Beachtet jemand eigentlich die Auszahltermine des Kindergeldes? Es geht nach Endziffer 0 bis 9.
Letzte Woche habe ich das im Schnee von jemand gehört und etwas für unsere überregionale Kirchenzeitung verfremdet zusammengeschrieben.
Ich treffe Marksen beim Schneeschippen vor der Kirche. Er erzählt mir, dass er jetzt endlich „im Bürgergeld angekommen ist“. Sein Arbeitslosengeld ist zu Ende..
Marksen ist sechzig Jahre alt, mochte seinen Vornamen noch nie weshalb er Marksen genannt werden möchte. Ein Mann mit schmalen Schultern und diesem stillen Blick, der nicht klagt, sondern eher bilanziert.
Wir stehen vor dem Gemeindehaus, der Schnee ist nass und schwer, so ein schwäbischer Januar eben, wie er früher immer war. Irgendwo im im südlichen Großraum Stuttgart. Marksen schiebt den Schnee weg, nicht weil es jemand verlangt hat, sondern weil es gemacht werden muss. Wie so vieles in seinem Leben. Jetzt ist er eben Ehrenamtlicher.
Er erzählt mir das fast sachlich. Zum 1. Januar 2026, nach Wochen der Formulare, Nachweise, Gespräche. Bürgergeld. Als wäre er irgendwo angekommen, wo er nie hinwollte, aber jetzt eben ist.
„Ist komisch“, sagt er, „ich hab immer gearbeitet. Irgendwie halt.“
1985, sagt er, hat er ein richtig mieses Abitur gemacht. Gerade so durch. Studiert hat er nie wirklich. Ein paar Semester eingeschrieben, nichts Ernstes. Dann Bundeswehr. Danach Gelegenheitsjobs. Mal hier, mal dort. Eine Ausbildung im Bürobereich hat er angefangen und wieder hingeschmissen. Zu eng, zu viel Gerede, zu wenig Sinn. Später dann eine Ausbildung als Lagerist. Das war eher seins. Kisten, Paletten, klare Abläufe. Er hat ein paar Jahre gearbeitet, zuverlässig, unauffällig.
Und dann war er drei Jahre weg. Entwicklungshilfe, irgendwo in Ostafrika, er sagt das nicht pathetisch. Er war jung genug, um zu glauben, dass man etwas beitragen kann, und alt genug, um nicht mehr alles für selbstverständlich zu halten. „Das hat mir mehr beigebracht als alles andere“, sagt er.
Seine Frau Sabine hat er erst spät kennengelernt. In einem Sozialprojekt, Betreuung für Menschen mit Behinderungen. Sabine ist warmherzig, sagt er, praktisch, nicht laut. Sie haben spät Kinder bekommen. Jonas, sechzehn, und Mara, vierzehn. Beide Gymnasium, der Junge faul, die Tochter leistungsorientiert. Beide merken längst, dass Geld ein Thema ist, auch wenn die Eltern versuchen, es klein zu halten.
Sabine hat die letzten Jahre halbtags in einem kleinen Hotel gearbeitet. Dann wurde es geschlossen. Pandemie, Inflation, Eigentümerwechsel, das übliche. Sie hat nichts Neues gefunden. Marksen selbst hatte noch ein paar Jahre Arbeit in einer kleinen lokalen Firma, Lager, Versand. Dann wurde auch die dichtgemacht. Seitdem: Absagen, Schweigen, Maßnahmen.
Jetzt wohnen sie zu viert in einem kleinen Reihenhaus, knapp 80 Quadratmeter, Baujahr irgendwann in den Fünfzigern oder Sechzigern. Fernwärme. Miete anerkannt vom Jobcenter. „Immerhin“, sagt Marksen ohne Ironie. Das Auto ist ein alter Kombi, Baujahr 2008, klapprig, aber fährt. Noch.
Das eigentliche Problem, sagt er mir leise, ist der Januar. Das Kindergeld kommt erst Ende des Monats. Die Rechnungen kommen früher. Schulzeug, Essen, der Alltag. „Man rutscht halt rein“, sagt er. „Und dann steht man da.“
Ich höre ihm zu und denke: Das ist keiner, der sich durchgemogelt hat. Das ist einer, der durchs Raster gefallen ist. Nicht spektakulär, nicht dramatisch, sondern leise, wie so viele. 2026, mitten in einem reichen Land, in einer Region, die ein hohes Durchschnittseinkommen hat.