Lebensversicherung

Finger weg vom Neuabschluss

Das Wichtigste in Kürze

  • Klassische Lebens- und Rentenversicherungen lohnen sich nicht mehr. Das liegt an den niedrigen Zinsen und den hohen Kosten. Von 1,25 Prozent Garantiezins verbleiben im Durchschnitt nur 0,42 Prozent an Wertzuwachs.
  • Schlecht sind auch die Aussichten für die über den Garantiezins hinausgehende Überschussbeteiligung.
  • Riester und betriebliche Altersvorsorge als Rentenversicherung können durch die Förderung sinnvoll sein, wenn die Kosten gering sind.

So gehen Sie vor

  • Schließen Sie keine klassische Lebens- oder Rentenversicherung neu ab.
  • Wenn Sie schon eine Lebens- oder Rentenversicherung haben, kündigen Sie nicht unüberlegt. Rechnen Sie den Vertrag durch und prüfen Sie Alternativen zur Kündigung: Sie können den Vertrag beitragsfrei stellen oder verkaufen.
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Noch immer werden Jahr für Jahr etwa zwei Millionen Lebens- und Rentenversicherungen neu abgeschlossen. Auch wenn dies bei weitem nicht mehr so viele sind wie in früheren Jahren (2005 waren es noch mehr als 2,8 Millionen), muss man sich schon fragen: Wie kommen so viele Neuabschlüsse für eine unrentable Produktsparte zustande?

Die Antwort ist: Weil für Verbraucher das Thema Altersvorsorge eines der drängendsten Themen unserer Zeit ist. Und sobald sie der Versicherungsvermittler besucht oder sie in der Bank zum Gespräch sitzen, kommt fast zwangsläufig die Altersvorsorge auf den Tisch. Und allzu häufig präsentiert der Berater wie selbstverständlich mindestens eine Form der Lebens- oder Rentenversicherung als vermeintlich sichere langfristige Lösung.

Dabei steht die Lebensversicherung laufend in der Kritik. Regelmäßig bemängeln Verbraucherschützer wie der Bund der Versicherten (BdV) oder die Zeitschrift „Öko-Test“, dass nicht alles transparent zugeht bei der Beteiligung der Versicherten an den Überschüssen, also den Gewinnen, die die Lebensversicherer erwirtschaften. Die Versicherungswirtschaft wehrt sich gegen diese Vorwürfe und wirft der Gegenseite Falschaussagen vor.

Fakt ist, dass aufgrund der seit Jahren niedrigen Zinsen Lebensversicherungen immer unrentabler werden. Die laufende Kritik kommt auch bei den Versicherten an. Mehr als jeder vierte Versicherte möchte oder kann kein Geld mehr in den Vertrag einzahlen und hat laut Map-Report die Lebensversicherung deshalb beitragsfrei gestellt. Es gibt zahlreiche Gründe, warum Sie keine neue klassische Lebens- oder Rentenversicherung abschließen sollten.

Die kapitalbildende Lebensversicherung

Wir besprechen hier die klassische oder auch kapitalbildende Lebens- und Rentenversicherung. Diese ist ein Kombiprodukt: Sie enthält in aller Regel zumindest eine kleine Todesfall-Leistung, hat also einen echten Versicherungsanteil. Vor allem ist sie aber ein langfristiges Sparprodukt, das die meisten für die Altersvorsorge abschließen. Während eine Lebensversicherung das Geld bei Ablauf auf einen Schlag ausschüttet, können Sie sich das Geld bei einer Rentenversicherung wahlweise auch als lebenslange Rente auszahlen lassen.

Es gibt noch weitere Formen der Lebensversicherung, wie sogenannte fondsgebundene Lebens- und Rentenversicherungen, bei denen das Geld ganz oder teilweise in Investmentfonds angelegt wird. Wir raten von den meisten Produkten dieser Art aufgrund der hohen Kosten ab. Eine neuere Variante sind Indexpolicen.

Auch Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen zählen im weiteren Sinn zu den Lebensversicherungen. Bei diesen handelt es sich aber um sinnvolle reine Versicherungsprodukte, die wir grundsätzlich empfehlen.

Falls Sie eine Lebensversicherung abgeschlossen haben

Annika Krempel
von Finanztip,
Expertin für Versicherungen

Alternativen zur Kündigung einer LV

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Unsere Anbieter-Empfehlung aus dem Finanztip Ratgeber:

Das Problem mit dem Garantiezins

Klassische Lebens- und Rentenversicherungen haben eine garantierte Mindestverzinsung. Dieser sogenannte Rechnungs- oder Garantiezins ist branchenweit einheitlich und in den vergangenen Jahren aufgrund des immer weiter fallenden, allgemeinen Zinsniveaus ebenfalls im Sinkflug. Seit dem 1. Januar 2015 liegt er bei 1,25 Prozent. Ab 2017 soll er auf 0,9 Prozent gesenkt werden. (Stand: Mai 2016)

Das Problem mit dieser Garantieverzinsung ist, dass sie nur auf den Sparanteil gilt. Dieser bleibt übrig, nachdem die Abschlussprovision sowie Kosten für Verwaltung und Todesfallleistung abgezogen worden sind. Allein die Abschlussprovision betrug in den vergangenen Jahren bei einem 30 Jahre laufenden Vertrag mit 100 Euro Monatsbeitrag durchschnittlich 1.440 Euro, verteilt auf fünf Jahre. Auf Druck des Gesetzgebers mussten die Versicherer die Abschlusskosten bereits senken. Trotzdem können sie immer noch ganz legal 900 Euro Abschlusskosten bilanziell ansetzen. Und dann besteht noch die Gefahr, dass sie auf der anderen Seite die laufenden Verwaltungskosten erhöhen.

Was bleibt nach diesen Kosten effektiv an garantierter Rendite übrig? Die Ratingagentur Assekurata hat bei 62 Lebensversicherern ausgerechnet, welche effektive Beitragsrendite sich nach Kosten ergibt: Im Durchschnitt bleiben von den eigentlich garantierten 1,25 Prozent nur 0,42 Prozent übrig. Studien der vergangenen Jahre zeigen: Es gibt durchaus Fälle, in denen dieser Wert sogar negativ ist. Bei diesen Verträgen ist also nicht einmal der eingezahlte Beitrag garantiert.

Die Garantieverzinsung, oftmals eines der wichtigsten Argumente für die Lebensversicherung, fällt also effektiv sehr mager aus.

Tipp

Nettotarife

Es gibt immer mehr Tarife, die keine Abschlussprovision und nur niedrigere Verwaltungskosten enthalten. Diese sogenannten Netto- oder Honorartarife werden von Honorarberatern angeboten und können im Einzelfall Sinn haben. Lassen Sie auf jeden Fall von Ihrem Berater kostengünstige Alternativen wie einen ETF-Sparplan prüfen.

Schlechte Aussichten für die Überschussbeteiligung

Die Garantieverzinsung bestimmt, was der Lebensversicherer Ihnen mindestens auszahlen muss. Darüber hinaus beteiligt Sie die Lebensversicherung an den laufenden Gewinnen. Das nennt man Überschussbeteiligung. Garantiezins und Überschussbeteiligung zusammen ergeben die laufende Verzinsung. Auch diese fällt seit Jahren:

Laufende Verzinsung privater Rentenversicherungen

bei Neuabschluss im Jahr 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
laufende Verzinsung (in Prozent) 4,24 4,28 4,39 4,29 4,20 4,07 3,91 3,61 3,40 3,16 2,86
                       

laufende Verzinsung ohne Schlussüberschuss und Beteiligung an Bewertungsreserven
Quelle: Assekurata (Stand: Januar 2016)

Auch die laufende Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Versicherung. Es fallen noch Kosten an, die die oben stehenden Renditen drücken. Berücksichtigt man zusätzlich alle sonstigen Gewinnanteile wie den Schlussüberschuss zum Vertragsende, dann drücken die Kosten die Gesamtverzinsung im Durchschnitt um 0,79 Prozent.

Die Versicherer setzen die Überschussbeteiligung jedes Jahr neu fest. Laufende Überschüsse aus den vergangenen Jahren sind dabei grundsätzlich fest zugesagt und können nicht mehr gestrichen werden. Theoretisch kann der Lebensversicherer in bestimmten Jahren gar keine Überschüsse zuteilen und nur den Garantiezins zahlen.

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Altverträge belasten Neukunden

Das Hauptproblem für alle neuen Lebensversicherungskunden ist aber, dass die Versicherer viel Geld in die Hand nehmen müssen für die bereits bestehenden Altverträge mit hohen Garantieverzinsungen, also zum Beispiel aus den Jahren 1994 bis 1999. Damals haben die Versicherer 4 Prozent garantiert. Und diese Garantie müssen sie heute noch erfüllen. Assekurata hat ermittelt, dass die Anbieter 2015 für alle Verträge zusammengenommen eine durchschnittliche Garantieverzinsung von 2,6 Prozent aufbringen mussten – das ist viel mehr als die 1,25 Prozent, die Neukunden versprochen werden. Noch 2014 hatte mehr als jeder fünfte Vertrag einen Garantiezins von 4 Prozent.

Damit die Lebensversicherungen auch in Zukunft ihre Garantien erfüllen können, hat ihnen der Gesetzgeber die sogenannte Zinszusatzreserve auferlegt. Sie müssen diese Rücklage bilden, weil sie in den kommenden Jahren die hohen versprochenen Zinsen wahrscheinlich aus dem laufenden Geschäft nicht mehr finanzieren können. Allein 2015 haben die Lebensversicherer 10 Milliarden Euro für diesen Zweck zurückgelegt.

Dieses Geld brauchen sie vor allem, um die hoch verzinsten Altverträge bedienen zu können. Doch je länger die Phase der Niedrigzinsen anhält, desto mehr Verträge auch mit niedrigerem Garantiezins können sie dann nur noch aus der Reserve bezahlen. Das schmälert die Aussichten für die Überschussbeteiligung für Neuverträge. Und da auch insgesamt die Zinsen niedrig sind und zumindest wohl nicht rasch steigen, werden die Kunden immer weniger Überschussbeteiligung bekommen.

Damit nicht genug: Die Bundesbank hat 2014 durchgerechnet, was passieren würde, falls bis 2023 die Zinsen konstant niedrig blieben. Das Ergebnis: 3 von 85 Lebensversicherern könnten ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen und wären wohl auf staatliche Sicherungsmaßnahmen angewiesen. Falls die Zinsen weiter sinken, wären laut Bundesbank sogar 13 Versicherer gefährdet. Wohlgemerkt: Die Bundesbank geht von ganz bestimmten Szenarien aus, die so nicht eintreten müssen. Aber die Studie zeigt trotzdem, in welcher ernsten Lage sich die Branche befindet.

Wo überall eine Lebensversicherung enthalten sein kann

Die Lebensversicherung begegnet Ihnen nicht nur als private Lebens- oder Rentenversicherung, sondern in unterschiedlichsten Ausprägungen, die oft nur schwer als Lebensversicherung zu erkennen sind:

Direktversicherung oder Pensionskasse - Dies sind Formen der betrieblichen Altersvorsorge, hinter denen sich vor allem eine klassische Rentenversicherung verbergen kann. Die betriebliche Altersvorsorge ist durch die Förderung grundsätzlich attraktiv, insbesondere wenn der Arbeitgeber etwas dazuzahlt. Trotzdem sollten Sie genau prüfen, ob sich die Anlage in einer Rentenversicherung lohnt – und gegebenenfalls bei Ihrem Chef nach einer Alternative fragen.

Riester-Rentenversicherung - Sehr viele Riester-Verträge sind ebenfalls Rentenversicherungen, mit der dazugehörigen Förderung. Gerade hier fressen die Versicherungskosten einen großen Teil der Förderung wieder auf. Aber wenn Sie auf niedrige Kosten achten, gibt es durchaus auch gute Riester-Versicherungen. Wie Sie diese finden, lesen Sie in unserem Artikel Riestern mit Sicherheit. Machen Sie sich aber unbedingt mit unserem Riester-Ratgeber schlau, welche andere Formen des Riesterns es gibt und  welche am besten zu Ihnen passt.

Rürup-Rente - Die Rürup-Rente ist grundsätzlich für Selbstständige und Besserverdienende gedacht, als Ergänzung zur gesetzlichen Rente oder zu Ansprüchen aus einem Versorgungswerk. Sie ist grundsätzlich eine sehr rigide und unflexible Form der Altersvorsorge, deren Abschluss mit Vorsicht zu genießen ist und die nur bei bestimmten steuerlichen Konstellationen sinnvoll ist. Ob Sie dann ausgerechnet die Form einer klassischen Rentenversicherung wählen sollten, scheint sehr fraglich.

Rente gegen Einmalbetrag - Dabei handelt es sich um eine spezielle Rentenversicherung, in die der Versicherte einen (hohen) einmaligen Betrag einbezahlt, der dann sofort in eine lebenslange Rente umgewandelt wird. Ein solcher Vertrag kann sinnvoll sein, wenn Sie darauf hoffen, sehr alt zu werden und sich dagegen absichern wollen, dass Ihnen im hohen Alter das Geld ausgeht. Fachleute sprechen vom Langlebigkeitsrisiko. Wie bei allen lebenslangen Renten lohnt sich diese Versicherung nur, wenn Sie deutlich älter werden als der Durchschnitt. Auch hier gilt es, stark auf die Kosten zu achten, aber auch auf den sogenannten Rentenfaktor, denn dieser bestimmt die Höhe der Rente. Honorarberater können provisionsfreie Renten gegen Einmalbeitrag  vermitteln – fragen Sie dort nach einem entsprechenden Nettotarif und nach dem zugehörigen Honorar.

Wenn Sie bereits eine Lebens- oder Rentenversicherung haben

Kündigen Sie nicht vorschnell Ihren bestehenden Vertrag. Unsere Warnung vor Lebens- und Rentenversicherungen bezieht sich auf neue Verträge. Für einen bestehenden Vertrag gelten andere Regeln:

Prüfen Sie in Ruhe, ob der Vertrag zu Ihnen passt und sich für Sie rechnet. Dazu können Sie beispielweise unseren Lebensversicherungsrechner  benutzen. Viele alte Verträge haben, wie oben beschrieben, hohe Garantiezinsen und sind heute eine sehr gute Geldanlage.

Wenn Ihnen die Beiträge zu hoch sind, können Sie sie reduzieren oder den Vertrag ganz beitragsfrei stellen. Prüfen Sie aber, ob nicht eine Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung am Vertrag dranhängt und dadurch in Gefahr gerät.

Bevor Sie kündigen, sollten Sie immer versuchen, Ihre Lebensversicherung zu verkaufen. Sie haben damit die Chance, einen höheren Wert zu erzielen als durch das Kündigen. Außerdem können Sie eine Beleihung in Erwägung ziehen.

Eine Kündigung kommt vor allem infrage, wenn der Vertrag erst wenige Monate oder Jahre alt ist und Sie sich über den Abschluss ärgern, zum Beispiel, weil ein Vermittler Sie dazu gedrängt hat. Denn dann können Sie durch Kündigen immerhin einen Teil der Abschlussprovision vermeiden, da diese meistens über die ersten fünf Jahre verteilt wird. Anders gesagt: In den ersten fünf Jahren sind die Kosten bei einer Lebens- oder Rentenversicherung besonders hoch.

Community
Die letzten Beiträge zu dieser Diskussion:
Hallo Slawa,
der Garantiezins wirkt sich auf die Rente in der fondsgebundenen Rentenversicherung aus, denn das spätere Rentenkapital ist nicht mehr in den Märkten investiert.
Beginnt die ...
29. November 2016 zum Beitrag
Guten Abend zusammen,
Mich würde mal interessieren ob es einen Zusammenhang zwischen Garantiezins und den der fondsgebundenen Rentenversicherung besteht. Soweit ich weiß spielt der Garantiezins ...
28. November 2016 zum Beitrag
Hallo,
leider haben Sie schlechte Karten. Erst kürzlich hat der BGH gegen eine entsprechende Transparenz entschieden - der Versicherer muss die Zahlen nicht offenlegen. Siehe oben die erwähnte ...
27. April 2015 zum Beitrag
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Finanztip-Chefredakteur
Hermann-Josef Tenhagen

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Artikel verfasst von

Annika Krempel

Finanztip-Expertin für Versicherungen

Annika Krempel ist Redakteurin im Team Versicherung und Vorsorge. Nach ihrem Diplom in Politikwissenschaften absolvierte sie ein Volontariat für Wirtschafts- und Verbraucherjournalisten. Sie sammelte unter anderem Erfahrungen in den Redaktionen von ZDF WISO, RBB Inforadio sowie der Stiftung Warentest. Die verbraucherpolitische Arbeit lernte sie beim Verbraucherzentrale Bundesverband kennen.

Saidi Sulilatu

ehemaliger Finanztip-Redakteur (bis September 2015)

Saidi Sulilatu leitete bei Finanztip den Bereich Versicherungen. Zuvor war er viele Jahre als Honorarberater und Versicherungsmakler tätig. Sulilatu hat am 4. September 2015 Finanztip verlassen.