Wäre ich Personaler, wäre meine erste Frage beim Lesen deiner Bewerbung: "Warum ist diese hochqualifizierte Führungskraft gekündigt worden?" Die genaueren Umstände der Beendigung deines Arbeitsverhältnisses hast du hier nicht erläutert. Aber soweit ich mich erinnern kann, ist es in Deutschland schwierig, einen Mitarbeiter loszuwerden. Da deine Abteilung ja nach deinen Worten noch existiert, dürfte es wohl keine betriebsbedingte Kündigung sein. Empfänger von Bewerbungen stellen aber in der Regel keine Fragen. Kommt denen etwas komisch vor, heißt es: "Im Zweifel gegen den Bewerber." und deine Bewerbung landet im Ausgangsordner. Eine Begründung für die Absage wirst du praktisch nie erfahren, da sich das Unternehmen nicht angreifbar machen will.
Natürlich wird es im fortgeschrittenen Alter im schwieriger, einen adäquaten Job zu finden. Und wenn es Absage auf Absage hagelt, kann das einem schwer die Laune verderben. Aber ich glaube, wenn du sagst, das passiert alles nur, weil du schon älter als 59 bist, machst du es dir zu einfach. Es kann eben viele andere Gründe geben, warum du Absagen bekommst. Vielleicht hast du zu lange (25+ Jahre?) in einem Konzern gearbeitet und man hält dich nicht für geeignet, dich den Strukturen des stellenausschreibenden Unternehmens anzupassen. Oder deine Gehaltsvorstellung passt nicht. Oder jemand gefällt einfach dein Bewerbungsfoto nicht. Das wirst du aber meist nie erfahren.
Du schreibst, dass du dir finanziell keine Sorgen machen musst, aber trotzdem noch nicht in den Ruhestand gehen willst. Vielleicht wäre es ja eine Option, wenn du dich als Berater selbständig machen würdest.
Hi sam51 , ich weiß nicht, wie alt Du bist, oder was Du bisher an Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt gemacht hast. Vorweg: ich kenne die Verhältnisse in vielen Ländern dieser Erde und bin sehr froh, dass wir in Deutschland einen sehr guten Schutz für Arbeitnehmer haben. Das sieht -um mal einen Extremfall zu nennen - in USA; wo meine bisherige Firma ihren Hauptsitz hat, ganz anders aus.
Und nein, die Aussage, man könne über eine betriebsbedingte Kündingung ohne Anlass einen Mitarbeiter nicht loswerden, ist nicht richtig. In der Firma, über die ich spreche, hat es seit deren Bestehen in Europa (mehr als 30 Jahre) keinen einzigen regulären Eintritt in die Rente gegeben (bei heute ca. 800 MA), die allermeisten wurden in etwa nach 25 Jahren Betriebsgehörigkeit gekündigt, die allermeisten hatten zu diesem Zeitpunkt relativ hohe Gehälter. Vorgehen ist immer die gleiche: es wird betriebsbedingt gekündigt, wissend, dass dies einer Kündigungsschutzklage vor Gericht nicht standhalten wird. Aus diesem Grund zeitgleich eine Abfindungsvereinbarung hinterher geschoben, die teilweise sehr attraktiv ist. Damit "kauft" die Firma dem ehemaligen Mitarbeiter quasi seine Stelle ab. Du kannst dann zwar dagegen klagen (habe ich tatsächlich getan), aber wer will schon bei einer Firma weiterarbeiten, wo man genau weiß, dass diese einen nicht mehr behalten will, die alle Möglichkeiten hat, einem das (Berufs-)leben zur Hölle zu machen. Ich frage mich zwar, ob sich das wirklich lohnt (bei mir lag die Abfindung größenordnungsmäßig etwa bei einer viertel Million), aber sie tut es eben (für die Abfindungen gibt es ein Extra-Budget...
Die Frage, warum ich gehen musste und nicht der Kollege, der heute meine Position übernommen hat, kann viele Gründe haben. Einer könnte sein, dass die von den Shareholdern gewünschten Wachstumsraten von 20 % pro Jahr früher erreicht wurden, heute seit nun ca. 5 Jahren nicht mehr (unter anderem wegen dem Rückgang des Automobilmarkts). Um am Aktienmarkt in dieser Situation bestehen zu können, fühlt man sich gezwungen, Sparmaßnahmen zu proklamieren und diese auch umzusetzen...am Personal zu sparen (bei teuren Mitarbeitern) ist eine sehr einfache Methode.
Ein weiterer möglicher Grund, den ich aber auch erst jetzt kürzlich verstanden habe ist, dass jüngere, unerfahrenere Chefs (ich habe so einen vor ca. 2 Jahren vor die Nase gesetzt bekommen), haben häufig Schwierigkeiten mit sehr erfahrenen Mitarbeitern, die sich sehr gut im Unternehmen und im Business auskennen...es gibt Charaktere, die meinen, solche Mitarbeiter würden ihre Kompetenzen beschneiden und sie schlechter aussehen lassen. Wenig seniorig, wie ich finde: als Manager sollte es das Ziel sein, sein Team scheinen zu lassen, nicht sich selbst. Ich kam in den letzten 2 Jahren mit vielen Verbesserungsvorschlägen, basierend auf meiner Kenntnis von Firma und Kunden, möglicherweise war dies einer der Gründe für meinen Rausschmiss.
Dass so eine Entscheidung für die Firma nicht immer eine glückliche Entscheidung ist, habe ich hinterher, bis heute, gesehen. Noch als ich bekannt gegeben habe, dass ich die Firma verlassen werde, habe ich vom ersten Mitarbeiter eine Nachricht per Teams erhalten, dass ich ihm mitteilen sollte, was meine nächste Station sei, er würde definitiv mitgehen. Er sollte nicht der letzte mit dieser Anfrage gewesen sein. Zwei weitere Kollegen bilden sich aktuell massiv weiter, um baldmöglichst den Absprung zu einer anderen Tätigkeit finden zu können. Von einem weiteren Kollegen habe ich die Aussage erhalten, er habe festgestellt, dass seine Loyalität nicht gegenüber der Firma bestehe, sondern gegenüber seinem Team und mir als seinem ehemaligem Chef...das geht natürlich runter wie Öl, zeigt mir, dass ich in meinem Umgang mit Menschen wohl sehr viel richtig gemacht habe, macht mich aber auch unendlich traurig, wenn ich daran denke, welch ein tolles Team ich da zurück gelassen habe.
sam51, das war jetzt ein sehr langer Text mit der Beschreibung meines spezifischen Falls. Ziel war es, Dir zu erklären, wie so etwas "in Wirklichkeit" abläuft, wie die Vorgehensweise, das Mindset von international arbeitenden amerikanischen Firmen ist. Wenn ich den USA bei meiner Ex-Firma angestellt gewesen wäre, wäre mir exakt das gleiche passiert, allerdings wäre ich dann von einem Tag auf den anderen Tag mit meinem 7 Sachen auf der Straße gestanden und nicht mit einer bezahlten und freigestellten Kündigungszeit von 7 Monaten und einer doch erheblichen Abfindung. Erfahrene Personaler, die diese Vorgehensweise von börsennotierten Firmen kennen, sollten dies wissen und von daher meine Kündigung entsprechend einstufen können.