Hallo zusammen,
kann jemand Depotbanken für die Einmalanlage von (in Summe) einem niedrigen bis mittleren sechsstelligen Betrag in einen Geldmarkt-ETF sowie Festgeldanbieter (ggf. auch Tagesgeldanbieter) empfehlen, die - entsprechende Vollmacht vorausgesetzt - die Verwaltung von Beginn an vollständig durch Dritte (d.h. komplett ohne Beteiligung des Konto-/Depotinhabers) ermöglichen?
So viel als tl;dr. Wen es interessiert, nachfolgend ausführlicher zum Hintergrund, meinem Recherchestand und weiteren Details zur Frage:
Hintergrund
Eine Über-90-jährige Frau ist pflegebedürftig mit fortgeschrittener Demenz und lebt im Pflegeheim. Sie ist praktisch geschäftsunfähig (de facto, aber nicht gerichtlich festgestellt). Eine der Töchter verfügt jedoch über eine umfassende notarielle General- und Vorsorgevollmacht, die bereits greift und ohne Beschränkungen ausgeübt werden kann. Die Vollmacht umfasst auch Finanzgeschäfte (insbesondere Bank- und Immobiliengeschäfte).
Durch die im Pflegeheim zu leistenden Zuzahlungen ist das zuvor existierende Barvermögen der Frau inzwischen aufgebraucht (nur gesetzliches Schonvermögen verbleibt). Sie ist Alleineigentümerin eines Einfamilienhauses. Zur Finanzierung der weiteren Pflegekosten muss das (leer stehende) Einfamilienhaus verkauft werden. Die notarielle General- und Vorsorgevollmacht umfasst auch Immobiliengeschäfte, der Verkaufsprozess läuft bereits und steht tatsächlich sogar kurz vor dem Abschluss. Entsprechend wird in einigen Wochen ein erklecklicher sechsstelliger Betrag auf dem Girokonto der Frau eingehen.
Mal davon abgesehen, dass der Betrag die Einlagensicherung erheblich übersteigt, sollen die Beträge nicht unverzinst herumliegen. Es sollen daher mehrere große fünf- bis kleine sechsstellige Beträge angelegt werden. Die Tochter (wie auch die übrigen Kinder der Frau) haben mit Finanzen nicht viel am Hut, daher ist das Thema auf meinem Tisch gelandet. Ich soll auswählen wo wie viel angelegt wird. Die gesamte Abwicklung erfolgt aber durch die Tochter (mit Unterstützung, soweit nötig) mit besagter notarieller Vorsorge- und Generalvollmacht. Die Tochter kann mit Banking-Apps ausreichend gut umgehen (ist also kein Ausschlusskriterium), jedoch wäre die Bedienung am PC per Webbrowser vorzuziehen.
Fragestellung
Die Anlagestrategie an sich soll hier nicht Thema sein. Der Anlagehorizont ist realistisch betrachtet überschaubar, das Sicherheitsbedürfnis überwältigend (d.h. Aktien-ETFs fallen raus), der Verwaltungsaufwand muss minimal sein. Die Anlage wird sich daher auf Geldmarkt-ETFs, evtl. Tagesgeld und Festgelder beschränken. Dass das nur einen (teilweisen) Inflationsausgleich darstellt ist vollkommen klar.
Bei allen Banken ist zwingende Voraussetzung, dass das auf die Frau laufende Konto vollständig von der Tochter verwaltet werden kann - natürlich nach Vorlage der Vollmacht. Wenn die Bank eine notarielle Vollmacht verlangt ist das überhaupt kein Problem, allerdings muss es möglich sein die Vollmacht noch vor Kontoeröffnung vorzulegen. Auch darf der Zugang des Bevollmächtigten nicht eingeschränkt sein.
Depotbank
Ich würde jetzt erst mal anhand von https://www.finanztip.de/wertpapierdepot/ alle Banken ausschließen die das Vollmacht-Kriterium nicht erfüllen. Das sind laut Artikel Trade Republic, Scalable Capital, ING und alle Neobroker bei der Baader Bank (Smartbroker+, Traders Place und Finanzen.net Zero). Außerdem fallen nach meinem Verständnis die Banken raus, die laut Tabelle keine "selbsterstellte Vollmacht" erlauben - denn das ist die notarielle Vorsorge- und Generalvollmacht ja prinzipiell. Damit fallen auch Flatex und Merkur raus. Von den Finanztip Empfehlungen bleiben dann nur noch Comdirect, S Broker und Consorbank übrig. Keine Finanztip Empfehlungen, aber in der Tabelle mit entsprechenden Häkchen sind dann noch Targo, 1822direkt, Postbank, HypoVereinsbank und DKB; ob die für diesen Einzelfall funktionieren würden kann ich aktuell nicht einschätzen.
Die Unterschiede von Comdirect / S Broker / Consorbank anhand der Finanztip Tabelle sind minimal… Kostentechnisch nimmt sich das alles nichts: Ob nun 2 € / 5 € / 0 € laufende Kosten und 60 € / 55 € / 70 € Gebühr für die Einmalanlage anfallen ist im Kontext sechsstelliger Anlagebeträge nicht entscheidend. Wie viele Handelsplätze und ETFs im Angebot sind spielt auch keine Rolle, es geht nur um die Einmalanlage in Geldmarkt-ETFs. Soweit ich das überblicke bieten alle Anbieter eine Browseroberfläche, was gut ist. Spannend beim S Broker ist der Auszahlplan und immerhin 1,5% aufs Tagesgeldkonto, zudem ist die Frau bereits Sparkassenkundin. Bei der Consorbank habe ich etwas Bedenken aufgrund der rechtlichen Komplexität von Vollmacht und Erbe in Verbindung damit, dass die französische BNP Paribas hinter der Consorbank steht.
Daher tendiere ich beim Depo aktuell zum S Broker. Haltet ihr das für eine sinnvolle Wahl? Habt ihr konkrete Erfahrungen, evtl. sogar speziell zur Nutzung von Vollmachten dort? Könnt ihr vor dem o.g. Hintergrund andere Banken (zentral dabei ist die Vollmacht) empfehlen?
Banken für Tages- und Festgelder
Neben der Anlage in einem Geldmarkt-ETF sollen Gelder auch in besser verzinsten Festgelder angelegt werden. Konkret angedacht ist ein Festgeld mit 1 Jahr und 3 Jahren, evtl. auch mit 2 und 5 Jahren Laufzeit. Theoretisch denkbar wäre als Alternative zum Geldmarkt-ETF auch ein Tagesgeld das in Vergangenheit langfristig gute Zinsen geboten hat (Zinshopping fällt definitiv raus), das steht aber nicht sonderlich im Vordergrund, weil durch den Geldmarkt-ETF inhaltlich bereits abgedeckt.
https://www.finanztip.de/festgeld/ kenne ich natürlich, leider wird dort das Thema Vollmacht (durchaus verständlicherweise) überhaupt gar nicht angerissen. Ich weiß, dass WeltSparen schon mal komplett raus fällt, Raisin bietet keine Vollmachten an. Meines Wissens gilt das generell für ausländische Tages- und Festgelder.
Kann jemand Banken empfehlen die Festgelder mit Zinsen über dem Niveau von Geldmarkt-ETFs bieten und wie oben dargestellt Vollmachten akzeptieren? Mein Ansatz wäre bisher über Check24 zu gehen und dann jede Bank einzeln zu prüfen…
Weitere Themen
Steueroptimierung soll hier nicht Thema sein. Da muss ich mir überhaupt erst mal einen Überblick über die aktuelle Steuersituation der Frau verschaffen, ich vermute aber es läuft auf eine NV-Bescheinigung hinaus, aber das soll wie gesagt nicht Thema sein.
Das Thema Erbe soll hier auch nicht Thema sein. Dass man auf diese Art sehr erfolgreich das in einem Leben aufgebaute Vermögen (teilweise) vernichtet ist mir vollkommen klar - ich habe das nicht zu entscheiden und ich habe sehr aktiv versucht die Kinder schon vor >12 Jahren für das Thema zu sensibilisieren (ja, d.h. man hätte das Erbe komplett retten können, hätte man damals gehandelt). Das wurde aber von den Betroffenen abgelehnt. Auch wird bis zum tatsächlichen Erbfall in Bezug aufs Erbe nichts passieren. Ich bin froh, dass ich immerhin dafür sensibilisieren konnte, dass keine sechsstelligen Beträge auf dem Girokonto herumliegen. Betrachtet das also als Warnung, dass ihr euch ums Erbe kümmern solltet - lasst es nicht so weit kommen wie hier, egal ob nun aus der Position des Erblassers oder der Erben.
Danke für eure Tipps!
Viele Grüße
Rudi