Kaum ist es der Securities and Exchange Commission (SEC) gelungen, durch rigide Gesetzgebung, insbesondere den Sarbanes Oxley Act, nach dem Zusammenbruch von Enron oder Worldcom aufgrund korrupter Buchhaltung und mangelnder Überwachung, das Vertrauen in US-amerikanische Unternehmen wieder zu stärken, scheint die SEC vor ihrer nächsten größeren Herausforderung zu stehen.
Die bislang als vergleichsweise „sauber" geltende amerikanische Fondsindustrie ist in den letzten Monaten in das Fadenkreuz der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten. Zahlreichen renommierten Fondsgesellschaften werden missbräuchliche oder sogar gesetzeswidrige Handelspraktiken vorgeworfen. Mittlerweile laufen die ersten Klagen gegen Investmentgesellschaften und deren Manager.
Die Kritik richtet sich im Wesentlichen gegen zwei Handelspraktiken, das sog. „Market Timing" und das „Late Trading". Market Timing ist zwar grundsätzlich nicht illegal, ist jedoch mit den Statuten der meisten Investmentfonds nicht vereinbar. Bei dem Market-Timing nutzen die Fondsmanager den Informationsvorsprung der durch die Zeitverschiebung zwischen den asia-pazifischen, europäischen und amerikanischen Märkten entsteht. Davon waren insbesondere US-Fonds betroffen, die einen hohen Anteil an europäischen und asiatischen Aktien enthalten. Das heißt, wenn sich nach Börsenschluss in Europa abzeichnet und die Fondsmanager erkennen, dass europäische Aktien in den Portfolios der Fonds am nächsten Tag höher bewertet werden, kaufen sie international anlegende Fonds mit einem hohen Anteil europäischer Aktien, deren Preis erst nach Börsenschluss in den USA festgestellt wird, um von den erhöhten Bewertungen des kommenden Tages zu profitieren.
Anders verhält es sich bei dem Late Trading. Bislang wurden damit zwar Geschäfte bezeichnet, die an der Börse während einer offiziellen späten Handelsphase getätigt werden konnten, nunmehr erschließt sich jedoch eine andere illegale Dimension des Late Trading. So rechnen eine Vielzahl von US-Investmentfonds nach jedem Handelstag um 19:00 Uhr New Yorker Zeit den Preis ihrer Fondsanteile aus. Nur Kauf- und Verkaufsaufträge für Fondsanteile, die bis 16:00 Uhr eingegangen sind, dürfen für diese Berechnung zugrundegelegt werden. Nicht selten werden allerdings kursrelevante Nachrichten, wie Unternehmenszahlen, ad hoc-Mitteilungen usw. erst nach 16:00 Uhr bekannt gegeben, mit der Folge, dass Fonds mit großen Stückzahlen von Aktien dieser Unternehmen am kommenden Tag an Wert gewinnen.
In den untersuchten Fällen hatten die beschuldigten Fondsgesellschaften einzelnen Investoren, häufig Hedge Fonds, gestattet, sich nach 16:00 Uhr, gewissermaßen rückwirkend einzudecken. Untersuchungen haben ergeben, dass diese Handelspraxis Kursdifferenzen von bis zu 2% verursacht hat.
Die Dimension des Skandals
In den USA vertrauen etwa 90 Millionen Privatanleger ihre Altersvorsorge und Ersparnisse professionellen Investmentgesellschaften, die insgesamt geschätzte 7 Milliarden Dollar verwalten, an. Nun ist dieses, bislang als sicher und zuverlässig geltende, Anlagesegment in Verruf geraten. Die Behörden versuchen zwar zu beschwichtigen und darauf hinzuweisen, dass lediglich einmal mehr gewisse Führungskräfte, von der Geldgier geleitet, Grenzen übertreten hätten, das Ausmaß des Schadens sich aber für den einzelnen Privatanleger, im Gegensatz zu den Skandalen um Enron und Worldcom, in kaum spürbaren Grenzbereichen bewege. Andererseits ist längst noch nicht bekannt, wie viele Investmentgesellschaften sich mit welcher Regelmäßigkeit der unlauteren Handelspraktiken bedienen. Jetzt schon wird gegen acht US-amerikanische Fondsgesellschaften (darunter so renommierte Namen wie Janus und Alger) ermittelt. Alarmiert durch die anhaltenden Diskussionen in den USA überbieten sich bereits britische und deutsche Fondsgesellschaften neue Order und Annahmezeiten für ihre internationalen Fonds festzulegen.
Dies kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass Late Trading und Market Timing in Europa und auch in Deutschland ebenso möglich ist wie auf den anderen Finanzmärkten der Welt. Inzwischen haben die britische Finanzaufsicht FSA und die deutsche BaFin flächendeckende Abfragen bei Fondsgesellschaften zu den Kontrollen und Vorkehrungen ihrer Handelssysteme gestartet. Längst sind auch in Brüssel Zweifel aufgekommen, ob die Selbstregulierung der Märkte ausreicht, um solche Missbrauchstatbestände zu bekämpfen.
Seit die Ermittlungen des New Yorker Generalstaatsanwalts Eliot Spitzer vor etwa drei Monaten öffentlich wurden, sind mehrere Dutzend Broker und Manager suspendiert oder entlassen worden. Gegen Einzelne haben die US Behörden bereits Betrugsklagen erhoben. Das Unternehmen Security Trust wurde sogar aufgefordert, sich bis zum 31. März 2004 aufzulösen. Im Zuge der Ermittlungen hatte sich herausgestellt, dass die Unternehmensleitung Geschäftsunterlagen gefälscht und Vermögenswerte im Wert von über einer Million Dollar veruntreut hatte. Die umfangreichen Recherchen der Staatsanwaltschaft fördern längst nicht mehr nur illegale Handelspraktiken zutage, sondern weiten sich schon zu einem flächendeckenden Kampf gegen die Korruption der Branche aus.
Zusätzliche präventive Maßnahmen sind kürzlich von der SEC in einem neueren Action Plan vorgeschlagen worden. Derzeit beschäftigt sich der US-Kongress im Rahmen von zahlreichen Anhörungen mit den Gesetzesinitiativen der SEC. Zur Debatte stehen vor allem:
Ausblick
Noch ist in den USA nicht absehbar, in welchem Umfang sich die Fondsgesellschaften der illegalen Handelspraktiken bedient haben. Es zeichnet sich jedoch ab, dass die Ermittlungen immer neue Fälle des illegalen Handelns aufdecken und die meisten renommierten Fondsgesellschaften betroffen sind. Es steht zu befürchten, dass auch auf den europäischen Märkten in ähnlich illegaler weise gehandelt worden ist und dies nun mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung durch gerade erst eingeleiteten Nachforschungen der zuständigen Behörden zu tage gefördert wird. Der Imageschaden für die gesamte Industrie ist bereits jetzt erheblich, gerade weil die vergangenen Skandale um Enron oder Worldcom bei den meisten Privatanleger noch allzu präsent sind. Die zuständigen Behörden stehen erneut vor einem erheblichen Kraftakt, das Vertrauen der Investoren in ihren Finanzstandort wieder herzustellen.
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