Hallo zusammen,
ich habe versucht alles einzuarbeiten. Fehlt noch etwas? Was kann ich ändern/ergänzen?
Vielen Dank für die Rückmeldung.
Schreiben an Stiftung Finanztest:
Entwurf 2
Sehr geehrter Herr …,
vielen Dank für Ihre ausführliche und differenzierte Rückmeldung sowie die Zeit, die Sie sich für meine Anmerkungen genommen haben. Ihre Einordnung hilft, den Artikel und die Intention dahinter besser zu verstehen.
Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu, dass Sie Buy & Hold, breite Diversifikation und Rebalancing weiterhin als zentrale und bewährte Vorgehensweise darstellen und dass Absicherungsansätze klar als zusätzliche Überlegungen für bestimmte Selbstentscheider eingeordnet werden. Diese Differenzierung halte ich für wichtig.
Gleichzeitig möchte ich meinen Kernpunkt noch einmal präzisieren: Mein Unbehagen richtet sich weniger gegen die Existenz solcher Überlegungen an sich, sondern gegen das Risiko, dass deren praktische Umsetzbarkeit und ihr langfristiger Mehrwert von vielen Privatanlegern überschätzt werden könnten.
Aus meiner Sicht zeigen langfristige Auswertungen realer Anlegerergebnisse immer wieder mehrere wiederkehrende Aspekte:
Regelbasierte Ausstiegs- und Wiedereinstiegsüberlegungen reduzieren zwar einzelne Extremverluste, führen aber häufig zu einer strukturellen Renditeminderung, weil Phasen schneller Erholung nur teilweise oder gar nicht mitgenommen werden. Hinzu kommt, dass starke Erholungstage statistisch oft in zeitlicher Nähe zu deutlichen Markteinbrüchen auftreten und damit bei Ausstiegsüberlegungen systematisch gefährdet sind. Bereits das Verpassen weniger dieser Tage kann über Jahre zu einer signifikanten Underperformance gegenüber einem disziplinierten Buy-and-Hold-Ansatz führen.
Der größte Renditeunterschied entsteht in der Praxis weniger durch das zugrunde liegende Konzept als durch konsequentes Durchhalten. Je komplexer und eingriffsintensiver eine Vorgehensweise ist, desto höher ist die Gefahr von Abweichungen – gerade in Stressphasen.
Ein weiterer Punkt, der meines Erachtens stärker berücksichtigt werden sollte, sind steuerliche Effekte. Vorzeitige Verkäufe lösen regelmäßig Steuerzahlungen aus, die dem Zinseszinseffekt dauerhaft entzogen werden. Diese impliziten Kosten werden in vielen theoretischen Betrachtungen nicht ausreichend abgebildet, wirken sich in der Praxis jedoch spürbar auf die Nettorendite aus.
Darüber hinaus stellt sich die Frage der realistischen Umsetzbarkeit solcher Überlegungen bei größeren Depots. Wer bei einer definierten Schwelle sein gesamtes Aktienportfolio veräußert, muss das Kapital zwischenzeitlich parken – unter Berücksichtigung von Einlagensicherung, Produktwahl und Liquidität. Gleichzeitig lassen sich automatisierte Wiedereinstiege in der Praxis oft nur eingeschränkt oder gar nicht umsetzen. Auch hier besteht die Gefahr, dass Theorie und tatsächliches Anlegerverhalten auseinanderfallen.
Ihr Argument, dass Verluste mathematisch stärker wirken als einzelne gute Tage, ist selbstverständlich korrekt. In der praktischen Anwendung zeigt sich jedoch, dass viele Anleger auf sehr tiefe Einstiegsschwellen warten, die historisch selten erreicht werden. Wer auf einen erneuten massiven Einbruch spekuliert, verbringt unter Umständen lange Zeit außerhalb des Marktes und nimmt in dieser Phase weder Markterholungen noch laufende Renditen mit – bei gleichzeitigem Opportunitätsverlust durch niedrig verzinste Liquidität.
Besonders wichtig erscheint mir der psychologische Aspekt: Während Buy & Hold vor allem Disziplin beim Nicht-Handeln erfordert, verlangen solche Absicherungsüberlegungen wiederholte aktive Entscheidungen unter Unsicherheit. Auch wenn diese regelbasiert formuliert sind, bleibt der mentale Druck beim Wiedereinstieg erheblich – und genau hier scheitern aus meiner Beobachtung viele Privatanleger.
Ich finde es daher gut, dass Sie die Asset-Allokation klar an erste Stelle setzen. Mein Anliegen war vor allem, die Relation der verschiedenen Ansätze für die Leser einzuordnen: Als robuste Basis erscheint mir ein langfristiges, einfaches Portfolio mit angemessener Aktienquote und regelmäßigem Rebalancing weiterhin überlegen. Rebalancing verstehe ich dabei weniger als taktisches Timing, sondern als regelgebundene Wiederherstellung der ursprünglich gewählten Allokation.
Meine konkrete Anregung wäre daher, solche Ansätze nicht als eigenständige Anlagestrategie und nicht als sinnvolle Alternative zu Buy & Hold darzustellen, sondern ausdrücklich als theoretische Überlegungen einzuordnen. Aus meiner Sicht führen diese Überlegungen in vielen Fällen gerade zu der Erkenntnis, dass sich auf diesem Weg langfristig kein verlässlicher Vermögensaufbau erreichen lässt.
Vielen Dank nochmals für den offenen Austausch. Ich begrüße es sehr, dass Sie die Rückmeldungen der kommenden Jahre abwarten und das Thema weiter kritisch begleiten wollen.
Mit freundlichen Grüßen“
LG