Wie geht ihr mit fehlenden Börsenkrisen um?

  • Ich bin seit Ende 2021 ein braver ETF Sparer und mittlerweile hat sich da jetzt auch schon ein kleines Sümmchen im Depot angesammelt. Allerdings habe ich bisher ja noch keinen wirklichen Crash miterlebt und frage mich natürlich, ob meine geschätzte Risikotragfähigkeit sich dann auch wirklich bewahrheitet.

    Wie geht ihr mit fehlender Krisenerfahrung um? :)

  • Zur hilfreichsten Antwort springen
  • Wichtig ist, dass Du genug Geld in der Hinterhand (also auf Tagesgeld oder kurz laufendem Festgeld) hast, von dem aus Du alle zu erwartenden Investitionen vornehmen kannst. Dann führt das zumindest bei mir zu einem "ist mir grad egal"-Faktor beim Depot. Klar freue ich mich, wenn da möglichst große, grüne Zahlen stehen. Aber auch rote Zahlen verlieren dann schon deutlich an Schrecken... Ich konnte mich mit diesem Weg gut trainieren, habe aber leider auch über andere Wege mehr als genug Geld verbrannt 🙄💸


    Unangenehm wird es an dem Punkt, an dem Du aufgrund der Wertentwicklung im Depot am Leben sparst. Also auf Urlaub o.ä. verzichtest...

  • Ab wann spricht man denn von einem Crash? -25 bzw. 40 oder gar ü60%?

    Aus dem Bauch raus bei so ca. -50% ;)

    Wobei vermutlich auch die zeitliche Komponente eine Rolle spielt. Wenn es mal ein paar Wochen bergab geht ist das vermutlich leichter zu ertragen, als wenn nach x Jahren die Kurse immer noch im Keller sind :/

  • Ich geh ganz normal weiter meinem normalen Tagesablauf nach da ich die ETF Anteile ja sowieso jetzt nicht benötige.

    Schau vorne aufs Depot. Die Anteile werden mit jeder Sparplanausführung mehr.
    Was mit dem aktuellen Wert hinten passiert interessiert nicht.

    Oder überhaupt nicht hinschauen.

    So ähnlich wie Kreisliga im Obertaunus. Interessiert mich auch nicht. 😉

    • Hilfreichste Antwort

    Das Problem bei sehr großen Kursrückgängen ist, dass sie immer nur dann auftreten, wenn es ein starkes Narrativ gibt. In der Regel handelt es sich dabei um eine systemische Krise, die viele Menschen am gesamten oder zumindest an Teilen des Systems zweifeln lässt. Dieses Narrativ wird dann natürlich über alle Kanäle kommuniziert. Die Finanzkrise und Corona sind dafür gute Beispiele.

    Plötzlich tauchen Fragen auf wie: Gilt die alte Regel „Was fällt, steigt auch wieder“ wirklich noch, wenn das Finanzsystem oder sogar die gesamte Wirtschaftsordnung gefährdet ist? Gilt sie weiterhin, wenn plötzlich ein Virus auftaucht, der durch Mutation ein Drittel der Weltbevölkerung auslöschen könnte? Was ist, wenn russische Panzer Richtung Berlin rollen? Einlagensicherung, Sondervermögen,.... alles wirklich noch sicher?

    Im Nachhinein (oder lange davor) schmunzelt man darüber, aber mitten in der Krise wird es schwer. 50 % Minus fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen, weil sehr viel erfahrenere und vermeintlich intelligentere Menschen als der durchschnittliche Privatanleger verkaufen. Und sie tun das nicht nur, weil sie müssen (auch das gibt es).

    Dann beginnt es im Kopf zu arbeiten: Bin ich wirklich schlauer als all die anderen? Gleichzeitig verlieren viele Menschen ihre Jobs, die Nachrichten feuern aus allen Kanonen und irgendwann hat es einen. Nach so vielen Jahren Hausse vergisst man das leicht.

  • Ich frage mich nur, wie gut man seine eigene Risikobereitschaft wirklich einschätzen kann, wenn man noch keine schlechten (Börsen-)Zeiten mitgemacht hat...

    Vermutlich gar nicht. In den letzten Jahren gab es zwar diverse Einbrüche, aber es macht schon einen Unterschied, ob wir von -20% reden, die übernächste Woche schon wieder aufgeholt sind. Oder davon, dass es mehrere Jahre langsam aber sicher bergab geht.

  • Ich hab im letzten Januar 150k investiert, mehr als bereits im Depot war. Dank Trump ging mein ganzer Gewinn von 2 Jahren flöten und ich stand plötzlich mit roten Zahlen da.

    Mich hat nicht geärgert das es rot wurde, Krisen passieren, mich hat mein hochgradig besch… Timing genervt, statt von der Krise profitieren zu können hab ich davor teuer eingekauft und war dann fast mittellos und konnte nicht günstig nachkaufen, das hatte mich geärgert, nicht mehr Geld für günstig nachkaufen zu haben.

    Somit denke ich, das rote Zahlen mir zwar nicht gefallen, ich mich aber eher über zu wenig flüssige Mittel aufregen werde wie das ich dann in Panik verfalle, das mein Depot schrumpft. Und größere einmal Investitionen wird es eh nie wieder geben bei mir.

  • Hallo zusammen,

    ich finde es total hilfreich, sich einmal ehrlich mit der eigenen Risikotragfähigkeit auseinanderzusetzen – so wie es z. B. auch bei Finanztip empfohlen wird. Mir hat das geholfen, ruhigere und passendere Entscheidungen beim Investieren zu treffen.

    Für mich beginnt das Ganze nicht bei Rendite, sondern bei meiner finanziellen Stabilität. Ich habe mir zuerst angeschaut, wie sicher mein Einkommen ist, ob ich Rücklagen für Notfälle habe und welche festen Ausgaben regelmäßig anfallen. Allein der Gedanke, mehrere Monatsgehälter als Notgroschen zu haben, gibt mir schon deutlich mehr Gelassenheit.

    Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich der Zeithorizont. Geld, das ich in den nächsten Jahren brauche, möchte ich nicht starken Schwankungen aussetzen. Je länger ich aber auf das Geld verzichten kann, desto eher halte ich auch Kursschwankungen aus – zumindest theoretisch.

    Spannend fand ich auch die Trennung zwischen Risikotragfähigkeit und Risikobereitschaft. Nur weil ich rechnerisch Verluste aushalten könnte, heißt das nicht automatisch, dass ich mich damit wohlfühle. Ich habe mich daher gefragt: Wie würde ich wirklich reagieren, wenn mein Depot zeitweise 20, 30 oder 50 Prozent im Minus steht? Diese ehrliche Selbsteinschätzung war für mich extrem wertvoll.

    Insgesamt nehme ich für mich mit: Meine persönliche Risikostrategie darf sich gut anfühlen und zu meinem Leben passen. Es geht nicht darum, maximal mutig zu sein, sondern bewusst und realistisch. Dieser Ansatz hat mir viel Druck genommen – und genau das finde ich sehr wertschätzend an dieser Art der Finanzbildung.

    LG

  • Ich frage mich nur, wie gut man seine eigene Risikobereitschaft wirklich einschätzen kann, wenn man noch keine schlechten (Börsen-)Zeiten mitgemacht hat...

    Ich habe mich daher gefragt: Wie würde ich wirklich reagieren, wenn mein Depot zeitweise 20, 30 oder 50 Prozent im Minus steht?

    Investiere nur Geld, dass du die nächsten 10-15 Jahre NICHT brauchst.
    Wenn es denn mal dauerhaft richtig runter geht, dann sind das keine guten Gefühle dabei.
    Wenn man anfängt zu zweifeln immer dran denken: "Keine Sorge - wird schon werden"

    Du kannst im Vorraus noch soviel denken und dir Risikotragfähigkeit bestätigen. Wenn du erst richtig in der "Malesche" drin hängst, sieht für dich deine Risikotragfähigkei ganz anders aus.
    Aber: "Keine Sorge - wird schon werden" und nichts anrühren,... ist sehr schwer, aber funktioniert.

  • Ich würde empfehlen zu visualisieren und es durchzuspielen, was konkret ein Crash bedeuten würde. Guck dir dein Depot an und stell dir vor es wäre jetzt 30-50% niedriger. Stell dir vor, wie du dich ärgerst, Versuch dir aber auch klar zu machen, dass es temporär sein wird, wenn die Welt nicht untergeht.
    Sieh das positive daran, deine Sparpläne kaufen jetzt günstig ein, vielleicht hast du doch etwas Geld noch übrig und kannst investieren.

    Ich habe es in der Vergangenheit schon erlebt und kann daher für mich sagen, dass vermutlich das Durchleben eines Crashs das stärkste Erlebnis ist, dass einen im Durchhslten for die Zukunft bestärken wird.

    Bei Corona hatte ich zwar einen mittleren 6 stelligen Betrag Buchwert verloren, was mich schon bedrückt hat, aber gleichzeitig habe ich die Chance gesehen und frühzeitig gestaffelte Kauforder ca -8, -12, -16, -24% unter Kurs gesetzt und so die Chance genutzt. Auch Sparpläne liefen natürlich weiter.


    Wenn man so etwas nicht erleben konnte, würde ich eben versuchen schon vorher sich vorzustellen, was es für dich bedeuten würde und wie du damit umgehen willst, vielleicht schreibst du es dir sogar auf und liest es dann in einem emotionalen Moment, wenn es so weit ist, durch.

  • Bei Corona hatte ich...

    Das war kein crash.

    Wenn es Monate und Jahre kontinuierlich runter geht, ein kleines bisschen hoch und dann noch tiefer in den Keller, dann nach 7 oder 10 Jahren noch dabei zu bleiben, dazu gehört Durchhaltevermögen und das kannst du NICHT im vorraus trainieren.