Private Haftpflichtversicherung: Goldesel der Versicherungswirtschaft?

  • Liebe Finanztip-Community,


    immer wieder wird gesagt, dass eine Private Haftpflichtversicherung („PHV“) absolut essenziell sei.


    Die Praxis zeigt mir: Entweder brauche ich diese Versicherung nicht oder wenn ich sie brauche, dann heißt es, dass in einem solchen Falle die PHV nicht bezahlen würde.


    Konkretes Beispiel: Bei einer Freundin, die in einer WG wohnt, ging die Waschmaschine des Mitbewohners kaputt. Kein Problem, dachte die Freundin, da sie eine PHV hat. Antwort der Versicherung: Bei elektronischen Geräten zahlt die PHV grundsätzlich nicht.


    Ein weiteres Beispiel: Eine Freundin, die zur Miete wohnt, hat ihren Schlüssel verloren. Kein Problem, dachte sich die Freundin: Sie hat ja schließlich eine PHV und Schlüsselverlust ist mitversichert. Die konkrete Antwort der Versicherung bestand darin, ob der mögliche Finder des Schlüssels den Schlüssel der Wohnung zuordnen könne. Dies hat die Freundin natürlich verneint. Die Versicherung hat darauf erwidert, dass das Risiko, dass sich der mögliche Finder des Schlüssels Zugang zum Haus bzw. zur Wohnung verschaffen könnte, äußerst gering sei und daher die Schließanlage nicht durch eine neue ersetzt werden müsste. Der neue Schlüssel, den sie mit Zustimmung des Vermieters anfertigen musste, war wertmäßig unterhalb ihres Selbstbehalts.


    Ansonsten sind mir aus meinem sozialen Umfeld keine konkreten Schadenereignisse bekannt, bei denen jemals eine PHV bezahlt hat.
    Besonders interessant ist, dass mir die Verivox-App im Falle eines Selbstbehaltes von 1.000 Euro einen Beitrag anzeigt, der ca. 3-mal so niedrig ist wie im Falle eines Selbstbehaltes von 0 Euro.


    Ich schließe hieraus, dass die meisten Schadenereignisse einen Wert von weniger als 1.000 Euro haben. Da man eine PHV jedoch vorwiegend abschließt, um vor größeren (existenziellen) Schäden geschützt zu sein, frage ich mich, wie groß das Risiko tatsächlich ist.


    Hier kommt ihr ins Spiel: Welche konkreten Fälle sind euch aus eurem sozialen Umfeld bekannt, bei denen die Versicherung im Rahmen der PHV einen Schaden von mehr als 1.000 Euro bezahlt hat?

    Versicherungen scheuen Risiken. Da, wo man sich gegen vermeintlich große Risiken zu einem maximal günstigen Preis versichern kann, sollte man sich fragen, inwieweit die Rechnung nicht eher zugunsten der Versicherungswirtschaft ausfällt.

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    Versicherungen scheuen Risiken. Da, wo man sich gegen vermeintlich große Risiken zu einem maximal günstigen Preis versichern kann, sollte man sich fragen, inwieweit die Rechnung nicht eher zugunsten der Versicherungswirtschaft ausfällt.

    Ja...? Dachtest Du bisher, die Versicherungswirtschaft ist eine soziale Organisation?

    Natürlich ist eine Versicherung nur dann sinnvoll, wenn der Schadensfall einen in den Ruin treiben würde. Andernfalls verdient die Versicherungswirtschaft natürlich daran.

  • Ich habe mal bei einem Nachbarn aus Versehen einen Sonnenschirmständer kaputtgemacht.

    Die Versicherung hat ohne Beanstandung die ca. 250€ Neupreis (Schirmständer war ca. 1,5 Jahre alt) bezahlt.

    Sonst aber auch noch nie gebraucht und zahle im Jahr (mit Glas und Fahrraddiebstahl) ca. 100€

  • Konkretes Beispiel: Bei einer Freundin, die in einer WG wohnt, ging die Waschmaschine des Mitbewohners kaputt. Kein Problem, dachte die Freundin, da sie eine PHV hat. Antwort der Versicherung: Bei elektronischen Geräten zahlt die PHV grundsätzlich nicht.

    Hää? Hat sie die Maschine denn kaputt gemacht oder wie kommt man auf die Idee, dass die PHV dafür zuständig wäre?

  • die genannten Fälle wären für mich alles keine Gründe für den Abschluss einer PHV. Die schließe ich doch i.W. ab, um gegen Risiken aus Personenschäden (Verletzung oder Tod) abgesichert zu sein. Das kann schnell in die Mio EUR gehen. Und dafür zahle ich dann eben weniger als 100 € im Jahr.

    Aktuell gibt es Tarife, die mir eine Deckungssumme von 15 Mio. € abdecken und mich und meine Kinder versichern und unter 70 € kosten.

  • Ich habe mal bei einem Nachbarn aus Versehen einen Sonnenschirmständer kaputtgemacht.

    Die Versicherung hat ohne Beanstandung die ca. 250€ Neupreis (Schirmständer war ca. 1,5 Jahre alt) bezahlt.

    Sonst aber auch noch nie gebraucht und zahle im Jahr (mit Glas und Fahrraddiebstahl) ca. 100€

    das dürfte doch aber die Hausratsversicherung und nicht die private Haftpflichtversicherung gewesen sein, oder?

  • Ansonsten sind mir aus meinem sozialen Umfeld keine konkreten Schadenereignisse bekannt, bei denen jemals eine PHV bezahlt hat.

    Das liegt an deinem Umfeld.

    Die Privathaftpflicht ist für die „richtigen“ Fälle.

    Ich kenne mehre Fälle.

    Ein Student hat in der Mensa zum Spaß mit heißem Kaffee „rumgeblödelt“. Die Privathaftpflicht hat die Krankheitskosten samt Hauttransplantation gezahlt.

    Jemand vergisst beim Befüllen der Badewanne das Wasser abzustellen. Es läuft über, sickert durch den Boden und beschädigt Decke, Elektrik und Parkett der darunterliegenden Wohnung.
    Trocknungsgeräte laufen mehrere Wochen, Maler- und Bodenarbeiten kommen dazu. Gesamtschaden: rund 18.000 €.

    Eine Radfahrer:in missachtet die Vorfahrt und stößt mit einer anderen Radfahrer:in zusammen. Diese erleidet einen komplizierten Armbruch, fällt mehrere Wochen im Beruf aus und verlangt Schmerzensgeld sowie Verdienstausfall.

    Behandlungskosten, Schmerzensgeld und Ausfall summieren sich schnell auf Summen, die du nicht ahnst.

    Beim Besuch bei Freunden stößt jemand ein Glas Rotwein über den neuen Arbeitslaptop . Totalschaden.

    Ersatzgerät inklusive Software: 2.400 €.

    Im Skiurlaub kollidiert eine Wintersportler:in auf einer Piste mit einer anderen Person. Diese erleidet schwere Knieverletzungen mit Operationen und Reha, dazu Verdienstausfall und Schmerzensgeld.

    Gesamtschaden inklusive Folgekosten: 6-Stellig.

  • Hier kommt ihr ins Spiel: Welche konkreten Fälle sind euch aus eurem sozialen Umfeld bekannt, bei denen die Versicherung im Rahmen der PHV einen Schaden von mehr als 1.000 Euro bezahlt hat?

    Ich kann dir berichten, was mir vor wenigen Wochen widerfahren ist:
    Tiefgarage von einem MFH. Auf dem Stellplatz der Nachbarn steht eine ausgebaute Zimmertür an einem Schrank angelehnt. Durch ein Missgeschick ist meiner Nachbarin die Tür umgefallen hat unser Auto am Heck touchiert. Optisch keine grosse Sache, aber laut Gutachter 6500 Euro Schaden am Auto.

    Glück dabei ist, dass die Wallbox knapp nicht getroffen wurde. Sonst nochmal knapp ein tausender hinzugekommen.

    Das privat zu zahlen wäre schon schmerzhaft.

  • Die private Haftpflichtversicherung sichert im Ernstfall deine Existenz ab, meine kostet für meine Frau und mich 70€ im Jahr. Bisher habe ich noch niemand anderes die Waschmaschine kaputt gemacht, weiß allerdings auch nicht wie das funktioniert, dass dann die Haftpflicht den Schaden übernimmt. Als Beispiel, bei einem guten Freund ist während seiner Abwesenheit im Mehrfamilienhaus ein größerer Wasserschaden aufgetreten, der Schlauch seiner Waschmaschine war gerissen, 3 Wohnungen unter ihm waren betroffen, da war er nicht böse, dass seine Haftpflicht den mittleren 5Stelligen Betrag übernommen hat.

  • Hallo Leopard,

    Um einmal auf Ihre Frage in der Überschrift einzugehen:

    Private Haftpflichtversicherung: Goldesel der Versicherungswirtschaft?

    Als ich noch in der Branche tätig war und Einblick in die Verbandsstatistiken hatte, war die Haftpflichtversicherung keineswegs der Goldesel. Der Vorstand, der das sog. versicherungstechnisches Ergebnis mit einer schwarzen Null abgeliefert hatte, bekam vom Aufsichtsrat ein dickes Lob. Der Gewinn wurde weitgehend mit der Verzinsung der Rückstellungen gemacht. Der Goldesel in den Schadensversicherungen war die Unfallversicherung. Ich habe keine Erkenntnisse, dass die Situation heute anders wäre.

    Bei einer Freundin, die in einer WG wohnt, ging die Waschmaschine des Mitbewohners kaputt. Kein Problem, dachte die Freundin, da sie eine PHV hat. Antwort der Versicherung: Bei elektronischen Geräten zahlt die PHV grundsätzlich nicht.

    Die Antwort mit dem elektronischen Gerät ist nicht nachvollziehbar. Da müsste man den gesamten Sachverhalt kennen.

    Eine Freundin, die zur Miete wohnt, hat ihren Schlüssel verloren. Kein Problem, dachte sich die Freundin: Sie hat ja schließlich eine PHV und Schlüsselverlust ist mitversichert. Die konkrete Antwort der Versicherung bestand darin, ob der mögliche Finder des Schlüssels den Schlüssel der Wohnung zuordnen könne. Dies hat die Freundin natürlich verneint. Die Versicherung hat darauf erwidert, dass das Risiko, dass sich der mögliche Finder des Schlüssels Zugang zum Haus bzw. zur Wohnung verschaffen könnte, äußerst gering sei und daher die Schließanlage nicht durch eine neue ersetzt werden müsste. Der neue Schlüssel, den sie mit Zustimmung des Vermieters anfertigen musste, war wertmäßig unterhalb ihres Selbstbehalts.

    Eine mustergültige Regulierung. Die Aufgaben einer Privathaftpflichtversicherung sind:

    „Der Versicherungsschutz umfasst die Prüfung der Haftpflichtfrage, die Abwehr unberechtigter Schadensersatzansprüche und die Freistellung des Versicherungsnehmers von berechtigten Schadensersatzverpflichtungen.“ Ziff. 5.1 Allgemeine Versicherungsbedingungen für die Haftpflichtversicherung (AHB) file:///C:/Users/peter/Downloads/01-allgemeine-versicherungsbedingungen-fuer-die-haftpflichtversicherung-ahb--data-2.pdf

    Bitte die Reihenfolge der Leistungen des Versicherers beachten. Für den Fall bedeutet das:

    Der vom Vermieter bereitgestellte Schlüssel ist verloren gegangen, der Mieter = VN haftet.

    Bei einer Schließanlage droht bei möglicher Zuordnung des Schlüssels zur Anlage der komplette Ersatz der Schließanlage, mehrere tausend Euro Schaden sind möglich. Auskunft VN (und vermutlich auch Geschädigter = Vermieter) Zuordnung ist nicht möglich. Demzufolge (zumindest theoretische) Abwehr übermäßiger Ansprüche. Dass der Ersatzschlüssel im Selbstbehalt lag, ist auf eine bewusste Entscheidung der VN zurückzuführen. Wie schon betont, ganz saubere Regulierung.

    Wie die anderen Foristen vor mir schon betont haben, die PHV ist für die existenzbedrohenden Risiken da, nicht für Peanuts.

    Gruß Pumphut

  • Der Goldesel in den Schadensversicherungen war die Unfallversicherung. Ich habe keine Erkenntnisse, dass die Situation heute anders wäre.

    Richtig. Das ist auch aktuell so.

    Ich freue mich immer über die Ergebnisse der Sparte bei meinen Versicherungen.

    Und bitte nicht lachen: Anette aus der Yoga-Gruppe erzählte mir neulich, dass ihre 88-jährige Mutter zur Kreissparkasse „einbestellt“ wurde und jetzt eine neue Unfallversicherung hat. Man könne ja „stürzen“ wenn man auf dem Friedhof herumläuft. …

  • Hallo,

    Eine Radfahrer:in missachtet die Vorfahrt und stößt mit einer anderen Radfahrer:in zusammen. Diese erleidet einen komplizierten Armbruch, fällt mehrere Wochen im Beruf aus und verlangt Schmerzensgeld sowie Verdienstausfall.

    Den Fall kenne ich im weitesten Kollegenkreis in der Steigerung. Die verunfallte Radfahrerin stirbt; Mutter eines kleinen Kindes. Neben dem moralischen und strafrechtlichen Aspekt wäre die Unfallverursacherin ohne PHV für ihr restliches Leben Sozialhilfeempfängerin gewesen.

    Ein anderer Fall, der in den 1990er Jahren durch die Medien gegangen ist: In Berlin zündeln zwei Halbwüchsige im Eingangsbereich einer Kirche; Totalschaden Größenordnung ca. 5 Mio. DM. Die Allianz hat damals trotz etwas wackligem Versicherungsvertrages Deckung erklärt und reguliert.

    Wie viele PHV- Verträge müssen lebenslang schadenfrei bleiben, um einen der Fälle zu bezahlen?

    Gruß Pumphut

  • Hallo Tomarcy,

    Und bitte nicht lachen: Anette aus der Yoga-Gruppe erzählte mir neulich, dass ihre 88-jährige Mutter zur Kreissparkasse „einbestellt“ wurde und jetzt eine neue Unfallversicherung hat. Man könne ja „stürzen“ wenn man auf dem Friedhof herumläuft. …

    Da lache ich nicht, da ballt sich bei mir die Faust. Das ist schon richtig bösartig. Im Vertrieb ging es nie zimperlich zu; aber heute? o tempora o mores.

    Sind da wenigstens noch Assistanceleistungen im Versicherungspaket enthalten, damit der Sparkassenverkäufer sich überhaupt noch im Spiegel ansehen kann?

    Gruß Pumphut


  • Hallo Tomarcy,


    danke für deine ausführliche Rückmeldung.

    Welche dieser Fälle sind denn konkret in deinem Umfeld passiert?