Das steuerliche Kuckucksei: Warum der Generation ETF im Ruhestand das böse Erwachen droht
Die Politik predigt es gebetsmühlenartig: „Die gesetzliche Rente reicht nicht mehr, sorgt privat mit ETFs vor!“ Millionen junger Menschen folgen diesem Ruf und besparen Monat für Monat eisern ihr Depot. Doch was niemand ihnen sagt: Im deutschen Steuerrecht tickt eine bürokratische Zeitbombe, die exakt dann hochgeht, wenn diese Generation in den Ruhestand geht.
Das Problem trägt den unscheinbaren Namen FiFo-Prinzip ($First\ In\ –\ First\ Out$) und ist ein analoges Fossil aus der Aktenordner-Ära des letzten Jahrhunderts, das die private Altersvorsorge systematisch kannibalisiert.
Die drei steuerlichen Genickschüsse für die junge Generation
Wer 40 Jahre lang ein Depot bespart und im Alter einen Auszahlplan aktiviert, läuft blind in drei massive Messer:
1. Die Steuer-Keule schlägt am Anfang maximal zu
Weil bei FiFo die ältesten Anteile zuerst verkauft werden müssen, trifft es genau die Tranchen, die über 40 Jahre die höchsten Buchgewinne erzielt haben. Die Steuerlast ist zum Rentenbeginn künstlich auf dem absolut maximalen Niveau. Der Sparer wird dafür bestraft, dass er früh angefangen hat.
2. Der brutale Zinseszins-Frass
Musst du im Alter effektiv 1.000 € aus dem Depot entnehmen, zwingt dich FiFo wegen der hohen Erstgewinne dazu, Substanz im Wert von vielleicht 1.500 € zu liquidieren – weil 500 € sofort als Abgeltungsteuer ans Finanzamt fließen. Diese 500 € sind unwiederbringlich weg. Sie stehen dem Depot in der verbleibenden Ruhestandsphase nicht mehr zur Verfügung und können keinen Zinseszins mehr erwirtschaften (ein massiver Steuerstundungsschaden).
3. Das Damoklesschwert der „Ersatzbemessung“
Eine junge Erwerbsbiografie dauert 40 bis 45 Jahre. In dieser Zeit erleben Anleger Broker-Pleiten, Plattform-Wechsel, ETF-Fusionen und Banken-Migrationen. Reißt bei einem dieser unzähligen IT-Umzüge im Hintergrund auch nur ein einziger Datensatz der historischen Anschaffungskette, greift beim Verkauf gnadenlos die gesetzliche Notfall-Regel: die Ersatzbemessung. Die Bank schätzt den Gewinn dann einfach pauschal auf 30% des gesamten Verkaufserlöses und zieht darauf die Steuer ab – ein bürokratischer Willkürakt zulasten des Bürgers, der im Alter die jahrzehntealten Abrechnungen unmöglich händisch nachweisen kann.
Ein bürokratisches Nullsummenspiel: Der Staat schützt die Falschen
Das Absurde an diesem System ist, dass es seinen vermeintlichen Zweck – die lückenlose Besteuerung – komplett verfehlt:
- Die „Wirkmächtigen“ umschiffen das Gesetz: Vermögende Großanleger und Steuerexperten lachen über das FiFo-Prinzip. Mittels simpler, legaler Tricks wie dem Depot-Hopping (Verschieben von Anteilen auf Unterdepots) hebeln sie die FiFo-Reihenfolge nach Belieben aus und holen sich ihr eigenes „Cherry-Picking“ zurück.
- Die Zeche zahlt die Mittelschicht: Getroffen wird ausschließlich der brave Kleinanleger, der einfach nur automatisiert entsparen möchte und weder das Geld für Steuerberater noch die Zeit für strategisches Depot-Jonglieren hat.
Das IT-Monster: Wie der Staat die Banken knechtet
Anstatt dass Banken und FinTechs ihre knappen IT-Ressourcen in Innovationen und den Kundenservice stecken können, zwingt der Staat sie dazu, als unbezahlte Erfüllungsgehilfen des Fiskus zu agieren.
- Algorithmischer Irrsinn: Die IT-Infrastruktur deutscher Banken muss gigantische, jahrzehntealte Anschaffungsketten für Abermillionen Kleinsttranchen verwalten und durch Fusionswellen retten. Ein unfassbarer Operating- und Controlling-Aufwand für Null Nebennutzen.
- Die Lösung liegt beim Nachbarn: Österreich macht vor, wie es einfach, digital und rechtssicher geht: Dort gilt der gleitende Durchschnittskurs. Der gesamte historische Kaufpreis-Pool geteilt durch die Stückzahl ergibt einen einzigen Vortragssaldo. Fertig. Keine Ketten, kein Datenverlust bei Migrationen, eine absolut gleichmäßige und faire Steuerlast über die gesamte Entnahmephase.
Fazit: Zeit für das „Depot-D“
Wir brauchen eine radikale Kehrtwende, bevor die Generation ETF das Vertrauen in die private Altersvorsorge verliert. Die Lösung liegt auf dem Tisch: Ein harter Schnitt für die Zukunft (Depot-D wie Durchschnitt), bei dem Neugeschäft sofort unkompliziert berechnet wird, gepaart mit einem geordneten, softwaregestützten Sanierungsplan für die Alt-Bestände.
Es ist an der Zeit, dass Verbraucherschützer und die Politik dieses Problem endlich beim Namen nennen: FiFo bei privaten Altersvorsorge-Depots ist kein gerechtes Steuersystem, sondern ein volkswirtschaftlicher Sabotageakt an der jungen Generation.