Gliedertaxe und Invaliditätsgrad

Woran sich die Leistung der Unfallversicherung bemisst

Das Wichtigste in Kürze

  • Die „Gliedertaxe“ ist eines der wichtigsten Merkmale der privaten Unfallversicherung.
  • Sie bestimmt, welchen Grad der Beeinträchtigung (Invaliditätsgrad) die Versicherung annimmt, falls nach einem Unfall Schäden an bestimmten Körperteilen bleiben.
  • Die Gliedertaxe ist zusammen mit der Versicherungssumme und Progression entscheidend dafür, wie viel Geld der Versicherte bekommt.
  • Je nach Tarif kann sich die Gliedertaxe deutlich unterscheiden.

So gehen Sie vor

  • Wägen Sie den Abschluss einer Unfallversicherung genau ab, denn sie zahlt nur bei dauerhaften Beeinträchtigungen nach einem Unfall. Sinnvoller ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung, denn sie schützt auch bei Krankheit.
  • Falls Sie sich für eine Unfallversicherung entscheiden, vergleichen Sie die Gliedertaxe verschiedener Angebote. Die Unterschiede zwischen guten und schlechten Tarifen können im Ernstfall zehntausende Euro ausmachen.
  • Eine gute Orientierung, welche Gliedertaxen üblich sind, bietet diese Tabelle.

Eine private Unfallversicherung springt ein, falls nach einem Unfall ein dauerhafter körperlicher Schaden bleibt. Mit entscheidend dafür, wie viel Geld es von der Versicherung gibt, ist der sogenannte Invaliditätsgrad. Er gibt an, wie schwer die Behinderung ist.

Den Invaliditätsgrad berechnet die Versicherung mit Hilfe der sogenannten Gliedertaxe. Das ist eine Tabelle, in der jeder Anbieter festlegt, welchen Grad der Beeinträchtigung er annimmt, falls ein Kunde einen bestimmten Körperteil verliert oder gar nicht mehr benutzen kann. Rutscht einem Heimwerker bei Holzarbeiten am Schuppen die Säge ab und der Daumen muss amputiert werden, bekommt er so in der Regel weniger Geld als eine Motorradfahrerin, die durch einen Unfall ein Bein verliert.

Wie die Gliedertaxe funktioniert

Nach einem Unfall wird die Versicherungssumme in Abhängigkeit von der Schwere der gesundheitlichen Beeinträchtigung ausgezahlt. Ist die Invalidität gering, gibt es auch nur einen Teil der Versicherungssumme. Um diese zu beziffern, ordnet die Versicherung mit der Gliedertaxe verschiedenen Körperteilen einen Prozentwert zu. So kann einem Auge beispielsweise ein Invaliditätsgrad von 50 Prozent zugeordnet sein, einem kompletten Arm 70 Prozent und einem großen Zeh 5 Prozent. Aus diesem Prozentwert, dem Invaliditätsgrad, errechnet sich in Zusammenspiel mit der vereinbarten Versicherungssumme und der Progression, wie viel Geld die Versicherung nach einem Unfall zahlt.

Ein Beispiel: Ein Kunde hat eine Versicherungssumme von 100.000 Euro vereinbart. Die Gliedertaxe seines Tarifs legt für den Fuß einen Wert von 40 Prozent fest. Muss ihm nach einem Unfall tatsächlich ein Fuß amputiert werden, erhält er 40.000 Euro von der Versicherung. Falls er eine Progression vereinbart hat, kann die Summe auch größer ausfallen, denn die Progression sorgt dafür, dass die Versicherung bei schweren Behinderungen mehr zahlt.

Wenn ein Körperteil nicht völlig kaputt ist

Die Werte der Gliedertaxe gelten allerdings nur für den Fall, dass der Betroffene den entsprechenden Körperteil überhaupt nicht mehr benutzen kann. Ist die Funktion nur eingeschränkt, wird die Zahlung anteilig berechnet. Das bedeutet, ist nach einem Unfall auf einem Auge nur noch die Hälfte der Sehkraft vorhanden, halbiert die Versicherung den Prozentwert, der in der Gliedertaxe für das Auge angegeben ist. Wie stark ein Körperteil in seiner Funktion beeinträchtigt ist, ermittelt ein Arzt. Sind mehrere Körperteile durch den Unfall betroffen, werden die einzelnen Invaliditätsgrade addiert. Im Ergebnis kann der Invaliditätsgrad 100 Prozent aber nicht übersteigen.

Wenn ein Körperteil bei der Gliedertaxe fehlt

Nicht jeder Körperteil ist in der Tabelle für die Gliedertaxe aufgelistet. Doch auch Verletzungen an Kopf, Wirbelsäule oder inneren Organen können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb wird in solchen Fällen der Invaliditätsgrad anders ermittelt. Dafür schätzt ein Arzt ein, wie stark die Verletzung die gesamte Leistungsfähigkeit des Betroffenen einschränkt.

Vergleichen lohnt sich

Eine private Unfallversicherung ist nur selten sinnvoll, denn nur 2 Prozent aller schweren Behinderungen entstehen durch einen Unfall. Die große Mehrheit ist Folge einer Krankheit und genau dann schützt die Unfallversicherung nicht. Viel wichtiger ist deshalb eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Ist diese zu teuer oder bekommen Sie keinen BU-Schutz, sollten Sie sich zu alternativen Möglichkeiten der Absicherung beraten lassen.

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Julia Rieder
von Finanztip,
Expertin für Versicherungen

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Wollen Sie dennoch eine Unfallversicherung abschließen, lohnt sich ein Vergleich der Gliedertaxe verschiedener Tarife. Denn jede Versicherung legt ihre eigenen Maßstäbe fest. Zwar gibt es Empfehlungen des Versicherungsverbands GDV für die Gliedertaxe, gute Tarife leisten aber deutlich mehr. Während beispielsweise der vollständige Verlust einer Hand laut GDV-Empfehlung 55 Prozent Invalidität bedeutet, sind es bei guten Tarifen zwischen 70 und 100 Prozent. Das kann im Ernstfall einen Unterschied von mehreren zehntausend Euro ausmachen.

Eine gute Hilfe für den Vergleich bietet eine Übersicht des Analysehauses Ascore. Das Unternehmen hat die Gliedertaxe von 80 Unfall-Tarifen untersucht und ausgewertet, welche Invaliditätsgrade die Versicherungen im Mittel für welchen Körperteil annehmen. Die Gliedertaxe eines leistungsstarken Tarifs sollte mindestens die genannten Mittelwerte erreichen und sie im besten Fall übertreffen.

Vergleich der Gliedertaxe verschiedener Tarife in Prozent

Körperteil Empfehlung des GDV Mittelwerte Tarif mit der höchsten Gliedertaxe
Stimme 0 75 100
ein Auge 50 60 80
Gehör auf einem Ohr 30 40 80
Geruchssinn 10 15 25
Geschmackssinn 5 15 25
kompletter Arm 70 80 100
Arm oberhalb Ellenbogen 65 80 100
Arm unterhalb Ellenbogen 60 75 100
komplette Hand 55 70 100
Daumen 20 30 60
Zeigefinger 10 20 60
anderer Finger 5 10 20
Bein über Mitte Oberschenkel 70 80 100
Bein bis Mitte Oberschenkel 60 75 100
Bein bis unterhalb Knie 50 70 100
Bein bis Mitte Unterschenkel 45 65 100
kompletter Fuß 40 55 100
großer Zeh 5 10 20
anderer Zeh 2 5 10

Quelle: Ascore Das Scoring, GDV-Musterbedingungen (Stand: 11. August 2017)

Entscheidend dafür, wie viel die Versicherung letztlich zahlt, ist das Zusammenspiel aus Gliedertaxe, Versicherungssumme und Progression. Letztere sorgt dafür, dass bei besonders schweren Verletzungen ein Vielfaches der Versicherungssumme ausgezahlt wird. Um ein Gefühl dafür zu kriegen, wie sich verschiedene Tarife hierbei unterscheiden, lohnt sich ein Blick auf die Auszahlungssumme für den Verlust von Daumen, Hand und Fuß. Anhand dieser drei konkreten Auszahlungen haben Sie einen guten Vergleich, der sowohl die Progression als auch die Gliedertaxe beinhaltet.

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Finanztip-Chefredakteur
Hermann-Josef Tenhagen

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Artikel verfasst von

Julia Rieder

Finanztip-Expertin für Versicherungen

Julia Rieder ist Expertin für Versicherungen und derzeit kommisarisch für das Thema Reise verantwortlich. Während ihres Volontariats bei Finanztip sammelte sie Hörfunk-Erfahrung beim Inforadio. Vorher war sie in den Redaktionen von Frontal 21, der Berliner Zeitung und dem Online-Magazin politik-digital tätig. Ihr Studium der Politikwissenschaft hat Julia Rieder an der Freien Universität Berlin mit einem Master abgeschlossen.