Flassbeck: „USA brauchen stetigen Strom an internationalem Kapital“ – Unsinn vom Handelsblatt

  • Vielleicht kann mir jemand hier diesen einen Satz in Flassbeck's Artikel erklären?

    Zitat

    „Derzeit liegt die Sparquote der privaten Haushalte der USA bei etwa 4 Prozent des BIP. Die amerikanischen Unternehmen weisen ebenfalls eine positive Sparquote auf, die zwar schwankt, aber in den vergangenen Jahren etwa bei einem Prozent des BIP gelegen hat. Hinzu kommt das Leistungsbilanzdefizit der USA, das nichts anderes bedeutet, als dass auch das Ausland „für die USA“ spart bzw. den USA – in der Größenordnung von mindestens 3 Prozent des BIP – Nachfrage wegnimmt. Summa summarum sind wir bei 8 Prozent des BIP (oder mehr als zwei Billionen US-Dollar), die in jedem Jahr an Nachfrage in der größten Volkswirtschaft der Welt fehlen.

    Wieso spart dass Ausland "für die USA", wenn die USA ein Leistungsbilanzdefizit hätten?
    (Ich schreibe extra "hätten", weil bereits festgestellt wurde, dass Warenströme ohne Einbeziehung von Dienstleistungen ein unvollständiges Bild ergeben.)

  • Wieso spart dass Ausland "für die USA", wenn die USA ein Leistungsbilanzdefizit hätten?

    Das Ausland „spart für die USA“, weil es reale Güter an die USA liefert, selbst darauf verzichtet sie zu konsumieren und stattdessen finanzielle Forderungen hält, was aus Sicht der USA fehlende Nachfrage bedeutet.

  • Das Ausland „spart für die USA“, weil es reale Güter an die USA liefert, selbst darauf verzichtet sie zu konsumieren und stattdessen finanzielle Forderungen hält, was aus Sicht der USA fehlende Nachfrage bedeutet.

    D.h. es ist egal, wer das Geld "hortet"? Ob im Inland oder im Ausland? Weil am Ende eigentlich der Dollar-Emittent die Forderung erfüllen müsste? D.h. es ist egal, ob China mit Dollarreserven europäische Firmen aufkauft. Der Empfänger der Dollar wird sie entweder letztendlich selbst in den USA einlösen müssen - oder jemand an dem er die Dollar wiederum weitergereicht hat?

  • Vielleicht kann mir jemand hier diesen einen Satz in Flassbeck's Artikel erklären?

    Warum schreibst du nicht Herrn Flassbeck an?

    Hast du wahrgenommen, dass in mehreren Beiträgen oben auf die Komplexität und fehlende Grundlagen hingewiesen wurde? Deine Erwartungen, diese durch das Forum kompensieren zu können, sind m. E. zu hoch.

  • D.h. es ist egal, wer das Geld "hortet"? Ob im Inland oder im Ausland? Weil am Ende eigentlich der Dollar-Emittent die Forderung erfüllen müsste? D.h. es ist egal, ob China mit Dollarreserven europäische Firmen aufkauft. Der Empfänger der Dollar wird sie entweder letztendlich selbst in den USA einlösen müssen - oder jemand an dem er die Dollar wiederum weitergereicht hat?

    Ich komme darauf, weil bei dem Beitrag:

    Das Ausland „spart für die USA“, weil es reale Güter an die USA liefert, selbst darauf verzichtet sie zu konsumieren und stattdessen finanzielle Forderungen hält, was aus Sicht der USA fehlende Nachfrage bedeutet.

    ...kam mir erst der Gedanke:
    Wieso verzichtet das Ausland darauf die Güter zu konsumieren, wenn es sie vielleicht im Überfluss erzeugt? Wenn es mehr produziert, als es selber überhaupt konsumieren kann? Wenn beispielsweise Deutschland als ehemaliger Export-Weltmeister weit mehr Autos produziert, als es selber konsumieren kann? Dann wird doch dieses Produkt betreffend auf nix verzichtet(?)
    Allerdings geht's vielleicht weniger um die einzelnen konkreten Produkte, sondern darum, dass man Forderungen erwirbt, anstatt generell selbst mehr zu konsumieren. Denn jeglicher Konsum würde z.B. anteilig auch wiederum durch Produkte aus den USA befriedigt werden. Und dieser Konsum fehlt dann, wenn man Forderungen "speichert". Auch wenn das im Ausland passiert.

    Ist das korrekt?

  • Lieber KaffeeOderTee,

    Volkswirtschaftslehre an einem einzelnen Produkt festzumachen, ist häufig schwierig. Grundsätzlich geht es um die gesamtwirtschaftlichen Salden. Die USA als Importweltmeister hat im Auslandssaldo /Leistungsbilanzsaldo ein Defizit (Importe > Exporte) buchhalterisch steht diesem Defizit in der Kapitalbilanz ein Überschuss gegenüber.

    Bei Waren und Dienstleistungen geht also ein reales Gut in die USA und das Ausland erwirbt eine Forderung ggü. der USA. Diese Forderung wird nun nicht genutzt um Produkte und Dienstleistungen in den USA zu erwerben. Es ist sozusagen eine nicht realisierte Nachfrage.

    Das Ausland "spart" also aus amerikanischer Sicht an Nachfrage.

  • Vielleicht kann mir jemand hier diesen einen Satz in Flassbeck's Artikel erklären?

    Wieso spart dass Ausland "für die USA", wenn die USA ein Leistungsbilanzdefizit hätten?
    (Ich schreibe extra "hätten", weil bereits festgestellt wurde, dass Warenströme ohne Einbeziehung von Dienstleistungen ein unvollständiges Bild ergeben.)

    Auch wenn es vielleicht zu weit geht, muss man hier bei Flassbecks Aussage ein wenig aufpassen, da sie nicht wertfrei ist:

    Flassbeck sagt:

    Private Haushalte sparen 4%

    Unternehmen sparen 1%

    Ausland spart 3%

    S-I = 4+1=5

    X-M=-3

    Es gilt bei Sektorsalden: (S-I)+(T-G)+(X-M) = 0

    (S-I)+(X-M) = -(T-G)

    5-3=2 --> Staat muss sich um 2% verschulden um buchhalterisch sauber zu bleiben.

    Interpretation Handelsblatt (Neoklassik): Für die Staatsverschuldung braucht die USA das Ausland -> X-M sollte -5 werden, dann braucht sich der Staat nicht verschulden.

    Interpretation Flassbeck (Keynes/MMT): Wenn Zwei Sektoren sparen, fehlt insgesamt Nachfrage im System. Um diese fehlende Nachfrage auszugleichen, muss der Staat sich um mindestens 8% verschulden.

    Das ist das was die Mitforisten hier schon als schwierig dargestellt haben. Die Grundlagen der VWL mischen sich mit den Denkschulen.

  • Lieber KaffeeOderTee,

    Volkswirtschaftslehre an einem einzelnen Produkt festzumachen, ist häufig schwierig. Grundsätzlich geht es um die gesamtwirtschaftlichen Salden. Die USA als Importweltmeister hat im Auslandssaldo /Leistungsbilanzsaldo ein Defizit (Importe > Exporte) buchhalterisch steht diesem Defizit in der Kapitalbilanz ein Überschuss gegenüber.

    Bei Waren und Dienstleistungen geht also ein reales Gut in die USA und das Ausland erwirbt eine Forderung ggü. der USA. Diese Forderung wird nun nicht genutzt um Produkte und Dienstleistungen in den USA zu erwerben. Es ist sozusagen eine nicht realisierte Nachfrage.

    Das Ausland "spart" also aus amerikanischer Sicht an Nachfrage.

    Bevor ich auf den daran anschliessenden Beitrag eingehe, habe ich noch eine Frage hierzu:
    Nehmen wir mal an China hat einen Export-Überschuss gegenüber den USA und nimmt dafür Dollar als Forderungen entgegen. Nehmen wir weiter an, China kauft sich mit den Dollars ein US-amerikanisches Unternehmen (weitere Annahme: dieser Kauf wird nicht irgendwie blockiert).
    Dann ist China seine Forderungen losgeworden und hat sie gegen eine US-Firma eingetauscht.

    Letztendlich wäre es dann doch - wenn auch indirekt - so, als ob die USA für das Handelsdefizit anstatt mit Dollar mir einer Firma bezahlt hätten. Also haben sie Kapital abgegeben - keine Forderung.

    Ist dieser Gedankengang soweit richtig?

  • China hat dann seine Forderung aus Export gegen eine Forderung aus Firmenkauf getauscht. Dies hat keine Auswirkung auf die Leistungsbilanz sondern nur auf die Kapitalbilanz und auch dort ist der Effekt logischerweise 0.

    "Forderung aus Firmenkauf" hat für mein Verständnis aber mehr "Substanz". Z.B. was Arbeitskräfte, Intellectual Property und Patente angeht.

    Um auf den Artikel von Joachim Nanninga zurückzukommen:

    Zitat

    Hier sträuben sich sicher bei vielen Lesern die Nackenhaare: Auf dem eigenen Konto trifft eine Zahlung vom Kunden ein, und dass soll ein Kapitalexport sein?! Als Käufer zahle ich, und das soll Kapitalimport sein!? Das unwillkürliche Widerstreben zeigt: Mit unserem mundanen Denken sind wir fast alle noch in der Welt der Goldwährung verhaftet, obwohl wir dauernd von der Notenpresse reden. Das exportierte Gut wurde aber nicht mit Gold bezahlt, sondern gegen eine Forderung getauscht, die auch im Falle der Bezahlung eine Forderung bleibt – nur mit dem Unterschied, dass sie sich nicht mehr gegen einen privaten Wirtschafter, sondern nunmehr gegen eine Bank richtet. Der Käufer hat die Leistung, das erworbene Gut, bei direkter Bezahlung gegen seine Bank-Forderung getauscht.

    Welche der "Denkschulen" in der Wirtschaftswissenschaft siedelt "Forderung aus Firmenkauf" näher an Forderungen in Form von Geld oder Stastsanleihen an, als an Gold? Ich persönlich würde den Firmenbesitz sogar höher einstufen, als Gold, das irgendwo herumliegt.

    Und wenn China mit den Dollars auch Infrastrukturprojekte in Mittelamerika, Südamerika oder Afrika finanziert und darin investiert, dann scheinen mir das eher "harte Assets" zu sein, als "Forderungen".

    Oder?

  • Welche der "Denkschulen" in der Wirtschaftswissenschaft siedelt "Forderung aus Firmenkauf" näher an Forderungen in Form von Geld oder Stastsanleihen an, als an Gold? Ich persönlich würde den Firmenbesitz sogar höher einstufen, als Gold, das irgendwo herumliegt.

    Aus meiner Sicht keine. Es gibt keinen Regler von "hartes Geld" bis "weiches Geld". Aus Sicht der VWL ist nur physisches Gold sicher. Alle anderen Positionen z.B. Geld, Staatsanleihen, Unternehmensanteile oder wie in Deinem Beispiel Infrastrukturinvestitionen sind Forderungen. Und die Sicherheit dieser Forderung hängt an der Zahlungsfähigkeit des jeweiligen Staates.

    Das Du persönlich den Firmenbesitz höher bewertest als physisches Gold ist subjektiv vollkommen in Ordnung. Volkswirtschaftlich ist aber Gold in "meiner eigenen Bank" sicherer als der Anspruch aus einer Forderung.

  • Aus meiner Sicht keine. Es gibt keinen Regler von "hartes Geld" bis "weiches Geld". Aus Sicht der VWL ist nur physisches Gold sicher. Alle anderen Positionen z.B. Geld, Staatsanleihen, Unternehmensanteile oder wie in Deinem Beispiel Infrastrukturinvestitionen sind Forderungen. Und die Sicherheit dieser Forderung hängt an der Zahlungsfähigkeit des jeweiligen Staates.

    Das Du persönlich den Firmenbesitz höher bewertest als physisches Gold ist subjektiv vollkommen in Ordnung. Volkswirtschaftlich ist aber Gold in "meiner eigenen Bank" sicherer als der Anspruch aus einer Forderung.

    Super, was man hier so alles lernt :thumbup:

    Allerdings wundert mich, dass man in der VWL Welt nur physisches Gold als sicher ansieht. An wen gerichtet habe ich denn eine Forderung, wenn ich ein Unternehmen in einem anderen Land als mein eigenes erwerbe?

  • Du hast einen Anspruch gegenüber dem Rechtssystem des Staates in dem sich dein gekauftes Unternehmen befindet. Du hoffst also, dass der Staat diesen Titel anerkennt.

    Aber im Unterschied zu einer Staatsanleihe mit festem Zinssatz beim Halten bis zur Fälligkeit, kann doch eine gekaufte Firma potentiell eine unbegrenzte Laufzeit haben und potentiell Gewinne in beliebiger Höhe generieren, die dann als Gewinnabführung an den Besitzer gehen könnten. Und diese Gewinnabführung kann z.B. auch in Gold eingetauscht werden, anstelle der Währung des Landes, in dem das Unternehmen steht. Daher müsste eine mit Geld gekaufte Firma doch mehr Wert sein, als eine reine "Forderung" - oder?

  • Und diese Gewinnabführung kann z.B. auch in Gold eingetauscht werden, anstelle der Währung des Landes, in dem das Unternehmen steht. Daher müsste eine mit Geld gekaufte Firma doch mehr Wert sein, als eine reine "Forderung" - oder?

    Und wie stellst Du Dir den Tausch zwischen der besagten Währung und dem besagten Gold vor? Welche Rolle spielt der?


    Wird mit dem Thread eigentlich ein Referat in WBS vorbereitet?

  • Und wie stellst Du Dir den Tausch zwischen der besagten Währung und dem besagten Gold vor? Welche Rolle spielt der?

    Es geht darum, dass eine ursprüngliche Forderung (Dollar), die China durch Warenexport bekommen hat, wieder in "harte Assets" gewandelt werden kann. Und wenn dieses Asset - wie eine Firma - aus den USA stammt, dann ist es so, als ob die USA die Waren mit diesem Asset bezahlt hätten - wenn auch indirekt. Spielt es eine Rolle, wieviele Transaktionen dazwischengeschaltet sind?

  • Aus Sicht der VWL ist nur physisches Gold sicher.

    "sicher"? Für wen? Und wem gegenüber?

    Wenn ich jetzt frage: Wieso ist nur Gold sicher? Wie sieht es z.B. mit Grundstücken aus? Geht man in der VWL davon aus, dass Grundstücke unsicher sind, weil sie von dem Land bzw. der Regierung eines fremden Landes, in dem sich das Grundstück befindet, zurückgefordert werden können? Aber wieso ist Goldbesitz dann sicherer? Weil das Gold in dem Land, in dem ich es halte, nur von diesem Land konfisziert werden kann, aber damit aus VWL Sicht dann immer noch in diesem Land bleibt?

  • Du hast auf individueller Ebene korrekte Beispiele genannt.

    Die Zahlungsbilanz stellt jedoch die Transaktionen zwischen verschiedenen Ländern dar. Jeder Vorgang ist hier eine eigene Buchung. Der Import, der Kauf einer Firma, die Gewinnabführung. Drei verschiedene Vorgänge, welche nicht verrechnet werden.

    Vielleicht als Beispiel: Du bekommst jeden Monat Lohn und sparst davon einen Teil in Deinem Aktien-ETF und erhältst Dividenden. Nach ein paar Jahren verkaufst Du diesen und erwirbst eine Immobilie zur Vermietung und erhältst nun Mieteinnahmen.

    Wenn jetzt ein Freund fragt, wie Du das geschafft hast, ist deine Antwort wahrscheinlich nicht: „Mein Arbeitgeber hat mich mit der Immobilie bezahlt.“

    So ist es auch volkswirtschaftlich, es findet keine Verrechnung statt.

  • Du hast auf individueller Ebene korrekte Beispiele genannt.

    Die Zahlungsbilanz stellt jedoch die Transaktionen zwischen verschiedenen Ländern dar. Jeder Vorgang ist hier eine eigene Buchung. Der Import, der Kauf einer Firma, die Gewinnabführung. Drei verschiedene Vorgänge, welche nicht verrechnet werden.

    Vielleicht als Beispiel: Du bekommst jeden Monat Lohn und sparst davon einen Teil in Deinem Aktien-ETF und erhältst Dividenden. Nach ein paar Jahren verkaufst Du diesen und erwirbst eine Immobilie zur Vermietung und erhältst nun Mieteinnahmen.

    Wenn jetzt ein Freund fragt, wie Du das geschafft hast, ist deine Antwort wahrscheinlich nicht: „Mein Arbeitgeber hat mich mit der Immobilie bezahlt.“

    So ist es auch volkswirtschaftlich, es findet keine Verrechnung statt.

    Ich finde, dass der Vergleich einen wesentlichen Punkt vernachlässigt. Während es in dem Beispiel nur mich mich als Einzelperson geht, geht es in der VWL um die Aktivitäten ganzer Völker. Es wird also über die Menge aller Beteiligten verrechnet. Und in der Praxis kann kein Unterschied bestehen, zwischen der Verrechnung über die Menge der Beteiligten und der Verrechnung über den Faktor Zeit für einen einzelnen Beteiligten. D.h. dann verkauft halt Chinese A Güter an die USA und erwirbt dafür die Dollar als Forderungen, während gleichzeitig Chinese B seine vorher mal erhaltenen Dollar verwendet, um sie gegen eine Firma in den USA einzutauschen. Der Effekt, dass quasi die Güter mit der US Firma bezahlt werden, ist m.E.n. da.

  • Btw Referat Janders

    Ich hatte bei meinen letzten Beitrag hier ursprünglich versucht, bei "Chinese A" für das A ein X zu verwenden. Dafür ist der Beitrag wegen der Verwendung eines verbotenen Wortes abgewiesen worden. Wegen der letzten beiden Buchstaben von "Chinese" und dem nachfolgenden "X".

    Da hat die Erkennung danebengelegen. Das sieht nach seltsamen Blüten aus, die der Wettbewerb von "Erkennung" und "obfuscation" hier treibt. :)