Fokus auf Dividenden/Dividenden-ETFs ?

  • Seit geraumer Zeit geht es in einem Thread über einen „ neuen“ Duvidenden-ETF mit monatlicher Auszahlung mehr oder weniger kontrovers zu.

    Zur allgemeinen Diskussion habe ich diesen aktuellen Beitrag von Chris. W. Röhl hier verlinkt.
    Er zeigt die interessante Bandbreite von fragenden Menschen, die sich mit der Thematik beschäftigen.

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  • Ich kann aus dem universitären Bereich aus einem Seminar eine kleine Zusammenfassung zum „Financial Behavior“ hier zur Verfügung stellen.

    Es geht um die Frage, warum ein Dividenden-ETF von VanEck (nun 10 Jahre auf dem Markt) so beliebt ist und weiterhin auch medial eine Rolle spielt.

    Die Diskussion um Dividendenstrategien ist inzwischen weniger eine rein finanzwissenschaftliche Debatte als vielmehr ein kultureller Konflikt innerhalb der Privatanleger:innen Community. Auf der einen Seite stehen die Verfechter:innen maximaler Einfachheit (typischerweise repräsentiert durch marktbreite, nach Marktkapitalisierung gewichtete Welt-ETFs wie den Vanguard FTSE All-World) oder die in Deutschland (auch im DACH-Gebiet) populären Multifaktor-Ansätze à la „Kommer-Portfolio“. Auf der anderen Seite stehen Anleger:innen, die gezielt auf Ausschüttungen setzen und Dividenden als Ausdruck von Qualität, Stabilität und „echtem Cashflow“ interpretieren. Der ETF mit der ISIN NL0011683594, der VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders UCITS ETF, ist inzwischen zum prominentesten Symbol dieser zweiten Gruppe geworden.

    Die Popularität dieses ETF ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens hat er in einem Jahrzehnt, das stark von US-Technologieaktien dominiert wurde, eine überraschend robuste Gesamtrendite erzielt. Zweitens kombiniert er eine vergleichsweise hohe Ausschüttungsrendite mit einer deutlich geringeren Volatilität als viele klassische High-Dividend-Produkte. Drittens profitiert er von einem psychologischen Faktor, den die traditionelle Kapitalmarkttheorie lange unterschätzt hat: Anleger:innen bevorzugen sichtbar realisierte Erträge gegenüber rein buchhalterischen Kursgewinnen. Dieses Verhalten ist aus der Behavioral-Finance-Forschung gut dokumentiert. Dividenden erzeugen mentale Konten („income bucket“), die subjektiv als sicherer und nachhaltiger wahrgenommen werden als Kurssteigerungen.

    Gleichzeitig wäre es wissenschaftlich unhaltbar, den Erfolg dieses ETF als Widerlegung der Markteffizienzhypothese oder als generellen Beweis für die Überlegenheit von Dividendenstrategien zu interpretieren. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche systematischen Faktoren kauft der Anleger hier tatsächlich ein?

    Der ETF folgt einem Morningstar-Index, der keineswegs einfach nur „hohe Dividenden“ auswählt. Morningstar kombiniert mehrere Selektionsmechanismen: Unternehmen müssen eine nachhaltige Dividendenhistorie aufweisen, ausreichende Liquidität besitzen und fundamentale Qualitätskriterien erfüllen. Außerdem werden REITs ausgeschlossen und Extremfälle hoher Ausschüttungsquoten gefiltert. Das Ergebnis ist daher kein reiner Yield-Ansatz, sondern faktisch ein Multi-Faktor-Portfolio mit deutlichem Value-, Quality- und Low-Volatility-Charakter. Genau darin liegt die eigentliche Erklärung der langfristigen Performance.

    Die Überrendite des ETF in den vergangenen Jahren dürfte weniger aus der Dividende selbst stammen als aus seiner Faktorstruktur. Besonders auffällig ist die starke Gewichtung klassischer Value-Sektoren wie Finanzwerte, Energie, Telekommunikation und defensive Gesundheitsunternehmen. In einer Phase steigender Zinsen und höherer Inflation –(also einem Umfeld, in dem die extrem hoch bewerteten Wachstumswerte an relativer Attraktivität verloren) konnten diese Sektoren erheblich aufholen. Das erklärt, warum der ETF ausgerechnet in einem schwierigen Jahrzehnt für klassische Dividendenstrategien überraschend konkurrenzfähig geblieben ist.

    Hier zeigt sich allerdings auch die Gefahr einer retrospektiven Erfolgsillusion. Viele Anleger:innen betrachten die letzten zehn Jahre als Beweis struktureller Überlegenheit. Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich jedoch primär um eine bestimmte Faktorwette, die zeitweise erfolgreich war. Hätte das letzte Jahrzehnt erneut von aggressivem Growth-Momentum dominiert werden können, wäre die Diskussion vermutlich deutlich leiser verlaufen.

    Die Debatte leidet zudem häufig unter einem Kategorienfehler. Dividenden sind kein zusätzlicher Ertrag neben der Rendite, sondern Teil der Gesamtrendite. Ein Unternehmen, das 4 % Dividende ausschüttet, reduziert seinen Unternehmenswert bilanziell entsprechend. Für die rationalen Investor:innen macht es theoretisch keinen Unterschied, ob Vermögenszuwachs über Ausschüttungen oder Kurssteigerungen erfolgt. Genau deshalb bevorzugen viele akademische Modelle marktbreite, thesaurierende Weltportfolios.

    Dennoch greift diese theoretische Sichtweise in der Praxis oft zu kurz. Behavioral Finance zeigt seit Jahrzehnten, dass Anleger nicht vollständig rational handeln. Ausschüttungen wirken psychologisch stabilisierend. Sie reduzieren die subjektive Unsicherheit, erhöhen die Haltebereitschaft in Krisen und senken die Wahrscheinlichkeit emotional motivierter Fehlentscheidungen. Gerade in volatilen Marktphasen kann ein Dividendenfokus daher indirekt zu besseren realisierten Anlegerergebnissen führen – nicht weil Dividenden magisch Rendite erzeugen, sondern weil sie das Verhalten disziplinieren.

    Aus dieser Perspektive ist der ETF interessant: Er verbindet eine relativ hohe laufende Ausschüttung mit einem Qualitätsfilter, der die klassischen Probleme vieler High-Yield-Strategien teilweise entschärft. Historisch waren reine Dividendenstrategien häufig sogenannte „Yield Traps“ – also Portfolios voller strukturell schwacher Unternehmen mit sinkenden Geschäftsmodellen. Morningstar versucht genau dies zu vermeiden, indem Nachhaltigkeit der Dividenden und Bilanzqualität berücksichtigt werden.

    Gleichzeitig sollte man die Risiken klar benennen. Der ETF weist erhebliche sektorale Konzentrationen auf, insbesondere im Finanzsektor. Zudem ist die USA-Gewichtung deutlich niedriger als in klassischen MSCI-World-Produkten. Das bedeutet letztlich eine aktive Abweichung vom globalen Marktportfolio. Anleger erhalten also kein neutrales Weltportfolio, sondern eine bewusste Untergewichtung hoch bewerteter Wachstumsunternehmen und eine Übergewichtung klassischer Value-Titel.

    Damit unterscheidet sich dieser ETF fundamental vom marktkapitalisierten Welt-ETF-Ansatz. Der klassische MSCI World folgt der Logik: „Der Markt kennt bereits alle Informationen.“ Der Dividendenansatz folgt dagegen implizit der Überzeugung, dass bestimmte fundamentale Eigenschaften – stabile Cashflows, Ausschüttungsdisziplin, niedrigere Bewertungen – langfristig besser vergütet werden.

    Interessanterweise nähern sich beide Lager in der wissenschaftlichen Realität stärker an, als die emotionalisierte Forendebatte vermuten lässt. Viele sogenannte Dividendenstrategien sind faktisch nichts anderes als alternative Faktorportfolios. Und viele „Welt-ETF-Puristen“ akzeptieren implizit ebenfalls Faktorprämien – etwa durch Small Caps oder Multifaktor-Ansätze. Der eigentliche Unterschied liegt häufig weniger in der Rationalität als in der Anlegerpsychologie.

    Gerade deshalb halte ich die Polarisierung zwischen „nur Welt-ETF“ und „nur Dividenden“ für ökonomisch wenig sinnvoll. Der VanEck-Morningstar-ETF ist weder ein Wundermittel noch ein irrationales Produkt für finanzielle Laien. Er ist vielmehr ein regelbasiertes Faktorportfolio mit Value- und Quality-Tilt, das in bestimmten Marktphasen sehr gut funktionieren kann und gleichzeitig psychologische Vorteile für viele Anleger bietet.

    Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Dividenden „gut“ oder „schlecht“ sind. Entscheidend ist vielmehr, ob die jeweilige Strategie zum Risikoprofil, zur Verhaltensstabilität und zum Anlagehorizont des Investors passt. Aus akademischer Sicht bleibt ein global diversifiziertes Marktportfolio die sauberste Benchmark. Aus verhaltensökonomischer Sicht kann ein qualitativ hochwertiger Dividenden-ETF jedoch durchaus sinnvoll sein – insbesondere dann, wenn er Anlegern hilft, langfristig investiert zu bleiben und emotionale Fehlentscheidungen zu vermeiden.


    Der bemerkenswerte Erfolg dieses ETF zeigt deshalb weniger die Überlegenheit von Dividenden an sich. Er zeigt vielmehr, dass Kapitalanlage immer auch Psychologie ist – und dass Produkte erfolgreich werden, wenn sie finanzielle Rationalität mit emotionaler Akzeptanz verbinden.

  • Eine gesunde Mischung aus beiden Bereichen scheint mir für den Investor, der sich eher am Ende des Einzahl-Weges befindet eine gute Strategie zu sein und nicht nur die Ein-ETF-Theorie. :)

    Warum?

  • Eine gesunde Mischung aus beiden Bereichen scheint mir für den Investor, der sich eher am Ende des Einzahl-Weges befindet eine gute Strategie zu sein und nicht nur die Ein-ETF-Theorie. :)

    Sehe ich jetzt ehrlicherweise nicht so.
    Es gibt international einige „Entspartheoretiker:innen“ , die ganz klar eine gewisse Töpfe-Strategie favorisierend


    Du würdest also jetzt in deinem Alter ganz gemütlich deinen SPDR ACWi IMI haben und dann auf deinem schönen Geldmarkt-ETF das Geld, was du zum Beispiel für 2-3 Jahre jeden Monat zuschießen möchtest.
    Anfang jeden Jahres. Setz du dich mit deiner Frau zusammen und schaust dir an, ob du was aus deinem Aktien ETF rüber schieben willst oder nicht. Oder musst oder nicht.

    Sind die Aktienmärkte sehr stark gelaufen verkaufst du etwas und schiebst es rüber.
    Sind die Aktienmärkte miserabel gelaufen entnimmst du etwas aus deinem Geldmarkt ETF.

    Ich würde an deiner Stelle ganz eisern bei einem Premium Produkt bleiben.

  • Die Student:innen schreiben das Gerüst doch inzwischen in Seminaren immer mit KI. Das ist inzwischen sogar gewünscht.

    Das ist nicht „gewünscht“. Das ist die Bankrotterklärung der Lehrenden, weil sie keine andere Wahl mehr haben. Kein normaler Prof würde freiwillig die Möglichkeit aus der Hand geben, Leistungen von Menschen statt von Maschinen bewerten zu können. Sie haben diese Möglichkeit inzwischen schlicht nicht mehr.

    Für Investoren ist das natürlich ein hervorragendes Tool, weil dadurch die Eigenkapitalrenditen steigen werden. Für die Intelligenz des Homo sapiens hingegen ist es ein Rückschritt, dessen Ausmaß viele noch gar nicht erfasst haben.

  • Nicht in jedem Thread die gleichen Spielchen...:sleeping:

    Was für Spielchen? Du schreibst, dass eine Senkung der Diversifikation in der Entnahmephase eine kluge Strategie wäre. Mich würde interessieren wie du darauf kommst. Was genau ist der Vorteil? Die Höhe der externen Verkäufe?

  • Sind die Aktienmärkte sehr stark gelaufen verkaufst du etwas und schiebst es rüber.
    Sind die Aktienmärkte miserabel gelaufen entnimmst du etwas aus deinem Geldmarkt ETF.

    Wie definierst du denn ,,stark gelaufen" und ,,miserabel gelaufen"?

  • Ich würde an deiner Stelle ganz eisern bei einem Premium Produkt bleiben.

    Nun ja, ich habe ja auf der einen Seite Cash, Festgeld und Tagesgeld (Autokauf steht an) sowie einen GeldmarktETF und auf der anderen Seite den SPDR ACWI IMI, nur halt von einem anderen Anbieter und ausschüttend (weil günstiger), sowie den LG Global. Die Spielwiese nicht zu vergessen.
    Ich theorisiere halt nach meinem eigenen Stil. :)

  • Wie definierst du denn ,,stark gelaufen" und ,,miserabel gelaufen"?

    Da muss ich gerade mal in den Kommer Buch nachschauen…. Der schreibt da was ausführlich dazu. Man kann aber auch den wegnehmen mit den Töpfe Modell.

    Auf jeden Fall braucht man keinen Dividenden ETF, nur weil man Senior ist und eine Ausschüttung braucht.

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