Henning: Ich habe auch nicht gesagt, dass alle Verkäufer schlecht seien. Und ich behaupte auch nicht, dass Beratung und verantwortungsvoller Verkauf sich ausschließen.
Der Punkt ist ein anderer: gerade im Bereich von Versicherungen und Finanzanlagen haben wir es mit einer "unsichtbaren Dienstleistung" zu tun. Dem Privatverbraucher ist das ganze Feld oft ein "Buch mit sieben Siegeln". Das heißt, dass er vielfach noch nicht einmal seinen eigenen objektiven Bedarf kennt, geschweige denn, wie dieser Bedarf zu decken ist.
Das ist eine grundlegend andere Situation, als wenn es um den Kauf eines Autos oder einer Waschmaschine geht.
Bei Versicherungen und Finanzdienstleistungen ist der Normalbürger in erhöhtem Maße darauf angewiesen, dass ihn ein Fachmann objektiv in seinem Interesse (=im Interesse der Verbrauchers) berät.
Dieser Fachmann wird jedoch als Provisionsverkäufer in einen unlösbaren Interessenkonflikt getrieben.
Für die "bloße Beratung" bekommt er keine Vergütung. Bzw. bei angestellten Verkäufern bekommt der Arbeitgeber keine Vergütung. Also muss die Beratung abschlußorientiert sein. Es ist aus Sicht des verkäuferischen Beraters unzureichend nur zu beraten - und dem Verbraucher dann die Entscheidung zu überlassen. Er muss auf den Verbraucher einwirken, dass bei der Beratung auch "etwas herauskommt" - nämlich ein Verkaufsabschluss.
Das ist das Problem.
Das würde sich nur vermeiden lassen, wenn der Verbraucher die Beratungsleistung auch als solche anerkennen würde und bereit wäre, dafür zu bezahlen. Das sind halt die wenigsten Verbraucher.
Wir sehen es auch hier in diesem Forum. Lieber stellt man anonym zum Teil höchst persönliche und auch rechtlich ziemlich komplizierte Fragen an eine Gesamtheit von Usern, von denen man sich erhofft, dass einer schon eine vernünftige Antwort schreiben wird, als dass man zum Telefon greift und einen Steuerberater, Rechtsanwalt, Versicherungs- oder Rentenberater anruft. Die Schwellenangst vor der professionellen Beratung gegen Bezahlung ist sehr hoch.
Dann doch lieber zu dem freundlichen Bankberater oder Versicherungsmakler, der ja die scheinbar gleiche Dienstleistung für umsonst erbringt. Aber das ist eben nur scheinbar eine kostenfreie Beratung. Doch das erkennen die allerwenigsten Verbraucher.
Dann darf man sich nicht darüber wundern, dass viele Menschen unzureichend und teilweise falsch versichert sind und die falschen Finanzprodukte abgeschlossen haben. Das ist ein Folge des Systems.