Langfristiges Investment in ETFs = "Wette" auf Stabilität unseres Finanz- und Wirtschaftssystems?

  • Hallo liebe Finanztip-Community,

    ich würde gerne eure Einschätzung zu einer Frage einholen, die mich umtreibt. Kurz als "Disclaimer": ich bespare seit einigen Jahren selbst einen dieser "all world"-Indizes mit einem mtl. Sparplan.

    Im Zuge dessen, dass mich ein Familienmitglied um "Beratung bzgl. Finanzen" gebeten hat und ich mein "System" erklärt habe (das im Wesentlichen dem "Finanztip-Prinzip" folgt, wie Saidi es nennt), ist in mir die Frage aufgestiegen, dass die Idee, langfristig in ETFs zu investieren, um der Inflation entgegenzuwirken und langfristig Vermögen auf- (und nicht ab-) zubauen, doch letztlich schlicht auf der Annahme beruht bzw. eine Wette darauf ist, dass sich unser weltweites Wirtschafts- und Finanzsystem nicht grundlegend ändern wird, richtig?

    Nun frage ich mich, was angesichts der grundlegenden Herausforderungen, vor denen die menschliche Zivilisationen steht, wie z.B. dem menschengemachten Klimawandel, den wir bewältigen müssen, wenn wir langfristig als Zivilisationen zusammenleben wollen, für diese Annahme spricht bzw. warum man darauf wetten sollte, dass sich unser weltweites Wirtschafts- und Finanzsystem nicht grundlegend ändern wird?

    Historisch gesehen, ist das kapitalistische Wirtschaftssystem recht jung und existiert erst seit ein paar hundert Jahren. Andersherum hat es im vergangenen Jahrhundert eine Vielzahl von gewaltsamen Veränderungen von (nationalen und internationalen) Wirtschaftssystemen gegeben. Angesichts dessen, dass es wir den Klimawandel bewältigen müssen und es auch weltweise eine immense Unzufriedenheit mit fehlreguliertem Kapitalismus gibt: Mit welchem guten Grund sollte man darauf wetten, dass sich unser weltweites Wirtschafts- und Finanzsystem nicht grundegend ändern wird?

    Bin gespannt, wie ihr das seht!

    Viele Grüße!

  • Hallo schmallippenhans,

    so als ein paar Stichworte:

    Irgendwann wird sicherlich auch das kapitalistische System abgelöst werden. Allerdings sind alle bisherigen Versuche krachend gescheitert und momentan ist keine Alternative erkennbar (selbst in Nordkorea gibt es kapitalistische Inseln).

    Solange wir einen irgendwie gearteten Kapitalismus haben, wird es Aktien und ihre Derivate geben. Die sind m.E. sogar stabiler als irgendeine Papierwährung.

    Und so als Randbemerkung: Den Klimawandel überlebt man am besten, wenn man reich ist.

    Gruß Pumphut

  • So lange ich in Aktien und Fonds, später dann in ETFs investiere, gab es Stimmen warum es gerade zu gefährlich ist zu investieren. Bei mir werden das bald 40 Jahre, Einzelaktien sind allerdings schon etliche Jahre Geschichte. Bisher wurde jedes Allzeithoch vom nächsten abgelöst, das wird in Zukunft auch so bleiben, sicherlich wird es Abwärtsbewegungen und Crashs geben, diese muss man dann aussitzen. Man braucht halt genügend Zeit um in den Zwischenräumen nicht verkaufen zu müssen. Das jetzige Wirtschaftssystem wird sich in absehbarer Zeit kaum ändern, natürlich werden Firmen verschwinden und neue nach oben kommen, was bei einem weltweiten ETF aber kein Problem darstellt.

  • ...Angesichts dessen, dass es wir den Klimawandel bewältigen müssen und es auch weltweise eine immense Unzufriedenheit mit fehlreguliertem Kapitalismus gibt: Mit welchem guten Grund sollte man darauf wetten, dass sich unser weltweites Wirtschafts- und Finanzsystem nicht grundegend ändern wird?

    Bin gespannt, wie ihr das seht!...

    Die Sichtweise wird Dir nicht gefallen.

    Der Kapitalismus ist das beste, was der Menschheit je passiert ist. Es ist lediglich nicht perfekt.

    Den Klimawandel müssen und werden wir nicht bewältigen. Er ist einfach da.

  • Vielen Dank! Vielleicht zur Einordung, weil ich den Eindruck habe, dass ich missverstanden werde: mir geht es nicht darum, zu diskutieren, ob der Kapitalismus nun ein "schlechtes", "gutes" oder "sogar das beste" System ist.


    Ich möchte gerne wissen, ob, und wenn ja warum, ihr glaubt, dass unser Wirtschafts- und Finanzsystem in seiner aktuellen Form langfristig Bestand haben wird und somit langfristig in ETFs zu investieren die rationale Entscheidung ist, um langfristig Vermögen aufzubauen.

  • Vielen Dank! Vielleicht zur Einordung, weil ich den Eindruck habe, dass ich missverstanden werde: mir geht es nicht darum, zu diskutieren, ob der Kapitalismus nun ein "schlechtes", "gutes" oder "sogar das beste" System ist.


    Ich möchte gerne wissen, ob, und wenn ja warum, ihr glaubt, dass unser Wirtschafts- und Finanzsystem in seiner aktuellen Form langfristig Bestand haben wird und somit langfristig in ETFs zu investieren die rationale Entscheidung ist, um langfristig Vermögen aufzubauen.

    Naja, was ist schon langfristig?

    Langfristig wäre es, wenn wir nicht 2026 schreiben würden, sondern 02026.


    Aber wenn das mit der Weltwirtschaft nur zu 80% der Zeit klappt, dann sollte mich die Furcht vor den 20% nicht davon abhalten, am Erfolg der 80% teilzuhaben, oder?

  • Ich meine "langfristig" im Verhältnis eher "kurzfristig" gedacht. Stellt euch vor, ich bin 18 und frage mich einfach: warum sollte ich/man davon ausgehen, dass unser aktuelles Wirtschafts- und Finanzsystem noch die nächsten 60 - 80 Jahre (durchschnittliche Lebenserwartung) in seiner jetzigen Form Bestand hat? Ich meine das auch gar nicht kritisch. Ich will einfach nur verstehen, WARUM ich/man davon ausgehen sollte, das dem so ist...

  • Es ist das Beste, was wir haben.

    Das beste. Finanz- und Wirtschaftssystem nämlich. Das Beste, was Du hast, dürfte mit Dir Deine oder Eure Wohnung teilen.

  • schmallippenhans, vorab der guten Ordnung halber

    als Finanz-Laie, wenn auch einem an solchen Themen Interessierten

    habe ich zudem nur Deinen Beitrag Nr. 1 überflogen.


    Um mit der persönlichen Mikroebene zu starten: Auf nur eine einzige Anlageklasse und das auch noch schwerpunktmäßig oder fast gänzlich zu setzen (sprich mich diesbezüglich zu limitieren), käme für mich - als ausgeprägter Fan der Diversifikation - ohnehin nie in Frage (siehe auch "Wer Risiken scheut, der streut" oder "Nicht alle Eier in eine Korb legen" etc. pp.).

    Zur Makroebene 1.: Selbstverständlich ist der Kapitalismus ein ziemlich lausiges System - aber eben mit großem Abstand das von allen ausprobierten Systemen am wenigsten lausige und schlechte. Zudem hat der pööhsse Kapitalismus enormen Wohlstand hervorgebracht und weltweite viele Hundert Millionen Menschen aus der Armut befreit (manche Kundigere als meine Wenigkeit sprechen eher von einer Milliarde Menschen +).

    Zur Makroebene 2.: Der Kapitalismus wurde schon diverse Mal totgesagt (nur am Rande: Hierzulande ist die "Soziale Marktwirtschaft das Modell - nicht der reine Kapitalismus oder eine Art "Manchester-Kapitalismus") hat sich dabei aber stets als enorm widerstandsfähig, flexibel und anpassungsfähig erwiesen. Auch über alle Krisen hinweg. Im Gegensatz zum Kommunismus und Sozialismus beispielsweise.

    Zur Makroebene 3.: Das mit Deinem "wir" in Sachen der Bewältigung des Klimawandels, sehen teilweise jedenfalls einige nicht ganz unbedeutende und/oder bevölkerungsreiche Länder zwar nicht völlig anders aber etwas bis deutlich differenzierter.

    Zur Makroebene 4.: Auch als ETF-"Sparbüchse" dürfte man auf gewisse internationale Vorbedingungen angewiesen sein (um nur ein "großes" Beispiel zu nennen: Aus den USA wird eine Dystopie, die Unabhängigkeit der FED erodiert vollends durch von Trump initiierte Personalentscheidungen, der Dollar als Weltleitwährung erodiert als Folge davon und die USA überlassen Deutschland und die EU gänzlich ihrer eigenen Verteidigungs(un)fähigkeit - meiner bescheidenen Kenntnis nach (habe keine ETFs sondern nur Direktanlagen) machen in manchen Welt-Aktien-ETFs die USA einen Anteil von 70% oder mehr aus ... Um ein "kleineres" Beispiel zu nennen: Zusätzlich dürfte die nationale ETF-"Sparbüchse" auch auf Vorbedingungen im eigenen Land angewiesen sein (Stichworte: Noch höhere Steuern, Vermögensteuer, Vermögensabgaben, Enteignungen (mit oder nur mit geringer oder ganz ohne Entschädigung usw).


    Mein Motto ging stets in Richtung:

    "Hope for the best - prepare for the worst"

    Herausgekommen ist schließlich (bin inzwischen schon alt) eine zu meinem Motto und zu mir und meinem Bild passende recht solide, robuste und resiliente persönliche Finanzaufstellung.

    Einen solchen Ansatz kann ich daher weiterempfehlen.

    Und einen Hauch Gelassenheit, denn

    "Wenn der Herrgot net will, nutzt es gar nichts"

    (gesungen meines Wissens vom unvergesslichen Hans Moser)


    Dir gute Gedanken, ebensolche Finanz-Entscheidungen und viel Erfolg damit !

  • Ich meine "langfristig" im Verhältnis eher "kurzfristig" gedacht. Stellt euch vor, ich bin 18 und frage mich einfach: warum sollte ich/man davon ausgehen, dass unser aktuelles Wirtschafts- und Finanzsystem noch die nächsten 60 - 80 Jahre (durchschnittliche Lebenserwartung) in seiner jetzigen Form Bestand hat? Ich meine das auch gar nicht kritisch. Ich will einfach nur verstehen, WARUM ich/man davon ausgehen sollte, das dem so ist...

    Und ich frage dich noch mal: was ist die Alternative?

    Wenn Du keine zur Diskussion stellst kann man nicht darüber diskutieren.

  • Vielen Dank! Vielleicht zur Einordung, weil ich den Eindruck habe, dass ich missverstanden werde: mir geht es nicht darum, zu diskutieren, ob der Kapitalismus nun ein "schlechtes", "gutes" oder "sogar das beste" System ist.


    Ich möchte gerne wissen, ob, und wenn ja warum, ihr glaubt, dass unser Wirtschafts- und Finanzsystem in seiner aktuellen Form langfristig Bestand haben wird und somit langfristig in ETFs zu investieren die rationale Entscheidung ist, um langfristig Vermögen aufzubauen.

    Es ist völlig irrelevant, was ich glaube, was in der Zukunft stattfinden wird. Ich kann aktuell nur in die Assets investieren, die angeboten werden. In welche dieser Assets ich dann investiere, hängt dann von meiner persönlich Präferenz und Risikobereitschaft ab. Sollte irgendwann tatsächlich unsere Wirtschaftsordnung durch etwas anderes abgelöst werden (was ich wahrscheinlich nicht mehr erleben werde), ist völlig unklar, was mit Assets wie Aktien etc. passieren wird. Warum sollte ich mir darüber heute Gedanken machen?

    Einfach mal 50 Jahre zurückgehen. Da gab es weder das Internet noch Online-Banking oder ETFs. Die wenigsten hatten überhaupt die Möglichkeit, Aktien zu erwerben. Die bevorzugte Anlageformen des Normalbürgers hießen Sparbuch und Bausparvertrag. Welche Antworten auf deine Frage (ETF ersetzt durch Sparbuch) wären zu dieser Zeit wohl gekommen?