Fahrgastrechte im Bahnverkehr

Zugverspätung: So erhältst Du eine Entschädigung von der Bahn

Max Mergenbaum
&Co-Autoren
19. Februar 2021
Das Wichtigste in Kürze
  • Vor der Abfahrt kannst Du ab 20 Minuten angekündigter Verspätung einen anderen Zug nutzen. Gilt dafür ein höherer Fahrpreis, musst Du erst das Ticket kaufen und Dir die Differenz später erstatten lassen.
  • Ab 60 Minuten Verspätung gibt es 25 Prozent des Fahrpreises zurück, ab 120 Minuten 50 Prozent.
  • Die Regelungen gelten für alle Bahnunternehmen europaweit.
  • Bahnunternehmen haften nicht für Folgeschäden, etwa wenn Du wegen eines verspäteten Zugs einen Flug verpasst.
So gehst Du vor
  • Die Deutsche Bahn betreibt mit anderen Bahnunternehmen ein gemeinsames Servicecenter Fahrgastrechte: Fülle das Formular des Servicecenters mit Angaben zu Dir, Deiner Reise und Deinen Kontodaten aus. Bahnunternehmen, die bei dem Angebot nicht mitmachen, musst Du direkt kontaktieren.
  • Füge den Fahrschein oder eine Kopie bei und schicke alles an das Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt/Main. Lass Dir, wenn möglich, die Verspätung von einem Bahnmitarbeiter bestätigen.
  • Nur in DB-Reisezentren kannst Du Dir das Geld bar erstatten lassen.

Wenn Du mit dem Zug unterwegs bist, solltest Du immer mehr Zeit einplanen. Die alte Redewendung „pünktlich wie die Eisenbahn“ trifft schon lange nicht mehr zu. Denn fast jeder vierte Fernzug der Deutschen Bahn (DB) war im Jahr 2019 verspätet. Dabei erfassen die offiziellen Zahlen der Deutschen Bahn nicht einmal Züge, die ganz ausfallen oder weniger als sechs Minuten Verspätung haben. Als Bahnreisender musst Du aber nicht jede Verspätung einfach hinnehmen, auch bei einem Streik nicht.

Zugverspätung ist angekündigt: Was kannst Du tun?

Erst wenn Dein Zug 20 Minuten Verspätung hat oder ausfällt, hast Du als Fahrgast Ausweichmöglichkeiten: Du kannst einen anderen Zug nehmen und dabei auch eine teurere Verbindung ohne Aufpreis nutzen – die sogenannte Zugbindung ist dann aufgehoben. Allerdings musst Du den Fahrpreis oder Zuschlag zunächst zahlen, die Erstattung erfolgt im Nachhinein.

Ein Beispiel: Der Regionalexpress, mit dem Du fahren wolltest, soll mit 30 Minuten Verspätung an Deinem Ziel ankommen. Wenn auf derselben Strecke auch ein Intercity (IC) fährt, kannst Du mit diesem fahren. Du musst Dir aber dafür zunächst das IC-Ticket kaufen. Der Zug, in den Du wechselst, muss reservierungsfrei sein – das sind aber ohnehin alle innerdeutschen Bahnen der DB.

Beachte: Wenn Du bereits eine stark ermäßigte Fahrkarte, wie ein Länderticket besitzt, kannst Du die Erstattungsregel nicht nutzen. 

Ab 60 Minuten angekündigter Verspätung kannst Du Dein Ticket kostenfrei zurückgeben, auch wenn es zum Beispiel ein „Super Sparpreis“-Ticket ist, das regulär nicht umtauschbar ist. Das ist sinnvoll, wenn Du durch die Verspätung einen wichtigen Termin verpasst hast und damit Dein Reisegrund wegfällt. Allerdings hast Du bei Rückgabe des Tickets keinerlei Ansprüche mehr an das Bahnunternehmen.

Wenn Du erst unterwegs von der Verspätung erfährst, kannst Du Deine Reise abbrechen und mit der nächsten Zugverbindung zu Deinem Startbahnhof zurückkehren. Die Kosten trägt auch in diesem Fall die Bahn.

Neben der Entschädigung steht Dir bei einer angekündigten Verspätung von mehr als einer Stunde auch eine angemessene und kostenlose Verpflegung mit Getränken und Speisen zu, sofern diese im Bahnhof oder Zug verfügbar sind.

Was bei einem Bahnstreik gilt

Ist Dein Zug wegen eines Streiks der Bahnmitarbeiter mehr als 20 Minuten verspätet oder fällt er sogar ganz aus, darfst Du ebenfalls einen beliebigen anderen Zug nehmen. Die Zugbindung gilt dann nicht mehr.

Aber auch in diesem Fall musst Du zunächst den Aufschlag zahlen und Dir nachträglich erstatten lassen, falls Du eine teurere Verbindung als geplant nutzt. Außerdem hast Du wie in anderen Fällen auch Anspruch auf Entschädigung.

Falls Du die Fahrt wegen des Bahnstreiks gar nicht mehr antreten willst, kannst Du Dir die Ticketkosten erstatten lassen. Nutze dafür das Fahrgastrechteformular der Deutschen Bahn. Du erhältst es entweder vom Zugbegleiter, in einem DB Reisezentrum oder online. Lass Dir darauf am besten vor Ort die Verspätung oder den Zugausfall bestätigen. Alternativ kannst Du auch Fotos von Anzeigetafeln oder Hinweisen in Deiner Bahn-App machen, die über die Verspätung informieren. Im Anschluss kannst Du das Fahrgastrechteformular zusammen mit Deinen Belegen in einem DB Reisezentrum einreichen. Dort kannst Du Dir Deine Entschädigung sofort auszahlen lassen. Wenn Du keine Lust darauf hast, in der Schlange zu stehen, kannst Du das Formular auch per Post an das Servicecenter Fahrgastrechte senden.

Ab Juni 2021 soll das Verfahren einfacher werden, hat die Bahn kürzlich angekündigt. Dann soll es endlich möglich sein, die Erstattung online zu beantragen.

Zug hatte Verspätung: Wie viel Entschädigung steht Dir zu?

Was die Deutsche Bahn und andere Bahnanbieter in der Europäischen Union an Entschädigungen zahlen müssen, regelt die EU-Bahngastrechte-Verordnung (EG 1371/2007). Grundsätzlich gilt: Geld zurück gibt es erst ab einer Stunde Verspätung am Zielort. Dann werden 25 Prozent des Fahrpreises dieser Strecke fällig. Ab 120 Minuten verspäteter Ankunft beträgt die Entschädigung 50 Prozent.

Die Entschädigung wird auch fällig, wenn die Verspätung durch mehrere nacheinander benutzte Züge entsteht – zum Beispiel, wenn bei einer Umsteigeverbindung Dein erster Zug Verspätung hat und Du den Anschlusszug verpasst, der nur einmal pro Stunde fährt. Wichtig ist, dass Du die Fahrt als durchgehende Verbindung gekauft hast, die Bahn spricht dabei von einer Reisekette.

Ein Beispiel: Du fährst mit dem ICE von München nach Düsseldorf. Wenn Du erst dort ein Ticket des lokalen Verkehrsverbundes kaufst, um nach Dortmund weiterzufahren, ist das keine durchgehende Verbindung. Die Reisekette ist durchbrochen, die Entschädigungsregel gilt dann pro Ticket.

Auch bei Streik gibt es eine Entschädigung

Die Bahn muss übrigens auch – anders als Fluglinien – für Verspätungen durch außergewöhnliche Umstände oder höhere Gewalt aufkommen, beispielsweise bei einem Streik ihres Personals, wegen Sturmschäden an den Oberleitungen oder wegen eines Suizids auf den Gleisen. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden (Urteil vom 23. September 2013, Az. C-509/11). Bahnunternehmen haften allerdings nicht für Folgeschäden, zum Beispiel, wenn Du aufgrund eines verspäteten Zugs Deinen Flug verpasst hast.

Ab 2023 soll aber eine neue Fassung der Europäischen Fahrgastrechteverordnung in Kraft treten. Dann sollen Bahnunternehmen keine Entschädigung mehr zahlen müssen, wenn außergewöhnliche Umstände wie Stürme der Grund für Verspätung oder Zugausfall sind. 

Muss Du Dir die Verspätung bestätigen lassen?

Verspätungen bedeuten meist Stress für den Fahrgast. Eine schriftliche Bestätigung des Zugausfalls oder der Verspätung beim Zugbegleiter oder der Bahnhofsinformation zu bekommen, ist manchmal schwierig oder nicht möglich. Für eine Erstattung ist sie aber auch nicht erforderlich: Die Bahn archiviert die Abfahrts- und Ankunftszeiten ihrer Züge.

Um im Zweifelsfall auf der sicheren Seite zu sein, solltest Du dennoch versuchen, beim Schaffner oder der Bahnhofsinformation eine Verspätungsbestätigung zu bekommen. An der Information im Bahnhof geht das bis zu fünf Tage nach der Reise.

Wie bekommst Du Deine Erstattung?

Der bequemste Weg zur Erstattung führt über das Formular des Servicecenters Fahrgastrechte, das die Deutsche Bahn zusammen mit anderen Bahnunternehmen betreibt. Lade das Formular herunter, fülle es aus und sende es mit dem Ticket oder einer Kopie oder dem Ausdruck des Handy-Tickets an: DB Dialog, Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt am Main. Online abschicken kannst Du das Formular bislang nicht.

Das Formular im PDF-Format lässt sich auch auf dem eigenen Rechner speichern, bei der nächsten Verspätung musst Du dann nicht alle Daten neu eingeben. Die Erstattung funktioniert auch per formlosem Brief; dieser muss dann Kontakt- und Kontodaten und Informationen zur Reise und ebenfalls das Ticket als Anlage enthalten.

An welche Unternehmen außer der DB Du Dich über das Servicecenter Fahrgastrechte wenden kannst, findest Du in dieser Auflistung. Andere Eisenbahnunternehmen musst Du direkt kontaktieren, zum Beispiel Abellio, das unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg Züge fahren lässt.

Ausgezahlt werden überall Beträge erst ab 4 Euro. Sammle also gegebenenfalls Verspätungen, um über diese Summe zu kommen. Mehr dazu liest Du weiter unten im Abschnitt Zeitkarten.

Wenn Du Dich nicht selbst mit der Bahn auseinandersetzen willst, kannst Du einen Rechtsdienstleister wie Bahn-Buddy oder Refundrebel beauftragen. Du sparst Dir damit den Papierkram und erhältst Dein Geld meist schneller aufs Konto überwiesen. Allerdings behalten die Portale einen Teil der Entschädigung als Provision ein.

Was machst Du, wenn Du wegen einer Verspätung irgendwo strandest?

In folgenden Fällen kannst Du auf ein Taxi oder ein anderes Verkehrsmittel umsteigen:

  1. Dein Zug sollte – laut Fahrplan – zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens an Deinem Zielbahnhof ankommen und hat über eine Stunde Verspätung.
  2. Dein Zug fällt ganz aus und ist die letzte Verbindung des Tages. Du kannst Deinen Zielbahnhof nicht mehr bis Mitternacht erreichen.

Wenn Dir die Bahn keine alternative Beförderung, zum Beispiel einen Bus, bereitstellen kann, bekommst Du die Fahrtkosten für Taxi und Co. in Höhe von bis zu 80 Euro erstattet. 

Im Extremfall steht Dir eine Hotelübernachtung inklusive An- und Abfahrt zu. Bricht Deine Reise an einem größeren Bahnhof ab, kontaktiere unbedingt die Bahn, etwa an der Information. Nur wenn Dir dort kein Hotel zugewiesen wird oder Du am Bahnhof keinen Ansprechpartner findest, kannst Du Deine Übernachtung selbst organisieren.

Die Kosten kannst Du Dir dann auf demselben Weg erstatten lassen wie die Entschädigung bei einer Verspätung. Denke daran, Belege für Deine Hotel- oder Taxikosten beizufügen und bewahre Kopien davon auf.

Gibt es auch bei Auslandsreisen Entschädigungen?

Die Fahrgastrechte der Bahn sind in der EU einheitlich geregelt. Daher hast Du im innereuropäischen Ausland dieselben Ansprüche. Hast Du ein internationales Ticket bei der Deutschen Bahn (DB) gekauft, kannst Du bei einer Entschädigung den einfachen Weg über das Servicecenter Fahrgastrechte gehen. Andere Unternehmen musst Du direkt kontaktieren.

Achte bei langen Fahrten besonders darauf, die Reisekette nicht zu unterbrechen. Daher ist es zum Beispiel sinnvoll, eine Reise von Köln nach London komplett bei der Deutschen Bahn zu kaufen, anstatt per Bahnticket nach Brüssel zu fahren und Dir dort ein Eurostar-Ticket nach London zu holen. Verspätungen gelten dann nur pro Ticket und zweimal 30 Minuten ergeben keinen Entschädigungsanspruch. 

Auch bei Reisen mit Eurail- und Interrail-Pass gibt es Verspätungsentschädigungen.

Gelten bei allen Bahnen die gleichen Entschädigungsregeln?

Die aufgeführten Regelungen betreffen alle Bahnunternehmen in der Europäischen Union, also auch alle in Deutschland. 

Freiwillig können die Bahndienstleister auch höhere Entschädigungen zahlen. Das macht zum Beispiel der Thalys, der Nordrhein-Westfalen mit Brüssel und Paris verbindet. Bei Verspätungen, die das Unternehmen selbst zu verantworten hat, gibt es schon ab 30 Minuten 20 Prozent zurück, ab einer Stunde den halben und ab zwei Stunden den vollen Fahrpreis – allerdings nur als Gutschein oder in Miles. Wer auf eine Auszahlung besteht, muss sich mit den oben beschriebenen Entschädigungen der Bahngastrechteverordnung zufrieden geben.

Wo kannst Du Dich über die Bahn beschweren?

Gibt es bei der Bearbeitung einer Entschädigung Probleme oder hast Du eine Beschwerde wegen Zugausfällen oder Verspätungen, solltest Du Dich auch an das Servicecenter Fahrgastrechte wenden – gegebenenfalls ein zweites Mal. Kommt keine Lösung zustande, ist die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Soep) der nächste Ansprechpartner. Die Kontaktdaten der Soep lauten: Fasanenstraße 81, 10623 Berlin, Telefon 030/64 49 93 30.

Die höchste Behörde für Beschwerden über die Deutsche Bahn oder andere Bahnanbieter ist das Eisenbahn-Bundesamt. Die Postanschrift lautet: Heinemannstraße 6, 53175 Bonn.

Bekommst Du auch mit Zeitkarten Entschädigung?

Für Zeitkarten gelten andere Regelungen als für einzeln gekaufte Fahrkarten der Bahn. Grundsätzlich bekommst Du für sie nicht mehr als 25 Prozent des Fahrkartenwerts erstattet. Da die Bahn Beträge von weniger als 4 Euro nicht auszahlt, musst Du mindestens zwei Verspätungen in der ersten Klasse beziehungsweise drei in der zweiten Klasse vorlegen.

Bei Wochen- und Monatskarten des Nahverkehrs musst Du die Verspätungen auflisten und kannst diese am Ende der Gültigkeit einreichen. Die Entschädigungsverfahren in regionalen Verkehrsverbünden sind unter Umständen noch einmal anders. Informationen dazu findest Du in der Regel auf deren Websites.

Entschädigung bei Zeitkarten ab 60 Minuten Verspätung

 2. Klasse

1. Klasse

Zeitkarten im Nahverkehr, Ländertickets u. ä.

1,50 Euro

2,25 Euro

Zeitkarten im Fernverkehr

5 Euro

7,50 Euro

Bahncard 100

10 Euro

15 Euro

Quelle: Deutsche Bahn (Stand: Februar 2021)

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