Hier im Forum wird ja oft und gerne detailliert über einzelne ETF-Produkte und Portfolio-Allokationen diskutiert, jedoch vergleichsweise selten über Entnahmestrategien. Dabei gibt es ja offensichtlich einige, die stramm auf die Entnahmephase zugehen oder diese bereits gestartet haben. Daher würde ich gerne einen eigenen Thread dazu aufmachen, in dem eigene oder geplante Entnahmestrategien beschrieben und diskutiert werden können. Es soll dabei aber nicht um bestimmte ETFs, sondern mehr um die grundlegenden Konzepte gehen.
Ich selbst starte mit dem, was ich vorhabe:
Ich plane in ca. 3–5 Jahren den Beginn der Entnahmephase.
Viele gängige Entnahmestrategien erscheinen mir sehr komplex und häufig US-dominiert. Dort muss der Lebensunterhalt meist zu einem sehr großen Teil aus dem Depot bestritten werden. Andere Konzepte kommen aus der "FIRE-Bewegung", bei der häufig Zeiträume von 50 oder mehr Jahren fast ausschließlich aus dem Depot finanziert werden sollen. Bei mir ist die Ausgangslage – wie vermutlich bei vielen Foristen – völlig anders. Ich habe Ansprüche aus gesetzlicher Rente, Betriebsrenten, Riester-Renten usw., die meine Basis-Fixkosten voraussichtlich decken werden. Hinzu kommt ein schuldenfreies Eigenheim. Das Wertpapierportfolio dient daher vor allem dem Komfort-Konsum. Zugleich soll es in meinem Fall in weiten Teilen für die nächste Generation erhalten bleiben. Zielsetzung ist somit nicht die mathematische Maximierung der Entnahmerate. Ich suche kein hochkomplexes Modell, das mit Excel-Tools und Monte-Carlo Simulationen den letzten Zehntelprozentpunkt Entnahmerate herausquetscht, sondern ein einfaches und intuitives Modell.
Meine Prioritäten:
- Da die Renten die Basis-Lebenshaltungskosten decken werden, kann ich etwas kürzertreten, wenn die Börse schlecht läuft. Läuft sie hingegen sehr gut, sind Sonderentnahmen möglich.
- Das Portfolio soll für die nächste Generation möglichst erhalten bleiben. Nicht zwingend vollständig, aber doch zu weiten Teilen. In schlechten Marktphasen soll daher verhindert werden, dass das Depot durch zu hohe Entnahmen dauerhaft ausblutet.
- Die Strategie soll einigermaßen einfach sein. Unterjährig möchte ich das Depot im besten Fall ignorieren können. Die Regeln sollen auch im höheren Alter noch verständlich bleiben.
Ich nehme zu Beginn ein Portfolio von 500.000 EUR an, auch wenn es in Wirklichkeit vielleicht höher sein wird. Aber mit dieser runden Zahl rechnet es sich leichter.
Angestrebte Allokation zu Beginn der Entnahmephase:
- 75% Aktien-ETF-Portfolio = 375.000 EUR, in bzw. nach den ersten Entnahmejahren schrittweise Erhöhung auf 80-90%
- 25% risikoarme Anlage als Cash-Puffer (z. B. Mischung aus Tagesgeld, Geldmarktfonds und/oder kurz laufende Bundesanleihen) = 125.000 EUR = anfänglich ca. 7 Jahre Entnahmebedarf mit schrittweiser Reduzierung auf 3–5 Jahre Entnahmebedarf
Moderate Entnahmerate von 3,3%, also anfänglich 16.500 EUR p.a., mit jährlicher Anpassung als Inflationsausgleich um +2%
In schlechten Börsenjahren, insbesondere zu Beginn, entnehme ich aus dem Puffer, um nicht nach starken Kursrückgängen Aktien verkaufen zu müssen. Das reduziert das Renditereihenfolgerisiko (schlechte Börsenjahre direkt zu Beginn). Wenn zu Beginn keine Krise eintritt, wird der Puffer trotzdem auf etwa 3-5 Jahre Entnahmebedarf abgebaut und somit die Aktienquote auf +80% angehoben.
In guten Börsenjahren fülle ich den Cash-Puffer durch Verkäufe aus Aktien wieder auf etwa 3-5 Jahre Entnahmebedarf auf. Es soll dabei jedoch kein aktives Rebalancing stattfinden, sondern die Allokation wird vorrangig über die Entnahmen gesteuert.
Statt eines komplizierten "Guardrail-Modell nach Guyton-Klinger" nutze ich eine einfache Regel zur variablen Entnahme: Wenn das Aktien-Portfolio um mehr als 20 % vom letzten Allzeithoch fällt, wird die Entnahme temporär für das aktuelle Jahr und evtl. das Folgejahr um 10% gekürzt. Sobald der Abstand wieder unter 10% fällt oder spätestens wenn ein neues Hoch erreicht wird, kehre ich zur normalen Entnahme zurück. Umgekehrt sollen auch Zusatzentnahmen nach besonders starken Börsenjahren möglich sein. Jedoch nur, wenn der Cash-Puffer auf wenigstens 3 Jahre aufgefüllt ist und das Gesamtportfolio real über dem Startwert liegt.
Mit diesem Ansatz aus ausreichendem Cash-Puffer, moderater Höhe der Entnahmerate und einer Anpassung in Krisenzeiten erwarte ich, dass die Pleitewahrscheinlichkeit über einen Zeitraum von 30 Jahren unterhalb von 10% liegen wird und im Median ein weitgehender, dauerhafter Vermögenserhalt möglich ist.