Ein KISS von Irving – Zielpfad: 5 auf 20 Mio €

  • Ich wurde gebeten meine Anlagephilosophie näher zu erläutern. In diesem Thread möchte ich darlegen, wie meine Frau und ich unser Vermögen mit einem einfachen, langfristig ausgerichteten Ansatz verwalten und dabei das KISS-Prinzip konsequent anwenden.

    Dieser Ansatz ist nicht aus theoretischer Überzeugung, sondern aus praktischer Erfahrung entstanden: Früher war unsere Vermögensverwaltung deutlich komplexer. Im Zuge einer schweren Erkrankung haben wir unser System in mehreren Schritten bewusst und radikal vereinfacht (zuletzt Ende 2025). Ziel war eine Struktur, die auch dann funktioniert, wenn Zeit, Energie oder Aufmerksamkeit begrenzt sind. Oder wenn plötzlich ein weniger finanzaffiner Partner oder Erben übernehmen müssen.

    Ich bin überzeugt, dass dieser Ansatz auch hinsichtlich der Risiken und letztendlich der Gesamtrendite nach Kosten und Steuern Vorteile gegenüber komplexeren Portfoliostrukturen aufweist.

    Gelegentlich vergleiche ich den ETF mit anderen Strategien und einer Benchmark und stelle interessante Ideen, Meinungen oder Bücher vor. Zudem werde ich über die Besonderheiten eines Multifaktor-Ansatzes schreiben und dessen (Out-)Performance gegenüber einem marktkapitalisierungsgewichteten Ansatz dokumentieren.

    Der Thread soll der verbreiteten Neigung entgegenwirken die Vermögensstruktur unnötig zu verkomplizieren, kurzfristigen Entwicklungen übermäßige Bedeutung beizumessen und sich in Details zu verlieren, die am langfristigen Ergebnis wenig ändern. Stattdessen soll er Orientierung und Einordnung bieten, insbesondere in volatilen Marktphasen.

    Eine Anlageberatung findet hier nicht statt. Die Inhalte dienen der Information und eigenen Reflexion. Sachliche Fragen beantworte ich gerne. Polemische Beiträge bleiben unbeantwortet.

  • Vielen Dank für die Vorstellung!

    Zum Verständnis des Portfolios: Immobilien gibt es keine? Gibt es Autos oder andere größere Ausgaben, die mittelfristig auftreten können? Und falls ja: ist der Plan in den Fällen einfach aus dem ETF zu entnehmen, egal wie die Kurse dann sind? (Selbst eine 100.000€ Entnahme wären ja nur 2%).

  • Zum Verständnis des Portfolios: Immobilien gibt es keine? Gibt es Autos oder andere größere Ausgaben, die mittelfristig auftreten können? Und falls ja: ist der Plan in den Fällen einfach aus dem ETF zu entnehmen, egal wie die Kurse dann sind? (Selbst eine 100.000€ Entnahme wären ja nur 2%).

    Wir besitzen derzeit noch ein Einfamilienhaus, das wir bis vor Kurzem selbst bewohnt haben. Wir befinden uns jedoch bereits im Verkaufsprozess und gehen davon aus, dass dieser bis zum Sommer abgeschlossen sein wird. Den Verkaufserlös werden unsere Kinder erhalten. Eine Mietwohnung haben wir bereits bezogen. Aus diesem Grund habe ich die Immobilie sowie die Wohngebäudeversicherung hier nicht aufgeführt (Anmerkung: Diesen Posten haben wir schon immer dem Konsum und nicht dem Vermögen zugeordnet).

    Wir kaufen alle paar Jahre einen Kompaktwagen. Die Ausgaben halten sich dabei in Grenzen, auch wenn es sich um ein neuwertiges Fahrzeug handelt. Die Ausschüttungen des ETFs reichen dafür in der Regel aus, andernfalls verkaufen wir bei Bedarf einen kleinen Teil der Anteile.

    Bis Ende 2025 hielten wir rund 10 % unseres Vermögens in einer deutschen Staatsanleihe. Diese Position haben wir inzwischen veräußert, da es bei unserem Ausgaben- und Lebensstil aus unserer Sicht wenig sinnvoll war, einen so hohen Anteil dauerhaft real negativ verzinst anzulegen.

  • Für welche Altersklasse sind Deine Erfahrungen geeignet?

    Ich bin der Auffassung, dass das KISS-Prinzip in Kombination mit einem Welt-ETF für jede Altersklasse, jede Vermögenshöhe und die meisten Lebenssituationen eine sehr gute Wahl darstellt. Dennoch sollte das Prinzip stets an die individuelle Situation angepasst werden:

    Wer noch über vergleicsweise wenig Vermögen verfügt, sollte neben dem Welt-ETF einen schwankungsarmen Bestandteil im Vermögen halten. Häufig wird das als Notgroschen bezeichnet. Auch beim Thema Versicherungen sind Anpassungen sinnvoll und notwendig:

    Wir selbst haben beispielsweise keine Berufsunfähigkeitsversicherung, da unser Humankapital für unsere finanzielle Situation keine relevante Rolle mehr spielt. Das ist bei Menschen mit geringerem Vermögen oder am Anfang ihres Berufslebens selbstverständlich anders zu bewerten.

    Ähnliches gilt für die Kfz-Versicherung: Wer im Schadenfall nicht in der Lage ist, einen Ersatz aus eigenen Mitteln zu finanzieren, sollte sich entsprechend höher absichern (Teilkasko o. Vollkasko)

    Alle weiteren Versicherungen halte ich persönlich für entbehrlich. Unser Leitmotiv lautet: Versichere nur das, was du selbst nicht tragen kannst. Auch wenn ein Schaden immer ärgerlich ist. Sobald man ihn problemlos aus eigenen Mitteln begleichen kann, braucht es aus unserer Sicht keine Versicherung.

  • Nur am Rande aber in dem Kontext: Erinnert mich (stark) an einen gewissen Protagonisten namens Thomas.Schreiber hier und sein "100% in Aktien als stets beste Lösung" (oder so ähnlich zumindest; Stichwort: Cederburg-Studie) ... Zudem erwähnte der besagte Protagonist auch ständig Herrn Kommer (so wie hier auch auf einen Kommer-ETF verwiesen wird als einziges Vehikel der Umsetzung) ...


    Ich wurde gebeten meine Anlagephilosophie näher zu erläutern.

    Nicht von mir jedenfalls ... :)


    Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Es dürfte eine Binse sein, daß sich da Denkmodelle bzw. Denkschulen gegenüberstehen (auch beispielsweise bezüglich Themen wie Rendite, Risiko und was überhaupt als Risiko verstanden und gesehen wird).

    Der einen Denkschule reichen Aktien als einzige Anlageklasse (Konzentration). Zudem mit dem Glauben, daß ohnehin alles vom Aktienmarkt abhängt und mit diesem korreliert. Die andere Denkschule setzt auf eine Streuung im Sinne einer individuell passend gewählten Asset-Allocation (Diversifikation) mit bewährten aber verschiedenen sprich unterschiedlichen Anlageklassen.

    Eine gedankliche Schnittmenge wird sich da schwerlich finden lassen. Überzeugte Anhänger ihre jeweiligen Denkschule dürfte kaum (eher gar nicht) die Seiten wechseln.

    Dazu kommen dann in der Regel noch weitere Parameter (wie Alter, Vermögensgröße, subjektive Risikobereitschaft (Risikotoleranz) usw.).


    Für meinen Teil beispielsweise war mir schon immer eine gewisse Diversifikation wichtig ("wer Risiken scheut, der streut", "nicht alle Eier in einen Korb legen", "Diversification is the only free lunch"), selbst als meine Mittel noch bescheidenere waren. Dazu kam noch, daß ich gerne mit Kredithebeln (Leverage-Effekte) gearbeitet hatte, um mein Vermögen zusätzlich in Schwung zu bringen, dabei kommen zwangsläufig auch Immobilien ins Spiel. Über die Jahrzehnte hinweg hat aber das Thema Diversifikation für mich noch an Bedeutung zugenommen (spätestens seit 1999 und dem Experiment "Einheitswährung", dazu kamen später noch weitere Risiken (Umgang mit den EU-Verträgen bzw. der Rechtsstaatlichkeit in der EU), sowie Risiken von staatlicher Seite, aus der politischen Sphäre heraus usw.). Mit dem gewachsenen Vermögen ist für mich eine möglichst robuste und resiliente finanzielle Aufstellung (die auch sehr unerfreuliche Szenarien abbildet sprich berücksichtigt) immer bedeutsamer - sprich prioritär - geworden.


    Apropos Schaubild "Bierdeckel" und um mal kurz von der Mikro- zur Makroebene zu wechseln: Ein (endlich) deutlich einfacheres Steuerecht wäre für unser Land fraglos sehr vorteilhaft gewesen. Insbesondere eines, welches die richtigen Anreize Richtung Wertschöpfung setzt - statt in Richtung sich lohnende steuerliche Gestaltungen aufgrund der großen Komplexität und der unzähligen Ausnahmen, Sonderregelungen usw.


    Ein davon (Denkschulen) unabhängiger Aspekt dürfte sein, daß nicht ganz wenige - der Durchschnittsanleger jedenfalls - (ggf. sogar eher viele) sich der Konzentration auf Deutschland, den Euro und die Eurozone gar nicht bewußt sind (nicht bewußt machen). Wer hierzulande sein Konto, sein Depot, sein Schließfach, seinen Arbeitgeber, den Staat als Arbeitgeber (Beamte, öffentlicher Dienst), sein Wohneigentum, erhebliche Teile seiner Altersvorsorge (GRV) usw. hat, unterliegt bereits einer ganz erheblichen Konzentration (könnte pointiert auch als "Klumpenrisiko" bezeichnet werden).


    Ansonsten: "Paragraph Eins - jeder macht Seins"


    Dir weiter ganz viel Glück mit Deinen privaten Finanzen !

  • Buntbart  K. Fee

    Wir arbeiten beide in Teilzeit und sind gesetzlich krankenversichert. Die Ausschüttungen aus dem ETF belaufen sich auf rund 6.000 Euro pro Monat vor Steuern. Bereits dieser Betrag würde für unseren Lebensstil mehr als ausreichen.

    Solange es gesundheitlich möglich ist, werden wir weiter arbeiten. Und wenn es „nur“ in ehrenamtlicher Form sein sollte.

    Den Ausschütter haben dabei weniger wegen der laufenden Ausschüttungen gewählt, sondern vor allem aus Gründen der Einfachheit (siehe nachfolgende Beiträge).


    Planschkuh

    Ja, das stimmt. Die Auflösung bisheriger Positionen hat den Steuerstundungseffekt verringert und diesen Preis haben wir für mehr Einfachheit vorerst gezahlt. Ich gehe dennoch davon aus, dass wir langfristig besser dastehen, da ich bei dem Multi-Faktor-Ansatz nach Kosten eine Outperformance erwarte (mehr dazu in den folgenden Beiträgen).

  • TaroR Siehe den Link, der sich ersten Post dieses Fadens befindet

    Mit den Versicherungen halte ich es genauso, mehr habe ich auch nicht.

    Irving

    1. Haltet ihr nur 1 ETF auf 1 Bank, oder habt ihr auf mehrere Banken gestreut?

    2. Besitzt ihr von diesem ETF eine Insti-Tranche bzw. habt ihr das Gerd Kommer Team einmal danach gefragt, oder tatsächlich nur die Variante für normale Privatanleger?

    3. Hattet ihr schon einmal die Überlegung, eine steuersparendes Modell zu wählen? Der von dir geschätzte Herr Dr. Kommer hatte vor ein paar Jahren solche Modelle beworben

    4. Gibt bereits Pläne für die nachfolgende Generation, wie dieses Vermögen genutzt werden soll?

  • eine Struktur, die auch dann funktioniert, wenn Zeit, Energie oder Aufmerksamkeit begrenzt sind.

    Euer aufwandsarmer Ansatz gefällt mir sehr gut. Vor allem auch, dass ihr Stabilität anstatt kurzfristiges Hickhack im Blick habt.

    Zudem werde ich über die Besonderheiten eines Multifaktor-Ansatzes schreiben und dessen (Out-)Performance gegenüber einem marktkapitalisierungsgewichteten Ansatz dokumentieren.

    Da freu ich mich drauf. Bei der ETF Wahl vertrete ich ja eine etwas andere Auffassung, wir schauen mal was die Zeit bringt. Könnte mir aber vorstellen, dass mit euren monatlichen Ausschüttungen eine Outperformance auch garnicht mehr das oberste Ziel sein müsste. Stabilität und Ruhe sind ja auch schön.

  • Darf man fragen, um welchen ETF es sich handelt und welche "Gründe der Einfachheit" meinst du in Bezug auf einen Ausschütter?

    L&G Gerd Kommer Multifactor Equity UCITS ETF USD Distributing | WELT0B | IE000FPWSL69
    Alle wichtigen Informationen und Vergleiche zum L&G Gerd Kommer Multifactor Equity UCITS ETF USD Distributing (WELT0B | IE000FPWSL69) ➤ justETF – Das ETF Portal
    www.justetf.com

    Tomarcy und Mingus :rolleyes:

  • Mich würden spontan drei i Dinge interessieren:

    1. Wie habt ihr es eigentlich geschafft ein solch relativ großes Vermögen aufzubauen? (Warst Du früher womöglich risikofreudiger?)

    2. Über welches Land denkt ihr in Bezug auf das Auswandern nach? (Habe selbst mein Haus gerade verkauft und denke über einen Lebensabend in Portugal nach, wo ich auch schon investiert bin).

    3. Hast Du beim Umschichten Markttiming betrieben? Oder hast Du einfach zum Zeitpunkt x entschieden in den Kommer zu gehen?