Leider ist es bei Anleihe ETF mit dem Aussitzen nicht so einfach wie bei Anleihen, die man sich ins Depot geholt hat und dann einfach abwartet, bis es die 100 zurück gibt.
Das sehe ich etwas anders. Hätte er vor 3 Jahren eine Anleihe mit 7 Jahren Restlaufzeit erworben, würde er in 4 Jahren halt hundert zurück erhalten, hätte dann aber dann auf die gesamten Jahre, also auch auf die verbleibenden 4 Jahre nur die ursprüngliche und damit geringe Rendite erzielt. Stand heute wäre er ebenso im Minus. In 4 Jahren müsste er dann in eine neue Anleihe gehen, deren Umlaufrendite heute nicht bekannt ist. Außerdem ist das der gleiche emotionale Fehler, wie die Betrachtung der persönlichen Dividendenrendite. Es zählt immer das aktuelle Vermögen bzw der aktuelle Wert und die hierauf in die Zukunft gerichtete Anlagestrategie. Und jetzt hätte er halt noch eine Anleihe mit 4 Jahren Restlaufzeit und entsprechendem Kurs.
Im ETF nimmt er ab sofort die neuen Zinsen mit und hält die Duration konstant. Wenn der Fonds die Anleihen rollt, kauft er ja auch die neuen dann zu den dann gültigen Kursen, also in diesem Fall halt auch günstiger bzw. mit neuer Umlaufrendite.
Eine einzelne Anleihe ist aus meiner Sicht nur dann vorteilhaft, wenn ich zu einem konkreten Zeitpunkt einen genau definierten Nominalbetrag erreichen muss. In diesem Fall wäre diese Gewissheit dann mit niedrigeren, als aktuell gültigen Zinsen erkauft gewesen. Wenn man aber mittel- oder langfristig die Anleiherenditen vereinnahmen möchte sind Anleihe-Fonds bzw ETF ein passendes Vehikel. Unsicherer sind die dann nicht.
Ich persönlich glaube, dass dieses "Hauptsache 100% zurück erhalten" eine Scheinsicherheit ist. Ich weiß zwar, dass ich 100 zurück erhalte, aber dafür lasse ich dann ggfls. Rendite liegen und habe Opportunitätskosten. Auch ist ja garnicht klar, zu welchem Kurs und mit welchem Kupon die Anleihen erworben wurden. Vor 3 Jahren handelte eine Bundesanleihe mit 5% Kupon und 7 Jahren Restlaufzeit bei ca. 135%.
Nehmen wir an Du hättest 2020 eine 10 jährige Bundesanleihe zur Emission zu 100 gekauft. Kupon war 0. Dann bekommst Du 2030 deine 100 zurück. Dann hast Du zwar die versprochene Rendite von 0% auf 10 Jahre bekommen, aber was hast Du davon? Defacto stehst Du heute bei ca. 10% Verlust und einer Rendite in den kommenden ca. 5 Jahren von ca. 2% p.a.
Dieses Fixieren auf die 100 ist meiner Meinung nach wenig konstruktiv.
Das Aussitzen sollte daher mit einer Einzelanleihe genau das selbe sein, wie mit einem ETF. Im vorliegenden Fall ist es hakt die Duration, die das etwas erschwert (und das Wechselkursrisiko).
Die 100 (die auch nicht unbedingt der Kaufkurs sein müssen) bringen einem rein garnichts, wenn man am Ende dann die Rückzahlung wieder investieren muss/möchte.
Die Frage, die sich dem TE lediglich stellen sollte, ist die, ob er auf diese Weise in den Weltanleihemarkt investieren will. Wenn ja, wäre es zyklisch und grotesk das Ding jetzt, wo es besser verzinst ist, rauszuhauen. Ein Aggregate Bond unterliegt einer gewissen Vola. Wenn man das nicht will bleibt nur Geldmarkt oder sehr kurzfristige Staatsanleihen. Die künftige Wertentwicklung steht aber auch da in den Sternen. Sie wird jedoch geringer sein, als bei Aggregate Bonds. Ob das der eigenen Definition von "Sicherheit" gerecht wird (nominal und real) kann nur jeder für sich beurteilen. Sowohl die Zinsentwicklun, wie auch die Inflation bleiben ungewiss und ein Vermögensendwert zu einem definierten Zeitpunkt ist weder real, noch nominal verlässlich zu prognostizieren.
Aktuell ist die Zinsstrukturkurve noch recht "anormal" und Laufzeiten werden nicht besonders gut prämiert. Dennoch liegt die Umlaufrendite des Aggregate Bond ca. 1% und damit ca. 38% über dem der kurzlaufenden Bundesanleihen. Natürlich kann man sich auf der Anleihenseite in Market Timing und Zinsspekulationen üben, aber ob das zuverlässig klappt? Prognosefrei wäre es den Markt zu kaufen und laufen zu lassen, also einen Aggregate Bond ETF zu halten/kaufen. Wer keine Schwankungen im Anleihe-/Nominalteil des Portfolios ertragen will, für den ist das natürlich nichts. Dann muss man aber auch mit weniger Rendite rechnen.
Das Einzelanleihen (im Falle des Aggregate Bond auch Unternehmensanleihen!) "sicherer" sind, dem widerspreche ich. Unternehmensanleihen gehören gestreut, finde ich. Und bei Einzelanleihen habe ich eine fortlaufende Durationsänderung und damit auch eine Veränderung des Risikos.
Ich finde es merkwürdig, dass hier bezüglich Aktien immer argumentiert wird, dass man den Markt weder schlagen noch timen kann, bei Anleihen aber davon ausgegangen wird, dass man das schon könnte.