro Tag
Gruppe A     23 €
Gruppe B     29 €
Gruppe C     35 €
Gruppe D     38 €
Gruppe E     43 €
Gruppe F     50 €
Gruppe G     59 €
Gruppe H     65 €
Gruppe J     79 €
Gruppe K     119 €
Gruppe L     175 €

Die Liste, die auch nach den Autoren „Sander-Danner/Küppersbusch“ benannt wird, wird jährlich aktualisiert und ist kostenpflichtig. In dem Tabellenwerk sind sämtliche gängigen Fahrzeugtypen aufgelistet und in Gruppen mit unterschiedlichen Tagessätzen eingeteilt.

Herabstufung bei älteren Autos – Fahrzeuge, die älter als 5 Jahre sind, werden der Einfachheit halber in die nächst niedrigere Ausfallgruppe eingestuft. Bei einem Fahrzeugalter ab 10 Jahren erfolgt eine Abstufung um zwei Klassen. Ganz einheitlich wird das allerdings nicht gehandhabt. Im Einzelfall gewähren die Richter auch bei älteren Fahrzeugen die volle Entschädigung (OLG Düsseldorf, Beschluss vom 2. Juli 2008, Az. I-1 W 24/08).

Dann darf die Versicherung die Entschädigung kürzen

In einigen Fällen darf die Versicherung die Entschädigung reduzieren. Aber nicht jede Kürzung sollten Sie sich gefallen lassen.

Zweitwageneinwand - Versicherer versuchen sich die Entschädigung zu sparen, wenn in der Familie des Geschädigten ein Zweitwagen vorhanden ist. Die Rechtsprechung gewährt auch in diesen Fällen eine Nutzungsausfallentschädigung, falls das zweite Fahrzeug von einem Angehörigen ständig genutzt wird und es dem Geschädigten nicht zur Verfügung steht (AG Geldern, Urteil vom 22. Juli 2013, Az. 3 C 27/13). Aber: Ist das Unfallfahrzeug etwa ein Kombi und der Zweitwagen ein kleiner Smart, ist dem Geschädigten die Nutzung des anderen Fahrzeugs nicht zumutbar.

Niedrigere Mietwagenkosten führen nicht zur Kürzung – Dauert die Reparatur länger, ist für die Versicherung ein Mietwagen oft günstiger als die Entschädigung. Je länger Sie mieten, desto günstiger ist nämlich der Tagessatz. Sie sind aber nicht dazu verpflichtet, immer die für die Versicherung günstigere Variante zu wählen. Selbst wenn die Versicherung einen Mietwagen zu einem niedrigeren Preis angeboten hat, darf sie die Nutzungsentschädigung nicht einfach auf den Mietwagenpreis kürzen (OLG Koblenz, Urteil vom 13. Februar 2012, Az. 12 U 1265/10).

Keine Entschädigung bei gewerblich genutztem Fahrzeug - Für gewerblich genutzte Fahrzeuge ist die Entschädigung grundsätzlich ausgeschlossen (BGH, Beschluss vom 21, Januar 2014, Az. VI ZR 366/13). Sie bekommen dann Ihren Verdienstausfall ersetzt, in dessen Berechnung die Kosten für einen Mietwagen einfließen. Ausnahme: Sie haben das Fahrzeug sowohl privat als auch gewerblich genutzt. Hier können Sie die private Nutzung anteilig geltend machen.

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Das müssen Sie bei den Mietwagenkosten beachten

Auch wenn Sie sich nach dem Unfall für einen Mietwagen entscheiden, müssen Sie ein paar Dinge beachten, damit Sie nicht bei Vorlage der Rechnung an die gegnerische Versicherung Schwierigkeiten bekommen.

Tarifvergleich - Sie haben die Pflicht, den Schaden so gering wie möglich zu halten. So verlangt die Rechtsprechung, dass der durch einen Verkehrsunfall Geschädigte zum Beispiel die Mietwagentarife vergleichen muss und nicht den teuersten Tarif wählen darf. Den Tarifvergleich müssen Sie dem Gericht auch nachweisen. Haben Sie ein Fahrzeug ohne Vergleich angemietet, kann es passieren, dass die Versicherung Ihnen nicht die gesamten Kosten ersetzt, sondern nur die erforderlichen. Der Bundesgerichtshof lässt eine Schätzung sowohl anhand der Schwacke-Liste Mietwagenpreise als auch mit dem Fraunhofer-Mietpreisspiegel zu (BGH, Urteil vom 12. April 2011, Az. VI ZR 300/09). Die erstattungsfähigen Beträge nach der Schwacke-Liste sind im Regelfall deutlich höher als die der Fraunhofer-Tabelle.

Die Fraunhofer-Liste beruht im Wesentlichen auf einer anonymen Internetabfrage, die Schwacke-Liste auf einer nicht anonymisierten, örtlich genaueren Anbieterabfrage. Das Oberlandesgericht Hamm hat keine der Listen isoliert angewendet, sondern einen Mittelwert gebildet. In dem Sachverhalt, den das Gericht zu klären hatte, ergab die Fraunhofer-Liste einen Mietpreis von rund 490 Euro, die Schwacke-Liste hingegen auf einen Preis von 1.140 Euro. Das Gericht hielt einen Mittelwert von rund 816 Euro für angemessen (OLG Hamm, Urteil vom 18. April 2016, Az. 9 U 142/15).

Tipp: Zahlt die gegnerische Versicherung nur einen Teil der Mietwagenkosten, müssen Sie nicht draufzahlen, wenn Sie von der Autovermietung nicht darüber aufgeklärt wurden, dass der höhere Mietpreis von der Versicherung eventuell nicht in voller Höhe erstattet wird. Der Vermieter bleibt dann auf den Kosten sitzen (BGH, Urteil vom 10. Januar 2007, Az. XII ZR 72/04).

Keine Herabstufung in der Mietwagenklasse – Auch wenn Ihr Auto schon einige Jahre alt war, können Sie ein Fahrzeug der gleichen Mietwagenklasse wählen. Eine Herabstufung des Wagentyps wie bei der Nutzungsausfallentschädigung findet nicht statt, denn Autovermietungen bieten keine älteren Fahrzeuge an.

Nur geringer Fahrbedarf - Bei geringem Bedarf zur Nutzung eines Autos besteht in der Regel kein Anspruch auf Ersatz von Mietwagenkosten. Die Grenze wird bei 20 km pro Tag angesetzt. Dann kann sich der Geschädigte mit Taxis oder öffentlichen Verkehrsmitteln behelfen. Er kann dann nur den dafür erforderlichen Betrag verlangen. Einziger Ausweg: Der Geschädigte weist nach, dass er auf die ständige Verfügbarkeit eines Autos angewiesen ist (BGH, Urteil vom 5. Februar 2013, Az. VI ZR 290/11). Ein Rentner, der auf dem Land lebt und für notwendige Arztbesuche ein Auto braucht, kann zum Beispiel trotz geringem Fahrbedarf ein Auto anmieten, urteilte das Amtsgericht Bremen (Urteil vom 13. Dezember 2012, Az. 9 C 330/11).

Ersparte Abnutzung des eigenen Wagens – Auch wenn es auf den ersten Blick schwer einzusehen ist, kann es sein, dass die gegnerische Versicherung einen Teil der Mietwagenkosten abzieht, weil Sie wegen des Mietwagens Ihren Wagen gewissermaßen geschont haben. Es kommt hier immer auf den Einzelfall an. Obwohl Ihr Auto mittlerweile ein Unfallwagen ist, haben die Gerichte Abzüge zwischen 3 und 20 Prozent der Mietwagenkosten zugestanden. (OLG Köln, Urteil vom 8. Januar 1993, Az. 19 U 99/92: 20 %; OLG Nürnberg, Urteil vom 10. Mai 2000, Az.  9 U 672/00: 3%).

Mehr dazu im Ratgeber Mietwagen

Finanztip-Redaktion

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Finanztip-Chefredakteur
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Artikel verfasst von

Dr. Britta Beate Schön

Finanztip-Expertin für Recht

Britta Beate Schön ist bei Finanztip für sämtliche Rechtsthemen zuständig. Die promovierte Juristin und Rechtsanwältin war als Leiterin der Rechtsabteilung bei Finanzdienstleistern wie der Telis Finanz AG und der Interhyp tätig. Vorher lehrte und forschte sie in Japan als DAAD-Junior-Professorin für deutsches und Europarecht. Ihr Studium absolvierte sie in Münster, Genf, Regensburg und Leipzig. Die Autorin erreichen Sie unter britta.schoen@finanztip.de.