Oft wird argumentiert ein Vanguard FTSE All-World High Dividend ist ein schlechter ETF als ein normaler Welt ETF da weniger diversifiziert und geringere Gessmtrendite. Das ist ja auch unstrittig wenn man die Charts vergleicht. Dafür ist aber der High Dividend schwankungsärmer. Und da muss ich mich fragen ob dieser nicht eine bessere Rolle ein nimmt im Portfolio als beispielsweise Unternehmensanleihen.
Du investierst im Kern halt damit einfach auch in andere Unternehmen: Wirtschaftskulturell bedingt gibt es in Europa und insb. Deutschland eher eine Dividenden-Kultur als im Silicon Valley. Es sind die großen traditionellen Unternehmen wie Energieversorger, Versicherungen, Automobil, etc., die traditionell hohe Dividenten ausschütten. Die "neueren" Tech-Unternehmen wie Meta, Alphabet, Amazon und co. reinvestieren traditionell sehr stark und schütten wenig bis gar nichts aus. Beides ist möglich, aber einfach kulturell anders gehandhabt. Was du dann mit deinem High-Dividend-ETF eben an Auswahl hast, ist tendenziell eine Auswahl der eher "traditionellen", ggf. auch älteren und eher europäischen Unternehmen. Das kann, wie von dir geschrieben schlechter laufen (war in den letzten 5 Jahren so), es kann bei einem Platzen der nächsten Tech-Blase aber auch besser laufen. Es ist im Kern eben eine Auswahl von bestimmten Unternehmen eben nur nach diesem einen Kriterium, das aber eben zu einer relativ spezifischen Auswahl (nach Wirtschaftssektoren, Unternehmensalter, Region) führt...
Gerd Kommer, William Bernstein und Prof. Walz sind eher im Team "kurzlaufende deutsche Staatsanleihen" (Geldmarktfonds). Prof. Malkiel, Prof. Ellis und John Bogle (der echte nicht ich 😅) eher im Team "aggregate bond etf". Insbesondere den Vanguard total bond Index (Unternehmens und Staatsanleihen unterschiedlicher Laufzeiten) Was in etwa oder schon sehr nahe den Vanguard global aggregate bond entspricht.
Deswegen komme ich zu keiner Lösung da ich beide Seiten verstehe.
Da würde ich glaube ich vor allem das Währungs- bzw. Wechselkursrisiko bei betrachten. Die Ausfallsicherheit ist da je nach Zusammensetzung vergleichbar. Aber für dein Gesamtportfolio dürfte es einen erheblichen Unterschied machen, ob der Teil faktisch in USD läuft oder in EUR...
Prof. French wurde gefragt nach dem perfekten Portfolio. Seine Antwort war dass man grundsätzlich erst einmal mit einem Weltportfolio starten soll als Ausgangspunkt und dieses nach seinem Bedürfnissen anpassen soll. Zu einem Weltportfolio gehören grundsätzlich alle Vermögenswerte oder solche die man als Vermögenswerte definiert. Deswegen ist er der Meinung gehören somit neben Gold und Silber auch alle Anleihen (Staatsanleihen EM und DM und Unternehmensanleihen EM und DM mit allen Laufzeiten).
Witzig fande ich jedoch seine Aussage zu Gold: Auch wenn es in ein Weltportfolio gehört wüsste er nicht wie das einen schützen sollte wenn der schreckliche Fall eintreten sollte und der Dollar nichts mehr zählt.
Naja, wenn USD deine funktionale Währung ist, hast du ein Problem, wenn die nichts mehr wert ist. Der Punkt bei Gold ist ja gerade die Annahme, dass man es auch zukünftig in so ziemlich alle anderen Arten von Währungen wird umtauschen können und dass es trotz Schwankungen immer noch einen erheblichen Restwert bieten sollte...
Was ich mich bei den ganzen Überlegungen zu Anleihen im Portfolio viel mehr frage, ist die Rolle des "Entsparens" im Fall der Ausschüttungsentnahme. Wenn die Aktien-ETF z.B. durchschnittlich 5% Kursrendite bringen und 2% Ausschüttungsrendite, wäre ich guter Dinge, dass das Depot (Bestandswert) zumindest einen Inflationsausgleich erfährt. Trotz Schwankungen sollten auch die Dividenden über die Jahre steigen und einen entsprechenden Inflationsausgleich bieten. Bei Anleihen allerdings ist der Kurs im Grunde genommen doch ein Nullsummenspiel: Auf ganz lange Laufzeiten betrachtet gleichen sich Veränderungen des Zinsniveaus aus, sodass als Nettorendite eben nur der Kupon der Anleihen bleibt.
Habt ihr euch mal die Charts der Anleihe-ETF ohne (!) Ausschhüttungen angeschaut und versucht euch vorzustellen, wie der Verlauf ohne die Verwerfungen des Leitzins in den letzten Jahren verlaufen wäre? Im Grunde wird bei einer Entnahmestrategie so ein Ding doppelt entspart: Der Wert des ETFs (wie gesagt theoretisch betrachtet auf lange Sicht nominal konstant) verliert durch die Inflation real permanent an Wert. Die Ausschüttung selbst ist auch nicht inflationsgesichert, sondern entspricht eben dem, was man für die Anleihen im entsprechenden Laufzeitband bekommt. In der Folge wird der Wert des Anleihe-ETF und der Wert der Ausschüttungen immer geringer...
Ich überlege daher für ein reines Entnahmekonzept ab Rentenbeginn, den Anleihe-Anteil nochmal auf 40% oder sogar 50% hochzuschrauben, sodass dieser dann in realten Werten über z.B. 20 Jahre Rentenbezugsdauer bei ausschließlicher Entnahme der Ausschüttungen sozusagen abschmilzt. Und man dann a) rechnerisch z.B. ein 80/20 Portfolio aus Aktien und Anleihen der nächsten Generation überlassen sollte und b) durch den höheren Anleihe-Anteil gerade am Anfang einen kontinuierlicheren Cash-Flow aus den Gesamtausschüttungen haben sollte.
Dazu fehlen mir aber die Modelle, Überlegungen bzw. Modellierungen. Also zum Beispiel zur Frage, mit welchem Anleihe-Anteil man historisch gesehen z.B. die Ausschüttungen wie stark glättet, würde mich interessieren. Wie sich hierbei dann z.B. ein EUR-Staatsanleihe-ETF oder eben ein EM-ETF auswirken würden (und zwar auf die Gesamtrendite und auch auf die Ausschüttungen). Über die wechselseitigen Kurs-Schwankungen von Aktien und Anleihen und deren Kompensationswirkungen ist unendlich viel geschrieben worden. Über die Wechselwirkung der Ausschüttungsarten (Dividendenausschüttungen vs. Kuponausschüttungen) im Fall von reinen Ausschüttungsstrategien finde ich zumindest deutlich weniger...