Du weichst schon wieder zum bequemsten Strohmann aus. Niemand fordert linkssozialistische Planwirtschaft. Dieses Gespenst holst du nur hervor, weil du auf soziale Demokratie keine gute Antwort hast. Es geht nicht um Gleichmacherei, nicht um Staatsvergötterung und nicht um „alle bekommen dasselbe“. Es geht darum, dass Macht kontrolliert werden muss. Und private Marktmacht ist nicht harmloser, nur weil sie keine Behörde ist. Sie ist oft gefährlicher, weil sie sich demokratischer Kontrolle weitgehend entzieht.
Dein Misstrauen gegenüber dem Staat ist selektiv. Politiker, Beamte und Behörden hältst du für anfällig für Eigennutz, Macht und Lobbyismus. Geschenkt. Aber ausgerechnet Unternehmen, Vermögende, Immobilienfonds, Monopole und Kapitalmärkte sollen dann plötzlich bessere, gerechtere Ergebnisse produzieren? Ernsthaft? Der Staat ist wenigstens an Verfassung, Gesetze, Gerichte, Gewaltenteilung, Wahlen, parlamentarische Kontrolle und öffentliche Rechtfertigung gebunden. Kapital ist das nicht. Kapital muss sich nicht rechtfertigen, es muss Rendite bringen. Unternehmen sind nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern ihren Eigentümern. Genau deshalb brauchen wir demokratische Kontrolle. Nicht, weil der Staat heilig ist, sondern weil unkontrollierte Macht immer nach oben füttert und nach unten frisst.
Und dieses ewige „erst muss erwirtschaftet werden, was verteilt wird“ ist kein Argument, sondern eine Binsenweisheit. Natürlich muss Wohlstand erwirtschaftet werden, niemand bestreitet das. Die eigentliche Frage ist, wer ihn erwirtschaftet, wer ihn besitzt, wer ihn abschöpft und wer am Ende mit der Rechnung dasteht. Wohlstand entsteht nicht allein durch Eigentümer, Aktionäre oder Unternehmermut. Er entsteht durch Arbeit, Bildung, Infrastruktur, öffentliche Forschung, Gerichte, Sicherheit, Gesundheitssystem, Straßen, Stromnetze, Verwaltung und Millionen Menschen, die jeden Tag ihre Lebenszeit verkaufen. Ohne diese öffentliche und gesellschaftliche Vorleistung gäbe es auch die glänzende Privatwirtschaft nicht, die du hier so romantisierst.
Außerdem wird längst verteilt. Immer. Jeden Tag. Nur nennst du es nicht Verteilung, wenn Geld nach oben fließt. Löhne sind Verteilung. Gewinne sind Verteilung. Mieten sind Verteilung. Zinsen sind Verteilung. Dividenden sind Verteilung. Erbschaften sind Verteilung. Bodenwertsteigerungen sind Verteilung. Wenn Arbeit hoch belastet wird und Besitz geschont bleibt, ist das auch Umverteilung, nur eben nach oben. Sobald man ein paar Brösel zurückholt, schreist du „weg mit mehr Staat“. Wenn nach oben durchgereicht wird, nennst du es Markt.
Normale Menschen werden nicht mit goldenen Kellen aus dem Leistungstopf gefüttert. Sie zahlen hohe Abgaben auf Arbeit, hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten und sollen zusätzlich privat vorsorgen, weil angeblich für alles kein Geld da ist. Gleichzeitig bleiben große Vermögen, Erbschaften, Immobiliengewinne und Kapitalerträge politisch auffällig gut geschützt. Das ist keine neutrale Marktwirtschaft. Das ist Klassenpolitik zugunsten derer, die bereits besitzen.
Auch dein Gerede von gleichen Chancen ist ne leere Phrase, solange du die Startlinien ignorierst. Wer Vermögen erbt, Eigentum besitzt, gute Bildung kaufen kann, in sicheren Wohnlagen lebt und Kapitalerträge kassiert, startet nicht im selben Rennen wie jemand, der mit Miete, Niedriglohn, unsicherem Job und hoher Abgabenlast kämpfen muss. Ohne Umverteilung sind „gleiche Chancen“ nur ein hübsches Statement ohne Substanz.
Und ja, linke Politik scheitert manchmal am Menschen. Aber der Markt scheitert ebenfalls am Menschen, nur brutaler und mit weniger Kontrolle. Gier, Eigennutz, Lobbyismus und Machtmissbrauch verschwinden nicht, sobald man sie privatisiert. Dann heißen sie nur Effizienz, Rendite, Standortpolitik oder unternehmerische Freiheit. Genau deshalb ist dein Menschenbild kein Argument gegen soziale Demokratie, sondern ein Argument für sie.
Der Unterschied zwischen uns ist daher nicht, dass du Freiheit willst und ich Staat. Der Unterschied ist, dass du private Macht willst und sie als Freiheit verkaufst. Ich sehe Macht auch dann als Problem, wenn sie im Konzern, im Immobilienfonds, im Erbvermögen oder am Kapitalmarkt sitzt. Ein demokratischer Staat ist nicht automatisch gerecht. Aber er ist korrigierbar, kontrollierbar und abwählbar. Private Vermögensmacht ist das nicht. Deshalb geht es nicht um mehr Staat um des Staates willen, sondern um einen Staat, der endlich aufhört, Arbeit zu bestrafen und Besitz zu schonen. Wer das nicht sehen will, verteidigt nicht Freiheit, er verteidigt Privilegien und predigt die Ungleichheit.