Beim Augenarzt
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Der richtige Arzt, das ist eine Sache des Vertrauens. Spätestens wer sich einmal länger mit Beschwerden plagte und deshalb mehrfach zweite Meinungen einholen musste, kann ein Lied davon singen. Selten, dass sich die Ärzte dann einig sind. Man muss also stets ein wenig sein eigener Arzt sein. Das gilt noch mehr, wenn einem der Arzt eine Behandlung empfiehlt, für die man als Kassenpatient selber zahlen muss.

Die Rede ist von Individuellen Gesundheitsleistungen (ganz putzig „IGeL“ abgekürzt), im Volksmund eher Selbstzahlerleistungen genannt. Rund eine Milliarde Euro zahlen Kassenpatienten dafür im Jahr. Noch immer ist die Vorstellung weit verbreitet, dass die Krankenkassen viel Sinnvolles nicht zahlen wollen, weil das einfach zu teuer wäre. Anders als die private Krankenversicherung. Doch ganz so ist es nicht: Sehr oft zahlen die Kassen nicht, weil sie Selbstzahler-Behandlungen nicht für sinnvoll halten.

Deshalb hat der Spitzenverband der Krankenkassen über seinen Medizinischen Dienst (MDS) den IGeL-Monitor aufgelegt. Der überprüft systematisch häufig angebotene Selbstzahlerleistungen auf ihren Nutzen und Schaden. Vor einer Woche erschien die 51. Untersuchung: über „OCT“, eine von vielen Augenärzten empfohlenen Vorsorge für Grünen Star. Das Urteil: „tendenziell negativ“. Augenarztpraxen seien „bisweilen besonders aggressiv“ im Marketing.

Lassen Sie sich also nicht alles aufschwatzen. Aber woran erkennt man seriöse Angebote? Hier eine kleine Anleitung:

1. Atteste, Impfungen und Kosmetik

Es gibt durchaus eine ganze Reihe von Behandlungen, die Sie vielleicht wollen und die sinnvoll sind, die die Kasse aber nicht zahlt. Dazu gehören Atteste, bestimmte kosmetische Behandlungen wie Tattoo-Entfernungen oder Reiseimpfungen. Achten Sie aber auf eine ordentliche Abrechnung. Und: Hier gibt es durchaus Unterschiede, was Ärzte berechnen (siehe auch Punkt 5). Und: Manche Kassen zahlen einige dieser Leistungen ganz oder teilweise, zum Beispiel sportmedizinische Untersuchungen oder (wie unsere Empfehlungen) Reiseimpfungen. Fragen lohnt sich.

2. Besondere Vorsorge

Was tun Sie, wenn der Arzt Ihnen erklärt, dass Grüner Star eine häufige Erkrankung ist, die zur Blindheit führt – und Sie für nur 30 Euro testen lassen können, ob sich bei Ihnen so was entwickelt? Oder die Frauenärztin schnell noch mal für 40 Euro einen Ultraschallcheck auf Eierstockkrebs anbietet? Man wäre ja doch gerne sicher, nichts zu übersehen. Aber vielleicht ist es doch noch eine zweite Überlegung wert: Nicht für jeden macht jede Vorsorge Sinn. Es gibt immer das Risiko, dass eine Krankheit fälschlicherweise diagnostiziert wird oder dass die Vorsorge selbst schädlich ist.

In den oben genannten Beispielen sind laut IGeL-Monitor die Untersuchung nur sinnvoll, wenn weitere Hinweise oder Risikofaktoren vorliegen. Und dann zahlt sie die Kasse. Während es einen Test auf Grünen Star gibt, der immerhin von den Fachverbänden der Augenärzte empfohlen wird, raten auch Fachgesellschaften vom Eierstock-Ultraschall ohne Anlass ab: seine Wirkung ist laut dem Urteil des IGeL-Monitors „negativ“.

Ultraschall
Noch ein kleinen Ultraschall gefällig? Kostet doch nicht viel. Bild: Angelika-Warmuth, dpa

3. Besondere Behandlungen

Was tun, wenn die normalen Behandlungen nicht wirken? Natürlich würde man dann gerne was anderes ausprobieren, gegen Arthrose im Knie zum Beispiel Blutegel (Urteil: „tendenziell negativ“). Oder eine Infusionstherapie, die nach einem Hörsturz die Durchblutung fördern soll (Urteil: „negativ“). Das heißt nicht, dass jede kostenpflichtige Behandlung Unfug ist. Aber es lohnt sich, einmal auf den IGeL-Monitor zu schauen, bevor man zustimmt. Besonders bei teuren Behandlungen. Es ist übrigens auch schon vorgekommen, dass eine Behandlung nach einer MDS-Studie für den IGeL-Monitor in die Kassenleistungen aufgenommen wurde: nämlich Anfang des Jahres die Stoßwellentherapie bei Fersenschmerz (Urteil: „tendenziell positiv“).

4. Erstmal nachschauen

Wenn Sie also unsicher sind, lassen Sie sich die Leistung erst mal genau von Ihrem Arzt erklären. Und schauen Sie im IGeL-Monitor nach, ob sie bereits bewertet wurde. Wenn im Wartezimmer ein Fernseher mit „Aufklärungsfilmen“ läuft, große Hinweise wie „Krebsvorsorge plus“ an der Wand hängen oder Sprechstundenhilfen Ihnen eine Behandlung aufschwatzen wollen, dann weist das eher auf unseriöse Geschäftemacherei Ihres Arztes hin. So pries das „Ärzteblatt“ schon 2008 die Vorzüge von IGeL-Werbefilmchen im Wartezimmer an, um Selbstzahlerleistungen ins Gespräch zu bringen.

Im Zweifel können Sie auch bei Ihrer Krankenkasse fragen oder einen weiteren Arzt konsultieren. Lassen Sie sich jedenfalls nicht unter Druck setzen. IGeL sind von ihrem Wesen her selten dringliche Sachen.

5. Was bei der Zahlung zu beachten ist

Es kann durchaus passieren, dass ein Arzt eine IGeL abrechnet, obwohl Ihre Kasse zahlen würde. Das kann daran liegen, dass Ihr Arzt sich irrt, Ihre Kasse bei bestimmten IGeL aus eigenen Stücken zahlt (Beispiel Hautkrebsvorsorge unter 35). Oder daran, dass bestimmte Risiken oder Befunde bei Ihnen vorliegen, bei denen die Behandlung zu einer Kassenleistung wird – was der Arzt eigentlich wissen sollte.

Klären Sie das unbedingt vorab mit der Kasse. Denn im Nachhinein zahlt die nicht mehr. In der Regel ist es auch so, dass der Arzt für eine IGeL mehr verlangen kann, als die Kasse zahlen würde – und das in der Regel auch tut. Denn ein IGeL wird nach den Regeln für Privatpatienten abgerechnet – dabei gibt es einen Ermessensspielraum für den Arzt. Studien zufolge sind die Honorare für privatärztliche Abrechnungen im Schnitt etwa 2,3mal so hoch, wie für Leistungen, die von der Kasse bezahlt werden.

Schließlich muss der Arzt grundsätzlich einen schriftlichen Vertrag mit Ihnen machen (und gegebenenfalls einen Kostenvoranschlag), wenn er Ihnen eine Selbstzahlerleistung anbietet. Ohne den müssen Sie nicht zahlen. Gut zusammengefasst hat das übrigens die Verbraucherzentrale Niedersachsen in einer Broschüre.

 

+++ Anmerkung der Redaktion:
In einer früheren Fassung stand unter Punkt 5: „Das 2,3-Fache des Satzes der Gebührenordnung der Kassen darf er ohne Weiteres in Rechnung stellen.“ Das ist etwas stark verallgemeinernd. Wir haben die Aussage deshalb präzisiert.

6 KOMMENTARE

  1. Leider haben Sie es vergessen zu erwähnen, dass der IGeL-Monitor, bzw. MDS, keine unabhängige Instanz ist, sondern eine Lobbyorganisation der Krankenkassen, die von ihnen finanziert wird und ihre Interessen als selbsternannter Vertreter der evidenzbasierten Medizin vertritt – d.h. vor allem die Senkung der Kosten, die ohne diese Lobbyarbeit auf die Krankenkassen zukommen könnten. Solch einseitige Berichtserstattung hat bereits ein Augenarzt in seiner Antwort zu ähnlich unkritischem und einseitigem Artikel des Magazin Finanztest (9/2018) angeprangert. Der IGeL-Monitor kann wohl seine PR in den Medien richtig vorantreiben!

    Zitat aus der Antwort des Arztes: „Bei einem solchen Thema sollten Sie mindestens beide Seiten beleuchten, also z.B. auch den Berufsverband der Augenärzte zitieren, der hierzu eine gänzlich andere Meinung hat. … Wenn Sie eine neutrale Meinung einholen möchten, böte sich auch der Glaukomselbsthilfeverband an, in dem Betroffene etwas über den Sinn oder Unsinn der Glaukomfrüherkennung erzählen könnten. Sie schreiben richtigerweise, dass bei bestehendem Glaukom die Druckmessung von der Krankenkasse bezahlt wird – wie jedoch wird das Glaukom entdeckt, eine Erkrankung, von der die Patienten nichts bemerken bzw. bei der erst Symptome auftreten, wenn es für eine Heilung bereits zu spät ist? Sehr häufig durch eben jene, angeblich unnütze Früherkennung.“

    Als Patient kann ich aufgrund meiner Erfahrung mit dem IGeL-Monitor nur bestätigen, dass der oftmals genutzte Hinweis auf „medizinisch notwendige Leistungen“ irreführend ist, da oftmals nur dank einer IGeL Vorsorgeleistung die Notwendigkeit einer Behandlung überhaupt festgestellt werden kann.

    Als Patient in der Risikogruppe für die Netzhautablösung (starke Kurzsichtigkeit vor einer Lasik-Op) musste ich feststellen, dass die Krankenkassen nicht mal dieser Risikogruppe die Augenspiegelung bezahlen. Erst als ich sie als IGeL Leistung bezahlt hatte, hat meine Augenärztin eine partielle NH-Ablösung festgestellt, die ich selbst (noch) nicht wahrgenommen habe. Patienten werden halt die Probleme, die sie selbst nicht wahrnehmen oder unbewusst unterschätzen, nicht dem Arzt mitteilen können – genau dafür sind die von IGeL -Monitor bekämpften Vorsorgeleistungen da, damit die unerkannten Probleme und Risikofaktoren von Spezialisten ermittelt werden.

    Ich habe daher vor 3 Jahren den IGeL-Monitor mit diesem Beispiel aufgefordert, die NH-Vorsorge für die Patienten der Risikogruppe zu bewerten und auf ihrer Webseite aufzuführen. Dies ist bis heute nicht passiert, da es zusätzliche Kosten für ihre Sponsoren bedeuten würde. IGeL-Monitor hat mich lediglich auf meine Krankenkasse verwiesen und ein Informationsblatt mit einer ablehnenden Stellung zur OCT Untersuchung – also nicht zur üblichen Augenspiegelung – zugeschickt.

    Dafür machen Sie jetzt auch Werbung für ihre Lobbyarbeit. Darüber, dass den Patienten der Risikogruppe die NH-Vorsorge weiterhin nicht bezahlt wird, bis sie eine Erblindung selbst merken, schweigen Sie ebenso wie der IGeL-Monitor, der die Expertise der Spezialisten bei der wichtigen Früherkennung der Krankheiten grundsätzlich ableht!

    • Lieber Herr Weber,
      im Text schreibe ich ganz klar, dass der IGeL-Monitor von den Krankenkassen betrieben wird. Unser Eindruck ist aber auch, dass der IGeL-Monitor durchaus unabhängig zu seinen Urteilen kommt.

      In den Beschreibungen des IGeL-Monitors werden im übrigen andere, widersprechende Beurteilungen ebenso zitiert.
      Zur Glaukomvororge zum Beispiel hier:
      https://www.igel-monitor.de/igel-a-z/igel/show/oct-zur-frueherkennung-eines-glaukoms.html
      https://www.igel-monitor.de/igel-a-z/igel/show/augenspiegelung-mit-augeninnendruckmessung-zur-glaukom-frueherkennung.html
      https://www.igel-monitor.de/igel-a-z/igel/show/augeninnendruckmessung-zur-glaukom-frueherkennung.html

      Mit besten Grüßen

      • Lieber Herr Urbach,

        dieser Artikel ist anscheinend tatsächlich ausgewogener als die PR Propaganda von IGeL-Monitor, die man in den letzten Jahren in vielen anderen Medien lesen/sehen konnte. Sie verlinken mindestens die Stellung des Verbands der Augenärzte. Oder doch nicht?

        Wenn man auf den Link klickt, stellt man gleich fest: sogar bei Referenzen auf die Gegenmeinung anderer Verbände verwenden Sie weiterhin nur eine einzige Quelle, nämlich IGeL Monitor selbst. In Ihrem Kommentar sind wieder nur IGeL Links zum Thema „Glaukom“ zu finden, die absolut nichts mit meinem Anliegen zu tun haben.

        Falls Sie diese Art der Berichtserstattung aus einer einzigen PR-Quelle eines Informationsanbieters „unabhängig“ oder „ausgewogen“ nennen, demonstrieren Sie, warum solch oberflächliche journalistische Arbeit (PR-Verstärker) heutzutage oftmals kritisiert und angegriffen wird.

        Mein Punkt zum Thema „selection bias“ wird dafür ignoriert: in Bezug auf die Sinnhaftigkeit der Augenspiegelung als Vorsorge der Netzhautablösung (NICHT: Glaukom) für die Risikogruppe (NICHT: für jedermann) hat IGeL Monitor selbst nach 3 Jahren seit meiner Aufforderung dies zu bewerten nichts publiziert – daher können Sie jetzt auch nichts zum Thema aus Ihrer Quelle verlinken.

        Die Glaukom-Vorsorge hat nichts mit der NHA-Vorsorge zu tun. Soll mit solchem Querschuss die Sinnhaftigkeit der Augenspiegelung für alle Zwecke generell angezweifelt werden? Dass Sie zu meinem Thema wieder die ablenkende Stellung zur OCT Untersuchung (und wieder themengebunden an das Thema Glaukom) verlinken, zeigt, dass der Newspeak von IGeL Monitor sehr erfolgreich ist. Ich habe doch bereits oben geschrieben, dass der IGeL Monitor diese Ablenkung vom eigentlichem Thema bei mir bereits versucht hat.

        Die Patienten werden zwar aufgerufen, dem IGeL-Monitor Untersuchungen für die Bewertung vorzuschlagen – sollte die Bewertung für die Kostenrechnung der Krankenkassen aber ungünstig sein, dann kommt nie dazu. Mein Punkt zum „selection bias“ nochmal explizit: ich behaupte, dass IGeL Monitor sehr selektiv vorgeht und nur die themengebundenen Untersuchungen bewertet und publiziert, die sie selbst abschließend zwischen „unklar“ und „negativ“ einstufen können.

        Andere, sinnvolle, Untersuchungen (ggf. gleiche Methode beim anderen Thema) müssten eventuell von Krankenkassen getragen werden und werden daher vorsichtshalber nicht bewertet.

        So werden die meisten Journalisten in vorgegebenen Spuren denken und beim Thema „NHA Vorsorge für die Risikogruppe“ nur noch auf „Glaukomvorsorge für alle“ und „OCT zur Glaukomvorsorge“ verlinken und somit die absichtliche Ignoranz von einem anderen Thema verstärken. Danke, dass Sie es jetzt selbst bewiesen haben!

        • Lieber Herr Weber,
          die Aufgabe von Journalisten ist nicht, immer „beide Seiten“ gleichwertig zu berichten, sondern sich beide Seiten anzuhören – und dann zu gewichten. Und das zu berichten, was wir für überzeugender halten. Das haben wir auch in diesem Fall gemacht. Der IGeL-Monitor geht nach wissenschaftlichen Methoden vor, was man von den Fachärztlichen Gesellschaften leider nicht immer behaupten kann. Außerdem wertet er die Rückmeldungen von Patienten aus. Deswegen kriegt er hier einen größeren Raum.
          Mit besten Grüßen

  2. Bei jeder Untersuchung beim Augenarzt habe ich zwischen 85,- und 100,- Euro für eine
    optische Cohärenztomographie (OTC) bezahlt als IGel Leistung, die von der DAK nicht übernommen wird. Angeblich hat der Arzt keine Alternative. Die Ärztin der Krankenkasse hat eine Infusion empfohlen !!!

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