„Wir wollen, dass Verbraucher mehr Macht bekommen“

  • Zuletzt aktualisiert: 29. September 2015

Glückwunsch, Herr Tenhagen. Ihr Online-Verbrauchermagazin Finanztip arbeitet jetzt seit einem Jahr in Berlin. Was waren Ihre wichtigsten Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate?

Tenhagen: Es sind vor allem zwei Punkte, die ich nennen möchte. Zum einen hat es mich sehr überrascht, wie viele Daten wir im Netz über die Dimension der Verbraucherprobleme mit Anbietern auf dem Finanzmarkt, aber auch mit Energie- und Telefonkonzernen finden können: Hunderttausende suchen jeden Monat nach billigem Heizöl, einem bezahlbaren Handyvertrag, dem besten Tagesgeld, einer passenden Baufinanzierung oder einem günstigen Ratenkredit. Wir haben die wichtigsten Fragen mit unserem Team nur noch zusammenstellen brauchen und uns dann an die Antworten für die Millionen Verbraucher gemacht. Das war für mich ein großer Lerneffekt.

Und die zweite Überraschung?

Tenhagen: Es ist erstaunlich, welche mediale Wirkung wir mit einer Webseite wie Finanztip erzielen. Beim Thema Kreditbearbeitungsgebühr etwa haben drei Millionen Nutzer unseren Musterbrief heruntergeladen. Damit konnten sich die Kunden bei ihrer Bank jeweils einige Hundert Euro Bearbeitungsgebühr zurückholen, die nach einem Urteil des BGH unzulässig in Rechnung gestellt worden waren.  Die Wucht, die unser Online-Ratgeber ausgelöst hat, finde ich schon sehr bemerkenswert.

Frage: Wer Ihre Tipps beachtet, kann Geld sparen?

Tenhagen: Stimmt. Wir haben einmal ausgerechnet, was ein normaler Haushalt spart, wenn er sich etwa mit Handy- oder Stromrechnungen, dem Girokonto und der Altersvorsorge beschäftigt und unsere Tipps umsetzt. Für einen solchen Haushalt sind im Jahr rund 2.500 Euro drin. Bei 20 Millionen Haushalten ergibt das den enormen Betrag von 50 Milliarden Euro – ein gutes Konjunkturprogramm.

Warum kommen Nutzer auf finanztip.de? Was mögen Verbraucher an Ihrer Seite?

Tenhagen: Die nutzwertigen Inhalte, die klare Darstellung und das Umfeld ohne störende Werbung. Wir beschreiben, wie Verbraucher Probleme lösen können und zeigen den Weg zum Ziel. Also: Wie komme ich zu einem günstigeren Girokonto? Wo finde ich die besten Konditionen für mein Tagesgeld, eine passende Baufinanzierung oder den richtigen Tarif für mein Handy? Unsere Redakteure sind neugierig auf die Fragen der Menschen. Wir erläutern diesen Weg mit einfachen Worten, sodass jeder die Lösung verstehen und umsetzen kann.

Wie halten Sie Kontakt zu den Nutzern?

Tenhagen: Unsere Community hat bereits 3.000 registrierte Nutzer, die regelmäßig mit uns diskutieren. Zum Teil sind es Fachleute, die uns wertvolle Hinweise geben. Unseren Newsletter, den wir vor einem Jahr mit 12.000 Abos starteten, lesen jetzt mehr als 100.000 Abonnenten. Sie erhalten Woche für Woche neue Spartipps und schreiben uns häufig, wie sie die Empfehlungen umgesetzt haben. Da ich zuweilen in den Medien bin und mein Gesicht offenbar bekannt ist, werde ich im Alltag darauf angesprochen. Dann erzählt mir jemand freudestrahlend am Flughafen, dass er kürzlich einige Hundert Euro wegen eines verspäteten Flugs zurückerhalten habe – dank unserer Ratgeber. So muss es sein.

Finanztip ist also das Organ der Verbraucher?

Tenhagen: Genau. Wir wollen, dass die Verbraucher die Macht bekommen. Alles, was wir machen, richtet sich nicht an die Firmen, sondern an die Konsumenten. Wir möchten ihnen mit guten Informationen helfen.

Wie glaubwürdig ist Finanztip in den Augen der Leser?

Tenhagen: Wir erhalten in Sachen Glaubwürdigkeit und Seriosität sehr positive Rückmeldungen. Viele Nutzer finden es gut, dass wir eine gemeinnützige Firma sind, keine Anzeigen schalten und mögliche Gewinne ausschließlich in die Finanzbildung investieren. Auseinandersetzungen haben wir eher mit Anbietern der Produkte. Wer beim Vergleich schlecht abschneidet, sagt dann, dass unsere Ratschläge käuflich wären.

Hat man Ihnen schon einmal Geld für eine positive Darstellung angeboten?

Tenhagen: Nein, aber Firmen drängen darauf, in die Liste der positiven Empfehlungen zu kommen. Sie rufen an und bitten, in der Liste der Tipps erwähnt zu werden. So funktioniert das bei Finanztip aber nicht. Auf die Liste unserer Empfehlungen kommen nur Angebote, die wir sorgfältig geprüft haben und von denen wir überzeugt sind.

Warum verzichten Sie auf Werbung?

Tenhagen: Wenn Nutzer auf unsere Seite kommen, dann sollen sie nicht durch Werbebanner genervt werden, sondern die pure Information finden. Zudem wollen wir uns nicht von Werbeschaltenden finanziell abhängig machen.

Sie finanzieren sich über sogenannte Affiliate Links. Wie funktioniert das?

Tenhagen: Die Redaktion recherchiert gründlich und macht dann etwa eine Liste der nach unserer Meinung guten und günstigen Anbieter einer Berufsunfähigkeits­versicherung. Die veröffentlichen wir dann. Eine andere Abteilung des Hauses schaut erst danach, ob die Anbieter ein Affiliate-Programm haben und setzt gegebenenfalls entsprechende Links. In diesem Fall würden wir Geld für die Verlinkung bekommen. Häufig aber haben Anbieter diese Affiliate-Programme nicht. Dann ist es eben so. Wie setzen diese Links nur, wenn wir von dem Produkt wirklich überzeugt sind. Unsere Nutzer finden dieses Modell völlig in Ordnung. Zudem sind die links mit einem Hinweis auf das Geschäftsmodell entsprechend gekennzeichnet.

Wie wichtig ist die Gemeinnützigkeit für den Erfolg?

Tenhagen: Es ist für die Motivation nach innen und die Darstellung nach außen enorm wichtig. Gute neue Leute lassen sich besser gewinnen, wenn sie wissen, dass sie sich für den guten Zweck ins Zeug legen. Nach außen signalisieren wir damit, dass es uns ausschließlich um gute Informationen geht. Wir sind eben nicht das fünfunddreißigste Startup, das versucht im Finanzbereich Geld zu verdienen.

War es für Sie richtig von der Stiftung Warentest zu Finanztip zu wechseln?

Tenhagen: Ja, für mich war dieser Schritt in jedem Fall gut. Die Verbraucher haben es verdient, dass wir uns vor allem im Internet noch mehr mit ihnen beschäftigen. Sie suchen im Netz nach relevanten Informationen. Wenn Informationen hinter einer Pay Wall verschwinden, finden Google und damit auch die Verbraucher sie nicht. Wir wollen mit Finanztip einmal 10 Millionen Haushalte erreichen und dafür sorgen, dass sie guten Rat erhalten. Durch die Transparenz werden Produkte sowie Dienstleistungen besser und günstiger für die Verbraucher.


Das Interview führte Andreas Nölting.

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