Fass mal bitte in ca. 100 Sätzen zusammen.
Diese Veröffentlichung des Brandes Center fasst die wissenschaftliche Arbeit von Aizhan Anarkulova, Scott Cederburg und Michael O'Doherty („Beyond the Status Quo: A Critical Assessment of Lifecycle Investment Advice“) allgemeinverständlich zusammen. Die Autoren stellen eine der grundlegendsten Empfehlungen der Finanzwelt infrage: dass Anleger mit zunehmendem Alter schrittweise von Aktien in Anleihen umschichten sollten. Stattdessen argumentieren sie, dass eine lebenslange Aktienquote von 100 % (50 % Heimatmarkt, 50 % internationale Aktien) langfristig bessere und sogar sicherere Ergebnisse liefern kann.
Kernaussage
Die Autoren behaupten nicht einfach, dass Aktien höhere Renditen bringen – das ist bekannt. Ihre eigentliche These lautet:
ZitatÜber den gesamten Lebenszyklus betrachtet sind Anleihen oft riskanter als breit diversifizierte Aktienportfolios.
Das widerspricht praktisch allen klassischen Empfehlungen.
Nach ihren Berechnungen führt ein dauerhaftes Aktienportfolio zu:
- höherem Vermögen zum Renteneintritt
- höherem Einkommen im Ruhestand
- geringerer Wahrscheinlichkeit, dass das Geld im Alter ausgeht
- größerem vererbbaren Vermögen
Sie fordern deshalb sogar, die bisherige Anlageberatung und regulatorische Vorgaben (z. B. Target-Date-Fonds) zu überdenken.
Welches traditionelle Modell wird kritisiert?
Seit Jahrzehnten lautet die Standardempfehlung:
ZitatJe jünger man ist, desto mehr Aktien.
Mit zunehmendem Alter immer mehr Anleihen.
Diese Strategie findet sich praktisch überall:
- Finanzberater
- CFA-Lehrbücher
- Target-Date-Fonds
- große Rentenprogramme
- Bestseller von Dave Ramsey, Tony Robbins oder Suze Orman.
Gerade Target-Date-Fonds folgen einer sogenannten Glide Path:
Mit jedem Lebensjahr sinkt die Aktienquote automatisch zugunsten von Anleihen.
Warum ist das so wichtig?
Target-Date-Fonds sind inzwischen riesig.
Das Papier nennt Zahlen:
- 2014: rund 875 Milliarden US-Dollar
- Ende 2023: fast 3,5 Billionen US-Dollar
Etwa 83 % aller amerikanischen Altersvorsorgesparer besitzen Anteile an solchen Fonds.
Rund 60 % investieren ausschließlich über einen einzigen Target-Date-Fonds.
Mit anderen Worten:
Die klassische Aktien-Anleihen-Logik bestimmt inzwischen die Altersvorsorge von Millionen Menschen.
Was schlagen die Autoren stattdessen vor?
Ein extrem einfaches Portfolio:
- 50 % Aktien des Heimatlandes
- 50 % internationale Aktien
Keine Anleihen.
Keine schrittweise Umschichtung.
Keine Altersanpassung.
Dieses Portfolio soll vom Berufseinstieg bis zum Lebensende unverändert gehalten werden.
Warum sollen internationale Aktien wichtiger sein als Anleihen?
Das ist einer der spannendsten Punkte.
Die Autoren argumentieren:
Internationale Aktien erfüllen den Diversifikationseffekt besser als Staatsanleihen.
Begründung:
1. Währungsdiversifikation
Besitzt man Aktien in Euro, Yen oder anderen Währungen, profitiert man unter Umständen sogar von Wechselkursbewegungen.
Gerade bei hoher heimischer Inflation kann das schützen.
2. Inflation
Internationale Aktien zeigen langfristig nahezu keine systematische Beziehung zur heimischen Inflation.
Anleihen dagegen leiden massiv unter Inflation.
3. Langfristige Korrelation
Die Forscher fanden:
Wenn heimische Aktien über Jahrzehnte schlecht laufen,
laufen heimische Anleihen überraschend häufig ebenfalls schlecht.
Sie nennen sogar eine Zahl:
ZitatWenn Aktien über 30 Jahre real verlieren,
liegt die Wahrscheinlichkeit bei ungefähr 65 %, dass auch Anleihen inflationsbereinigt enttäuschen.
Damit verlieren Anleihen einen großen Teil ihres angeblichen Sicherheitsvorteils.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Die Studie unterscheidet sich stark von klassischen Monte-Carlo-Simulationen.
Datengrundlage
Die Forscher verwendeten:
- reale Aktienrenditen
- aus 38 entwickelten Ländern
- teilweise zurück bis 1890
Dadurch umfasst der Datensatz:
- Weltkriege
- Ölkrisen
- Hyperinflationen
- Depressionen
- Börsencrashs
- Inflationsphasen
- Deflationsphasen
und viele unterschiedliche Wirtschaftszyklen.
Kein IID-Modell
Normalerweise nehmen Simulationen an:
Jeder Börsenmonat ist statistisch unabhängig.
Die Autoren halten das für unrealistisch.
Stattdessen verwenden sie einen sogenannten Block-Bootstrap.
Das bedeutet:
Sie ziehen nicht einzelne Monate zufällig,
sondern ganze Zehnjahresblöcke.
Dadurch bleiben erhalten:
- Bärenmärkte
- Haussephasen
- Krisenserien
- hohe Volatilität
genau wie sie tatsächlich vorkamen.
Monte-Carlo-Simulation
Sie simulierten anschließend
1 Million Ehepaare.
Annahmen:
- Arbeitsbeginn mit 25
- Rente mit 65
- Sparquote 10 %
- unterschiedliche Einkommensverläufe
- Entnahme im Ruhestand nach der bekannten 4-%-Regel.
Welche Strategien wurden verglichen?
Insgesamt acht Strategien:
- Target-Date-Fonds
- 60/40 (Aktien/Anleihen)
- 30/30/40 (Heimat-/Auslandsaktien/Anleihen)
- Altersregel „120 minus Alter“
- Altersregel mit internationalen Aktien
- 100 % Geldmarkt
- 100 % heimische Aktien
- 50 % heimische Aktien + 50 % internationale Aktien.
Ergebnisse
1. Höchstes Vermögen
Die beiden reinen Aktienstrategien lieferten die höchsten Vermögen.
Dabei war die Kombination
50 % Heimat + 50 % international
noch robuster als reine Heimataktien.
2. Höchste Einkommensersatzquote
Auch beim Einkommen im Ruhestand schnitten die beiden Aktienstrategien am besten ab.
Das bedeutet:
Man kann einen größeren Teil seines früheren Arbeitseinkommens weiter finanzieren.
3. Niedrigste Pleitewahrscheinlichkeit
Besonders überraschend:
Die Wahrscheinlichkeit,
im Ruhestand vollständig pleitezugehen,
war am niedrigsten
beim Portfolio
50 % Heimataktien / 50 % internationale Aktien.
Sie lag laut Autoren ungefähr bei 8 %.
Ein klassischer Target-Date-Fonds hatte ungefähr die doppelte Wahrscheinlichkeit.
Die höchste Pleitewahrscheinlichkeit zeigte sogar die vermeintlich sicherste Anlage:
100 % Geldmarkt (Bills).
Aber gibt es keinen Nachteil?
Doch.
Und die Autoren verschweigen ihn ausdrücklich nicht.
Ein reines Aktienportfolio hat:
- stärkere Kurseinbrüche
- größere Schwankungen
- längere Verlustphasen
Gerade während des Ruhestands können diese psychologisch belastend sein.
Warum funktioniert die Strategie trotzdem?
Weil langfristig höhere Renditen wichtiger seien als kurzfristige Stabilität.
Die Autoren argumentieren:
Anleger brauchen ihr Geld oft noch 20 bis 35 Jahre nach Renteneintritt.
In dieser Zeit muss das Vermögen weiter wachsen.
Anleihen liefern dafür oft zu geringe reale Renditen.
Die größte Gefahr
Die Strategie funktioniert nur, wenn Anleger durchhalten.
Wenn jemand
- im Crash verkauft
- auf Anleihen umschichtet
- in Panik handelt,
brechen die langfristigen Vorteile zusammen.
Das betonen die Autoren mehrfach.
Sind wirklich 100 % Aktien nötig?
Interessanterweise relativieren die Autoren selbst ihre Aussage.
Sie sagen sinngemäß:
Wenn jemand weiß,
dass er große Börsenverluste psychologisch nicht aushält,
dann seien 80 % Aktien und 20 % Anleihen oder 90 % Aktien und 10 % Anleihen sinnvoller als ein späterer Panikverkauf.
Mit anderen Worten:
Das optimale Portfolio ist dasjenige,
das der Anleger auch in schweren Krisen tatsächlich durchhält.
Warum genau 50/50 Heimat- und Auslandsaktien?
Die Forscher erklären:
Mathematisch wäre sogar ungefähr
- 33 % Heimatmarkt
- 67 % internationale Aktien
noch etwas besser gewesen.
Sie empfehlen dennoch 50/50,
weil diese Aufteilung einfach zu verstehen und praktisch umzusetzen ist.
Schlussfolgerung der Autoren
Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die heute weit verbreitete Empfehlung, mit zunehmendem Alter systematisch von Aktien in Anleihen umzuschichten, auf Basis ihrer historischen Analysen nicht optimal ist. Sie plädieren stattdessen für ein dauerhaftes, breit diversifiziertes Aktienportfolio (50 % Heimatmarkt, 50 % internationale Aktien), das in ihren Simulationen höhere Vermögen, bessere Einkommensersatzquoten und eine geringere Wahrscheinlichkeit des Vermögensverzehrs im Ruhestand erzielte. Gleichzeitig betonen sie, dass diese Strategie mit deutlich stärkeren Kursschwankungen verbunden ist und nur für Anleger geeignet ist, die solche Phasen ohne Panikverkäufe durchstehen können.
Einordnung
Die Studie ist wissenschaftlich interessant und stellt etablierte Empfehlungen infrage. Sie beweist jedoch nicht, dass ein 100-%-Aktienportfolio künftig zwangsläufig überlegen sein wird. Ihre Ergebnisse beruhen auf historischen Daten und Simulationsannahmen (z. B. Sparquote, 4-%-Entnahmeregel, Verhalten der Anleger). Zudem richtet sich die Empfehlung an langfristig orientierte Investoren mit hoher Risikotoleranz – die Autoren selbst räumen ein, dass für viele Menschen ein kleiner Anleiheanteil sinnvoll sein kann, wenn er hilft, in Börsenkrisen investiert zu bleiben.