Wie geht ihr mit fehlenden Börsenkrisen um?

  • Bei Corona hatte ich zwar einen mittleren 6 stelligen Betrag Buchwert verloren, was mich schon bedrückt hat, aber gleichzeitig habe ich die Chance gesehen und frühzeitig gestaffelte Kauforder ca -8, -12, -16, -24% unter Kurs gesetzt und so die Chance genutzt. Auch Sparpläne liefen natürlich weiter.

    Bei solchen Aussagen drängt sich eine zentrale Frage auf: Wo war das Geld zum Nachinvestieren zuvor investiert? Entweder man hatte das Glück eines Zuflusses genau zum Crash oder das Kapital lag, wie meist, als Liquiditätsreserve im Geldmarkt und damit real auf oder unter Inflationsniveau.
    Das ist kein kostenloser Vorteil, sondern ein messbarer Opportunitätsverlust.

    "Buy the Dip" – Wie gut funktioniert diese Anlagestrategie?
    In diesem Beitrag analysieren wir die Buy the Dip-Anlagestrategie anhand historischer Zahlen.
    gerd-kommer.de
  • Bei solchen Aussagen drängt sich eine zentrale Frage auf: Wo war das Geld zum Nachinvestieren zuvor investiert? Entweder man hatte das Glück eines Zuflusses genau zum Crash oder das Kapital lag, wie meist, als Liquiditätsreserve im Geldmarkt und damit real auf oder unter Inflationsniveau.
    Das ist kein kostenloser Vorteil, sondern ein messbarer Opportunitätsverlust.

    https://gerd-kommer.de/blog/buy-the-dip/

    Das ist korrekt, dass das Opportunitätsverlust ist, aber gleichzeitig ist es eine Möglichkeit emotional besser durch einen Crash zu kommen.

    Je nach Persönlichkeit kann so eine kleine Crash Reserve emotional hilfreich sein auch wenn rational deine Perspektive korrekt ist.


    Es war auch nicht so, dass ich bewusst etwas für einen Crash zurück gehalten habe. Eher so, dass das zu groß gewordene Tagesgeld reduziert wurde und temporär der Notgroschen niedriger war dann. Ich hatte eigentlich auch die Sparquote nicht so erhöht vorher, wie es entsprechend der Einkommenssteigerung möglich gewesen wäre, daher war „relativ“ viel gerade verfügbar.

  • Mit fleißigem Sparen ab 2021 dürfte doch die Hälfte des Depots Gewinn und nicht eigenes Sparen sein, oder? Wenn dem so ist: Selbst wenn es 50 Prozent runter geht, hat man noch nix verloren, was man selber mal erarbeitet hat. Wenn man das Denken und die günstigen Kurse zum Nachkaufen nutzen kann, ist doch alles supi.


    Wie es dann wirklich ist, wenn es ist, sieht man dann, wenn es soweit ist.

  • Mit fleißigem Sparen ab 2021 dürfte doch die Hälfte des Depots Gewinn und nicht eigenes Sparen sein, oder?...

    Quatsch!

    ...Wenn dem so ist: Selbst wenn es 50 Prozent runter geht, hat man noch nix verloren, was man selber mal erarbeitet hat. ...

    Verlust ist Verlust! Es ist nicht von Bedeutung woher das Geld kam. Entscheidend ist, dass ich das Geld hatte.

    Wenn ich 1 Million im Lotto gewinn und das Geld dann verliere, ist es dann auch kein Verlust, weil ich es nicht selbst erarbeitet habe? Eine derartige mentale Buchführung ist ein Riesenfehler, der schon oft dazu geführt hat, dass Lottomillionäre wieder mit nichts dastehen. Das Geld wird anders behandelt als selbstverdientes Geld.

  • Es geht mir ja (jetzt) nicht schlecht;)

    Ich frage mich nur, wie gut man seine eigene Risikobereitschaft wirklich einschätzen kann, wenn man noch keine schlechten (Börsen-)Zeiten mitgemacht hat...

    Auf sachliche Art und Weise kann man das gar nicht. Du kannst nur Deine Risikotragfähigkeit einschätzen, also sachliche Dinge wie:

    Was sind meine finanziellen Verpflichtungen?

    Wie sicher ist mein Job?

    Was habe ich in Zukunft für Pläne?

    usw.


    Ansonsten musst Du Dir halt überlegen, wie es Dir so gehen würde, wenn es 2,5 Jahre (Dotcom, Terroranschläge in USA) immer bergab geht. Und Du musst Dir klar machen, dass es für nichts Garantien gibt.

  • Wie geht ihr mit fehlender Krisenerfahrung um?


    Meine Frau und ich sind auch erst seit 2022 dabei. Bislang hilft uns:

    • die mögliche/notwendige Depotentnahme in Relation zur GRV zu setzen
    • basierend auf unser Bedarfsrechnung eine notwendige Depotgröße zu ermitteln (wieviel ist gut genug!)
    • eine regelmäßige Erfolgskontrolle zu machen (so hat uns das letztjährige Zollchaos nur kurzfristig auf den modellierten Verlauf zurückgeworfen)
    • einen Plan zu haben, wie wir einen möglichen Crash zu Beginn unserer Entnahmephase aussetzen können

    Wir werden sehen ob das reicht. Solange wir unser Ziel im gemittelten Verlauf erreichen, ist alles gut. Wenn wir in eine langjährige Durststrecke reinlaufen, sieht das sicherlich schon anders aus. Aber falls sich das abzeichnet, würden wir wahrscheinlich vor der Rente noch versuchen, einen größeren Entnahmepuffer aufzubauen.

  • Verlust ist Verlust! Es ist nicht von Bedeutung woher das Geld kam. Entscheidend ist, dass ich das Geld hatte.

    Naja, wenn ich mit einer Anlage trotz 50-Prozent-Rückgang noch mehr habe als wenn ich die Anlage nicht gewählt, sondern „sicher“ am Geldmarkt angelegt hätte, hilft mir die Betrachtung schon bei der Bewertung, ob ich mit der Ablage zufrieden bin oder nicht. Auch wenn natürlich jeder Verlust unschön bis bitter ist.

  • K. Fee , habe nur Deinen Beitrag Nr. 1 überflogen ...


    Mit "fehlenden Börsenkrisen" (oder "fehlenden" Immobilien-oder Anleihenkrisen (da dürfte meines Erachtens die Mutter aller Blasen schlummern) kann ich sehr gut bis bestens umgehen).

    Eventuell meinst Du eher den Umgang mit "fehlenden Erfahrungen" diesbezüglich ... ?


    In dem Kontext

    frage mich natürlich, ob meine geschätzte Risikotragfähigkeit sich dann auch wirklich bewahrheitet.

    muß - nach meinem Dafürhalten jedenfalls - zum einen zwingend zwischen der "objektiven Risikotragfähigkeit" einerseits und der "subjektiven Risikobereitschaft" (sprich Risikotoleranz) andererseits unterschieden werden. Das kann beides in der Person des Anlegers kongruent sein - nicht selten bis oftmals ist das aber nicht (völlig) identisch im Sinne von deckungsgleich.

    Zum anderen gibt es - nach meinen Erfahrungen - bei nicht wenigen Protagonisten einen (erheblichen) Unterschied zwischen nur vorab theoretisch durchgespielten (simulierten) Crashs - und dann einem tatsächlich live erlebten (realen) Crash - noch dazu mit eigenem relevanten Engagement in Aktien.

    Auch das Alter kann (nicht muß) eine Rolle spielen. Mit einem Humankapital (Alter 20, 30, 40 Jahre) "voll im Saft" und einem eher noch kleineren Depot kann sich ein MDD anders anfühlen - als mit 55 oder 60 + und einem schwindenden (oder gen Null tendierenden) Humankapital und auch größeren Depot.


    Für meinen Teil hatte ich diverse heftige Crashs beispielsweise am Aktienmarkt live und mit relevantem eigenen Engagement miterlebt (1987, 2000 ff, 2008 ff).

    Ich würde jede Wette halten, daß sich dann auch in einem solchen Forum - in weiten Teilen jedenfalls - der "Wind ziemlich dreht".

    Das hatte ich in 2000 ff und auch 2008 ff selbst oft genug beobachten können. Aus (selbst ernannten) " Hard boiled"-Jungs wurde (teilweise) "Himbeerbubis" und aus überzeugten "Buy and Hold"-Mädels dann "Schneeflöckchen".

    Einige von ihnen sind (mit eigenem Geld) nie mehr an die Börsen zurückgekehrt ...

  • Ich bin seit Ende 2021 ein braver ETF Sparer und mittlerweile hat sich da jetzt auch schon ein kleines Sümmchen im Depot angesammelt. Allerdings habe ich bisher ja noch keinen wirklichen Crash miterlebt und frage mich natürlich, ob meine geschätzte Risikotragfähigkeit sich dann auch wirklich bewahrheitet.

    Wie geht ihr mit fehlender Krisenerfahrung um? :)

    Da ich auch andere Finanzprodukte außerhalb von ETFs nutze, habe ich reichlich Krisenerfahrung. Zum ersten mal mit Curasan und zuletzt mit Droneshield. Es macht sich irgendwann eine gewisse Gleichgültigkeit breit...

  • Naja, wenn ich mit einer Anlage trotz 50-Prozent-Rückgang noch mehr habe als wenn ich die Anlage nicht gewählt, sondern „sicher“ am Geldmarkt angelegt hätte, hilft mir die Betrachtung schon bei der Bewertung, ob ich mit der Ablage zufrieden bin oder nicht. Auch wenn natürlich jeder Verlust unschön bis bitter ist.

    Es hilft nicht.

    Und eine durchschnittliche Aktienanlage hat sich seit 2021 bei regelmäßiger Besparung auch nicht annähernd verdoppelt auch nicht 90%. Deshalb wird ja gerade dazu geraten, alles sofort zu investieren.

    Ja, es ist beides Quatsch!

  • Das ist korrekt, dass das Opportunitätsverlust ist, aber gleichzeitig ist es eine Möglichkeit emotional besser durch einen Crash zu kommen.

    Auf jeden Fall. Man zahlt für diese Emotionalität. Egal, wie man diese Strategie nennt: Liquiditätsreserve, Volatilitätsdämpfer usw. Diese Kosten sind für viele (vermutlich für die meisten) jedoch notwendig, um im Ernstfall nicht komplett das Handtuch zu werfen.

    Eine Fokussierung auf die gehaltenen Anteile und deren Kaufpreise erscheint mir ebenfalls als eine gute Möglichkeit, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten. Im Idealfall verläuft ein Anlegerleben so, dass über 30–40 Jahre per Sparplan Anteile eines Fonds erworben werden, um anschließend über 30 Jahre wieder zu entsparen bzw. zu vererben. Jeder verkaufte Anteil wurde somit mindestens 30 Jahre gehalten, und die Wahrscheinlichkeit, dass er nach Inflation und Kosten nicht mindestens 4 % Rendite p.a. erzielt hat, geht gegen Null. Und zwar unabhängig davon, ob gerade Krise herrscht oder nicht.

    Eine Fokussierung auf den Geldbetrag im Depot kann dagegen emotionale Probleme verursachen, insbesondere dann, wenn dieser Betrag während der Hausse bereits verplant wurde.

  • Vielleicht solltest Du es mal mit einer geeigneten Einzelaktie versuchen, z.B. Deutsche Bank oder Bayer.

    Dann kannst Du Krisenerfahrung sammeln.

    Dazu wurde mir ja bereits Bitcoin empfohlen ;)

    Aber im Ernst, tatsächlich habe ich ein paar wenige Mitarbeiteraktien mit sagen wir mal mäßigem Erfolg. Das ist halt aber nur ein sehr kleiner Teil meines Vermögens und interessiert mich daher nicht wirklich.

  • Dazu wurde mir ja bereits Bitcoin empfohlen ;)

    Aber im Ernst, tatsächlich habe ich ein paar wenige Mitarbeiteraktien mit sagen wir mal mäßigem Erfolg. Das ist halt aber nur ein sehr kleiner Teil meines Vermögens und interessiert mich daher nicht wirklich.

    Klar! Ein Teil des Vermögens interessiert uns nicht. Der andere Teil des Vermögens interessiert uns aber.

    Mein Rat: Gewöhne Dir das dringend ab und interessiere Dich für Dein gesamtes Vermögen.

  • Ich führe zwei Depots - eins zum allgemeinen Vermögensaufbau und eins zur Altersvorsorge. In beiden laufen Sparpläne. In dem Altersvorsorgedepot gehen 10% der Sparplansumme in einen Gold-ETC, den ich nach 12 Monaten steuerfrei verkaufen kann.


    Mein Kalkül:

    - Wenn der Aktienmarkt crasht, bleibt Gold stabil oder fällt zumindest deutlich weniger stark als die Aktienmärkte.

    - Ich verkaufe dann alle Gold-ETC-Anteile, die steuerfrei liquidierbar sind.

    - Dieser Erlös geht dann in zusätzliche Anteile meines All-World ETF.

    - Mit fortschreitender Erholung der Aktienmärkte wird dann temporär ein größerer Anteil der monatlichen Sparsumme für die Altersvorsorge in Gold-ETC gelenkt, um dort "aufzufüllen".