Ich finde, wir sollten das Ehegattensplitting ernsthaft hinterfragen – und zwar aus zwei zentralen Gründen.
Erstens: Das Modell fördert die Ehe, aber nicht gezielt die Familie. Ob ein Paar Kinder hat oder nicht, spielt steuerlich überhaupt keine Rolle. Das halte ich für einen grundlegenden Konstruktionsfehler. Wenn der Staat unterstützen will, dann sollte er dort ansetzen, wo tatsächlich gesellschaftliche Verantwortung übernommen wird – nämlich bei Familien mit Kindern.
Zweitens: Das Ehegattensplitting setzt falsche Anreize bei der Arbeitsverteilung. Typisch ist das Modell „ein Partner Vollzeit, der andere Teilzeit“ – oft in der klassischen Konstellation 40 Stunden zu 20 Stunden. Steuerlich wird genau dieses Ungleichgewicht begünstigt. Eine gleichmäßigere Aufteilung, etwa 30/30, wäre hingegen sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich sinnvoller.
Was dabei häufig unterschätzt wird: die langfristigen Folgen für die Altersvorsorge. Wer über Jahre hinweg in Teilzeit arbeitet, sammelt deutlich geringere Rentenansprüche. Das wird oft erst spät sichtbar – etwa bei Trennungen oder im Rentenalter. Viele Frauen stehen dann vor erheblichen finanziellen Problemen, obwohl sie über Jahre hinweg familiäre Arbeit geleistet haben.
Gerade deshalb ist das Thema auch eine Frage der Gleichberechtigung. Ein Steuersystem sollte nicht indirekt traditionelle Rollenmodelle zementieren, sondern moderne, partnerschaftliche Lebensentwürfe unterstützen.
Für mich liegt die Konsequenz auf der Hand: Statt das Ehegattensplitting beizubehalten, sollten wir gezielt Familien fördern und gleichzeitig Anreize für eine fairere Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit schaffen.