Das kann nicht mit hinreichender Sicherheit funktionieren. Der Markt kann, nachdem er 20% abgeschmiert ist, jederzeit wieder ins Positive drehen.
Das ist richtiger Quatsch und reine Spekulation.
Ich stimme Dir selten zu, aber hier dann doch.
Und dass der Markt genau das kann und auch tut, wurde die letzten Jahre mit den Dips bei Beginn des Ukrainekriegs und den Trump-Zöllen deutlich. Noch deutlicher beim Corona-Crash!
Wer diese Strategie gefahren wäre, hätte im Corona-Crash alles verkauft und würde bis heute immer noch auf den Wiedereinstieg warten.
Praktisches Beispiel:
- Der Anleger hat den FTSE All World von Vanguard als Thesaurierer bespart (diesen hier, Link:https://extraetf.com/de/etf-profile/IE00BK5BQT80 ).
- Im Depot hat er im Februar 2020 insgesamt 2.452 Anteile zu je 81,55 EUR liegen, sein Depotvolumen liegt damit bei ungefähr 200.000 EUR.
- Jetzt kommt im März 2020 der Corona-Crash - es geht schlagartig nach unten! Sobald die Kurse 65,24 EUR erreichen (minus 20%!) verkauft der Anleger alles gemäß der Finanztest-"Strategie".
- Er verteilt die 200.000 EUR Erlös (abzüglich Steuern, sofern er mit Gewinn verkauft hat) auf zwei Tagesgeldkonten (alternativ einen Geldmarktfonds).
- Jetzt muss er nur noch warten, bis die Kurse bei 40,78 EUR (minus 50%!) liegen, um laut "Strategie" im Crash wieder günstig einsteigen zu können. Total simpel!
Das Problem an der Sache? Bis heute, fast sechs Jahre später, sind die Kurse nicht wieder so tief gefallen. Sie sind in den fünf Jahren danach, bis Februar 2025, auf fast 140 EUR gestiegen. Selbst nach dem Trump-Zoll-Dip im letzten Frühjahr ging es nur auf ca. 113 EUR runter.
Würde der Anleger, der nach der Finanztest-"Strategie" ausgestiegen ist, jetzt wieder einsteigen wollen, bekäme er für seine 200.000 EUR (Steuer außen vor) beim aktuellen Kurs von 146,77 EUR gerade mal 1.363 Anteile. Hätte er die ursprünglichen 2.452 Anteile einfach gehalten und nicht verkauft, hätte er jetzt knapp 360.000 EUR im Depot.
Jetzt kann man natürlich sagen, kein Wunder, er soll ja auch nicht JETZT wieder einsteigen, sondern erst im Crash, wenn die Kurse bei minus 50% bezogen auf den Höchstkurs vor dem Ausstieg liegen. Das Problem ist nur: Bezogen auf den aktuellen Kurs von 146,77 EUR wäre ein Absturz auf 40,78 EUR ein Absturz um 72%. Kann das passieren? Theoretisch ja, aber zumindest beim MSCI World ist es noch nie passiert (der tiefste Drawdown war bei minus 55,7%, Quelle: MSCI World: historical performance from 1978 to 2025). Also wie wahrscheinlich ist es, dass es zu einem Drawdown von 72,2% überhaupt jemals kommt? Und dass das innerhalb des Anlagezeitraums dieses Anlegers passiert?
Und wie wahrscheinlich ist es, dass (und hier kommt auch wieder die psychologische Komponente ins Spiel) der Anleger diese "Strategie" über Jahre und Jahrzehnte durchhält, das Geld zur Seite legt, auf dem Tagesgeldkonto oder in einem Geldmarktfonds, es nicht für andere Dinge verwendet, aber auch nicht wieder einsteigt, dabei aber trotzdem ständig den Markt beobachtet (man will ja die minus 50% nicht verpassen) und immer weiter steigende Kurse beobachtet, die ihm immer mehr weglaufen, während sein Geld bei Zinsen um die 2% rumdümpelt?
Ich frage mich wirklich, was sich diese Zeitschrift bei diesem Artikel gedacht hat. Es ist ja schön, dass das in den letzten 40 Jahren in irgendeinem Anlagezeitraum das (vor Steuer und Gebühren!) rechnerisch beste Ergebnis gebracht hätte, aber bezogen auf die letzten 10 Jahre (und die meisten, die in ETFs anlegen, dürften in diesem Zeitraum angefangen haben) wäre es Harakiri gewesen.