Wenn man in einem klassischen Finanzforum schreibt, dass es eine Aktie gibt, die aktuell rund 11 % Dividendenrendite zahlt und diese monatlich ausschüttet, sind die Reaktionen ziemlich vorhersehbar:
- „Zu schön, um wahr zu sein.“
- „Das ist doch ein Scam.“
- „Irgendein Ponzi.“
Seit ein paar Tagen ist genau so eine Aktie auch in Europa handelbar. Sie richtet sich vermutlich eher an Anleger, die Wert auf einen möglichst gleichmäßigen Cashflow legen und dabei weniger Volatilität in Kauf nehmen möchten, als wenn sie direkt in Bitcoin investieren würden.
Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick auf das Instrument STRC, denn dahinter steckt kein obskures Offshore-Konstrukt, sondern ein Finanzierungsinstrument eines börsennotierten US-Unternehmens, das viele hier ohnehin kennen dürften: MicroStrategy Incorporated (heute „Strategy“).
- ISIN: US5949728530
- WKN: A41EXE
Ich versuche einmal, das Konzept dahinter möglichst verständlich zu erklären, weil die Struktur tatsächlich ziemlich interessant ist.
STRC ist keine normale Aktie, sondern eine sogenannte Vorzugsaktie (Preferred Share). Diese stehen in der Kapitalstruktur eines Unternehmens zwischen Anleihen und normalen Aktien. In der Regel haben sie kein Stimmrecht, dafür aber einen Vorrang bei Ausschüttungen.
Im Fall von STRC liegt der Nennwert bei etwa 100 USD pro Aktie, und die Ausschüttung erfolgt monatlich. Die Dividende ist variabel und wird so angepasst, dass sich ungefähr eine zweistellige Rendite ergibt. Aktuell liegt sie ungefähr im Bereich von rund 11 % pro Jahr.
Spätestens an diesem Punkt denken viele: „Okay, wo ist der Haken?“
Der entscheidende Punkt ist, dass STRC kein klassisches Dividendenpapier ist, wie man es von etablierten Unternehmen kennt. Die Ausschüttung kommt nicht aus stabilen operativen Gewinnen wie bei Konsumgüterkonzernen oder Versicherungen. STRC ist in erster Linie ein Finanzierungsinstrument.
Das Unternehmen nutzt diese Vorzugsaktien, um Kapital einzusammeln. Dieses Kapital wird wiederum genutzt, um Bitcoin zu kaufen. Strategy verfolgt seit einigen Jahren eine ziemlich aggressive Bilanzstrategie und hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viel Bitcoin in der Unternehmensbilanz zu akkumulieren.
Man kann sich das stark vereinfacht so vorstellen:
- Investoren kaufen STRC
- Strategy erhält Kapital
- Mit diesem Kapital wird Bitcoin gekauft
- Die Dividende ist der Preis, den Strategy für dieses Kapital zahlt
Der Bitcoin-Analyst Adam Livingston (siehe Video unten) hat diese Struktur einmal genauer analysiert und beschreibt sie als eine Art Finanz-Schwungrad. In seinem Modell nutzt Strategy Vorzugsaktien wie STRC als Förderband, um kontinuierlich Kapital aufzunehmen und damit Bitcoin zu akkumulieren.
Die Grundidee dahinter ist relativ simpel: Die Verbindlichkeiten aus solchen Instrumenten sind in Dollar denominiert, während das zugrunde liegende Asset Bitcoin ist. Wenn Bitcoin langfristig im Wert steigt, schrumpft der relative Anspruch dieser Dollar-Verbindlichkeiten auf den Bitcoin-Bestand des Unternehmens. Für die Stammaktionäre bedeutet das im Idealfall eine Art „Ownership Acceleration“ – der wirtschaftliche Bitcoin-Anteil pro Aktie wächst schneller als der Bitcoin-Preis selbst.
Livingston hat dazu ein Modell mit einer 10-Jahres-Projektion veröffentlicht. Unter bestimmten Annahmen – etwa regelmäßigen Bitcoin-Käufen durch solche Instrumente und einem langfristigen Bitcoin-Wachstum – kommt er zu dem Ergebnis, dass allein diese Struktur enorme Auswirkungen auf den Unternehmenswert haben könnte. Sein Punkt ist dabei weniger eine konkrete Kursprognose, sondern die Beobachtung, dass Strategy zunehmend wie eine „Bitcoin-Akkumulationsmaschine“ funktioniert.
Natürlich funktioniert dieses Modell nur unter bestimmten Voraussetzungen. Der wichtigste Faktor ist der Bitcoin-Preis. Steigt Bitcoin langfristig schneller als die Finanzierungskosten, geht die Rechnung auf. Läuft es anders, kann die Struktur auch schnell unter Druck geraten. Deshalb ist STRC auch kein klassisches „Income-Investment“. Die hohe Rendite ist letztlich eine Risikoprämie.
Trotzdem finde ich das Instrument spannend, weil es zeigt, wie kreativ Kapitalmärkte sein können, wenn ein Unternehmen versucht, eine sehr spezielle Strategie zu finanzieren.
Für alle, die sich das genauer anschauen wollen, gibt es hier einen Tracker mit den wichtigsten Daten zur Aktie:
Die Dividendenzahlungen sind laut Unternehmensbilanz für die nächsten 72 Jahre gesichert. Sollte das Unternehmen tatsächlich einmal liquidiert werden, würden die STRC-Aktionäre zudem vor den Inhabern der Stammaktie bedient werden.
Ein möglicher Nachteil ist, dass die Dividende variabel ist. Gerade in einem starken Bullenmarkt, wenn viele Anleger die Aktie kaufen, könnte die Dividendenrendite sinken, um den Nennwert pro Aktie konstant bei etwa 100 USD zu behalten. Außerdem bleibt man indirekt vom Bitcoin abhängig. Sollte Bitcoin tatsächlich einmal gegen null gehen, hätte das Unternehmen natürlich ein massives Problem. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass Bitcoin langfristig eher an Akzeptanz gewinnt, könnte die Aktie für manche Anleger durchaus eine interessante Option sein.
Ist STRC also ein cleveres Finanzierungsinstrument – oder eher ein Beispiel dafür, wie weit man Finanzengineering inzwischen treiben kann? Wäre jemand bereit, seinen Notgroschen in der Aktie zu parken?
PS: Weitere Hintergründe:
PSS: No financial advice.