Altersvorsorge als Arzt / Spätstart / KFW-Kredit Rückzahlung

  • Moin,

    Ich bin 35 Jahre alt, seit Dezember 2024 Arzt und seit April 2025 ärztlich tätig in der Weiterbildung. Durch das Erlangen der Approbation bin ich Pflichtmitglied im Versorgungswerk der Ärztekammer und seit Start der Weiterbildung zahle ich keine Beiträge mehr in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Ich habe allerdings mehrere Jahre eingezahlt als Azubi, als Physiotherapeut und als studentischer Pflegehelfer.

    Netto Monatseinkommen beträgt im ersten Jahr 3233€/Monat ohne Dienste. Ab März werden dann zusätzlich Dienste ausgezahlt. So komme ich inkl. einer Nebentätigkeit wahrscheinlich auf 4200€/Monat Netto ab April.

    Verbindlichkeiten:

    34.000€ Restschuld KFW-Studienkredit aktuell 5,96% p.a. verzinst, monatliche Rate 600€

    7.000€ aus Umschuldung, 2% p.a. verzinst, monatliche Rate 100€, Privatkredit

    5.000€, 0% p.a. verzinst, Privatkredit (Eltern)

    Monatliche Fixkosten:

    ca. 2.300€, darin enthalten unter anderem:

    1.000 Beitrag für Gemeinschaftskonto mit meiner Freundin, Abdeckung des gemeinsamen Lebens

    500€ Rate für Aufbau Notgroschen, aktuell Geldmarkt-ETF (mir ist bewusst, dass ein Tagesgeldkonto über Raisin eventuell "besser" wäre) (aktueller Stand: 3000€)

    100€ ETF-Rate MSCI World (aktueller Stand: 3400€)

    600€ Kreditrate KFW

    100€ Kreditrate Privatkredit

    100€ Kreditrate Elternkredit


    Versicherungen:

    - Berufshaftpflicht

    - BU

    - Krankentagegeld

    - Anwartschaft Barmenia PKV

    - Zahnzusatzversicherung


    Ziele:

    - So schnell wie möglich Notgroschen aufbauen

    - Kapital für Fortbildungen schaffen, um eigenständig in Weiterbildung zu investieren

    - KFW-Kredit so schnell wie möglich abbezahlen


    Fragen:

    - Wie unterscheidet sich der Aufbau Altersvorsorge als Arzt von anderen Berufsgruppen? Gibt es Vorteile, die ich zusätzlich nutzen kann?
    - Wie berechne ich als Arzt meine Rentenlücke? Ich bekomme jährlich eine Aufstellung meiner Rentenanwartschaft durch das Versorgungswerk.

    - Sollte ich mich freiwillig höher versichern beim Versorgungswerk oder die "Extrakohle" selbst zusätzlich in die ETF-Rate stecken?

    - Sollte ich mir meine bisher eingezahlten Rentenbeiträge zurückholen?

    - Was sollte ich eurer Meinung nach umstellen, um optimal meine Ziele im Blick zu behalten und zu erfüllen?


    Vielen Dank für Eure Mühen und ich bin sehr gespannt auf eure Antworten!

    ASKiel

  • Kater.Ka 10. Januar 2026 um 22:37

    Hat das Thema freigeschaltet.
  • Vermutlich musst Du Dir als Arzt wenig Sorgen um die Sicherheit Deines Arbeitsplatzes machen. Lediglich BU bzw. Krankheit könnten zum Problem werden. Ist die BU hoch genug bzw. kannst Du sie auf eine gute Höhe bringen?

    Den Notgroschen würde ich solange knapp kalkulieren, wie der KFW Kredit noch nicht abgezahlt ist. Du bekommst vielleicht 2 % auf Geldmarkt und zahlst zugleich 5,9 %. Ein besseres Geschäft kannst Du kaum machen, als davon schnell runter zu kommen.

    Geld für die eigene Weiterbildung kann Sinn machen, das kannst Du selbst besser beurteilen als jemand von außen.

    Bei den Versicherungen fehlt mir die Haftpflichtversicherung, aber vielleicht nur vergessen aufzulisten. Ist ein absolutes Muss. Vermutlich geht das mit der Partnerin gemeinsam - wäre evtl. zu klären.

    Bevor die Schulden nicht weg sind, hast Du kein Geld für eine zusätzliche Altersvorsorge übrig. Wie gut die Ärzteversorgung am Ende sein wird, ist alles andere als sicher. Gerade Du als Späteinsteiger und mit zumindest noch übersichtlichem Gehalt wirst nicht die höchsten Auszahlungen bekommen später. Zudem haben die Versorgungskammern teils erhebliche Probleme, weil sie keine nennenswerten Realrenditen erwirtschaften. Es gibt einige Kassen, bei denen die Rentensteigerungen der letzten Jahre sich auf der Nulllinie bewegen. Bei den Zahnärzten in Berlin ist vermutlich mit Kürzungen zu rechnen. Ich würde in so einer Situation nicht ausschließlich auf die Versorgungskammer setzen sondern nur das zwingend nötige einzahlen. Ob es eine teilweise Wahlmöglichkeit mit der Rentenversicherung gibt, hängt von der Versorgungskasse ab. Nimm Dir Zeit, Dich da schlau zu machen.

    Davon abgesehen, werden die nächsten Jahre von Schuldentilgung geprägt sein. Erst danach kannst Du mit einem ETF Depot ein zusätzliches Standbein aufbauen.

  • - Wie unterscheidet sich der Aufbau Altersvorsorge als Arzt von anderen Berufsgruppen? Gibt es Vorteile, die ich zusätzlich nutzen kann?

    Wenn ich mir gerade Berlin/Brandenburg ansehe, gibt es wohl auch Nachteile.

    - Wie berechne ich als Arzt meine Rentenlücke? Ich bekomme jährlich eine Aufstellung meiner Rentenanwartschaft durch das Versorgungswerk.

    Genauso (weing) wie andere in Deinem Alter, auch wenn Finanztip das anders sieht. Wie willst Du mit 35 Deine Zukunft planan, falls die Planung nicht schon abgeschlossen ist (Kinder, eingetragene Partnerschaft, Immobilie oder nicht, Arbeitsplatz, willst Du "nur" Dich oder in großen Teilen auch Deine Partnerin absichern usw.).

    Aber wenn Dir schon ein Betrag einfällt, den Du im Alter zum Leben benötigen könntest, dann dürfte das, abzüglich der Prognose des Versorgungswerkes, Deine Rentenlücke sein. Sowas "kleines" wie die vermutlich steigenden PKV/PPV Beiträge dabei nicht vergessen.

    - Sollte ich mich freiwillig höher versichern beim Versorgungswerk oder die "Extrakohle" selbst zusätzlich in die ETF-Rate stecken?

    Die "alte" Frage für jeden. Willst Du Sicherheit, willst Du Flexibilität, kannst Du mit der Flexibilität umgehen? Bleibt das Geld im ETF auch beim "dringenden" Wunsch der Partnerin nach einer Immobilie, im Versorgungswerk ist es dort gebunden, selbst wenn daran die Beziehung zerbricht.

    Sparst Du privat genauso zielstrebig wie beim "Zwangssparen" in das Versorgungswerk. Der Beitrag dort dürfte automatisch durch den AG abgeführt werden oder mind. dürfte es kein monatlich spontan frei wählbarer Zusatzbetrag sein?

    - Was sollte ich eurer Meinung nach umstellen, um optimal meine Ziele im Blick zu behalten und zu erfüllen?

    Den teuren KFW-Kredit schnellsmöglich abbezahlen, falls möglich.

    Das wäre mir persönlich sogar wichitger wie den Notgroschen zu erhöhen. Aber nur Du weisst, wozu Du den Notgroschen in welcher Höhe ggf. nutzen musst.

  • Hallo.

    Wenn Du die allgemeine Wartezeit (60 Kalendermonate) erfüllt hast, dann kannst Du die Beitragserstattung vergessen.

    Idealerweise buchst Du vor Ende April einen Beratungstermin bei der Deutschen Rentenversicherung, damit würdest Du Dir sämtliche Optionen offen halten.

    Die Geschäftsberichte Deines Versorgungswerkes und die Rentenanpassungen der letzten Jahre sollten einen Hinweis darauf geben können, wie stabil der Laden ist.

  • Ich bin 35 Jahre alt, seit Dezember 2024 Arzt und seit April 2025 ärztlich tätig in der Weiterbildung. Durch das Erlangen der Approbation bin ich Pflichtmitglied im Versorgungswerk der Ärztekammer. Seit Start der Weiterbildung zahle ich keine Beiträge mehr in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Ich habe allerdings mehrere Jahre eingezahlt als Azubi, als Physiotherapeut und als studentischer Pflegehelfer.

    Hast Du die 60 Monate voll? Wenn ja, ok, wenn nein, freiwillige Beiträge erwägen.

    Du bist aktuell gesetzlich versichert, wenn Du das Dein Lebtag lang bleibst, bist Du im Ruhstand nach aktueller Rechtslage pflichtversichert, was den Vorteil hat, daß Kapitalerträge beitragsfrei sind und Betriebsrenten günstiger verbeitragt werden. Dafür mußt Du eine langjährige Versicherung in der GKV vorweisen (die berühmten 90% der 2. Hälfte des Berufslebens und eine gesetzliche Rente, egal wie klein). Deswegen: Gesetzliche Rente festhalten oder sichern.

    Rein rechnerisch ist das Tilgen von Schulden eine steuerfreie, sichere Geldanlage mit dem Darlehenszins. Wenn Du den KfW-Kredit schneller tilgen kannst, ist das rechnerisch besser als ein Tagesgeldkonto. Allerdings hat ein Tagesgeldkonto eine andere Funktion: Es gibt Dir eine Liquiditätsreserve für Unwägbares. Geht die berühmte Waschmaschine plötzlich kaputt, ist es günstiger, Du kannst sie vom Tagesgeldkonto zahlen als vom Dispo. In solcher Lage bist Du dann ganz froh, wenn Du einen Notgroschen hast, obwohl es teurer ist, den Notgroschen aufzubauen, als den KfW-Kredit zurückzuzahlen.

    Kleiner Tip: Leg Dir eine echte Kreditkarte zu, wenn Du noch keine hast. Gibts an vielen Stellen kostenlos. Mal angenommen, die Kreditfirma gibt Dir 1 Monatsgehalt Finanzrahmen (also etwa 3000 oder 4000 €), verlängert dies Deine Liquidität um etwa 8 Wochen. Beachte genau die Bedingungen! Die könnten sein, daß Du die Monatsrechnung binnen 6 Wochen bezahlt haben mußt. Solange kostet es keine Zinsen. Wenn Du die Zeit allerdings überziehst, werden Zinsen berechnet, neben denen Dispozinsen wie ein lindes Lüftchen erscheinen. Das können 25% sein.

    Du kannst diesen Rahmen für diese Zeit also als zinslosen Dispo nutzen, wenn Du das mußt (Allerdings: Wenn Du den Rahmen ausnutzt, kannst Du mit der Karte nicht mehr bezahlen!). Du nimmst die 3000 € (oder so) in Anspruch. 3 Wochen später kommt die Rechnung. Die darfst Du z.B. 6 Wochen später noch zinslos bezahlen. So lange wartest Du und hast dann wieder Geld verdient oder bezahlst die Rechnung dann vom Dispo (zu z.B. 10%). So hast Du die Dispobeanspruchung etliche Wochen hinausgeschoben.

    Achtung: Bitte den Dispo nicht als Finanzierungsinstrument nutzen! Dazu ist er zu teuer.


    Wo hast Du den Geldmarktfonds? Was zahlst Du dort an Transaktionskosten?

    Man kann einen Geldmarktfonds als Tagesgeldkonto nutzen, habe ich längere Zeit auch gemacht. Aber: Geldmarktfonds kaufen und verkaufen mag Spesen kosten. Schon Discountbroker sind dafür meines Erachtens zu teuer. Wenn Du das machst, solltest Du (und sei es nur für den Geldmarktfonds) ein Depot bei einem Neobroker haben.

    Versicherungen:

    - Berufshaftpflicht
    - BU
    - Krankentagegeld
    - Anwartschaft Barmenia PKV
    - Zahnzusatzversicherung

    Eine Privathaftpflicht ist billig und ein absolutes Muß. Eine Berufshaftpflichtversicherung für einen Assistenzarzt ist meiner Erinnerung nach nur unwesentlich teurer als eine Privathaftpflichtversicherung. Wenn das immer noch so ist, ist der Posten ok. Sollte sie deutlich teurer geworden sein, frag mal in Deiner Klinik, ob die eine Haftpflichtversicherung für alle angestellten Ärzte abgeschlossen hat.

    Was zahlst Du für die Krankentagegeldversicherung?

    Ziele:

    - So schnell wie möglich Notgroschen aufbauen
    - Kapital für Fortbildungen schaffen, um eigenständig in Weiterbildung zu investieren
    - KFW-Kredit so schnell wie möglich abbezahlen

    Zum Notgroschen habe ich oben schon was geschrieben. Für mich hätte das nicht die höchste Priorität. Ein Monatsgehalt hast Du schon auf der Seite, ein zweites kann Du mit der oben beschriebenen Methode über eine Kreditkarte simulieren, Deine Partnerin ist auch noch da (und zur Not kannst Du Deine Eltern anpumpen).

    Der KfW-Kredit kostet um die 6%, ein Dispo kostet um die 10% - das ist nicht so entscheidend mehr.

    Ich würde meine Sparbemühungen auf den KfW-Kredit konzentrieren.

    Mit den Diensten verdienst Du bald mehr Geld, dann ist Dein finanzielles Hemd insgesamt etwas weiter.

    Fortbildungen können teuer sein, damit zieht eine Branche gutverdienenden Ärzten das Geld aus der Tasche. Schau Dir an, was so eine Fortbildung überhaupt bringt! Erstmal heißt Deine Fortbildung Klinik und Arbeit.

    Fragen:

    - Wie unterscheidet sich der Aufbau Altersvorsorge als Arzt von anderen Berufsgruppen? Gibt es Vorteile, die ich zusätzlich nutzen kann?

    Du bist Zwangsmitglied im Altersversorgungswerk Deiner Kammer. Insoweit hast Du keine Alternative. Das war mal eine rein kapitalgedeckte Altersversorgung, von der viele Leute unberechtigterweise schwärmen. Im 20. Jahrhundert waren die Anleihenzinsen hoch, die Renten der Altersversorgungswerke bei gleichen Beiträgen deutlich höher als bei der gesetzlichen Rente. Das hat sich bereits gedreht, wird sich bei Dir noch mehr drehen. Die meisten Versorgungswerke schwenken gerade von der Kapitaldeckung auf ein Umlageverfahren um (also das Verfahren, das bei der gesetzlichen Rente so sehr verteufelt wird). Allerdings: Die gesetzliche Rente bekommt ein Drittel ihres Budgets aus Steuermitteln, Dein Altersversorgungswerk bekommt nichts. Das macht schon einen erheblichen Unterschied.

    Zahl Deinen Beitrag, mach Dir erstmal keine weiteren Gedanken. Du hast noch andere Baustellen.

    - Wie berechne ich als Arzt meine Rentenlücke? Ich bekomme jährlich eine Aufstellung meiner Rentenanwartschaft durch das Versorgungswerk.

    Du berechnest da im Moment überhaupt nichts. Schau, daß Du Deine Schulden abbaust. Wenn das erledigt ist, sieht man weiter.

    Du hast oben eine ganz vernünftige Finanzplanung vorgelegt. Wenn ich Dir jetzt sagen würde: Du mußt noch 500 € extra "fürs Alter" sparen - wo würdest Du die denn hernehmen?

    - Sollte ich mich freiwillig höher versichern beim Versorgungswerk oder die "Extrakohle" selbst zusätzlich in die ETF-Rate stecken?

    Zweiteres. Oder den KfW-Kredit schneller tilgen, wenn das geht.

    Kein zusätzliches Geld ins Versorgungswerk!

    - Sollte ich mir meine bisher eingezahlten Rentenbeiträge zurückholen?

    Nein, siehe oben.

    - Was sollte ich eurer Meinung nach umstellen, um optimal meine Ziele im Blick zu behalten und zu erfüllen?

    Schau erstmal, daß Du finanziell auf die Beine kommst. Du hast Deine Verhältnisse ja im Blick. Mag sein, daß Du Dich schon in einem halben Jahr soweit konsolidiert hast, daß Du nachsteuern kannst. Man sollte die Finanzen im Blick haben (hast Du!), aber sich damit nicht verrückt machen.

    :)

  • Allerdings: Die gesetzliche Rente bekommt ein Drittel ihres Budgets aus Steuermitteln, Dein Altersversorgungswerk bekommt nichts. Das macht schon einen erheblichen Unterschied.

    Der Staatszuschuss dient lediglich zur Deckung der Versicherungsfremden Leistungen wie Mütterrente etc. und bringt keinem normalen Versicherten eine höhere Rente. Im Gegenteil, der Staatszuschuss ist nicht ausreichend um die Versicherungsfremden Leistungen zu decken.