Steuerserie Teil 6
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Viele Anleger konnten 2019 ordentliche Einnahmen erzielen – etwa durch Aktienverkäufe, Zinsen vom Festgeldkonto oder Dividenden aus dem Aktiendepot. Der Fachbegriff dafür ist Kapitalerträge. Von allem, was über den Freibetrag hinausgeht, müssen Sie ein gutes Viertel an Steuern abführen. Seit 2018 gelten zudem neue Regeln für die Fondsbesteuerung. Wir erklären, was sich dadurch geändert hat und wann es sich lohnt, die Kapitalerträge in der Steuererklärung einzutragen.

Wenn Sie nichts unternehmen, zieht Ihre Bank automatisch 25 Prozent von Ihrem Gewinn ab – plus Solidaritätszuschlag, insgesamt also mindestens 26,4 Prozent. Dazu kommt gegebenenfalls noch Kirchensteuer. Die Bank zahlt die Steuern direkt ans Finanzamt – als sogenannte Abgeltungssteuer. Sie bekommen das Geld also gar nicht erst zu Gesicht.

Das ist bequem, weil Sie die Beträge nicht selbst in der Steuererklärung eintragen müssen. Für viele Anleger ist das in Ordnung – allerdings kommt es oft vor, dass am Ende zu viel Steuern ans Finanzamt geflossen sind!

Und das sollten Sie wissen:

1. Steuerfrei bis 801 Euro

Die gute Nachricht zuerst: Auf Kapitalerträge bis 801 Euro müssen Sie keine Steuern zahlen (1.602 Euro für Ehepaare). Denn jedem Bürger steht dieser Sparerpauschbetrag zu. Damit die Bank erst gar keine Abgeltungssteuer von Ihren Gewinnen abzweigt, sollten Sie einen Freistellungsauftrag einrichten. Führen Sie mehrere Konten oder Depots, dann können Sie den Betrag auf Ihre Banken verteilen. Sie dürfen aber mit allen Freistellungsaufträgen insgesamt den Sparerfreibetrag nicht überschreiten. Damit Sie leichter den Überblick behalten, haben wir eine kostenlose Excel-Vorlage vorbereitet.

Falls Sie es versäumt haben, die Aufträge einzurichten, oder die Aufteilung auf die einzelnen Banken nicht optimal war, holen Sie sich die zu viel bezahlte Abgeltungssteuer mit der Anlage KAP zurück. Beim Ausfüllen helfen die Steuerbescheinigungen, die Sie von den Finanzinstituten erhalten.

2. Rentner und Studenten bleiben oft steuerfrei

Grundsätzlich keine Steuern müssen Sie zahlen, wenn Sie mit Ihrem insgesamt zu versteuernden Einkommen 2019 nicht über 9.168 Euro kamen – das ist der sogenannte Grundfreibetrag. Das trifft besonders oft auf Studenten, Rentner und Minijobber zu. Unser Tipp: Beantragen Sie beim Finanzamt eine Nichtveranlagungs-Bescheinigung. Diese geben Sie Ihrer Bank; die Bescheinigung gilt bis zu drei Jahre.

3. Prüfen lassen, was günstiger kommt

Liegt Ihr persönlicher Steuersatz unter 25 Prozent (genauer gesagt: der Grenzsteuersatz), sollten Sie die „Günstigerprüfung“ beantragen (Anlage KAP, Zeile 4). Das ist der Fall, wenn Sie zusammen mit Ihren Kapitalerträgen auf ein zu versteuerndes Einkommen von höchstens 16.636 Euro kommen; für zusammenveranlagte Ehepartner gilt der doppelte Betrag. Dann können Sie sich mit der Steuererklärung die Differenz zur bereits abgeführten höheren Abgeltungssteuer zurückholen. Ehepartner müssen in der Regel zwei Anlagen KAP ausfüllen.

Steuerzahler, die vor dem 2. Januar 1955 geboren wurden, können mit ihren Kapitalerträgen zusätzlich vom Altersentlastungsbetrag profitieren. Das Finanzamt berücksichtigt diesen Freibetrag nur, wenn Sie die Günstigerprüfung beantragen.

Übrigens: Die Günstigerprüfung ist für Sie ohne Risiko. Das Finanzamt berechnet, welche Variante der Besteuerung für Sie vorteilhafter ist, und wendet diese an.

4. Gewinn mit Verlust verrechnen

Die Anlage KAP sollten Sie auch ausfüllen, wenn Sie Gewinne und Verluste bei verschiedenen Banken miteinander verrechnen wollen (Zeilen 10 und 11). Dafür benötigen Sie eine Verlustbescheinigung der Bank. Einen Verlust aus einem Aktienverkauf dürfen Sie nur mit einem Gewinn aus einem Aktiengeschäft gegenrechnen – nicht etwa mit Zinsen oder Dividenden.

5. Fonds und Anlagen im ausländischen Wertpapierdepot

Das oben beschriebene System mit Abgeltungssteuer und Freistellungsaufträgen funktioniert nur mit Erträgen, die Ihrem Depot in Deutschland gutgeschrieben werden. Wenn Sie ein ausländisches Depot haben, müssen Sie Ihre Kapitalerträge selbst dem Finanzamt melden. Füllen Sie dazu Zeile 15 der Anlage KAP aus. Erträge von Investmentfonds, von denen noch keine Abgeltungssteuer einbehalten wurde, müssen Sie in der Anlage KAP-INV angeben. Manche Banken oder Depotanbieter stellen eine Steuerbescheinigung aus, der Sie die entsprechenden Erträge entnehmen können.

6. Die neuen Regeln für thesaurierende Auslandsfonds

Die Reform der Fondsbesteuerung sorgt seit 2018 dafür, dass in- und ausländische Fonds gleichbehandelt werden. Führen Sie Ihr Depot in Deutschland, dann kümmert sich Ihre Bank um den abgeltenden Steuerabzug.

Die Bank ermittelt jetzt auch die Steuer für im Ausland aufgelegte Fonds, die ihre Erträge nicht ausschütten, sondern wieder anlegen (thesaurierende Auslandsfonds). Auf dieser Basis hat Ihre Bank möglicherweise zu Jahresbeginn 2019 erstmals Abgeltungssteuer auf fiktive Erträge aus dem Vorjahr, die sogenannte Vorabpauschale, einbehalten. Deren Höhe können Sie in der Steuerbescheinigung 2019 von Ihrer Bank nachschauen.

7. Verkauf von ausländischen thesaurierenden Fonds

Haben Sie in einen ausländischen thesaurierenden Fonds oder ETF investiert, so mussten Sie Ihre bis Ende 2017 angefallenen und wiederangelegten Dividenden (sogenannte „ausschüttungsgleiche Erträge“) Jahr für Jahr selbst in der Steuererklärung angeben. Dieser Aufwand entfällt für Erträge ab 2018, weil nun die Vorabpauschalen greifen.

Haben Sie aber im vorigen Jahr einen solchen Fonds verkauft, dann müssen Sie dem Finanzamt nachweisen, dass Sie in den Vorjahren Ihre ausschüttungsgleichen Erträge bereits versteuert haben. Mehr dazu im Ratgeber KAP im Abschnitt „Verkauf von ausländischen thesaurierenden Fonds“.

8. Die neue Teilfreistellung

Steuern zahlen müssen Sie auf Dividenden, Vorabpauschalen und Veräußerungsgewinne. Ihre deutsche Depotbank berücksichtigt bei der Berechnung auch die neue Teilfreistellung. Bei Wertpapierfonds, die mindestens zur Hälfte mit Aktien gefüllt sind, werden nun 30 Prozent aller Erträge steuerfrei gestellt. Die Bank führt die Abgeltungssteuer nur auf den steuerpflichtigen Teil der Erträge ab – also auf 70 Prozent der Erträge von Aktienfonds und Aktien-ETFs. Das Teilfreistellungssystem hat die komplizierte Anrechnung von ausländischen Quellensteuern abgelöst.

9. Wenn Sie alte Fonds verkauft haben

Fonds, die Sie vor 2009 gekauft haben, gelten als bestandsgeschützte Alt-Anteile. Eine Wertsteigerung bis Ende 2017 ist komplett steuerfrei; für die Zeit danach nur bis zu einem persönlichen Freibetrag von 100.000 Euro. Wie für alle Fonds hat Ihre Bank zum 31. Dezember 2017 einen fiktiven Veräußerungsgewinn festgestellt, der dauerhaft steuerfrei ist.

Die danach aufgelaufenen Wertsteigerungen werden von der Bank bei einem Verkauf automatisch versteuert und abgeführt. Wichtig: Den Freibetrag von 100.000 Euro berücksichtigt die Bank nicht. Deshalb sollten Sie in so einem Fall unbedingt Ihre Kapitalerträge aus der Steuerbescheinigung der Bank in die Zeile 7 eintragen und die Zeile 8a der Anlage KAP ausfüllen. Wie das geht, lesen Sie im Ratgeber dazu im Abschnitt „Freibetrag sichern,…“. Lohn der Mühe: Das Finanzamt erstattet Ihnen die abgeführte Abgeltungssteuer.

10. Korrekturen bei falscher Abrechnung der Bank

Es kann sein, dass Ihre Bank beim Steuerabzug Fehler gemacht hat – beispielsweise nach einem Depotwechsel. Prüfen Sie daher Ihre Steuerbescheinigung genau. Wie das neue Investmentsteuergesetz funktioniert, haben wir in unserem Ratgeber ausführlich erklärt. Beispiele für mögliche Fehler Ihrer Bank nennen wir in unserem KAP-Ratgeber unter dem Abschnitt „Korrekturen bei falscher Abrechnung“. Die richtigen Beträge können Sie in den Korrekturspalten der Anlage KAP eintragen.

11. Erstattungszinsen vom Finanzamt versteuern

Mit 0,5 Prozent monatlich, also 6 Prozent im Jahr, verzinst das Finanzamt Steuerrückerstattungen, sobald eine Karenzzeit von 15 Monaten verstrichen ist. Doch auch das ist ein Zinsgewinn, auf den wieder Abgeltungssteuer fällig wird. Deshalb müssen Sie Zinsen vom Finanzamt in der Anlage KAP in Zeile 19 eintragen als „Kapitalerträge, die nicht dem inländischen Steuerabzug unterlegen haben“. Es könnte sein, dass diese Erträge – und damit die Steuer darauf – künftig geringer ausfallen wird. Derzeit liegt nämlich eine Klage beim Bundesverfassungsgericht: Der klagenden Steuerzahler hält den Zinssatz des Finanzamtes für viel zu hoch (Az. 2 BvR 482/14). Die Zinsen werden daher im Steuerbescheid nur vorläufig festgesetzt.

Wenn Sie vom Fiskus Zinsen erhalten haben, sind Sie verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben. Ihre Erklärung für das Jahr 2019 muss dann bis spätestens am 31. Juli 2020 beim Finanzamt eintreffen.

 

Die Finanztip-Steuerserie:

1. Start: So kriegen Sie Geld vom Staat zurück
2. Werbungskosten – absetzen, was Sie zur Arbeit brauchen
3. Haushaltsnahe Dienste und Handwerker
4. Sonderausgaben wie Kinderbetreuung geltend machen
5. Außergewöhnliche Belastungen wie Krankheit absetzen
6. Kapitaleinkünfte richtig angeben und Pauschalbetrag nutzen
7. Steuererklärung für Rentner

 

Udo Reuß
Autor

Stand:

Steuerredakteur bei Finanztip Verbraucherinformation GmbH - ein Unternehmen der Finanztip Stiftung, Berlin. Zuvor hat der Diplom-Kaufmann mit Schwerpunkt Steuerrecht für verschiedene Wirtschafts- und Fachverlage wie Handelsblatt, F.A.Z.-Verlagsgruppe, Haufe-Lexware und Vogel Business Media geschrieben – 14 Jahre davon arbeitete er als Chefredakteur von Fachzeitschriften. Aus dem komplexen Steuerrecht zieht Udo die relevanten Urteile für Steuersparer.

3 Kommentare

  1. Liebes Finanztip-Team,

    ein sehr interessanter Artikel!

    Ich finde es immer sehr schade dass dieses Thema immer etwas zu kurz kommt..
    Daher find ich es umso besser wie informativ und objektiv ihr diese Geschichte thematisiert.

    Ich selbst habe wieder einiges für mich erfahren können!

    Grüße

    Alexander

  2. Liebes Finanztip-Team,

    ich habe eine Frage zu dem letzten Punkt, dem versteuern Erstattungszinsen vom Finanzamt.

    Ich habe Anfang 2019 meinen Steuerbescheid für das Steuerjahr 2014 erhalten, welches ich Ende 2018 eingereicht habe, da ich freiwillig die Steuererklärung abgeben kann/konnte.

    In der Abrechnung (Stichtag: 03.01.2019) habe ich das erste Mal Erstattungszinsen zur Einkommensteuer erhalten.

    Meine Frage lautet nun: Da ich die Zinsen erst in dem Jahr 2019 erhalten habe, gelten diese dann für das Steuerjahr 2019 und müssen entsprechend in der Steuererklärung für das Steuerjahr 2019 angeben werden, für die die Abgabefrist bis zum 31.Juli 2020 läuft?

    Ich freue mich auf eure Rückmeldung.

    Viele Grüße,
    Robin Hüwel

  3. Mit Interesse lese ich stets den Newsletter von Finanztip. Aktuell vermisse ich allerdings Meldungen zum erneuten Staatsbankrott von Argentinien und den Auswirkungen für die Inhaber von argentinischen Staatsanleihen. Seltsamerweise finde ich auch bei google keinerlei Hinweise.
    Haben Sie evtl. nähere Informationen. Es soll bereits Umtauschangebote geben, die aber nicht für Privatanleger, sondern nur für „qualified noteholders“ gelten und über deren Annahme bis 06.05.2020 – 16:30 Uhr entschieden werden muss.

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