Fahrgastrechte im Bahnverkehr

Zugverspätung: So erhalten Sie eine Entschädigung von der Bahn

Daniel Pöhler
& Co-Autor
Stand: 10. Dezember 2018
Das Wichtigste in Kürze
  • Vor der Abfahrt können Sie ab 20 Minuten angekündigter Verspätung einen anderen Zug nutzen. Gilt dafür ein höherer Fahrpreis, müssen Sie erst das Ticket kaufen und sich die Differenz später erstatten lassen.
  • Unterwegs können Sie Ihre Fahrt abbrechen oder umkehren, sobald 60 Minuten Verspätung am Zielort angekündigt sind. Den Fahrpreis gibt es zurück, bei Abbruch vermindert um die bereits gefahrene Strecke.
  • Ab 60 Minuten Verspätung gibt es 25 Prozent des Fahrpreises zurück, ab 120 Minuten 50 Prozent.
  • Die Regelungen gelten für alle Bahnunternehmen europaweit, bei der Deutschen Bahn (DB) auch im IC Bus.
  • Bahnunternehmen haften nicht für Folgeschäden, etwa wenn Sie wegen eines verspäteten Zugs einen Flug verpassen.
So gehen Sie vor
  • Sie haben ein Jahr Zeit, Ihre Entschädigungsansprüche geltend zu machen.
  • Die Deutsche Bahn betreibt mit mehreren Bahnunternehmen ein gemeinsames Servicecenter Fahrgastrechte: Füllen Sie das Formular des Servicecenters mit Angaben zu sich, zu Ihrer Reise und Ihren Kontodaten aus.
  • Fügen Sie den Fahrschein oder eine Kopie bei und schicken Sie alles an das Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt/Main. Eine Bestätigung der Verspätung ist nicht unbedingt nötig.
  • Nur in DB-Reisezentren können Sie sich das Geld bar erstatten lassen.
  • Bahnunternehmen, die nicht beim Servicecenter mitmachen, müssen Sie direkt kontaktieren

Wenn Sie mit dem Zug unterwegs sind, sollten Sie zur Sicherheit immer mit einer kleinen Verspätung rechnen. Denn nur rund drei Viertel aller Fernzüge der Deutschen Bahn (DB) waren nach Angaben des Verkehrsclubs Deutschland im Jahr 2018 pünktlich. Pünktlich bedeutet nach Definition der DB: weniger als sechs Minuten nach der planmäßigen Zeit. Als Bahnreisende müssen Sie aber nicht jede Verspätung einfach hinnehmen, auch bei einem Streik nicht.

Zugverspätung ist angekündigt: Was kann ich tun?

Erst wenn der Zug 20 Minuten Verspätung hat oder ausfällt, haben Sie als Fahrgast Ausweichmöglichkeiten: Sie dürfen den Zug wechseln und dabei auch eine teurere Verbindung ohne Aufpreis nutzen – die sogenannten Zugbindung ist dann aufgehoben. Allerdings müssen Sie den Fahrpreis oder Zuschlag zunächst zahlen, die Erstattung erfolgt im Nachhinein.

Soll zum Beispiel ein Regionalexpress mit 30 Minuten Verspätung an Ihrem Ziel ankommen und auf derselben Strecke fährt auch ein Intercity (IC), müssen Sie dafür also zunächst das IC-Ticket kaufen. Der Zug, in den Sie wechseln, muss reservierungsfrei sein – das sind aber alle innerdeutschen Bahnen der DB ohnehin.

Ab 60 Minuten angekündigter Verspätung können Sie Ihr Ticket kostenfrei zurückgeben, auch wenn es zum Beispiel ein „Super Sparpreis“-Ticket ist, das regulär nicht umtauschbar ist. Allerdings haben Sie bei Rückgabe des Tickets keinerlei Ansprüche mehr an das Bahnunternehmen.

Neben der Entschädigung steht Ihnen bei einer angekündigten Verspätung von mehr als einer Stunde auch eine angemessene Verpflegung mit Getränken und Speisen zu.

Was bei einem Bahnstreik gilt

Ist Ihr Zug wegen eines Streiks der Bahnmitarbeiter mehr als 20 Minuten verspätet oder fällt er sogar ganz aus, dürfen Sie ebenfalls einen beliebigen anderen Zug nehmen. Die Zugbindung gilt dann nicht mehr.

Aber auch in diesem Fall müssen Sie zunächst den Aufschlag zahlen und sich nachträglich erstatten lassen, falls Sie eine teurere Verbindung als geplant nutzen. Außerdem haben Sie wie in anderen Fällen auch Anspruch auf Entschädigung.

Falls Sie die Fahrt gar nicht mehr antreten wollen wegen des Bahnstreiks, dann können Sie sich die Ticketkosten erstatten lassen. Das geht entweder in einem DB-Reisezentrum, bei einem Reisebüro, das die Bahn lizenziert hat, wenn Sie das Ticket am Automaten, im Reisezentrum oder einer DB-Agentur gekauft haben. Oder über ein Antragsformular auf der Bahn-Website, sofern Sie ein Online- oder Handy-Ticket besitzen.

Zug hatte Verspätung: Wie viel Entschädigung steht mir zu?

Was die Deutsche Bahn und andere Bahnanbieter in der Europäischen Union an Entschädigungen zahlen müssen, regelt die EU-Bahngastrechte-Verordnung (EG 1371/2007). Grundsätzlich gilt: Geld zurück gibt es erst ab einer Stunde Verspätung am Zielort. Dann werden 25 Prozent des Fahrpreises dieser Strecke fällig. Ab 120 Minuten verspäteter Ankunft beträgt die Entschädigung 50 Prozent.

Die Entschädigung wird auch fällig, wenn die Verspätung durch mehrere nacheinander benutzte Züge entsteht – zum Beispiel, wenn bei einer Umsteigeverbindung Ihr erster Zug Verspätung hat und Sie den Anschlusszug verpassen, der nur einmal pro Stunden fährt. Wichtig ist, dass Sie die Fahrt als durchgehende Verbindung gekauft haben, die Bahn spricht dabei von einer Reisekette.

Fahren Sie zum Beispiel mit dem ICE von München nach Düsseldorf und kaufen dann ein Ticket des lokalen Verkehrsverbundes, um nach Dortmund weiterzufahren, ist das keine durchgehende Verbindung. Die Reisekette ist durchbrochen, die Entschädigungsregel gilt dann pro Ticket.

Auch bei Streik Entschädigung

Die Bahn muss übrigens auch für Verspätungen durch außergewöhnliche Umstände oder höhere Gewalt aufkommen, beispielsweise bei Streik ihres Personals, wegen Sturmschäden an den Oberleitungen oder wegen eines Suizids auf den Gleisen – anders als Fluglinien. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden (Urteil vom 23. September 2013, Az. C-509/11). Bahnunternehmen haften allerdings nicht für Folgeschäden, zum Beispiel, wenn Sie aufgrund eines verspäteten Zugs einen Flug verpasst haben. 

Künftig könnte es sogar mehr Geld geben: Geplant ist eine umfassende Reform der Fahrgastrechte-Verordnung, über die das EU-Parlament mit den Mitgliedsstaaten noch verhandelt. Den Abgeordneten schwebt vor, dass es bei Verspätungen von mehr als einer Stunde 50 Prozent des Ticketpreises zurückgeben soll, bei mehr als eineinhalb Stunden 75 Prozent, bei mehr als zwei Stunden den gesamten Fahrpreis. 

Muss ich mir die Verspätung bestätigen lassen?

Verspätungen bedeuten meistens Stress für den Fahrgast. Eine schriftliche Bestätigung des Zugausfalls oder der Verspätung beim Zugbegleiter oder der Bahnhofsinformation zu bekommen, ist gegebenenfalls schwer oder nicht möglich. Für eine Erstattung ist sie aber auch nicht erforderlich: Die Bahn archiviert die Abfahrts- und Ankunftszeiten ihrer Züge.

Um im Zweifelsfall auf der sicheren Seite zu sein, sollten Sie dennoch versuchen, beim Schaffner oder der Bahnhofsinformation eine Verspätungsbestätigung zu bekommen. An der Information im Bahnhof geht das bis zu fünf Tage nach der Reise.

Wie bekomme ich meine Erstattung?

Der bequemste Weg zur Erstattung führt über das Formular des Servicecenters Fahrgastrechte, das die Deutsche Bahn zusammen mit anderen Bahnunternehmen betreibt. Laden Sie das Formular herunter, füllen Sie es aus und senden es mit dem Ticket, dessen Kopie oder dem Ausdruck des Handy-Tickets an: Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt am Main. Online abschicken können Sie das Formular bislang nicht.

Das Formular im PDF-Format lässt sich auch auf dem eigenen Rechner speichern, bei der nächsten Verspätung müssen Sie dann nicht alle Daten neu eingeben. Die Erstattung funktioniert auch per formlosem Brief; dieser muss dann Kontakt- und Kontodaten und Informationen zur Reise und ebenfalls das Ticket als Anlage enthalten.

An welche Unternehmen außer der DB Sie sich über das Servicecenter Fahrgastrechte wenden können, finden Sie in dieser Auflistung. Andere Eisenbahnunternehmen müssen Sie direkt kontaktieren, zum Beispiel Abellio, das unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg Züge fahren lässt.

Ausgezahlt werden überall Beträge erst ab 4 Euro. Sammeln Sie also gegebenenfalls Verspätungen, um über diese Summe zu kommen. Mehr dazu lesen Sie weiter unten im Abschnitt Zeitkarten.

Wenn Sie sich nicht selbst mit der Bahn auseinandersetzen wollen, können Sie auch Rechtsdienstleister wie Bahn-Buddy oder Refundrebel damit beauftragen.

Was mache ich, wenn ich wegen einer Verspätung irgendwo strande?

Wenn Sie nachts – also zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens – ankommen sollten, stattdessen aber irgendwo länger festzusitzen drohen (mehr als eine Stunde), dann können Sie auf ein Taxi oder ein anderes Verkehrsmittel umsteigen. Die Kosten dafür bekommen Sie in Höhe von bis zu 80 Euro erstattet. Voraussetzung ist, dass die Bahn keine Alternative stellt, zum Beispiel einen Bus.

Im Extremfall steht Ihnen eine Hotelübernachtung inklusive An- und Abfahrt zu. Bricht Ihre Reise an einem größeren Bahnhof ab, kontaktieren Sie unbedingt die Bahn, etwa an der Information. Nur wenn Ihnen dort kein Hotel zugewiesen wird oder Sie am Bahnhof keinen Ansprechpartner finden, können Sie Ihre Übernachtung selbst organisieren.

Die Kosten können Sie sich dann auf demselben Weg erstatten lassen wie die Entschädigung bei einer Verspätung. Denken Sie daran, Belege für Ihre Hotel- oder Taxikosten beizufügen und bewahren Sie Kopien davon auf.

Gibt es auch bei Auslandsreisen Entschädigungen?

Die Fahrgastrechte der Bahn sind in der EU einheitlich geregelt. Daher haben Sie im innereuropäischen Ausland genau dieselben Ansprüche. Haben Sie ein internationales Ticket bei der Deutschen Bahn (DB) gekauft, können Sie bei einer Entschädigung den einfachen Weg über das Servicecenter Fahrgastrechte gehen. Andere Unternehmen müssen Sie direkt kontaktieren.

Achten Sie bei langen Fahrten besonders darauf, die Reisekette nicht zu unterbrechen. Daher ist es zum Beispiel sinnvoll, eine Reise von Köln nach London komplett bei der Deutschen Bahn zu kaufen, anstatt per Bahnticket nach Brüssel zu fahren und sich dort ein Eurostar-Ticket nach London zu holen. Verspätungen gelten dann nur pro Ticket und zweimal 30 Minuten ergeben keinen Entschädigungsanspruch. 

Auch bei Reisen mit Eurail- und Interrail-Pass gibt es Verspätungsentschädigungen.

Gelten bei allen Bahnen die gleichen Entschädigungsregeln?

Die aufgeführten Regelungen betreffen alle Bahnunternehmen in der Europäischen Union, also auch alle in Deutschland. Bei der DB gelten sie außerdem auch für den IC Bus oder eine Kombination aus IC Bus und Bahnfahrt.

Freiwillig können die Bahndienstleister auch höhere Entschädigungen zahlen. Das macht zum Beispiel der Thalys, der Nordrhein-Westfalen mit Brüssel und Paris verbindet. Bei Verspätungen, die das eigene Unternehmen zu verantworten hat, gibt es schon ab 30 Minuten 25 Prozent zurück, ab einer Stunde den halben und ab zwei Stunden den vollen Fahrpreis – allerdings nur als Gutschein. Wer auf eine Auszahlung besteht, muss sich mit den oben beschriebenen Entschädigungen laut Bahngastrechteverordnung zufrieden geben.

Wo kann ich mich über die Bahn beschweren?

Gibt es bei der Bearbeitung einer Entschädigung Probleme oder haben Sie eine Beschwerde wegen Zugausfällen oder Verspätungen, sollten Sie sich auch an das Servicecenter Fahrgastrechte wenden – gegebenenfalls ein zweites Mal. Kommt keine Lösung zustande, ist die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Soep) der nächste Ansprechpartner. Die Kontaktdaten der Soep lauten: Fasanenstraße 81, 10623 Berlin, Telefon 030/64 49 93 30.

Die höchste Behörde für Beschwerden über die Deutsche Bahn oder andere Bahnanbieter ist das Eisenbahn-Bundesamt. Die Postanschrift lautet: Heinemannstraße 6, 53175 Bonn.

Bekomme ich auch mit Zeit- oder Monatskarten Entschädigung?

Für Zeitkarten gelten andere Regelungen als für einzeln gekaufte Fahrkarten der Bahn. Grundsätzlich bekommen Sie nicht mehr als 25 Prozent des Fahrkartenwerts erstattet. Da die Bahn Beträge von weniger als 4 Euro nicht auszahlt, müssen Sie mindestens zwei Verspätungen in der ersten Klasse beziehungsweise drei in der zweiten Klasse vorlegen.

Bei Wochen- und Monatskarten des Nahverkehrs müssen Sie die Verspätungen auflisten und können diese am Ende der Gültigkeit einreichen. Die Entschädigungsverfahren in regionalen Verkehrsverbünden sind unter Umständen noch einmal anders. Informationen dazu finden Sie in der Regel auf deren Websites.

Entschädigung bei Zeitkarten und Sondertickets ab 60 Minuten Verspätung

 2. Klasse

1. Klasse

Zeitkarten im Nahverkehr, Ländertickets u. ä.

1,50 Euro

2,25 Euro

Zeitkarten im Fernverkehr

5 Euro

7,50 Euro

Bahncard 100

10 Euro

15 Euro

Quelle: Deutsche Bahn (Stand: November 2018)

Mehr dazu im Ratgeber Bahntickets

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Zum Ratgeber

Autor
Daniel Pöhler
& Co-Autor
Nina C. Zimmermann

Stand: 10. Dezember 2018


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