Finanzpolster für Notfälle

    • Finanzpolster für Notfälle

      Hallo zusammen,

      ich habe heute diesen sehr erschreckenden Artikel im Atlantic (englisch) gelesen. Die Quintessenz: 47% (!) aller erwachsenen Amerikaner wären nicht in der Lage kurzfristig $400 für einen Notfall aufzubringen.

      Das hat bei mir da Nachdenken ausgelöst, wie hoch diese Zahl bei uns in Deutschland wohl wäre. Ich habe da keine Statistik zu. Mein Bauch sagt mir, dass die Zahl niedriger wäre als in den USA, aber dennoch erschreckend hoch...

      Was meint ihr?

      Viele Grüße,
      Elias
    • Nicht wirklich vergleichbar, aber trotzdem erstaunlich:

      "Die Bundesbürger rechnen kaum mit einem finanziellen Notfall und sind im Eintrittsfall auch schlecht darauf vorbereitet. 54 Prozent der Befragten können nach eigener Aussage eine Geldsumme in Höhe von 1.500 Euro für eine unerwartete Ausgabe nicht binnen eines Monats aufbringen".

      tns-infratest.com/Presse/press…0Notfall+%20unvorbereitet
    • Das ist erschütternd!

      Alle Verbraucherschützer und sonstigen Experten schreiben sich die Finger wund, dass jeder mindestens drei Netto-Monatsgehälter als Notreserve auf einem Tagesgeld-Konto haben sollte, bevor er überhaupt an andere Geldanlagen denkt.

      Aber die allermeisten Menschen - das scheint sowohl für die USA als auch für die Deutschland zu gelten - sind schlicht finanzielle Analphabeten. Kein Wunder dass sie ein leichtes Opfer für die Verkaufstruppen der Banken, Versicherungen und sonstigen Finanzdienstleister sind.
    • muc schrieb:

      Kein Wunder dass sie ein leichtes Opfer für die Verkaufstruppen der Banken, Versicherungen und sonstigen Finanzdienstleister sind.
      Die Frage ist, ob diese Personen das Geld grundsätzlich nicht aufbringen können oder eben "nur" kurzfristig nicht, weil man sie dazu verleitet hat, es anderweitig (langfristig) zu binden.

      Ich habe diverse Bekannte, die nach einer ordentlichen Gehaltserhöhung (im Einzelfall bis zu 500 Euro monatlich netto) auf meine Frage, was sie den jetzt mit dem zusätzlichen Geld machen würden, fast unisono geantwortet haben "welches zusätzliche Geld"? Am Ende des Monats sei - wie bisher - nichts mehr da.

      Also einerseits zum Teil promovierte Akademiker, aber andererseits wie muc so schön sagte:

      muc schrieb:

      finanzielle Analphabeten
    • @Oekonom

      Das erleichtert mich komischerweise ein bisschen. Ich bin in einer Familie von Handwerkern und Arbeitern mit schlechtem oder durchschnittlichem Verdienst aufgewachsen. Von Monat zu Monat leben war nichts Ungewöhnliches, viele Dinge wurden auf Pump finanziert (jetzt wisst Ihr auch alle, warum ich bei Finanztip arbeite ;) :D ).

      Ich hatte mich immer wieder gefragt, ob das eine Bildungsfrage ist. Ist es offensichtlich auch - aber anscheinend eben eine Frage der finanziellen Bildung. Die Zugänge dazu müssen sich dringend ändern (z. B. die Steuererklärung in der Schule machen).
    • Die meisten Menschen, die keine größeren Rücklagen bilden können, sind wahrscheinlich aufgrund ihrer beruflichen Situation nicht dazu in der Lage. Selbst wenn sie sich mit dem Thema Finanzen nicht so gut auskennen sollten, von klugen Ratschlägen steigen ihre Löhne leider nicht.

      Am Wochenende gab Herr Tenhagen auf Spiegel Online einen Tipp, was man tun solle, wenn das Geld nicht reicht, um vernünftig fürs Alter zu sparen: "Trotzdem privat vorsorgen!" Es fällt mir schwer zu verstehen, wie man so etwas schreiben kann ohne Furcht, sich lächerlich zu machen.
    • MacMoneysack schrieb:

      Die meisten Menschen, die keine größeren Rücklagen bilden können, sind wahrscheinlich aufgrund ihrer beruflichen Situation nicht dazu in der Lage. Selbst wenn sie sich mit dem Thema Finanzen nicht so gut auskennen sollten, von klugen Ratschlägen steigen ihre Löhne leider nicht.

      Am Wochenende gab Herr Tenhagen auf Spiegel Online einen Tipp, was man tun solle, wenn das Geld nicht reicht, um vernünftig fürs Alter zu sparen: "Trotzdem privat vorsorgen!" Es fällt mir schwer zu verstehen, wie man so etwas schreiben kann ohne Furcht, sich lächerlich zu machen.
      Prinzipiell stimme ich Ihnen zu, in vielen Fällen ist das Geld sicherlich so knapp das wrklich gar nichts geht. Und diese Leute sind wirklich nicht zu beneiden - und denen ist auch mit guten Ratschlägen wirklich wenig geholfen.

      Aber wenn wir von 40%, 50% oder mehr der Bevölkerung reden, dann reden wir auch von Einkommen, die weit in die mittleren Einkommen reinreichen. Und dann ist es meiner Ansicht und Erfahrung nach eine Frage der Priorisierung. So abgelutscht das Argument ist: Ein aktuelles Smartphone und ein 40 oder 50 Zoll Fernseher BRAUCHT kein Mensch. Ein finanzielles Polster für Notfälle schon.

      Ich bin in der glücklichen Situation, nicht auf jeden Euro schauen zu müssen. Aber wann immer ich es dann doch mal gemacht habe, war ich erschreckt darüber, wie viel Kohle ich für rein diskretionäre Käufe, die überhaupt nicht existentiell wichtig sind ausgebe. Ein Kaffee hier, ein Döner da, eine Taxifahrt hier, Auto statt Fahrrad dort. Da kommen schnell dreistellige Beträge jeden Monat zusammen. Und ich bin Nichtraucher...

      Man muss ja nicht gleich leben wie ein Asket, aber mal Fahrrad statt Auto, ein Bier in der Kneipe weniger, Wasser statt Apfelschorle, eine Tasse Kaffee statt dem Latte Macchiato, ein Vollkornbrötchen mit Käse vom Bäcker statt das Menü beim Gasthaus zum goldenen M - da kommt was zusammen, ohne dass man sich die kleinen Freuden des Lebens komplett versagt. Tendenziell sind anscheinend die gesünderen Entscheidungen auch die günstigeren.

      Ganz abgesehen davon: Eine gewisse private Vorsorge ist auch mit Kleinstbeträgen möglich - z.B. die 5€ pro Monat für den Riester-Minimalvertrag. Da gibt es dann jedes Jahr nochmal 154€ on top.
    • Diesen alten Faden nehme ich mal wieder auf. Ich beschäftige mich derzeit mit der familiären Liquiditätsplanung und da sprang mich dieser Thread quasi an.

      Aktuell könnte ich für meinen Haushalt (noch 3 Personen, demnächst 4) sagen, dass es soweit klappen würde, mit einer ungeplanten Ausgabe (z. B. Waschmaschine plus Autopanne).
      Das liegt jetzt aber auch daran, dass wir den Übergang Gehalt/Elterngeld im Blick haben.

      Ansonsten haben wir das mit dem Notgroschen eher intuitiv gehalten.

      Aber jetzt meine Frage: Glaubt Ihr, dass es auf Deutschland bezogen, besser wird mit dem Notgroschen? Oder sitzt der Deutsche an sich sofort im Dispo, wenn plötzlich 500€ bis 1000€ zu zahlen sind?
    • @Referat Janders

      ich denke es gibt "den Deutschen an sich" nur statistisch, du wirst ihn aber vermutlich nicht kennen und auch nie kennen lernen.

      Aufgrund verschiedener Faktoren ist die Bandbreite an sozialem Status, die meine Familie kennt, relativ groß, sowohl weit oben kennen wir Leute, als auch durch die komplette Mitte, als auch sehr weit unten. Mein Eindruck ist, die meisten von uns kennen insbesondere Menschen, die ihrem eigenen Milieu ähnlich sind (wenn man eben nicht grade meine Faktoren hat und dadurch das Spektrum sehr groß ist).

      Ich kenne Menschen, die versuchen, 3 Kilometer zu trampen, um sich die Busfahrkarte zu sparen. Andererseits hat mal ein Freund den legendären Satz geprägt: "Dann ging meine Firma kaputt und ich musste echt erstmal jeden 100 Euro Schein umdrehen - zum Glück ist diese harte Zeit vorbei." ?(

      Es gibt in Deutschland Millionen Menschen, die finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen. Ich glaube dieses Phänomen zieht sich bis weit in die Mittelschicht, auch getrieben durch Konsumwünsche und deren Finanzierbarkeit durch Kredite.

      Andererseits gibt es aber auch Millionen Menschen, die "nicht jeden 100 Euro Schein umdrehen müssen".

      Ich vermute (mit Betonung auf "vermute", habe keine Beleg), dass wir uns eher auf eine Spaltung zu bewegen. Die Gruppe der Armen wird eher größer, die Gruppe derer, denen es gut, sehr gut, hervorragend geht, wird aber denke ich ebenso größer. Nur die"echte" Mitte, die schrumpft.
    • Es ist mir schon klar, dass sich zwischen Tarp und Konstanz jede Menge Individuen bewegen, die alle unterschiedlich ticken.

      Ich frage mich nur, ob das was an finanziellem Grundwissen vermittelt wird, immer weitere Kreise zieht oder ob die Durchdringung immer weniger wird?

      Wobei ja noch zu trennen ist, zwischen nicht Vorsorge treffen und nicht Vorsorge treffen können.

      Aber steigt das Bewusstsein bzw. ist seit letztem Jahr gestiegen oder geht es eher in die andere Richtung?
    • Ich glaube, aufgrund der Vielfältigen Möglichkeiten sich zu informieren und der medialen Präsenz verschiedenster Verbraucherthemen ist die Durchdringung unserer Gesellschaft mit Finanzwissen heute wesentlich besser als vor 10 oder 20 Jahren. Trotzdem kenne ich genug Menschen, die schlicht kein Interesse für diese Themen aufbringen können, alle Produkte von der nächsten Sparkasse oder dem lokalen Versicherungsmakler kaufen und für den Rest ihres Lebens zahlen aber keinen Gedanken an Verbesserungspotentiale verschwenden.

      Gefühlt würde ich sagen 50 % sind desinteressiert, 40% machen das nötigste und 10% sind wirklich eifrig dabei, ihre Situation zu optimieren. Aber ist nur ein Gefühl.
    • Der Bericht hat mir auch erst einmal ein paar Sorgenfalten auf die Stirn gebracht. Allerdings müsste man sich die ganze Studie mal anschauen. Was allerdings nicht verwunderlich ist, dass eben Leute die Krankheiten haben und nicht ausreichend geschützt sind (Gesetzgeber oder private Vorsorge) ganz schnell in die Schuldenfalle trotz Niedrigzinsen kommen.
      Als Extrembeispiel stelle ich mir die Familie mit x Kindern vor, bei denen sich die Eltern scheiden, das Haus für 500 Tausend erst ganz am Anfang der Tilgung steht und der Besserverdiener dann noch arbeitsunfähig wird aber keine BU hat weil er sie sich nicht mehr leisten konnte.
      Aber so phantasievoll wie das gegannte Beispiel gibt es wahrscheinlich Tausend Gründe. Wichtiger fände ich es jetzt weiter zu schauen, woran es genau liegt. Schlechte Sicherungssysteme/zu schwaches Sozialsystem? Schlechte Finanzbildung usw....
    • Ein weiterer Faktor ist denke ich der Überblick. Nicht umsonst sagen Schuldnerberater als erstes "Kreditkarte weg", wenn jemand überschuldet ist. Dieser Effekt, Kosten von diesem Monat in den nächsten zu verschieben, ist hochgefährlich. Da hat man den Oktober gerade so mit einer schwarzen Null überstanden, ok, die Kreditkarte muss noch ausgeglichen werden, das macht man dann mit dem neuen Gehalt im November, aber eigentlich bezahlt man ja damit Kosten des Oktober mit dem November Budget. Und die Kosten des November mit dem Dezember Budget. Wenn dann mal ordentlich geshoppt wurde, muss man entweder an das Tagesgeldkonto oder hat ein Problem.

      Ein anderer Aspekt ist denke ich, dass die Verantwortung für einen Kredit letztlich beim Kunden liegt. Und dass es Leute gibt die sagen "wenn mir die Bank Kredit gibt, dann kann ichs mir wohl leisten". Ist aber ein Irrtum. Die Bank schützt niemanden, die Bank will ein Geschäft machen. Gerade auch die Konsumkredite bei MediaMarkt etc. sind für jemand ohne ein Gefühl für seine Möglichkeiten hochgefährlich. Eigentlich könnte man viele Konsumkredite schlicht verbieten. Täte der Überschuldung gut.
    • Manchmal Blauäugigkeit, manchmal aber auch schlicht und einfach Idiotie.

      Wie ich schon weiter oben einmal schrieb, gibt es sicher Leute wo das das Geld so knapp ist dass wirklich gar nichts geht. Und diese Leute sind wirklich nicht zu beneiden - und denen ist auch mit guten Ratschlägen wirklich wenig geholfen.

      Aber wenn ich manchmal an der Supermarktkasse sehe, dass ich für meinen Einkauf von Bio Gemüse, Milchprodukten für eine Woche weniger Geld hinlege als die Dame hinter mir, die halt noch zwei Big Packs auf den Berg an Fertiggerichten, Süßigkeiten und Snacks legt, dann habe ich halt auch keine weiteren Fragen...

      Das klingt jetzt sehr gehässig, und ist es vielleicht auch. Aber genauso, wie es wirklich arme Schlucker gibt, gibt es mit Sicherheit die ebenso große Gruppe der Unvernünftigen.