Deutschland galt lange als Land der Dichter und Denker. Wenn man sich jedoch die Energiepolitik der letzten Jahre anschaut, wirkt es zunehmend wie ein Land der großen energiepolitischen Selbstexperimente, mit teilweise sehr teuren Konsequenzen.
Inzwischen wird selbst auf europäischer Ebene eingeräumt, dass der deutsche Atomausstieg strategisch fragwürdig gewesen sein könnte. Mehrere Energieökonomen sprechen rückblickend sogar von einem der größten energiepolitischen Fehler der vergangenen Jahrzehnte. Dabei geht es um volkswirtschaftliche Kosten in der Größenordnung von mehreren hundert Milliarden Euro.
Was mich daran besonders irritiert: Deutschland steigt aus der Kernenergie aus, genau zu dem Zeitpunkt, an dem viele andere Industrieländer diese Technologie weiterentwickeln oder sogar ausbauen. Neue Reaktorkonzepte werden erforscht, bestehende Anlagen werden modernisiert und Laufzeiten verlängert. Weltweit fließen Milliarden in Innovationen rund um Kernenergie.
Und Deutschland? Wir beschneiden uns bewusst einer Technologie, die international weiterentwickelt wird. Das muss man sich einmal vor Augen führen: Während andere Länder ihre Energieversorgung technologisch breit aufstellen, hat Deutschland funktionierende Kraftwerke abgeschaltet und diskutiert gleichzeitig über steigende Strompreise, Importabhängigkeit und den Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit.
Hinzu kommt, dass wir gerade in ein Zeitalter eintreten, in dem der Energiebedarf eher steigen als sinken dürfte. Digitalisierung, Elektrifizierung von Industrie und Verkehr sowie vor allem große KI-Rechenzentren benötigen enorme Mengen verlässlicher Energie, rund um die Uhr. Vor diesem Hintergrund wirkt der deutsche Sonderweg noch mal bemerkenswerter.
Stattdessen werden nun neue Gaskraftwerke geplant, deren Bau wiederum staatlich unterstützt werden muss. Gleichzeitig importiert Deutschland Strom aus dem Ausland, teilweise aus Ländern, die weiterhin stark auf Kernenergie setzen.
Das grundlegende Problem scheint struktureller Natur zu sein. Energiepolitik wird hierzulande zentral geplant und politisch entschieden. Technologien werden ideologisch bevorzugt oder ausgeschlossen, unabhängig davon, wie sich Kosten, Innovation oder Versorgungssicherheit langfristig entwickeln.
Ein freierer Markt hätte solche Entwicklungen vermutlich pragmatischer gelöst. Stattdessen erleben wir politische Großentscheidungen, deren Folgen sich über Jahrzehnte ziehen, selbst dann, wenn sich später herausstellt, dass die zugrunde liegenden Annahmen fragwürdig waren.
Oder anders gesagt: Vom Land der Dichter und Denker zum Land der energiepolitischen Selbstblockade.
Aus aktuellem Anlass: