Überstunden auszahlen

So bekommst Du Deine Überstunden bezahlt

Dr. Britta Beate Schön 30. Juli 2019
Das Wichtigste in Kürze
  • Niemand ist zu Überstunden verpflichtet. Etwas anderes kann sich jedoch aus dem Tarif- oder Arbeitsvertrag ergeben. In besonderen Situationen, zum Beispiel bei personellen Engpässen durch eine Krankheitswelle, kann der Chef Überstunden anordnen.
  • Arbeitnehmer können Überstunden ablehnen, wenn sie insgesamt mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten sollen und innerhalb der nächsten sechs Monate nach Rücksprache mit dem Arbeitgeber keinen Freizeitausgleich erhalten können.
  • Steht im Arbeitsvertrag, dass Überstunden pauschal mit dem Festgehalt abgegolten sind, ist das unwirksam.
  • Wer mehr als die Beitragsbemessungsgrenze (West: 78.000 Euro, Ost: 69.600 Euro im Jahr 2018) verdient, kann in der Regel keine Bezahlung von Überstunden verlangen.
So gehst Du vor
  • Gibt es in Deinem Betrieb keine Zeiterfassung, solltest Du Dir notieren, wie lange Du tatsächlich arbeitest.
  • Wenn Du ständig mehr arbeitest als vertraglich vereinbart, solltest Du mit Deinem Chef über eine langfristige Lösung reden. Das kann zusätzliches Personal sein oder eine andere Organisation der Arbeit.
  • Bis dahin solltest Du mit Deinem Arbeitgeber vereinbaren, ob Du einen Teil der Überstunden bezahlt bekommst und einen Teil mit Freizeit ausgleichen kannst.
  • Lass Dich von einer Klausel im Arbeitsvertrag nicht abschrecken, wonach Überstunden mit dem Gehalt abgegolten sind. Eine solche Klausel ist in der Regel unwirksam. Du kannst Bezahlung verlangen, sofern Du Deine Überstunden nachweisen kannst. Beachte dazu unsere Checkliste.

Wer kennt das nicht: Du kommst ein bisschen später von der Arbeit nach Hause oder verzichtest auf Deine Mittagspause, weil Du schnell noch etwas für den Kollegen oder die Chefin erledigen musstest. Im Vergleich zu anderen Europäern leisten die Deutschen die meisten Überstunden. Laut einer europäischen Vergleichsstudie (Abbildung 1 und Abbildung 7) hat jeder Arbeitnehmer hierzulande 2013 im Schnitt fast drei Stunden pro Woche mehr gearbeitet, als er laut Arbeitsvertrag eigentlich müsste.

Da kommt im Laufe eines Jahres einiges zusammen. Und im Durchschnitt wird nicht mal jede zweite Überstunde vergütet, wie das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung herausfand. Ist das überhaupt zulässig? Und welche Rechte haben Arbeitnehmer bei dem Thema?

Dürfen Arbeitgeber Überstunden einfach anordnen?

Auch wenn Dein Chef das vielleicht gerne so hätte: Er darf Dich nicht einfach zu Überstunden verdonnern. Nicht umsonst hast Du mit ihm vertraglich vereinbart, wie viele Stunden Du arbeiten musst. In besonderen, vom Arbeitgeber nicht vorhersehbaren Situationen kann das allerdings anders aussehen, zum Beispiel bei einem Serverausfall oder einer Krankheitswelle in der Belegschaft. Der neue Großauftrag oder ein durch Kündigungen entstandener Personal-Engpass zählt aber nicht als derartige Situation, denn beides ist für den Arbeitgeber vorhersehbar.

Es kann aber sein, dass in Deinem Tarif- oder Arbeitsvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung die Möglichkeit für Deinen Arbeitgeber vorgesehen ist, Überstunden anzuordnen.

Tarifvertrag

Tarifverträge enthalten oft Regelungen darüber, wann und wie viele Überstunden der Arbeitgeber von Dir verlangen darf (zum Beispiel § 7 Abs. 7 und 8 Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD)). Danach liegen Überstunden dann vor, wenn die Mehrarbeit nicht bis zum Ende der folgenden Woche durch Freizeit ausgeglichen wird. Die Bezahlung richtet sich nach der persönlichen Besoldung, ist allerdings in der Höhe begrenzt. Selbst wenn Du in der Besoldungsgruppe 5 bist, erhältst Du Deine Überstunden so bezahlt, als ob Du in Stufe 4 wärst. Zusätzlich gibt es einen Überstundenzuschlag.

Betriebsvereinbarung

Gibt es in Deiner Firma einen Betriebsrat, kann dieser mit dem Arbeitgeber eine Vereinbarung zum Thema Überstunden schließen (§ 87 Abs. 1 Nr. 3 BetrVG). Darin kann geregelt sein, unter welchen Bedingungen Dein Chef Mehrarbeit anordnen darf. Ohne die Zustimmung des Betriebsrates sind Deinem Vorgesetzten aber die Hände gebunden.

Arbeitsvertrag

Auch Dein Arbeitsvertrag kann eine Überstunden-Klausel enthalten. Sie ist aber nur dann wirksam, wenn Du als Arbeitnehmer weißt, was auf Dich zukommen kann. Dazu muss festgelegt sein, wie viele Extra-Stunden Dein Arbeitgeber im Höchstfall anordnen darf.

Können sich Angestellte gegen Überstunden wehren?

Wenn Du freiwillig abends zwei Stunden länger machst, kannst Du dafür nicht Deinen Chef zur Rechenschaft ziehen. Die Sache sieht anders aus, wenn der Boss anordnet, dass Du mehr arbeiten musst und Du dadurch die Grenzen des Arbeitszeitgesetzes überschreitest.

Gesetzlich zulässige Anzahl - Die tägliche Arbeitszeit darf acht Stunden nicht überschreiten (§ 3 ArbZG). Dein Arbeitgeber darf sie allerdings auf bis zu zehn Stunden verlängern, wenn er innerhalb der nächsten sechs Monate einen Freizeitausgleich schafft und Du auch mal früher gehen kannst. Das bedeutet: Im Durchschnitt dürfen die acht Stunden nicht überschritten werden. Die Ruhepausen sind dabei nicht mitzurechnen. Machst Du also zum Beispiel jeden Mittag eine Stunde Pause, musst Du von 9 Uhr morgens bis 18 Uhr abends im Betrieb bleiben. Hat Dein Arbeitgeber ein Zeiterfassungssystem, werden die Ruhezeiten meist automatisch abgezogen – egal, ob Du in der Kantine warst oder das Pausenbrot vor dem Computer gegessen hast.

In einem Tarifvertrag kann die Arbeitszeit auch über zehn Stunden hinaus verlängert werden, wenn entweder ein Teil Deiner Arbeitszeit nicht wirklich Arbeit, sondern Arbeitsbereitschaft ist oder die Regelung auf höchstens 60 Tage im Jahr beschränkt ist. Das betrifft vor allem Arbeitnehmer, die eine Rufbereitschaft anbieten müssen, zum Beispiel angestellte Ärzte oder Feuerwehrleute.

Samstagsarbeit - Samstag ist auch ein Werktag. Dein Arbeitgeber kann grundsätzlich verlangen, dass Du auch am Samstag arbeitest, es sei denn, das ist in Deinem Arbeitsvertrag ausgeschlossen. Musst Du am Samstag arbeiten, bedeutet das nicht notwendig, dass Du Überstunden leistest. Gewährt Dir Dein Arbeitgeber einen Zeitausgleich an anderen Wochentagen, liegen Deine Arbeitsstunden nur an einem anderen Tag. Findet kein Zeitausgleich statt, entstehen Überstunden.

Sonntagsarbeit - An Sonn- und Feiertagen dürfen Arbeitnehmer grundsätzlich nicht beschäftigt werden. Im Arbeitszeitgesetz sind allerdings verschiedene Ausnahmen vorgesehen, zum Beispiel bei Not- und Rettungsdiensten, der Feuerwehr oder in Krankenhäusern (§ 10 ArbZG).

Für leitende Angestellte gilt das Arbeitszeitgesetz nicht

Bist Du leitender Angestellter, kann Dein Arbeitgeber von Dir Überstunden erwarten. Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) gilt nämlich dann nicht für Dich (§ 18 Abs. 1 Nr. 1 ArbZG). Wer Mitarbeiter einstellt und entlassen kann, Handlungsvollmacht oder Prokura hat oder sonstige Aufgaben in unternehmerischer Funktion ausführt, ist leitend tätig. Es reicht, wenn eine der drei genannten Funktionen dauerhaft auf Dich übertragen wurde.

Sind die Überstunden noch im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes, kannst Du nur aus persönlichen Gründen ablehnen. Beispiel: Einer allein erziehenden Mutter mit zwei Kindern können Überstunden nicht in dem Maße aufgebürdet werden wie ihrer ledigen Kollegin, die in ihrer Zeiteinteilung frei ist. Auch gesundheitliche Gründe können das Maß der Überstunden einschränken. Das musst Du aber im Zweifel auch durch ein ärztliches Attest belegen können.

Bei Teilzeitarbeit sind Überstunden eigentlich unzulässig

Bist Du teilzeitbeschäftigt, darf Dich Dein Arbeitgeber grundsätzlich nicht zu Überstunden verpflichten. Das würde dem Wesen der Teilzeit widersprechen. In Tarifverträgen sind allerdings besondere Regelungen möglich. Und in besonderen Situationen ist es auch einem Teilzeit-Mitarbeiter zumutbar, ausnahmsweise Überstunden zu leisten. Das kann dann der Fall sein, wenn der Arbeitgeber die Mehrarbeit nicht vorhersehen konnte.

Bei Jugendlichen und Müttern sind Überstunden verboten

Jugendliche dürfen keine Überstunden machen (§ 8 JarbSchG). Werden sie ausnahmsweise in einem Notfall zur Mehrarbeit herangezogen, weil keine erwachsenen Beschäftigten im Betrieb sind, so ist die geleistete Mehrarbeit durch entsprechende Verkürzungen der Arbeitszeit  innerhalb von drei Wochen wieder auszugleichen (§ 21 JarbSchG).

Auch werdende oder stillende Mütter dürfen nicht mit Mehrarbeit beschäftigt werden (§ 4 MuSchG). Sie sind durch das Mutterschutzgesetz geschützt.

Schwerbehinderte können Freistellung verlangen

Bist Du schwerbehindert, kannst Du die Freistellung von jeglicher Mehrarbeit verlangen (§ 207 SGB IX). Es genügt dazu, dass Du die Freistellung gegenüber Deinem Arbeitgeber möglichst schriftlich geltend machst. Tust Du das nicht, kannst Du zu Überstunden verpflichtet werden.

Du kennst Deinen Stundenlohn nicht? Hier geht es zum Stundenlohnrechner.

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Müssen Arbeitgeber Überstunden bezahlen?

Es gibt keinen allgemeinen Rechtsgrundsatz, dass Mehrarbeit entlohnt wird. Entscheidend für die Vergütung ist deshalb, was dazu in Deinem Arbeits- oder Tarifvertrag steht. Dein Arbeitgeber muss Überstunden dann bezahlen, wenn es in den vertraglichen Regelungen nicht wirksam ausgeschlossen ist.

Regelung zur Vergütung von Überstunden vorhanden - Gilt für Dich ein Tarifvertrag, ergibt sich die Vergütung meist aus detaillierten Bestimmungen. Neben der Grundvergütung wird dabei oft ein besonderer Zuschlag gezahlt, der nach der Zahl der geleisteten Überstunden gestaffelt ist. Du kannst die Vergütung dann in Höhe der vertraglichen Vereinbarung verlangen.

Keine besondere Regelung vorhanden - Enthält Dein Vertrag nichts zur Vergütung von Überstunden, muss Dein Arbeitgeber grundsätzlich auch dafür zahlen – falls das betriebs- oder branchenüblich ist (§ 612 BGB). Das ist zum Beispiel der Fall, wenn es Tarifverträge in Deiner Branche gibt, die die Bezahlung von Überstunden vorsehen, Dein Arbeitgeber aber den Tarifvertrag nicht unterzeichnet hat.

Ist ein fester Monatslohn für eine feste Arbeitszeit vereinbart, kannst Du verlangen, dass die Überstunden vergütet werden, und zwar mit dem auf eine Stunde entfallenden Anteil eines Monatsgehaltes.

Beispiel: Ein Mann arbeitet als Buchhalter mit einer Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche. Er verdient 2.800 Euro brutto im Monat. Im Oktober leistete er 20 Überstunden. Ausgehend von 4,33 Wochen pro Monat wird der Lohn für eine Überstunde so berechnet: 2.800 € : 4,33 : 40 (Stunden) = 16,17 €. Er kann also 323,40 Euro brutto als Bezahlung der Überstunden für Oktober zusätzlich verlangen.

Leitende Angestellte sind ausgenommen - Wenn Du im Jahr 2018 mehr als die Beitragsbemessungsgrenze von jährlich 78.000 Euro in Westdeutschland beziehungsweise 69.600 Euro in Ostdeutschland verdienst, hast Du keinen grundsätzlichen Anspruch auf Vergütung (BAG, Urteil vom 22. Februar 2012, Az. 5 AZR 765/10). Der Grund: Als leitender oder höherer Angestellter wirst Du meist nach der Erfüllung Deiner Aufgaben bezahlt – und nicht allein nach den abzuleistenden Stunden.

Wer hat Anspruch auf einen Überstundenzuschlag?

Ob Arbeitnehmer etwas zusätzlich bekommen, wenn sie Überstunden machen, ergibt sich selten aus dem Arbeitsvertrag, häufiger aber aus dem Tarifvertrag. Im Arbeitszeitgesetz ist kein Anspruch auf Überstundenzuschlag verankert (BAG, Urteil vom 21. Dezember 2016, Az. 5 AZR 362/16). Sofern im Tarifvertrag Zuschläge vereinbart sind, liegen sie je nach Tarifgebiet, Tageszeit und Anzahl der Überstunden zwischen 15 und 40 Prozent des normalen Stundenlohns. Im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) sind zum Beispiel in Paragraf 8 je nach Entgeltgruppe Zuschläge von 15 oder 30 Prozent vorgesehen.

Wer Teilzeit arbeitet, hat ebenfalls Anspruch auf Überstundenzuschläge – und zwar ab der ersten Überstunde (Urteil vom 19. Dezember 2018, Az. 10 AZR 231/18). Eine Regelung im Tarifvertrag, nach der ein Anspruch auf Überstundenzuschläge erst besteht, wenn die für eine Vollzeittätigkeit maßgebliche Stundenzahl überschritten wird, verstößt gegen das Diskriminierungsverbot im Teilzeitbefristungsgesetz.

Dürfen Arbeitgeber Überstunden pauschal abgelten?

In vielen Arbeitsverträgen finden sich Klauseln, die besagen, dass Überstunden „pauschal abgegolten“ sind. Jedoch sind nicht alle wirksam.

Dazu zwei Beispiele:

  1. „Erforderliche Überstunden werden nicht gesondert vergütet, sondern sind mit dem Gehalt abgegolten.“ - Eine solche Klausel ist unwirksam, da der Arbeitnehmer nicht erkennen kann, wann Überstunden erforderlich sein sollen (BAG, Urteil vom 1. September 2010, Az. 5 AZR 517/09). Folge: Hast Du Überstunden gemacht, kannst Du von Deinem Arbeitgeber verlangen, dass er sie auch bezahlt.
  2. „Überstunden werden nicht gesondert vergütet, sondern sind mit dem Gehalt abgegolten, soweit sie einen Umfang von drei Stunden pro Woche/zehn Stunden pro Kalendermonat nicht überschreiten. Darüber hinausgehende Überstunden werden auf der Grundlage des monatlichen Grundgehaltes gesondert bezahlt.“ - Diese Klausel ist wirksam (BAG, Urteil vom 16. Mai 2012, Az. 5 AZR 331/11). Denn die Anzahl der Überstunden muss zeitlich genau eingegrenzt sein und darf das übliche Maß nicht überschreiten. Also müssen die Überstunden nicht gesondert gezahlt werden. Alles darüber hinaus muss der Arbeitgeber vergüten.

Schreibt Dein Arbeitgeber aber zum Beispiel in den Vertrag, dass 40 Überstunden oder mehr im Monat mit dem Gehalt abgegolten sind, ist das übliche Maß überschritten. Dann kannst Du eine Bezahlung aller geleisteten Überstunden verlangen.

Können Arbeitnehmer für Überstunden Freizeitausgleich nehmen?

Ein Puffer von Überstunden kann durchaus sinnvoll sein, wenn Du als Gegenleistung dafür mehr Urlaub hast. Gerade für Familien mit schulpflichtigen Kindern ist das eine Möglichkeit, die Betreuung in den Ferien sicherzustellen: Sie gleichen ihre Überstunden mit Freizeit aus. Das geht allerdings nur, wenn es so vereinbart ist. In vielen Tarifverträgen und Arbeitsverträgen ist das der Fall.

Bei Unternehmen, die mit einer elektronischen Zeiterfassung arbeiten, ist Freizeitausgleich für Überstunden üblich. Es ist meist sogar so, dass Du dann nur eine bestimmte Anzahl von Überstunden aufbauen darfst und diese deshalb laufend auch wieder abfeiern musst. Dein Arbeitgeber kann aber den Zeitpunkt für den Freizeitausgleichs bestimmen (BAG, Urteil vom 19. Mai 2009, Az. 9 AZR 433/08). Dabei muss er auch Deine Belange ausreichend berücksichtigen.

Fehlt eine Vereinbarung in Deinem Tarif- oder Arbeitsvertrag, dass Du bei Überstunden Anspruch auf Freizeitausgleich hast, frage Deinen Chef. Da er nur die Alternative hat, Dir die Überstunden ansonsten bezahlen zu müssen, sind die Chancen für eine Einigung ganz gut.

Wie können Angestellte Überstunden beweisen?

Wenn Du Dich mit Deinem Chef gut verstehst, dürfte auch das Thema Überstunden kein Problem sein. Schwierig wird es dann, wenn Du dauerhaft länger arbeiten musst, weil entweder zu wenig Personal vorhanden oder die Arbeit nicht richtig verteilt ist. Unzufriedenheit kann sich breitmachen. Spätestens dann solltest Du Deine Überstunden dokumentieren, damit Du für ein Gespräch mit Deinem Chef gewappnet bist. Wenn der auf stur stellt, ist die Dokumentation noch wichtiger, damit Du notfalls Deine Überstunden auch gerichtlich geltend machen kannst.

Du hast nämlich nur Aussicht auf Bezahlung von Überstunden, sofern Du die geleisteten Stunden auch nachweisen kannst und Dein Arbeitgeber davon weiß oder es duldet (BAG, Urteil vom 17. April 2002, Az. 5 AZR 644/00). Einfach ist das dann, wenn Dein Arbeitgeber eine Zeiterfassung per Stechuhr zum Beispiel installiert hat.

Schwieriger wird es,  falls Du nach Vertrauensarbeitszeit arbeitest. Was ist dann mit Überstunden, die Du ohne direkte Anweisung leistest, weil Du einfach mit der anfallenden Arbeit nicht fertig wirst? In solchen Fällen bleibt nur die Möglichkeit, Überstunden zu dokumentieren und sich am besten einmal in der Woche vom Arbeitgeber abzeichnen zu lassen. So lässt sich ein Streit über den Umfang der geleisteten Mehrarbeit vermeiden. Allein die Aufzeichnungen des Arbeitnehmers reichen nicht in allen Fällen aus (BAG, Urteil vom 23. September 2015, Az. 5 AZR 767/13).

Arbeitsgericht kann Zahl der Überstunden schätzen

Wem kein genauer Nachweis über die geleisteten Überstunden gelingt, kann unter Umständen vom Gericht verlangen, die Stunden zu schätzen (§ 287 Abs. 2 ZPO). Das geht, wenn der Arbeitgeber zwar zugibt, dass der Arbeitnehmer mehr gearbeitet hat, aber mit der Höhe der geforderten Überstunden nicht einverstanden ist. Das Gericht darf dann den Mindestumfang geleisteter Überstunden schätzen (BAG, Urteil vom 25. März 2015, Az. 5 AZR 602/13).

Ansprüche auf Bezahlung von Überstunden verjähren meist in drei Jahren

Dein Anspruch auf Bezahlung der Überstunden verjährt nach drei Jahren, solange im Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag nichts anderes geregelt wurde. Arbeitgeber verkürzen die Anspruchszeiträume durch sogenannte Ausschlussklauseln gerne auf drei Monate. Das ist rechtens. Lediglich eine Verkürzung auf zwei Monate ist laut Bundesarbeitsgericht unzulässig (BAG, Urteil vom 28. September 2005, Az. 5 AZR 52/05).

Checkliste zur Bezahlung von Überstunden

Anhand der folgenden Checkliste kannst Du überprüfen, ob Du Anspruch auf Vergütung Deiner Überstunden hast.

  1. Beweis der Überstunden: Kannst Du die Überstunden beweisen? Wurden sie angeordnet oder vom Chef hingenommen? Hast Du die Stunden genau dokumentiert?
  2. Regelung im Tarifvertrag: Gilt für Dich eine Regelung zur Bezahlung von Überstunden in einem Tarifvertrag? Erkundige Dich dazu bei Deinem Betriebsrat oder bei der zuständigen Gewerkschaft. Forder die Vergütung, die der für Dich einschlägige Tarifvertrag vorsieht. Eventuell gibt es sogar einen Überstundenzuschlag.
  3. Regelung im Arbeitsvertrag: Steht in Deinem Arbeitsvertrag etwas zur Vergütung von Überstunden? Falls eine Vergütung vorgesehen ist, fordere diese ein.
  4. Pauschale Abgeltungsklausel im Vertrag: Gibt es eine Klausel in Deinem Vertrag, wonach Überstunden pauschal mit dem Festgehalt abgegolten sind? Dann ist die Regelung wahrscheinlich unwirksam. Folge: Du kannst eine branchen- und betriebsübliche Vergütung verlangen.
  5. Keine Regelung im Arbeitsvertrag: Enthält Dein Vertrag keine Regelung, kannst Du ebenfalls das verlangen, was branchen- und betriebsüblich ist. Gibt es einen Tarifvertrag für Deine Branche, der aber in Deinem Arbeitsverhältnis nicht gilt, weil Dein Arbeitgeber sich nicht daran gebunden hat, kannst Du trotzdem die dort festgelegte Bezahlung verlangen.
  6. Höhe Deines Gehalts: Verdienst Du mehr als die Beitragsbemessungsgrenze (78.00 Euro im Westen, 69.600 Euro im Osten im Jahr 2018), hast Du nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts keinen Anspruch auf Bezahlung von Überstunden. Verdienst Du weniger, kannst Du Geld für die Überstunden verlangen.
  7. Verjährung: Sämtliche Überstunden verfallen nach spätestens drei Jahren. Enthält Dein Arbeitsvertrag eine Klausel, wonach die gegenseitigen Ansprüche nach einer kürzeren Frist nicht mehr verlangt werden können?

Empfehlungen für Dein Gespräch mit dem Arbeitgeber

Hat Deine Prüfung anhand der Checkliste ergeben, dass Du berechtigte Ansprüche gegen Deinen Arbeitgeber hast, solltest Du mit Deinem Chef zunächst das Gespräch suchen. Ungeregelte Überstunden sollten die Ausnahme sein.

Wenn Du ständig mehr arbeitest als vertraglich vereinbart, muss Dein Arbeitgeber eine langfristige Lösung finden – das kann zusätzliches Personal sein oder eine andere Organisation der Arbeit. Bis dahin solltest Du einen Teil der Überstunden bezahlt bekommen und einen Teil mit Freizeit ausgleichen können.

Auch wenn dadurch das Problem der vielen Überstunden nicht gelöst wird, kannst Du mit Deinem Chef aus diesem Anlass auch über eine Lohnerhöhung oder einen Bonus sprechen. Der Bonus hat den Vorzug, dass er die Mehrarbeit nicht zementiert. Eine Lohnerhöhung könnte Dein Chef als Freibrief betrachten, dass es immer so weitergeht.

Stößt Du auf taube Ohren, brauchst Du Unterstützung. Das können die Kollegen sein, mit denen Du gemeinsam das Thema noch einmal bei Deinem Chef ansprichst oder aber der Betriebsrat. Gibt es keinen, solltest Du Dich an einen Experten im Arbeitsrecht wenden. Rechne allerdings damit, dass Dein Arbeitgeber auf ein Anwaltsschreiben verstimmt reagieren kann.

Hast Du bereits gekündigt oder wurde Dir gekündigt, solltest Du auf Bezahlung der Überstunden bestehen. Wenn Du ordentlich dokumentiert hast, stehen Deine Chancen in der Regel gut. Du brauchst zur Durchsetzung aber vielleicht einen Rechtsanwalt. Wer eine Arbeitsrechtsschutzversicherung hat, muss sich von den Anwalts- oder Gerichtskosten nicht abschrecken lassen.

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