Negativzinsen

So viel zwackt die Bank von Deinem Geld ab

Hendrik Buhrs
Finanztip-Experte für Bank und Börse
01. September 2021
Das Wichtigste in Kürze
  • Immer mehr Banken berechnen einen Negativ- oder Strafzins auf die Guthaben ihrer Kunden.
  • Häufig werden -0,5 Prozent pro Jahr fällig, bei einzelnen Banken bis zu -1 Prozent.
  • Auch die Commerzbank, Deutsche Bank, DKB, ING, Comdirect und Postbank verlangen Negativzinsen, sowie viele Sparkassen und Volksbanken.
  • Bezahlen musst Du aber meist nur, wenn Du neu zu der Bank kommst oder dort hohe Summen hast. Der Zins für ein bestehendes Konto darf nicht ohne Weiteres unter null rutschen.
  • Es gibt je nach Bank einen Freibetrag, meist zwischen 25.000 und 100.000 Euro.
So gehst Du vor
  • Verlangt Deine Bank Negativzinsen von Dir, solltest Du Dein Geld zu einer anderen Bank bringen. Kannst Du längere Zeit auf einen Teil des Geldes verzichten, hilft Dir ein Wertpapierdepot.
  • Bei unseren Empfehlungen für Tagesgeld kannst Du sicher sein, dass Du keinen Negativzins zahlen musst. Die immer aktuellen Finanztip-Empfehlungen findest Du in unserem Rechner.

Zum Tagesgeldrechner

Eigentlich schien das Prinzip klar und unumstößlich: Man bringt Geld zur Bank und bekommt Zinsen dafür. Dieser Zins war vielleicht mal höher, mal niedriger – aber zumindest gab es ihn. Immer. Nun haben aber immer mehr Banken den Spieß umgedreht und einen Negativzins eingeführt. Das heißt: Die Banken kassieren vom Guthaben ihrer Kunden Zinsen.

Wieso gibt es überhaupt Negativzinsen?

Doch jetzt steht die Finanzwelt auch bei diesem Thema Kopf. Banken haben bereits Negativzinsen eingeführt oder überlegen zumindest, es zu tun. Damit wollen sie Kunden davon abhalten, größere Beträge anzulegen. Denn Banken selbst zahlen negative Zinsen, wenn sie wiederum Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) einlegen. Ab einer bestimmten Höhe -0,5 Prozent pro Jahr – und die geben sie mittlerweile an ihre Kunden weiter. Negativ ist der Einlagezins für Banken bereits seit 2014.

Als einen automatisch durchlaufenden Posten darf man sich den Negativzins aber trotzdem nicht vorstellen. Denn wie viel Strafzins Deine Bank wirklich zahlt oder ob sie unterm Strich weiterhin einen Zinsgewinn erzielt, kannst Du nicht ohne weiteres erkennen. Klar ist nur: Eine Bank will weder Verlust machen noch unnötig Kundschaft verlieren. Wir zeigen Dir in diesem Ratgeber, wie Du das Beste aus der Situation machen kannst.

Was Negativzinsen bedeuten, ist rechnerisch eine simple Sache. Ein positiver Zins von 1 Prozent macht im Laufe eines Jahres aus 100 Euro 101 Euro. Ein Negativzins von 1 Prozent hingegen lässt nur 99 von den 100 Euro übrig. In vielen Fällen geht es aber um viel höhere Kontostände als in diesem Beispiel.

Welche Banken verlangen Strafzinsen?

Schauen wir für ein Beispiel ins Preisverzeichnis der größten deutschen Direktbank, der ING. Darin stellt die Bank klar, dass derzeit ein Negativzins von -0,5 Prozent jährlich ("p. a.") für Girokonten und Tagesgeldkonten (genannt Extra-Konto) berechnet wird, die seit dem 4. November 2020 eröffnet wurden. Es gibt hier einen Freibetrag von 100.000 Euro, das bedeutet: Wer 100.001 Euro auf dem Konto hat, muss für den einen Euro oberhalb der Grenze den Negativzins zahlen.

Für Konten, die seit dem 6. Juli 2021 eröffnet wurden, sowie für Kunden, die einer Vereinbarung über Negativzinsen zugestimmt haben, sinkt der Freibetrag ab November 2021 auf 50.000 Euro.

Quelle: ING (Stand: 6. Juli 2021)

So ähnlich gehen mittlerweile sehr viele Banken und Sparkassen vor. Die Grenze für einen Negativzins setzen sie oft bei 50.000 oder 100.000 Euro. Die Postbank erlaubt bei neuen Tagesgeldkonten lediglich 25.000 Euro als Freibetrag.

Diese Banken erheben Negativzinsen (Auswahl)

Name der BankZinssatzFreibetrag
Comdirect-0,5 %50.000 €
Commerzbank-0,5 %50.000 €
Deutsche Bank-0,5 %100.000 €
DKB-0,5 %50.000 €

Hamburger

Sparkasse

-0,5 %50.000 €
HypoVereinsbank-0,5 %100.000 €
ING-0,5 %100.000 €1
N26-0,5 %50.000 €
Postbank (Giro)-0,5 %50.000 €

Postbank

(Tagesgeld)

-0,5 %25.000 €
Targobank

10 € bis

50 €/Monat2

50.000 €

Volksbank

Dresden-Bautzen

-0,5 %100.000 €

1 Ab November 2021 sinkt der Freibetrag auf 50.000 Euro. 
2 gestaffelt nach Einlagenhöhe
Quelle: Anbieter (Stand: 1. September 2021)
 

Seit 2019 gibt es auch Banken, die ab dem ersten Euro einen Minuszins verlangen, darunter die Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck in Bayern oder die Kreissparkasse Stendal in Sachsen-Anhalt. Vereinzelt verlangen Banken -0,6 Prozent, etwa die VR-Bank Erlangen-Höchstadt-Herzogenaurach (ab 20.000 Euro), oder sogar -1,0 Prozent wie die Merkur Bank (ab 100.000 Euro).

Die Banken gehen beim Thema Strafzins schrittweise vor. Direkt betroffen sind zunächst Neukunden, die ein frisches Konto einrichten und damit die geänderten Geschäftsbedingungen und Preisverzeichnisse der Bank akzeptieren. Aber auch immer mehr Bestandskunden werden von ihrer Bank angesprochen, insbesondere, wenn ihr Kontostand deutlich oberhalb der Freigrenze liegt. Sie sollen entweder eine Vereinbarung über Negativzinsen unterschreiben oder ihr Guthaben auf dem Konto reduzieren. 

Für Dezember 2020 ermittelte die Bundesbank erstmals einen negativen Durchschnittszins (-0,01 Prozent pro Jahr) für Spareinlagen, die in dem Monat neu abgeschlossen wurden. 

Die Skatbank in Thüringen hatte 2014 als erste deutsche Bank einen Minuszins von -0,25 Prozent pro Jahr eingeführt. Damals galt das noch als Kuriosität – auch, weil die negativen Zinsen nur für Anleger mit stolzen drei Millionen Euro auf Tagesgeld- oder Girokonten galten.

Ist ein Negativzins auf Tagesgeld erlaubt?

Auf die Frage, ob Negativzinsen auch auf Tagesgeld erlaubt sind, gibt es bislang keine eindeutige Antwort. Tagesgeld ist eine Anlageform mit veränderlichem Zinssatz, und Banken dürfen in eigenem Ermessen den Zins ändern. Das Landgericht Tübingen urteilte jedoch bereits im Januar 2018, dass Kunden mit Altverträgen nicht damit rechnen müssen, dass aus positiven oder „neutralen“ Zinsen bei einem laufenden Vertrag plötzlich Negativzinsen werden (Az. 4 O 187/17). Wer Tagesgeld anlegt, erwarte entweder eine „geringe oder im schlechtesten Fall gar keine Verzinsung“, aber keinen Negativzins, so die Richter. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hatte die Volksbank Reutlingen verklagt, die daraufhin ihren Preisaushang anpassen musste. Bis dahin hatte nach Angaben der Bank noch kein Privatkunde den Minuszins zahlen müssen.

Für Neuverträge hingegen können Banken durchaus Negativzinsen verlangen, erklärte das Landgericht Tübingen. Der Bundesgerichtshof, die höchste deutsche Gerichtsebene, hat sich noch nicht mit dem Thema Negativzinsen beschäftigt. 

Kontogebühren wirken ähnlich wie ein Negativzins

Eine Guthabenverzinsung auf dem Girokonto galt in der Vergangenheit eher als Ausnahme. Die meisten Banken haben in den letzten Jahren aber ihre monatlichen oder aktionsbezogenen Gebühren erhöht, manche von ihnen deutlich. Hohe Kon­to­füh­rungs­ge­bühren des Girokontos sind zwar keine Negativzinsen im eigentlichen Wortsinn. Faktisch führen sie aber dazu, dass das Guthaben kleiner wird.

Ein Beispiel: Wenn Du bei Deiner Bank pro Jahr 150 Euro Gebühren zahlst und einen durchschnittlichen Kontostand von 3.000 Euro hast, entspricht das rechnerisch einer Negativrendite von satten 5 Prozent. Der Preis ist zwar nicht das einzige Kriterium für die Auswahl eines Kontos. Weil Du dadurch aber viel Geld sparen kannst, zeigen wir Dir hier kostenlose und sehr günstige Girokonten

Vereinzelt berechnen Banken auch pauschale Gebühren für ein Tagesgeldkonto, etwa die Comdirect für das „Tagesgeld Plus“-Konto. Seit 2020 kannst Du dieses nicht mehr separat abschließen, ohne entweder ein Depot oder ein Girokonto bei der Comdirect zu führen. Hast Du aber ein einzelnes „Tagesgeld Plus“ aus der Zeit davor, kostet es nun monatlich 1,90 Euro – bei derzeit 0 Prozent Zinsen (Stand: 19. Februar 2021).

Die VR-Bank Niederschlesien in Görlitz berechnet für ihre Tagesgeldkonten monatlich mindestens 5 Euro Gebühren (Stand: 1. Februar 2021). Auch das hat dieselbe Wirkung wie ein Negativzins. 

Was ist mit dem Verrechnungskonto des Depots?

Es gibt es auch Online-Broker, die für das Verrechnungskonto zu einem Depot einen Minuszins erheben. Flatex beispielsweise tut das seit 2017. Vier der aktuellen Depotempfehlungen von Finanztip machen es ebenso: Comdirect und DKB berechnen -0,5 Prozent pro Jahr für Beträge oberhalb von 100.000 Euro. Die ING hat dieselbe Grenze und nimmt -0,4 Prozent. Smartbroker setzt die Schwelle bei einer „Cash-Quote“ von 15 Prozent an.

Das bedeutet: Wenn Dein Depotwert bei Smartbroker beispielsweise aktuell 8.500 Euro beträgt und auf Deinem Verrechnungskonto 1.502 Euro liegen, wäre die Cash-Quote 1.502 Euro / 10.002 Euro, also leicht oberhalb von 15 Prozent. Der Negativzins würde dann auf die 2 Euro anfallen (2,00 Euro * 0,005 = 0,01 Euro).

Wenn Du mit Aktien oder Fonds handelst, ist es sinnvoll, Dein Geld nur kurz auf dem Verrechnungskonto zu parken und entweder zügig neue Wertpapiere zu kaufen oder einen Verkaufserlös zu entnehmen. Zur Klarstellung: Auf den Wertpapierbestand im Depot wird kein Minuszins erhoben, sondern allenfalls auf das Verrechnungskonto.

Wie vermeidest Du Strafzinsen?

Es gibt einige Gründe, einen negativen Zins absurd oder ungerecht zu finden. Akzeptieren musst Du ihn jedenfalls nicht. Du kannst ihn vielmehr sehr leicht vermeiden. Und zwar so:

  • Überprüfe den aktuellen Zins für Dein Tagesgeldkonto auf der Internetseite Deiner Bank oder im Online-Banking.
  • Einen Überblick über die derzeit besten Tagesgeldkonten findest Du mit Hilfe unseres Rechners
  • Sehr hohe Beträge (über 100.000 Euro) solltest Du entweder auf mehrere Banken verteilen oder für einen Teil des Geldes andere Anlageformen in Betracht ziehen.
  • Falls Deine Bank ankündigt, dass sie Dir Negativzinsen oder „Verwahrentgelte“ berechnen will, macht sie Dir wahrscheinlich den Vorschlag, dies zu vermeiden, indem Du einen Teil des Geldes anders anlegst. Das kann eine gute Idee sein, abhängig von Deinen Sparzielen und Deinem Vermögen.
  • Finanztip empfiehlt eine Mischung aus Tagesgeld, Festgeld und günstigen Aktienfonds. Du musst diese Strategie nicht bei Deiner alten Bank umsetzen. Wertpapierdepots gibt es bei Direktbanken günstiger. 
  • Wenn Du mit dem Alternativvorschlag Deiner Bank nicht einverstanden bist oder keinen bekommen hast, such Dir ein neues Tagesgeldkonto.
  • Viel Geld abzuheben ist eher keine gute Alternative. Auch Bargeld verursacht Kosten, zum Beispiel für Schließfächer und eine Versicherung.
  • Ebenfalls keine gute Idee ist es, eine Mitteilung der Bank einfach zu ignorieren. Die Stadtsparkasse Düsseldorf hat im Frühjahr 2021 einzelnen wohlhabenden Kunden das Konto komplett gekündigt, nachdem sie mehrere Schreiben unbeantwortet gelassen hatten. So harsch gehen zwar nicht alle Banken vor, trotzdem solltest Du solchen Ärger nicht riskieren.

Den Zinseszins beim Sparen einfach berechnen

Warum zahlen die Banken selbst einen Negativzins?

Die EZB verwaltet für jede Einzelbank ein Konto. Banken können sich also aussuchen, ob sie ihr überschüssiges Geld dorthin bringen, es einer anderen Bank leihen, Privatleuten oder Unternehmen leihen oder als Bargeld im eigenen Geldspeicher lagern. Die Kreditvergabe an Unternehmen stagniert in mehreren Ländern der Eurozone. Untereinander vertrauen sich die Banken weniger als vor der Finanzkrise.

Die Verwahrung im Tresor ist für eine Bank ebenfalls kein profitabler Ausweg, denn auch sie hat eine negative Rendite. Es entstehen Kosten für den Transport und die sichere Verwahrung. Attraktiv ist das also auch nicht – im bayerischen Sparkassenverband wurde diese Idee aber dennoch bereits diskutiert.

Die Lagerung bei der Zentralbank ist die sicherste und für viele Banken auch die bequemste Lösung. Obwohl sie kostspielig ist: Die deutschen Banken haben im Jahr 2020 zusammengerechnet rund 2,7 Milliarden Euro an Einlagezinsen an die EZB gezahlt. Zugleich flossen durch Rabatte der Zentralbank rund 1,7 Milliarden wieder zurück zu den Banken. Unterm Strich blieb also eine Belastung von etwa 1 Milliarde Euro.

Weg ist dieses Geld natürlich nicht. Es landet später bei der Bundesbank und den anderen nationalen Zentralbanken der Eurozone. Und macht die Bundesbank einen Überschuss, fließt der in den Bundeshaushalt.

Der reale Negativzins – kommt öfter vor, fällt seltener auf

Der Minuszins hat einen unscheinbaren Bruder, der aber viel häufiger auftaucht – bei deutlich mehr Guthaben und Banken. Auf dem Papier oder dem Bildschirm wird Dir der sogenannte nominale Zins angegeben. Du musst dazu aber die Inflation oder Teuerungsrate beachten, die angibt, wie die Preise für Alltagsprodukte steigen. Nur dann erhältst Du den sogenannten Realzins. 

Für die Frage, wie sich der Wert des Geldes über die Zeit entwickelt, ist der Realzins die entscheidende Größe. Der Blick in die Statistik zeigt: Negative Realzinsen sind keineswegs neu. Es gab sie auch schon in manchen Jahren, die heute wie eine gute, alte Zeit des Sparens gelobt werden. Damals sah der Bankzins zwar gut aus, wurde aber von der Inflation aufgezehrt.

Ökonomen haben diesen Effekt der „Geldwertillusion“ im Labor nachgewiesen. Das menschliche Gehirn findet es nachweislich schöner, wenn es 5 Prozent Zinsen statt 0,5 Prozent gibt – selbst wenn in beiden Fällen die Inflation höher als der nominale Zins ist und man sich von seinem Geld genau die gleichen Produkte kaufen könnte.

Den Spieß umdrehen: Kredite zum Negativzins?

Bleibt noch die Frage, warum das Kassieren von Minuszinsen nur den Banken vorbehalten sein sollte. Schließlich ist auch die umgekehrte Situation denkbar: Kunden nehmen einen Kredit auf und müssen später eine kleinere Summe zurückzahlen. Solche Angebote gab es zuletzt von mehreren Unternehmen. 

Die Rahmenbedingungen machen die Sache allerdings eher zum Gag – und Du solltest besser nicht ohne Weiteres mitmachen. Für den Kreditbetrag gibt es meist eine Höchstgrenze von 1.000 Euro, die Rückzahlung muss teilweise über mehrere Monate oder sogar Jahre gestreckt werden. Obendrauf bekommt der Anbieter über die Bonitätsprüfung auch noch viele persönliche Daten, nicht zuletzt Einblick in die letzten Kontoauszüge.

Die staatliche Förderbank KfW gibt ebenfalls Kredite zu negativen Zinsen aus. Und ist in Sachen Gags wesentlich unverdächtiger. Sie reicht manche Immobilienkredite für einen negativen Zinssatz aus. Dabei müssen die Vorschriften zur Energieeffizienz beachtet werden. Oftmals ein guter Deal.

Video: Das Positive an Negativzinsen

Empfehlungen aus dem Ratgeber

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