Sonntag, 12. Juli 2026
Guten Morgen MadBlade,
zunächst einmal finde ich es sehr vernünftig, dass Du hier im Forum nachfragst. Du bekommst hier keine Hochglanzprospekte und in der Regel auch keine Ratschläge aus Eigeninteresse, sondern die Erfahrungen von Menschen, die selbst seit vielen Jahren ihr Geld an der Börse anlegen – mit allen Erfolgen, Fehlern und schlaflosen Nächten, die dazugehören.
Deshalb auch von mir ein paar Gedanken
Ich bin seit rund 40 Jahren an der Börse aktiv, inzwischen über 80, war früher Unternehmer und bin heute Privatier. In den vergangenen 20 Jahren habe ich einen großen Teil meines Vermögens verkauft: meine Firma, vermietete Immobilien und manches andere. Für einen Schwaben ist allein das Verkaufen von Immobilien schon beinahe eine seelische Prüfung. Das frei gewordene Geld habe ich überwiegend in dividendenstarke Aktien investiert.
Mein Gedanke war damals recht einfach:
Eine Dividende ist ein wenig wie eine Miete. Sie kommt regelmäßig, bei guten Unternehmen häufig mit steigender Tendenz, und die Steuer erledigt die Bank gleich mit. Was will man mehr?
Mit der Zeit wurde für mich die tägliche Wertentwicklung der Anlage immer unwichtiger. Ob eine Immobilie oder eine Aktie heute zehn Prozent mehr oder weniger wert ist, interessiert einen deutlich weniger, wenn man von den laufenden Erträgen gut leben kann. Die Kursentwicklung ist inzwischen eher für meine Erben wichtig als für mich.
Allerdings habe ich im Laufe der Jahre auch festgestellt, dass Einzelaktien mehr Arbeit machen, als man zunächst denkt.
Die Unternehmen und ihre Kurse entwickeln sich extrem unterschiedlich. Einige meiner Aktien haben sich vervielfacht, manche sogar verzehnfacht. Andere dümpelten jahrelang vor sich hin – und da ist selbst eine ordentliche Dividende irgendwann nur noch ein schwacher Trost.
Deshalb habe ich mich in den letzten Jahren entschlossen, meine Einzelaktien nach und nach zu verkaufen. Das war nicht ganz billig: Die dabei angefallenen Steuern lagen bei mir im oberen sechsstelligen Bereich.
Trotzdem habe ich mich von fast allem getrennt – sogar von meiner geliebten Procter & Gamble, die ich rund 40 Jahre gehalten hatte, und von meinen noch geliebteren McDonald’s-Aktien, die sich etwa verzehnfacht hatten.
Auch Allianz mit ihrer schönen Dividende, SAP als deutsches Technologie-Schwergewicht und schwierigere Kandidaten wie Novo Nordisk, Nike oder Nestlé mussten gehen.
Stattdessen habe ich verschiedene ausschüttende ETFs gekauft.
Je nach Fonds lag die anfängliche Ausschüttungsrendite ungefähr zwischen zwei und dre Prozent. Durch steigende Ausschüttungen liege ich bei manchen Positionen auf meinen ursprünglichen Kaufpreis gerechnet inzwischen bei 4 bis 5 Prozent. Auch die Kurse sind nebenbei gestiegen. Das nehme ich natürlich gerne mit, aber es beschäftigt mich nicht mehr besonders.
Der große Vorteil für mich:
Ich muss nichts mehr umschichten, keine Quartalsberichte lesen und nicht überlegen, ob ein einzelnes Unternehmen gerade den Anschluss verliert. Das erledigt der Fonds. Plötzlich habe ich deutlich mehr Zeit für andere Dinge im Leben – und manchmal vergesse ich sogar, die Börsenkurse anzuschauen.
Selbst hier im Forum bin ich inzwischen seltener unterwegs.
Meine Geldanlage ist sehr komfortabel geworden, aber eben auch ein wenig langweilig. Für jemanden, der 40 Jahre lang beinahe täglich an der Börse aktiv war, ist das eine Umstellung. Heute sage ich: Langweilig kann bei der Geldanlage ein großes Kompliment sein.
Ohne Dich näher zu kennen – Dein Alter, Deine Familie, Deinen Beruf, Deine finanzielle Situation und Deine Ziele – kann und möchte ich Dir keinen konkreten Rat geben.
Ein junger Mensch mit jahrzehntelangem Anlagehorizont braucht möglicherweise eine andere Lösung als jemand, der bald von seinem Vermögen leben möchte.
Mein väterlicher Rat als alter Börsenhase wäre deshalb:
Lass Dich zu nichts drängen. Ein Erbe muss nicht innerhalb weniger Tage „optimiert“ werden. Schau Dir in Ruhe an, was Du geerbt hast, welche Steuern möglicherweise eine Rolle spielen und welche Anlage wirklich zu Deinem Leben passt.
Du musst nicht jede geerbte Aktie behalten, nur weil der Erblasser sie einmal gut fand. Du musst aber auch nicht alles sofort verkaufen, nur um möglichst schnell Ordnung zu schaffen.
Die beste Geldanlage ist nicht unbedingt die spannendste oder die mit der höchsten theoretischen Rendite. Es ist diejenige, mit der Du auch in unruhigen Zeiten ruhig schlafen kannst.
Ich bin mit meiner Entscheidung für ausschüttende ETFs auch nach mehreren Jahren noch jeden Tag zufrieden.
Spannung und Erlebnisse suche ich heute lieber auf anderen Gebieten – nicht mehr an der Börse.
Eine ruhige Hand und eine gute Entscheidung wünscht Dir
McProfit – ein alter Schwabe aus Stuttgart