Geldanlage: Finanzbewusstsein und Urteilsvermögen

Finanzbewusstsein und Urteilsvermögen

Finanzfragen sind "dröge" und daher für die breite Bevölkerung nicht interessant. Viele Verbraucher verstehen unter finanzbewusstem Handeln, dass Kleidung und Konsumartikel möglichst preisgünstig in Sonderaktionen (z.B. Schlussverkauf oder Verkaufsverkauf) erworben werden. Kurz: Finanzbewusstsein als Konsumverzicht. Beim Konsum sparen ist zweifelsohne vorteilhaft für den eigenen Geldbeutel. Es muss auch nicht immer zu Lasten der Lebensqualität gehen. Clevere Mitbürger wissen jedoch, dass es auch ein Finanzbewusstsein ohne Konsumverzicht gibt.

1. Kreatives Finanzbewusstsein trainieren
Gemeint ist damit die Optimierung von Finanzgeschäften zugunsten des eigenen Geldbeutels ohne Ausgabenverzicht. Höhere Erträge bzw. geringere Finanzkosten sind durch Prüfung, Vergleich und Gestaltung erzielbar. Der Begriff "kreatives Finanzbewusstsein" soll diese Fähigkeit verdeutlichen. Wichtig ist nur die Bereitschaft, sich kontinuierlich mit der Materie zu beschäftigen.

Mit der Zeit wird die Fähigkeit gestärkt, in Finanzfragen abstrakt zu denken sowie Zusammenhänge und Abhängigkeiten besser zu verstehen. Das Wissen um Finanzgeschäfte baut sich mehr oder minder automatisch auf. Die Sicherheit in eigenen Finanzgeschäften richtige Entscheidungen zu treffen, nimmt zu. Das Urteilsvermögen wird gestärkt.

Lesen Sie Artikel, die sich mit Finanzgeschäften befassen. Versuchen Sie, anschließend den Inhalt zu würdigen. Damit ist gemeint: den Inhalt gedanklich zu reflektieren, die Aussagen zu überdenken, Ursache und Wirkung von Maßnahmen richtig zu sortieren. Häufig hilft ein weißes Blatt Papier, um Zusammenhänge zu skizzieren oder für sich selbst eine Liste mit Pro- und Contra-Argumenten zu Aussagen und Maßnahmen zu erstellen. Dies ist keine Geheimwissenschaft, sondern erfordert lediglich die Bereitschaft sich mit einer Materie intensiv zu beschäftigen. Nach dem gleichen Strickmuster lässt sich zum Beispiel auch das Verständnis für Wirtschaftspolitik trainieren.

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2. Beispiel für kritisches Finanzbewusstsein
Mit dem folgenden Beispiel wird versucht, möglichst kritisches und kreatives Finanzbewusstsein zu wecken, damit zukünftig der eigene Geldbeutel bei Finanzgeschäften heil bleibt.
Was sagt Ihnen die Aussage im Wirtschaftsteil einer Zeitung, dass Aktienfonds am renditeträchtigsten in den letzten 20 Jahren waren?

Zunächst: Was ist die Basis dieser Aussage und woher stammt sie? Heißt dies: Aktienfonds werden auch weiterhin renditeträchtig sein und sind deshalb zu empfehlen oder sollte man sie meiden, weil sie ihre Rendite bereits vornehmlich in der Vergangenheit erzielt haben und nun für die Zukunft keine großen Renditenchancen mehr bestehen? Schließlich soll man doch Aktien kaufen, wenn sie billig sind und nicht zu Höchstpreisen.

Handelt es sich um eine Vorsteuer- oder um eine Nachsteuerbetrachtung? Wie sind steuerfreie Spekulationserträge mit steuerpflichtigen Zinserträgen aus einer Aktienanlage in den Vergleich eingeflossen? Anscheinend überhaupt nicht. Was ist mit Anlegern, die Ihr Geld in Baissezeiten benötigten? Wieviel Geld hatten diese Anleger verloren, wenn sie in einem Kurstal Aktien verkauften?

Welche Aktienfonds sind überhaupt gemeint? Deutsche, Japaner, Neben- oder Standardwerte? Was bedeutet in der Praxis langfristige Anlage schützt vor Kursschwankungen? Unter Kursschwankungen leidet immer derjenige, der in Baissezeiten verkaufen will oder verkaufen muss.

Wieso wird bei Aktienempfehlungen häufig auf das Lebensalter des Anlegers abgestellt? Ist nicht die persönliche Anlage- und Steuersituation wichtiger?. Soll der Vorsorgegedanke - für sich selbst oder für Hinterbliebene - auch berücksichtigt werden? Was ist mit den Nebenkosten der Fonds? Sind sie in die Berechnung eingeflossen?

Stimmen die Renditen? Viele Untersuchungen zeigen, dass Begriffe wie "Wertzuwachs" und "Rendite" vom Anleger mit der Effektivverzinsung gleichgesetzt werden. Sind bei derartigen Aussagen auch die Kosten (Ausgabeaufschlag, Gebühren usw.) und die Steuerlast berücksichtigt worden. Der wahre Effektivzinssatz ist fast nie Bestandteil eines derartigen Vergleiches.

Sie sehen: Eine eigene kritische (Plausibilitäts-)Prüfung einer einfachen Aussage zu einem Finanzgeschäften kann viele Fragen aufwerfen. Das kritische Durchdenken hilft bei der Beurteilung von Finanzfragen und schärft gleichzeitig Ihr Urteilsvermögen.

3. Prüfen Sie Finanzgeschäfte
Geld ist auch eine Ware. Prüfen Sie daher alle Finanzangebote nach dem gleichen Verhaltensmuster, wie die meisten Bürger ein Auto oder im Supermarkt Eier kaufen. Beim Kauf von Eiern oder eines Autos werden zumeist 2 Punkte geprüft:
1. Ist die Ware beschädigt?
2. Ist die Ware überteuert?
Genau diese Verhaltensregel ist im Prinzip auch auf Geldgeschäfte übertragbar.

zu 1.:   Ist ein Finanzangebot beschädigt?
Ein Finanzangebot hat einen "Schaden", wenn die Grundregeln der Geldanlage nicht vollständig positiv zutreffen. Andere Beschädigungen können sein: unsichere Verzinsung, mangelnde Seriösität des Anbieters, Gefahr des Substanzverlustes, Gefahr der steuerlichen Nichtanerkennung usw.

Tipp: Machen Sie eine Liste mit zwei Spalten. Die 1. Spalte enthält den Text und die 2. Spalte Ihre Bewertung (z.B. gut, mittel, schlecht). Nehmen Sie eine Bewertung der Geldanlage vor. Ihr Vorteil ist erheblich: Sie treffen nicht nur eine sorgfältige Finanzentscheidung, sondern trainieren auf diese Weise finanzanalytische Fähigkeiten und schärfen Ihr Bewusstsein in Finanzfragen. Die wichtigsten Beurteilungskriterien sind Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit (=Liquidität). Versuchen Sie diese Kriterien zu unterteilen. Beispiel: Sicherheit in Währungsrisiko, Ausfallrisiko, Inflationsrisiko, Steuerrisiko usw. Diskutieren Sie bei Bedarf Ihre Überlegungen im Freundes- und Bekanntenkreis oder am Arbeitsplatz. Nach reiflicher Diskussion sind Sie in der Lage, eine sorgfältig vorbereitete Finanzentscheidung zu treffen.

zu 2.:   Ist ein Finanzangebot überteuert?
Der Preisvergleich von Finanzangeboten ist häufig schwierig, manchmal sogar unmöglich. Qualitative Aspekte lassen sich nur gewichten. Beispiel: Der Online-Versicherungsvergleich ermittelt die preisgünstigste Autoversicherung. Welche Versicherung jedoch im Schadensfall besonders kulant ist, bleibt offen. Bei einer Geldanlage oder einer Kreditaufnahme sind Rendite bzw. Kosten nur voll vergleichbar bei identischen Produkten (gleiche Zahlungstermine und Fristigkeiten). Eine Baufinanzierung ist hingegen zum Beispiel schon so komplex und individuell bedingt, dass ein Computervergleich zum Hypothekenzins zwar nützlich, aber nicht allein ausschlaggebend sein sollte.

Bei der Prüfung von Finanzgeschäften bietet sich das Nachschlagen in Print- und Online-Medien zu dem jeweiligen Themenkomplex besonders an. Es gibt ein riesiges Angebot an Finanzliteratur sowie nutzwertige Artikel in Print- und Online-Medien. Das Verständnis der Bürger für Finanzfragen scheint sich trotzdem nur langsam zu verbessern. Praktisches Finanzwissen wird weder in der Schule noch auf der Universität richtig vermittelt. Auch wenn Sie sich für Finanzfragen nicht interessieren, wäre ein besseres Verständnis für Geldgeschäfte nicht schlecht, oder?

4. Am Anfang der Finanzplanung steht die Inventur
Nur wenn Sie wissen, wo Sie finanziell stehen, sind Sie in der Lage, die Weichen für Ihre finanzielle Streckenführung zu stellen. Am Anfang steht die Bestandsaufnahme der Vermögens- und Schuldposten. Wie in einer Bilanz stellen Sie Vermögen und Schulden gegenüber. Die Bilanz ist eine zeitpunktbezogene Bestandsaufnahme, d.h. Vermögen und Schulden zum TT.MM.JJ. Die private Vermögensbilanz sollte einmal im Jahr erstellt werden.

Im Gegensatz zur zeitpunktbezogenen Bilanz ist die private Finanzplanung eine zeitraumbezogene Rechnung. Sie führen vielleicht ein Kassenbuch im Verein oder für den Haushalt. Nichts anderes ist die private Finanzplanung. Zu den aktuellen laufenden wesentlichen Einnahmen und Ausgaben wird dabei noch die Zukunft mit einbezogen; praktisch Ihr persönliches Budget. Es ist für einen Zeitraum (Monat, Quartal, Jahr) der Einnahmenüberschuß bzw. die kreditzufinanzierende Liquidität zu ermitteln. Anhand der Einnahme- und Ausgabeposten lässt sich prüfen, wo Optimierungsbedarf besteht.

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