Marksen und das Bürger(Kinder)Geld

  • Beachtet jemand eigentlich die Auszahltermine des Kindergeldes? Es geht nach Endziffer 0 bis 9.

    Letzte Woche habe ich das im Schnee von jemand gehört und etwas für unsere überregionale Kirchenzeitung verfremdet zusammengeschrieben.

    Ich treffe Marksen beim Schneeschippen vor der Kirche. Er erzählt mir, dass er jetzt endlich „im Bürgergeld angekommen ist“. Sein Arbeitslosengeld ist zu Ende..

    Marksen ist sechzig Jahre alt, mochte seinen Vornamen noch nie weshalb er Marksen genannt werden möchte. Ein Mann mit schmalen Schultern und diesem stillen Blick, der nicht klagt, sondern eher bilanziert.

    Wir stehen vor dem Gemeindehaus, der Schnee ist nass und schwer, so ein schwäbischer Januar eben, wie er früher immer war. Irgendwo im im südlichen Großraum Stuttgart. Marksen schiebt den Schnee weg, nicht weil es jemand verlangt hat, sondern weil es gemacht werden muss. Wie so vieles in seinem Leben. Jetzt ist er eben Ehrenamtlicher.

    Er erzählt mir das fast sachlich. Zum 1. Januar 2026, nach Wochen der Formulare, Nachweise, Gespräche. Bürgergeld. Als wäre er irgendwo angekommen, wo er nie hinwollte, aber jetzt eben ist.
    „Ist komisch“, sagt er, „ich hab immer gearbeitet. Irgendwie halt.“

    1985, sagt er, hat er ein richtig mieses Abitur gemacht. Gerade so durch. Studiert hat er nie wirklich. Ein paar Semester eingeschrieben, nichts Ernstes. Dann Bundeswehr. Danach Gelegenheitsjobs. Mal hier, mal dort. Eine Ausbildung im Bürobereich hat er angefangen und wieder hingeschmissen. Zu eng, zu viel Gerede, zu wenig Sinn. Später dann eine Ausbildung als Lagerist. Das war eher seins. Kisten, Paletten, klare Abläufe. Er hat ein paar Jahre gearbeitet, zuverlässig, unauffällig.

    Und dann war er drei Jahre weg. Entwicklungshilfe, irgendwo in Ostafrika, er sagt das nicht pathetisch. Er war jung genug, um zu glauben, dass man etwas beitragen kann, und alt genug, um nicht mehr alles für selbstverständlich zu halten. „Das hat mir mehr beigebracht als alles andere“, sagt er.

    Seine Frau Sabine hat er erst spät kennengelernt. In einem Sozialprojekt, Betreuung für Menschen mit Behinderungen. Sabine ist warmherzig, sagt er, praktisch, nicht laut. Sie haben spät Kinder bekommen. Jonas, sechzehn, und Mara, vierzehn. Beide Gymnasium, der Junge faul, die Tochter leistungsorientiert. Beide merken längst, dass Geld ein Thema ist, auch wenn die Eltern versuchen, es klein zu halten.

    Sabine hat die letzten Jahre halbtags in einem kleinen Hotel gearbeitet. Dann wurde es geschlossen. Pandemie, Inflation, Eigentümerwechsel, das übliche. Sie hat nichts Neues gefunden. Marksen selbst hatte noch ein paar Jahre Arbeit in einer kleinen lokalen Firma, Lager, Versand. Dann wurde auch die dichtgemacht. Seitdem: Absagen, Schweigen, Maßnahmen.

    Jetzt wohnen sie zu viert in einem kleinen Reihenhaus, knapp 80 Quadratmeter, Baujahr irgendwann in den Fünfzigern oder Sechzigern. Fernwärme. Miete anerkannt vom Jobcenter. „Immerhin“, sagt Marksen ohne Ironie. Das Auto ist ein alter Kombi, Baujahr 2008, klapprig, aber fährt. Noch.

    Das eigentliche Problem, sagt er mir leise, ist der Januar. Das Kindergeld kommt erst Ende des Monats. Die Rechnungen kommen früher. Schulzeug, Essen, der Alltag. „Man rutscht halt rein“, sagt er. „Und dann steht man da.“

    Ich höre ihm zu und denke: Das ist keiner, der sich durchgemogelt hat. Das ist einer, der durchs Raster gefallen ist. Nicht spektakulär, nicht dramatisch, sondern leise, wie so viele. 2026, mitten in einem reichen Land, in einer Region, die ein hohes Durchschnittseinkommen hat.

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  • Wir stehen vor dem Gemeindehaus, der Schnee ist nass und schwer, so ein schwäbischer Januar eben, wie er früher immer war. Irgendwo im südlichen Großraum Stuttgart. Marksen schiebt den Schnee weg, nicht weil es jemand verlangt hat, sondern weil es gemacht werden muss. Wie so vieles in seinem Leben. Jetzt ist er eben Ehrenamtlicher.

    Schreiben kannst du ja. Was machst du eigentlich beruflich?

  • Es gibt aktuell eine einzige Form von gesellschaftlich akzeptierter Diskriminierung: die des Alters wegen. Wegen jeder Ungleichbehandlung aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, politischer Ausrichtung, Haarfarbe, Form etc. findet sich in Windeseile eine Lobby, die sich empört - nicht so bei der Diskriminierung aufgrund des Alters.

    Ich selbst bekomme das derzeit am eigenen Leibe mit: hochqualifiziert, über 20 Jahre in Führungspositionen, Verantwortlich für eine interntionale Abteilung mit Ingenieuren an 6 Standorten in Europa - dann Kündigung vergangenen September, ich wurde ersetzt durch eines meiner Teammitglieder, der 15 Jahre jünger ist als ich und nur etwa 2/3 von mir verdient hat. Das alles kann sein, lässt sich durch Sparmaßnahmen begründen.

    Was sich schwer begründen lässt, sind die Ergebnisse meiner bisherigen Bewerbungsbemühungen. Ich bewerbe mich sehr selektiv, fast nur auf Stellen, wo ich sicher bin, dass ich die Anforderungen der Ausschreibung zu 95 % erfülle, bei manchen bringen ich sogar noch 20 % als die geforderten Skills mit...wenn man mein bisheriges Fixgehalt zusammenrechnet inkl. Bonus und Aktien, dann kam ich in manchen Jahren auf eine Summe, wo ich aktuell nur etwas mehr als die Hälfte als Gehaltsvorstellung angebe...trotz alledem kommt meist die abschließende Email "Wir waren erstaunt über Ihre hohe Qualfifikation. Leider haber wir jemanden gefunden, der noch besser zu der ausgeschriebenen Position passt." Manchmal sind diese Stelle nach meiner Absage noch Wochen und Monate im Netz, sind also offenbar nicht vergeben worden...

    Einmal bekam ich eine relativ offene Antwort, dass ich für die ausgeschriebene Position wohl überqualifiziert sei...ich war sehr dankbar für die Information, da es mir wenigstens in etwa eine Idee gab, wodurch die Absage begründet war.

    Seitdem ich auf der Suche nach einer neuen Aufgabe bin, habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, denen es so wie mir geht. Da sind ca. 150.000 gut qualifizierte Menschen im Laufe des letzten Jahres in der Automobilindustrie und deren Zulieferer entlassen worden, wovon sehr viele "auf dem Markt" sind.

    Das Tragische dabei ist, dass man vielerorts von "Fachkräftemangel" spricht - und dabei vergisst, dass da Menschen verfügbar sind, die genau das haben, was die allermeisten Firmen suchen: Urteilsvermögen. Durchhaltevermögen. Gelassenheit in Stressmomenten. Qualität statt Chaos. Führung ohne Ego.

    Ich mache mir finanziell wenig Sorgen. Mein Häuschen ist abbezahlt, die Altersvorsorge ist über mein Depot und die Einzahlung von Höchstbeträgen in die Rentenversicherung über viele Jahre hinweg auf einem sehr guten Weg. Aber es ist die Aufgabe, die jetzt fehlt, man möchte in den Jahren bis zum Ruhestand noch etwas Sinnvolles machen, etwas bewegen, die erworbenen Qualitäten nutzbringend anwenden...

    Ich wünsche mir, dass die Damen und Herren in den Personalabteilungen ihren Horizont dahingehend erweiteren, dass sie die Qualitäten der Ü50er erkennen und diese als nutzbringend für unsere Firmen wahrnehmen...es macht wenig Sinn, die Rentenaltersgrenze weiter nach oben zu schieben, wenn die Menschen, die das betrifft, am Arbeitsmarkt keine Berücksichtigung finden.

  • Nicht spektakulär, nicht dramatisch, sondern leise, wie so viele. 2026, mitten in einem reichen Land, in einer Region, die ein hohes Durchschnittseinkommen hat.

    Ist das noch so?

    Geht nicht fast alles mächtig den Bach runter?

    Bitte keine Politikwissenschaftler und kein Marcel Fratzscher mehr im TV.

  • madize Das ist eine sehr schöne Beschreibung des Systemzustandes. Das beschriebene ist aber nicht neu, sondern schon Jahrzehnte so. Wird sich daran etwas ändern? Ich glaube nicht.

    Aber es ist die Aufgabe, die jetzt fehlt, man möchte in den Jahren bis zum Ruhestand noch etwas Sinnvolles machen, etwas bewegen, die erworbenen Qualitäten nutzbringend anwenden...

    Sinnvolles kann doch vieles sein. Muss es weiterhin der bereits ausgetretene Pfad sein?

    Wenn man finanziell ein gutes Polster hat, sollte man sich einfach mal bewusst Zeit zum Nachdenken nehmen. Damit meine ich selbst Nachdenken und die alten Muster zur Seite legen und nicht hoffen, dass das Klientel, was einen abserviert hat plötzlich einen Sinneswandel erleidet.

    Ich weis es ist sehr schwierig das bisherige

    ...hochqualifiziert, über 20 Jahre in Führungspositionen, Verantwortlich für eine interntionale Abteilung mit Ingenieuren an 6 Standorten in Europa...

    loszulassen und über diesen "Tellerrand" hinaus zu schauen.

    Aber vielleicht machts das leichter, wenn man weis,

    ...dass die Damen und Herren in den Personalabteilungen ihren Horizont dahingehend erweiteren, dass sie die Qualitäten der Ü50er erkennen und diese als nutzbringend für unsere Firmen wahrnehmen...

    dass man von diesen Herrschaften mit Ü50/60 nichts weiter als einen "feuchten Händedruck" zu erwarten hat.

    Denn, dort wo entschieden wird, sitzt nun mal zu meist das Gegenteil von:

    ...Urteilsvermögen. Durchhaltevermögen. Gelassenheit in Stressmomenten. Qualität statt Chaos. Führung ohne Ego...

    Wenn man wie die von Tomarcy beschriebe Person aber einmal am Tropf des Staates hängt, ist man nur noch Verfügungsmasse und kann reichlich wenig selbst entscheiden.

    Die Rechnungen kommen früher. Schulzeug, Essen, der Alltag. „Man rutscht halt rein“, sagt er. „Und dann steht man da.“

    Eine Nummer halt.

  • Was sich schwer begründen lässt, sind die Ergebnisse meiner bisherigen Bewerbungsbemühungen. Ich bewerbe mich sehr selektiv, fast nur auf Stellen, wo ich sicher bin, dass ich die Anforderungen der Ausschreibung zu 95 % erfülle, bei manchen bringen ich sogar noch 20 % als die geforderten Skills mit...wenn man mein bisheriges Fixgehalt zusammenrechnet inkl. Bonus und Aktien, dann kam ich in manchen Jahren auf eine Summe, wo ich aktuell nur etwas mehr als die Hälfte als Gehaltsvorstellung angebe...trotz alledem kommt meist die abschließende Email "Wir waren erstaunt über Ihre hohe Qualfifikation. Leider haber wir jemanden gefunden, der noch besser zu der ausgeschriebenen Position passt." Manchmal sind diese Stelle nach meiner Absage noch Wochen und Monate im Netz, sind also offenbar nicht vergeben worden...

    Wäre ich Personaler, wäre meine erste Frage beim Lesen deiner Bewerbung: "Warum ist diese hochqualifizierte Führungskraft gekündigt worden?" Die genaueren Umstände der Beendigung deines Arbeitsverhältnisses hast du hier nicht erläutert. Aber soweit ich mich erinnern kann, ist es in Deutschland schwierig, einen Mitarbeiter loszuwerden. Da deine Abteilung ja nach deinen Worten noch existiert, dürfte es wohl keine betriebsbedingte Kündigung sein. Empfänger von Bewerbungen stellen aber in der Regel keine Fragen. Kommt denen etwas komisch vor, heißt es: "Im Zweifel gegen den Bewerber." und deine Bewerbung landet im Ausgangsordner. Eine Begründung für die Absage wirst du praktisch nie erfahren, da sich das Unternehmen nicht angreifbar machen will.

    Natürlich wird es im fortgeschrittenen Alter im schwieriger, einen adäquaten Job zu finden. Und wenn es Absage auf Absage hagelt, kann das einem schwer die Laune verderben. Aber ich glaube, wenn du sagst, das passiert alles nur, weil du schon älter als 59 bist, machst du es dir zu einfach. Es kann eben viele andere Gründe geben, warum du Absagen bekommst. Vielleicht hast du zu lange (25+ Jahre?) in einem Konzern gearbeitet und man hält dich nicht für geeignet, dich den Strukturen des stellenausschreibenden Unternehmens anzupassen. Oder deine Gehaltsvorstellung passt nicht. Oder jemand gefällt einfach dein Bewerbungsfoto nicht. Das wirst du aber meist nie erfahren.

    Du schreibst, dass du dir finanziell keine Sorgen machen musst, aber trotzdem noch nicht in den Ruhestand gehen willst. Vielleicht wäre es ja eine Option, wenn du dich als Berater selbständig machen würdest.

  • In meinem Umkreis gibt es auch einige Arbeitssuchende. Wir sind mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass die Personaler nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind. Da kommen unsinnigen Nachfragen wie „Warum hatten Sie in der Schule in Englisch eine 4“ an einen Dr. Ing. mit Doktorarbeit auf Englisch oder „Als welches Tier sehen Sie sich“. Auch der Bewerbungsprozess scheint unorganisiert zu sein. keine Rückmeldung, obwohl ein kurzfristige Entscheidung versprochen wurde, auf Nachfrage kam dann, dass die Stelle schon längst vergeben ist. HR hat halt vergessen abzusagen. Ein Freund erhielt Monate nach dem Bewerbungsgespräch eine telefonische Zusage. Der Personaler war sauer, dass der Freund mittlerweile eine andere Stelle angenommen hat. Das war zu einer Zeit, als seine Berufsgruppe händeringend gesucht wurde.
    Sind natürlich nur Anekdoten, aber allzuviel sollte man in die Entscheidungen nicht hineininterpretieren. Am Ende scheint es an allem möglichen zu scheitern, was mit den eigenen Qualifikationen wenig zu tun hat. madize dir viel Glück und Erfolg bei der Jobsuche!

  • Wäre ich Personaler, wäre meine erste Frage beim Lesen deiner Bewerbung: "Warum ist diese hochqualifizierte Führungskraft gekündigt worden?" Die genaueren Umstände der Beendigung deines Arbeitsverhältnisses hast du hier nicht erläutert. Aber soweit ich mich erinnern kann, ist es in Deutschland schwierig, einen Mitarbeiter loszuwerden. Da deine Abteilung ja nach deinen Worten noch existiert, dürfte es wohl keine betriebsbedingte Kündigung sein. Empfänger von Bewerbungen stellen aber in der Regel keine Fragen. Kommt denen etwas komisch vor, heißt es: "Im Zweifel gegen den Bewerber." und deine Bewerbung landet im Ausgangsordner. Eine Begründung für die Absage wirst du praktisch nie erfahren, da sich das Unternehmen nicht angreifbar machen will.

    Natürlich wird es im fortgeschrittenen Alter im schwieriger, einen adäquaten Job zu finden. Und wenn es Absage auf Absage hagelt, kann das einem schwer die Laune verderben. Aber ich glaube, wenn du sagst, das passiert alles nur, weil du schon älter als 59 bist, machst du es dir zu einfach. Es kann eben viele andere Gründe geben, warum du Absagen bekommst. Vielleicht hast du zu lange (25+ Jahre?) in einem Konzern gearbeitet und man hält dich nicht für geeignet, dich den Strukturen des stellenausschreibenden Unternehmens anzupassen. Oder deine Gehaltsvorstellung passt nicht. Oder jemand gefällt einfach dein Bewerbungsfoto nicht. Das wirst du aber meist nie erfahren.

    Du schreibst, dass du dir finanziell keine Sorgen machen musst, aber trotzdem noch nicht in den Ruhestand gehen willst. Vielleicht wäre es ja eine Option, wenn du dich als Berater selbständig machen würdest.

    Hi sam51 , ich weiß nicht, wie alt Du bist, oder was Du bisher an Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt gemacht hast. Vorweg: ich kenne die Verhältnisse in vielen Ländern dieser Erde und bin sehr froh, dass wir in Deutschland einen sehr guten Schutz für Arbeitnehmer haben. Das sieht -um mal einen Extremfall zu nennen - in USA; wo meine bisherige Firma ihren Hauptsitz hat, ganz anders aus.

    Und nein, die Aussage, man könne über eine betriebsbedingte Kündingung ohne Anlass einen Mitarbeiter nicht loswerden, ist nicht richtig. In der Firma, über die ich spreche, hat es seit deren Bestehen in Europa (mehr als 30 Jahre) keinen einzigen regulären Eintritt in die Rente gegeben (bei heute ca. 800 MA), die allermeisten wurden in etwa nach 25 Jahren Betriebsgehörigkeit gekündigt, die allermeisten hatten zu diesem Zeitpunkt relativ hohe Gehälter. Vorgehen ist immer die gleiche: es wird betriebsbedingt gekündigt, wissend, dass dies einer Kündigungsschutzklage vor Gericht nicht standhalten wird. Aus diesem Grund zeitgleich eine Abfindungsvereinbarung hinterher geschoben, die teilweise sehr attraktiv ist. Damit "kauft" die Firma dem ehemaligen Mitarbeiter quasi seine Stelle ab. Du kannst dann zwar dagegen klagen (habe ich tatsächlich getan), aber wer will schon bei einer Firma weiterarbeiten, wo man genau weiß, dass diese einen nicht mehr behalten will, die alle Möglichkeiten hat, einem das (Berufs-)leben zur Hölle zu machen. Ich frage mich zwar, ob sich das wirklich lohnt (bei mir lag die Abfindung größenordnungsmäßig etwa bei einer viertel Million), aber sie tut es eben (für die Abfindungen gibt es ein Extra-Budget...

    Die Frage, warum ich gehen musste und nicht der Kollege, der heute meine Position übernommen hat, kann viele Gründe haben. Einer könnte sein, dass die von den Shareholdern gewünschten Wachstumsraten von 20 % pro Jahr früher erreicht wurden, heute seit nun ca. 5 Jahren nicht mehr (unter anderem wegen dem Rückgang des Automobilmarkts). Um am Aktienmarkt in dieser Situation bestehen zu können, fühlt man sich gezwungen, Sparmaßnahmen zu proklamieren und diese auch umzusetzen...am Personal zu sparen (bei teuren Mitarbeitern) ist eine sehr einfache Methode.

    Ein weiterer möglicher Grund, den ich aber auch erst jetzt kürzlich verstanden habe ist, dass jüngere, unerfahrenere Chefs (ich habe so einen vor ca. 2 Jahren vor die Nase gesetzt bekommen), haben häufig Schwierigkeiten mit sehr erfahrenen Mitarbeitern, die sich sehr gut im Unternehmen und im Business auskennen...es gibt Charaktere, die meinen, solche Mitarbeiter würden ihre Kompetenzen beschneiden und sie schlechter aussehen lassen. Wenig seniorig, wie ich finde: als Manager sollte es das Ziel sein, sein Team scheinen zu lassen, nicht sich selbst. Ich kam in den letzten 2 Jahren mit vielen Verbesserungsvorschlägen, basierend auf meiner Kenntnis von Firma und Kunden, möglicherweise war dies einer der Gründe für meinen Rausschmiss.

    Dass so eine Entscheidung für die Firma nicht immer eine glückliche Entscheidung ist, habe ich hinterher, bis heute, gesehen. Noch als ich bekannt gegeben habe, dass ich die Firma verlassen werde, habe ich vom ersten Mitarbeiter eine Nachricht per Teams erhalten, dass ich ihm mitteilen sollte, was meine nächste Station sei, er würde definitiv mitgehen. Er sollte nicht der letzte mit dieser Anfrage gewesen sein. Zwei weitere Kollegen bilden sich aktuell massiv weiter, um baldmöglichst den Absprung zu einer anderen Tätigkeit finden zu können. Von einem weiteren Kollegen habe ich die Aussage erhalten, er habe festgestellt, dass seine Loyalität nicht gegenüber der Firma bestehe, sondern gegenüber seinem Team und mir als seinem ehemaligem Chef...das geht natürlich runter wie Öl, zeigt mir, dass ich in meinem Umgang mit Menschen wohl sehr viel richtig gemacht habe, macht mich aber auch unendlich traurig, wenn ich daran denke, welch ein tolles Team ich da zurück gelassen habe.

    sam51, das war jetzt ein sehr langer Text mit der Beschreibung meines spezifischen Falls. Ziel war es, Dir zu erklären, wie so etwas "in Wirklichkeit" abläuft, wie die Vorgehensweise, das Mindset von international arbeitenden amerikanischen Firmen ist. Wenn ich den USA bei meiner Ex-Firma angestellt gewesen wäre, wäre mir exakt das gleiche passiert, allerdings wäre ich dann von einem Tag auf den anderen Tag mit meinem 7 Sachen auf der Straße gestanden und nicht mit einer bezahlten und freigestellten Kündigungszeit von 7 Monaten und einer doch erheblichen Abfindung. Erfahrene Personaler, die diese Vorgehensweise von börsennotierten Firmen kennen, sollten dies wissen und von daher meine Kündigung entsprechend einstufen können.

  • das Kindergeld kommt JEDEN Monat zur gleichen Zeit, nicht nur im Januar.

    Dezember & Januar sind mit die teuersten Monate im Jahr, Bei Familien mit Schulpflichtigen Kindern ist auch zum Schuljahres anfang die Kasse in der Regel leer, das hat nicht im speziellen mit dem Kindergeld zu tun, sondern ist vielmehr die nächste Auszahlung bis zu der irgendwie der Inhalt des Kühlschranks und die sonstigen Vorräte reichen müssen.

  • Das Tragische dabei ist, dass man vielerorts von "Fachkräftemangel" spricht - und dabei vergisst, dass da Menschen verfügbar sind, die genau das haben, was die allermeisten Firmen suchen: Urteilsvermögen. Durchhaltevermögen. Gelassenheit in Stressmomenten. Qualität statt Chaos. Führung ohne Ego.

    Wenn vom Fachkräftemangel gesprochen wird sind das in aller regel nur bestimmte Branchen, der Metallbau gehört in den letzten Jahren meistens nicht dazu.

  • @da2023sche, danke für Deine Gedanken. "Etwas anderes zu machen" ist natürlich ein sinnvoller und in die Zukunft weisender Plan. Dieser geht mir natürlich auch durch den Kopf.

    "Raus aus der Komfortzone" heißt das wohl, aber dies ist sowieso die Situation, in der ich mich derzeit befinde. Dies hat mehrere Aspekte. Ein Aspekt ist, dass ich mich natürlich frage, wie ich eine Position finden kann, wo ich deutlich weniger Erfahrung und Fähigkeiten mitbringe, als dies bei Tätigkeiten der Fall ist, wo ich nun schon über 20 Jahre tätig gewesen bin...für mich persönlich könnte ich mir Consulting vorstellen in Sachen Finanzbildung, Personalberatung in Sachen Recruitment, vielleicht sogar Consulting in Sachen High-Fi Geräte...alles Bereiche, in denen ich mich recht gut auskenne und die ich auch sehr mag.

    Ansonsten, um im Fach zu bleiben, bin ich bereit, und ich sehe auch, dass diese Optionen am Markt existieren, dass man 1-2 Level berufsmäßig nach unten entwickeln kann, oder auch 1-2 Level nach oben.

    Für den Schritt nach unten hätte ich kein größeres Problem, finanzielle Einbußen könnte ich verkraften, dies geht üblicherweise mit weniger Verantwortung und damit auch mit geschonteren Nerven einher.

    Der Schritt nach oben ist finanziell oft lukrativ, lässt mich aber auch immer an mir zweifeln, in wieweit ich dies für die Firma und mich tatsächlich leisten könnte, oft muss man da in fachliche Bereiche eindringen, wo man zwar eine Idee hat, wo man aber bisher wenig Erfahrung aufzuweisen hat...die Sorge zu scheitern ist dann vorhanden...weiß nicht, ob ich mir das in meinem Alter noch antun soll...

    Neben der Bewerbung auf vorhandene Stellenanzeigen gibt es noch weitere Methoden: sich von ehemaligen Geschäftspartner ansprechen lassen (habe gerade eine solche Anfrage bekommen, die Firma möchte ihr Geschäft auf den deutschsprachigen Raum ausdehnen und sucht nun einen Experten, der Land, Leute, Produkt kennt), oder aber das Kontaktieren von Personalvermittlern, die oft Stellen kennen, die noch gar nicht ausgeschrieben sind...

  • Naja, das mit dem Bürgergeld und Kindergeld ist ein gängiges Problem, auf das sich die meisten eigentlich gut einrichten können in dem man Zahlungen verschiebt.

    Letztendlich bleiben der Familie, wenn die Miete gezahlt wird 1.954€ übrig (Regelbedarfe für die Eltern jeweils 506 € und Regelbedarfe für Kinder 14-17 jeweils 471 €), gut aufgeteilt eben auf 1.436 € am Monatsanfang (Bürgergeld) und 518 € Kindergeld am Monatsende .... Ganz ehrlich, wenn er noch einer ehrenamtlichen Tätigkeit mit Aufwandsentschädigung nachgehen würde, hätte er on Top bis zu 3.300 € im Jahr zusätzlich. Klar nicht viel, aber wie "gemütlich" muss so eine soziale Grundsicherung denn sein?

    Hinzu gibt es Bildungs und Teilhabeleistungen für die Kinder, Schullandheim, Klassenfahrt, Vereinsbeitrag werden vom Amt bezahlt. Schön und gut, viel zu bürokratisch nebenbei. Viele die aber nur schlecht verdienen und keine aufstockenden Leistungen erhalten, ist das aber regelmäßig ein größeres Problem.

    Leider sind die leisen Stimmen oft nicht gehört, sondern nur die welche sich durchmogeln (Totalverweigerer) und diejenigen, welche über diese schimpfen (Politiker des eher rechten/konservativen Spektrums).

  • Tomarcy ich habe vorhin mal geschaut

    In Stuttgart gibt es an einigen Stellen Lebensmittel von Aktivisten die Lebensmittel retten, sogenante fairtailer, (foodsharing.com)

    Von den Beschreibungen her würde ich auf jeden fall mal die Commons Bude anschauen die steht an der Liebfrauenkirche in Stuttgart bad Cannstatt in der Nähe der Haltestelle uff Kirchhof

    Auch gibt es wenn man nicht zu wählerisch ist & Zeit hat, wenn man mit Smartphone und Apps klarkommt ganz nette Sachen bei ToGoodToGo.

  • Wenn vom Fachkräftemangel gesprochen wird sind das in aller regel nur bestimmte Branchen,

    So wäre es zwar richtig, aber die Realität ist doch schon eher, dass die Post von Fachkräftemangel bei den Postboten spricht, während das vorher mal ein bei Studenten beliebter Aushilfsjob war. Fachkräftemangel in der Gastro heißt eigentlich Sternekoch, heißt aber auch: Keiner da, der die Spülmaschine ein- und ausräumt. Bei meiner Lieblingsautowaschstraße stand jahrelang jemand vorne, der vor Einfahrt schonmal mit dem Hochdruckreiniger übers Auto ging, nen Euro oder zwei Trinkgeld nahm, und dem Heckscheibenwischer ein Plastikkondom verpasste. Da hängt seit einiger Zeit ein Schild: "Keine Vorwäsche mehr wegen Fachkräftemangel". :/

    Und weil auch in der Politik das Bestreben, Fachkräftemangel als fachkräfteorientiert zu definieren, doch eher mau ist, kriegen wir diesen Mangel auch absehbar nicht beseitigt.

  • Bei meiner Lieblingsautowaschstraße stand jahrelang jemand vorne, der vor Einfahrt schonmal mit dem Hochdruckreiniger übers Auto ging, nen Euro oder zwei Trinkgeld nahm, und dem Heckscheibenwischer ein Plastikkondom verpasste. Da hängt seit einiger Zeit ein Schild: "Keine Vorwäsche mehr wegen Fachkräftemangel". :/

    Entweder diese Person ist keine Fachkraft oder madize ist keine.


    Und wenn das geklärt ist, findet man vermutlich auch raus, woran es wirklich mangelt ;)

  • Meine Meinung zum Thema Waschstraße ist die, dass man fürs Nichtstun nur unwesentlich weniger bekommt, als wenn man sich jeden Tag 8 Stunden an die Waschstraße stellt, um dort Plastikkondome über Scheibenwischer zu ziehen und mit Hochdruckreiniger die Autos vorzuwaschen...

    Als ich vor etwa 2 Jahren sah, dass im Altenpflegeheim das angeschlossene Café für 2 Wochen schließen musste, weil 2 Angestellte teils krankheitsbedingt nicht arbeiten konnten, fragte ich im Heim nach, warum diese so wichtige Einrichtung nicht durch Arbeitssuchende besetzt werden könne. Die Heimleiterin sagte mir, dass tatsächlich ein ukrainisches Ehepaar sich vorgestellt hätte, dass sie aber dankend abgelehnt haben, nachdem sie das verfügbare Gehalt erfahren hatten...der Betrag, den sie für sich und ihre 3 Kinder vom Amt erhalten haben, war wohl deutlich attraktiver - und das, ohne morgens aufstehen zu müssen...

    Hat meiner Meinung nach mit echtem Fachkräftemangel nichts zu tun, sondern ist eine Überversorgung von Bürgergeldempfängern in bestimmten Konstellationen (vor allem mit vielen Kindern).

  • Da ich selbst zur Baby Boomer Generation gehöre (Definition 1946 bis 1964 Geborene - meines Wissens ... ?) und auch viele in meinem Umfeld dazu gezählt werden können ...

    Liest sich wie ein - meinen eigenen Erfahrungen nach - eigentlich eher für Boomer typischen Lebenslauf...

    ?

    Das (Nr. 1) liest sich nicht ansatzweise wie mein eigener Lebenslauf (eher ein Gegenentwurf oder Gegenmodell) und auch nicht wie der Lebenslauf der allermeisten Boomer in meinem näheren und weiteren Umfeld. Demzufolge kann sich das auch nicht ansatzweise mit meinen eigenen Erfahrungen decken.

    Was daran eigentlich für Boomer "typisch" sein soll, bleibt mir ebenso verschlossen ... ?