Überstunden, Überstundenzuschlag und Mehrarbeit

So bekommst Du Deine Überstunden bezahlt

Dr. Britta Beate Schön
Finanztip-Expertin für Recht
25. Mai 2021
Das Wichtigste in Kürze
  • Niemand ist zu Überstunden verpflichtet. Nur in besonderen Situationen dürfen Arbeitgeber Mehrarbeit anordnen.
  • Steht im Arbeitsvertrag, dass Überstunden pauschal mit dem Festgehalt abgegolten sind, ist das unwirksam.
So gehst Du vor
  • Gibt es in Deinem Betrieb keine Zeiterfassung, solltest Du selbst notieren, wie lange Du tatsächlich arbeitest.
  • Wenn Du ständig mehr arbeitest, such das Gespräch mit Deinem Chef über eine langfristige Lösung (zusätzliches Personal, Organisation der Arbeit).
  • Bis dahin solltest Du mit Deinem Arbeitgeber darüber verhandeln, ob Du einen Teil der Überstunden bezahlt bekommst und einen Teil mit Freizeit ausgleichen kannst.
  • Lass Dich von einer Klausel im Arbeitsvertrag nicht abschrecken, wonach Überstunden mit dem Gehalt abgegolten sind. Du kannst Bezahlung verlangen, sofern Du Deine Überstunden nachweisen kannst. Beachte dazu unsere Checkliste.

Jeder kennt das: Du kommst ein bisschen später von der Arbeit nach Hause oder verzichtest auf Deine Mittagspause, weil Du schnell noch etwas für den Kollegen oder die Chefin erledigen musstest. Je höher das Gehalt, desto mehr Überstunden werden geleistet: Wer unter 20.000 Euro im Jahr verdient, arbeitet durchschnittlich fast zwei Stunden pro Woche länger, bei einem Gehalt von mehr als 120.000 Euro fallen pro Woche rund sieben Überstunden an, ergab eine Untersuchung des Gehaltsdienstleisters Compensation Partner. Da kommt im Laufe eines Jahres einiges zusammen. Und im Durchschnitt wird nicht mal jede zweite Überstunde bezahlt, wie das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung herausfand. Ist das überhaupt zulässig?

Darf Dein Arbeitgeber Überstunden anordnen?

Auch wenn Dein Chef das vielleicht gerne so hätte: Er darf Dich nicht einfach zu Überstunden verdonnern. Nicht umsonst hast Du mit ihm vertraglich vereinbart, wie viele Stunden Du arbeiten musst. In besonderen Situationen kann das allerdings anders aussehen, zum Beispiel bei einem Server-Ausfall oder einer Krankheitswelle in der Belegschaft. Der neue Großauftrag oder ein durch Kündigungen entstandener Personalengpass zählen aber nicht als derartige Situation, denn beides ist für den Arbeitgeber vorhersehbar.

Es kann aber sein, dass laut Tarif- oder Arbeitsvertrag Dein Arbeitgeber Überstunden anordnen darf.

Tarifvertrag - Tarifverträge enthalten oft Regelungen darüber, wann und wie viele Überstunden der Arbeitgeber von Dir verlangen darf (zum Beispiel § 7 Abs. 7 und 8 TVöD). Danach liegen Überstunden dann vor, wenn die Mehrarbeit nicht bis zum Ende der folgenden Woche durch Freizeit ausgeglichen wird. Die Bezahlung richtet sich nach der persönlichen Besoldung, ist allerdings in der Höhe begrenzt. Selbst wenn Du in der Besoldungsgruppe 5 bist, erhältst Du Deine Überstunden so bezahlt, als ob Du in Stufe 4 wärst. Zusätzlich gibt es einen Überstundenzuschlag.

Betriebsvereinbarung - Gibt es in Deiner Firma einen Betriebsrat, kann dieser mit dem Arbeitgeber eine Vereinbarung zum Thema Überstunden schließen (§ 87 Abs. 1 Nr. 3 BetrVG). Darin kann geregelt sein, unter welchen Bedingungen Dein Chef Mehrarbeit anordnen darf. Ohne die Zustimmung des Betriebsrates sind Deinem Vorgesetzten aber die Hände gebunden.

Arbeitsvertrag - Auch in Deinem Arbeitsvertrag kann eine Überstundenklausel stehen. Sie ist aber nur dann wirksam, wenn Du als Arbeitnehmer weißt, was genau auf Dich zukommen kann. Dazu muss festgelegt sein, wie viele Extrastunden Dein Arbeitgeber im Höchstfall anordnen darf.

Wann darfst Du Dich gegen Überstunden wehren?

Wenn Du freiwillig abends zwei Stunden länger arbeitest, kannst Du dafür nicht Deinen Chef zur Rechenschaft ziehen. Die Sache sieht anders aus, wenn er anordnet, dass Du mehr arbeiten musst und Du dadurch die Grenzen des Arbeitszeitgesetzes überschreitest.

Gesetzlich zulässige Anzahl - Die tägliche Arbeitszeit darf acht Stunden nicht überschreiten (§ 3 ArbZG). Dein Arbeitgeber darf sie allerdings auf bis zu zehn Stunden verlängern, wenn er innerhalb der nächsten sechs Monate einen Freizeitausgleich schafft und Du auch mal früher gehen kannst. Das bedeutet: Im Durchschnitt darfst Du nicht mehr als acht Stunden arbeiten. Die Pausen zählen nicht mit. Machst Du also zum Beispiel jeden Mittag eine Stunde Pause, musst Du von 9 Uhr morgens bis 18 Uhr abends im Betrieb bleiben. Hat Dein Arbeitgeber ein Zeiterfassungssystem, werden die Ruhezeiten meist automatisch abgezogen – egal, ob Du in der Kantine warst oder vor dem Computer gegessen hast.

In einem Tarifvertrag kann die Arbeitszeit auch über zehn Stunden hinaus verlängert werden, wenn entweder ein Teil Deiner Arbeitszeit nicht wirklich Arbeit, sondern Arbeitsbereitschaft ist oder die Regelung auf höchstens 60 Tage im Jahr beschränkt ist. Das betrifft vor allem Arbeitnehmer, die eine Rufbereitschaft anbieten müssen, zum Beispiel angestellte Ärzte oder Feuerwehrleute.

Samstagsarbeit - Der Samstag ist ein Werktag, auch wenn die meisten freihaben. Dein Arbeitgeber kann grundsätzlich verlangen, dass Du auch am Samstag arbeitest, es sei denn, das ist in Deinem Arbeitsvertrag ausgeschlossen. Musst Du am Samstag arbeiten, bedeutet das nicht notwendig, dass Du Überstunden leistest. Gewährt Dir Dein Arbeitgeber einen Zeitausgleich an anderen Wochentagen, liegen Deine Arbeitsstunden nur an einem anderen Tag. Findet kein Zeitausgleich statt, entstehen Überstunden.

Sonntagsarbeit - An Sonn- und Feiertagen dürfen Arbeitnehmer grundsätzlich nicht beschäftigt werden. Im Arbeitszeitgesetz sind allerdings verschiedene Ausnahmen vorgesehen, zum Beispiel bei Not- und Rettungsdiensten, der Feuerwehr oder in Krankenhäusern (§ 10 ArbZG).

Bei Teilzeitarbeit sind Überstunden eigentlich unzulässig

Bist Du teilzeitbeschäftigt, darf Dich Dein Arbeitgeber grundsätzlich nicht zu Überstunden verpflichten. Das würde dem Wesen von Teilzeit widersprechen. In Tarifverträgen sind Ausnahmen möglich. Und in besonderen Situationen ist es auch einem Teilzeitmitarbeiter zumutbar, Überstunden zu leisten. Etwa wenn der Arbeitgeber die Mehrarbeit nicht vorhersehen konnte.

Bei Jugendlichen und Müttern sind Überstunden verboten

Jugendliche dürfen keine Überstunden machen (§ 8 JArbSchG). Werden sie ausnahmsweise zur Mehrarbeit herangezogen, weil keine erwachsenen Beschäftigten im Betrieb sind, so muss der Arbeitgeber die geleistete Mehrarbeit innerhalb von drei Wochen wieder ausgleichen, indem die Beschäftigten zum Beispiel an anderen Tagen später kommen oder früher gehen (§ 21 JArbSchG).

Auch schwangere Mitarbeiterinnen oder stillende Frauen dürfen keine Überstunden leisten (§ 4 MuSchG). Sie sind durch das Mutterschutzgesetz geschützt.

Schwerbehinderte können Freistellung verlangen

Bist Du schwerbehindert, kannst Du die Freistellung von jeglicher Mehrarbeit verlangen (§ 207 SGB IX). Es genügt dazu, dass Du dieses Recht gegenüber Deinem Arbeitgeber geltend machst. Tust Du das nicht, kannst Du zu Überstunden verpflichtet werden.

Für leitende Angestellte gilt das Arbeitszeitgesetz nicht

Bist Du leitender Angestellter, kann Dein Arbeitgeber von Dir Überstunden erwarten. Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) gilt nämlich dann nicht für Dich (§ 18 Abs. 1 Nr. 1 ArbZG). Wer Mitarbeiter einstellt und entlassen kann, Handlungsvollmacht oder Prokura hat oder sonstige Aufgaben in unternehmerischer Funktion ausführt, ist leitend tätig. Es reicht, wenn eine der drei genannten Funktionen dauerhaft auf Dich übertragen wurde.

Sind die Überstunden noch im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes, darfst Du nur aus persönlichen Gründen ablehnen. Beispiel: Einer alleinerziehenden Mutter können Überstunden nicht in dem Maße aufgebürdet werden wie einem Kollegen ohne Kinder, der in seiner Zeiteinteilung frei ist. Auch gesundheitliche Gründe können das Maß der Überstunden einschränken. Das musst Du aber im Zweifel auch durch ein ärztliches Attest belegen können.

Muss Dein Arbeitgeber Überstunden bezahlen?

Es gibt keinen allgemeinen Rechtsgrundsatz, dass Dein Arbeitgeber Mehrarbeit entlohnen muss. Entscheidend ist deshalb, was zur Bezahlung von Überstunden in Deinem Arbeits- oder Tarifvertrag steht.

Regelung zur Vergütung von Überstunden vorhanden - Gilt für Dich ein Tarifvertrag, ergibt sich die Vergütung meist aus detaillierten Bestimmungen. Neben der Grundvergütung gibt es oft einen besonderen Zuschlag, der nach der Zahl der geleisteten Überstunden gestaffelt ist.

Keine besondere Regelung vorhanden - Enthält Dein Vertrag nichts zur Vergütung von Überstunden, muss Dein Arbeitgeber grundsätzlich dafür zahlen – falls das betriebs- oder branchenüblich ist (§ 612 BGB). Das ist der Fall, wenn es Tarifverträge in Deiner Branche gibt, die die Bezahlung von Überstunden vorsehen, Dein Arbeitgeber aber den Tarifvertrag nicht unterzeichnet hat.

Ist ein fester Monatslohn für eine feste Arbeitszeit vereinbart, kannst Du verlangen, dass die Überstunden vergütet werden, und zwar mit dem auf eine Stunde entfallenden Anteil eines Monatsgehaltes.

Beispiel: Ein Buchhalter arbeitet 40 Stunden pro Woche. Er verdient 2.800 Euro brutto im Monat. Im April leistete er 20 Überstunden. Ausgehend von 4,33 Wochen pro Monat wird der Lohn für eine Überstunde so berechnet: 2.800 Euro : 4,33 : 40 (Stunden) = 16,17 Euro. Er kann also 323,40 Euro brutto als Bezahlung der Überstunden für April verlangen.

Leitende Angestellte sind ausgenommen - Wenn Du im Jahr 2021 mehr als die Beitragsbemessungsgrenze von jährlich 85.200 Euro in Westdeutschland oder 80.400 Euro im Osten verdienst, hast Du eher keinen Anspruch auf Bezahlung von Überstunden (BAG, Urteil vom 22. Februar 2012, Az. 5 AZR 765/10). Der Grund: Als leitender oder höherer Angestellter wirst Du meist nach der Erfüllung Deiner Aufgaben bezahlt – und nicht allein nach den Arbeitsstunden.

Du kennst Deinen Stundenlohn nicht? Hier geht es zum Stundenlohnrechner.

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Überstundenzuschlag

Im Arbeitszeitgesetz ist kein Anspruch auf Überstundenzuschlag verankert (BAG, Urteil vom 21. Dezember 2016, Az. 5 AZR 362/16). In Arbeitsverträgen gibt es selten einen Bonus für Überstunden, häufiger ergeben sich Zuschläge aus dem Tarifvertrag. Je nach Tarifgebiet, Tageszeit und Anzahl sind Zuschläge zwischen 15 und 40 Prozent des normalen Stundenlohns drin. Im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst sind je nach Entgeltgruppe Zuschläge von 15 oder 30 Prozent vorgesehen (§ 8 TVöD).

Wer Teilzeit arbeitet, hat ebenfalls Anspruch auf Überstundenzuschläge – und zwar ab der ersten Überstunde (BAG, Urteil vom 19. Dezember 2018, Az. 10 AZR 231/18). Eine Regelung im Tarifvertrag, nach der ein Anspruch auf Überstundenzuschläge erst besteht, wenn die für eine Vollzeittätigkeit maßgebliche Stundenzahl überschritten wird, verstößt gegen das Diskriminierungsverbot.

Pauschale Abgeltung nicht immer erlaubt

In vielen Arbeitsverträgen finden sich Klauseln, die besagen, dass Überstunden „pauschal abgegolten“ sind. Es sind jedoch nicht alle wirksam.

Dazu zwei Beispiele:

  1. Erforderliche Überstunden werden nicht gesondert vergütet, sondern sind mit dem Gehalt abgegolten.“ - Eine solche Klausel ist unwirksam, da der Arbeitnehmer nicht erkennen kann, wann Überstunden erforderlich sein sollen (BAG, Urteil vom 1. September 2010, Az. 5 AZR 517/09). Folge: Hast Du Überstunden gemacht, kannst Du von Deinem Arbeitgeber verlangen, dass er sie auch bezahlt.
  2. Überstunden werden nicht gesondert vergütet, sondern sind mit dem Gehalt abgegolten, soweit sie einen Umfang von drei Stunden pro Woche/zehn Stunden pro Kalendermonat nicht überschreiten. Darüber hinausgehende Überstunden werden auf der Grundlage des monatlichen Grundgehaltes gesondert bezahlt.“ - Diese Klausel ist wirksam (BAG, Urteil vom 16. Mai 2012, Az. 5 AZR 331/11). Denn die Anzahl der Überstunden muss zeitlich genau eingegrenzt sein und darf das übliche Maß nicht überschreiten. Alles darüber hinaus muss der Arbeitgeber bezahlen.

Schreibt Dein Arbeitgeber aber zum Beispiel in den Vertrag, dass 40 Überstunden oder mehr im Monat mit dem Gehalt abgegolten sind, ist das übliche Maß überschritten. Dann steht Dir die Bezahlung aller Überstunden zu.

Kannst Du für Überstunden Freizeitausgleich nehmen?

Ein Puffer von Überstunden kann durchaus sinnvoll sein, wenn Du als Gegenleistung dafür mehr Urlaub hast. Gerade für Familien mit schulpflichtigen Kindern ist das eine Möglichkeit, die Betreuung in den Ferien sicherzustellen: Sie gleichen ihre Überstunden mit Freizeit aus. Das geht allerdings nur, wenn es so vereinbart ist. In vielen Tarif- und Arbeitsverträgen ist das der Fall.

Bei Unternehmen, die mit einer elektronischen Zeiterfassung arbeiten, ist Freizeitausgleich für Überstunden üblich. Es ist meist sogar so, dass Du dann nur eine bestimmte Anzahl von Überstunden aufbauen darfst und diese deshalb laufend auch wieder abfeiern musst. Dein Arbeitgeber kann aber den Zeitpunkt für den Freizeitausgleichs bestimmen (BAG, Urteil vom 19. Mai 2009, Az. 9 AZR 433/08).

Fehlt eine Vereinbarung in Deinem Tarif- oder Arbeitsvertrag, dass Du bei Überstunden Anspruch auf Freizeitausgleich hast, frage Deinen Chef. Da er nur die Alternative hat, Dir die Überstunden ansonsten bezahlen zu müssen, sind die Chancen für eine Einigung ganz gut.

Wie kannst Du Überstunden belegen?

Wenn Du Dich mit Deiner Chefin gut verstehst, dürfte das Thema Überstunden kein Problem sein. Schwierig wird es, wenn sich Überstunden anhäufen, weil es entweder zu wenig Personal gibt oder die Arbeit nicht richtig verteilt ist. Spätestens dann solltest Du Deine Überstunden dokumentieren, damit Du notfalls die Bezahlung einklagen kannst.

Vor Gericht hast Du nur Aussicht auf Erfolg, wenn Du die geleisteten Stunden nachweisen kannst und auf Anweisung gehandelt hast oder Dein Arbeitgeber die Überstunden zumindest geduldet hat (BAG, Urteil vom 17. April 2002, Az. 5 AZR 644/00). Der Beweis ist nicht leicht zu führen.

Ist die genaue Anzahl der Überstunden unklar, kann das Gericht die Stunden auch schätzen. Das geht, wenn der Arbeitgeber zugibt, dass der Arbeitnehmer mehr gearbeitet hat, aber mit der Höhe der geforderten Überstunden nicht einverstanden ist (BAG, Urteil vom 23. September 2015, Az. 5 AZR 767/13).

Etwas einfacher ist der Nachweis, wenn die Arbeitszeit elektronisch erfasst wird. Zeichnet ein Vorgesetzter die entsprechenden Zeitnachweise ab, muss der Arbeitnehmer dem Gericht nur noch den Saldo des Arbeitszeitkontos vorlegen (BAG, Urteil vom 26. Juni 2019, Az. 5 AZR 452/18).

Schwieriger wird es, wenn Du nach Vertrauensarbeitszeit arbeitest. In solchen Fällen bleibt nur die Möglichkeit, Überstunden zu dokumentieren und sich am besten einmal in der Woche vom Arbeitgeber abzeichnen zu lassen. So lässt sich ein Streit über den Umfang der geleisteten Mehrarbeit vermeiden. Allein die Aufzeichnungen des Arbeitnehmers reichen nicht immer aus (BAG, Urteil vom 23. September 2015, Az. 5 AZR 767/13).

Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem Jahr 2019 – das sogenannte Stechuhr-Urteil – fordert eine Pflicht für Arbeitgeber, die Arbeitszeiten zu erfassen (Az. C-55/18). Denn dann wäre es für Arbeitnehmer sehr viel leichter, Überstunden auch vor Gericht zu belegen.

Nachfolgend konnte eine Arbeitnehmerin vor dem Arbeitsgericht Emden ihre Überstundenklage über rund 20.000 Euro gewinnen (Urteil vom 24. September 2020, Az. 2 Ca 144/20). Das Gericht sah bereits jetzt den Arbeitgeber in der Pflicht, die Arbeitszeiten zu erfassen; es legte dazu das deutsche Recht im Sinne der europäischen Rechtsprechung aus. Da es im Betrieb des Arbeitgebers keine ordentliche Arbeitszeiterfassung gab, erkannte das Gericht die behaupteten Überstunden an.

Aber: Das Landesarbeitsgericht Niedersachsen erteilte dem Arbeitsgericht Emden nun einen Dämpfer. Das europäische Urteil habe keine Aussagekraft für die Darlegungs- und Beweislast im Überstundenprozess, so das Gericht (Urteil vom 6. Mai 2021, Az. 5 Sa 1292/20). Es bleibt abzuwarten, wann sich das Bundesarbeitsgericht mit dieser Frage beschäftigen muss. Bis dahin sind Überstundenklagen für Arbeitgeber ohne Zeiterfassung auf jeden Fall deutlich riskanter geworden.

Überstunden verjähren meist in drei Jahren

Dein Anspruch auf Bezahlung der Überstunden verjährt nach drei Jahren, solange im Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag nichts anderes geregelt wurde. Arbeitgeber verkürzen die Anspruchszeiträume durch sogenannte Ausschlussklauseln gerne auf drei Monate. Das ist rechtens. Lediglich eine Verkürzung auf zwei Monate ist laut Bundesarbeitsgericht unzulässig (BAG, Urteil vom 28. September 2005, Az. 5 AZR 52/05).

Checkliste zur Bezahlung von Überstunden

Anhand der folgenden Checkliste kannst Du überprüfen, ob Du Anspruch auf Vergütung Deiner Überstunden hast.

  1. Beweis der Überstunden: Kannst Du die Überstunden beweisen? Wurden sie angeordnet oder vom Chef hingenommen? Hast Du die Stunden genau dokumentiert?
  2. Regelung im Tarifvertrag: Gilt für Dich eine Regelung zur Bezahlung von Überstunden in einem Tarifvertrag? Erkundige Dich dazu bei Deinem Betriebsrat oder bei der zuständigen Gewerkschaft. Fordere die Vergütung, die der für Dich einschlägige Tarifvertrag vorsieht. Eventuell gibt es sogar einen Überstundenzuschlag.
  3. Regelung im Arbeitsvertrag: Steht in Deinem Arbeitsvertrag etwas zur Vergütung von Überstunden? Falls eine Vergütung vorgesehen ist, fordere diese ein.
  4. Pauschale Abgeltungsklausel im Vertrag: Gibt es eine Klausel in Deinem Vertrag, wonach Überstunden pauschal mit dem Festgehalt abgegolten sind? Dann ist die Regelung wahrscheinlich unwirksam. Folge: Du kannst eine branchen- und betriebsübliche Bezahlung verlangen.
  5. Keine Regelung im Arbeitsvertrag: Enthält Dein Vertrag keine Regelung, kannst Du ebenfalls das verlangen, was branchen- und betriebsüblich ist. Gibt es einen Tarifvertrag für Deine Branche, der aber in Deinem Arbeitsverhältnis nicht gilt, weil Dein Arbeitgeber sich nicht daran gebunden hat, kannst Du trotzdem die dort festgelegte Bezahlung verlangen.
  6. Höhe Deines Gehalts: Verdienst Du mehr als die Beitragsbemessungsgrenze (85.200 Euro im Westen, 80.400 Euro im Osten im Jahr 2021), hast Du nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts keinen Anspruch auf Bezahlung von Überstunden. Verdienst Du weniger, kannst Du Geld für die Überstunden verlangen.
  7. Verjährung: Sämtliche Überstunden verfallen spätestens nach drei Jahren immer zum Jahresende. Enthält Dein Arbeitsvertrag eine Klausel, wonach die gegenseitigen Ansprüche nach einer kürzeren Frist nicht mehr verlangt werden können, dann könnte sie unwirksam sein.

Empfehlungen für Dein Mitarbeitergespräch

Hat Deine Prüfung anhand der Checkliste ergeben, dass Du berechtigte Ansprüche gegen Deinen Arbeitgeber hast, solltest Du mit Deinem Chef zunächst das Gespräch suchen. Ungeregelte Überstunden sollten die Ausnahme sein.

Wenn Du ständig mehr arbeitest als vertraglich vereinbart, muss Dein Arbeitgeber eine langfristige Lösung finden – das kann zusätzliches Personal sein oder eine andere Organisation der Arbeit. Bis dahin solltest Du einen Teil der Überstunden bezahlt bekommen und einen Teil mit Freizeit ausgleichen können.

Auch wenn dadurch das Problem der vielen Überstunden nicht gelöst wird, kannst Du auch eine Lohnerhöhung oder einen Bonus ansprechen. Der Bonus hat den Vorzug, dass er die Mehrarbeit nicht zementiert. Eine Lohnerhöhung könnte Dein Chef als Freibrief betrachten, dass es immer so weitergeht.

Stößt Du auf taube Ohren, brauchst Du Unterstützung. Das können die Kollegen sein, mit denen Du gemeinsam das Thema noch einmal bei Deinem Chef ansprichst oder aber der Betriebsrat. Gibt es keinen, solltest Du Dich an einen Experten im Arbeitsrecht wenden. Rechne allerdings damit, dass Dein Arbeitgeber auf ein Anwaltsschreiben verstimmt reagieren kann.

Hast Du bereits gekündigt oder wurde Dir gekündigt, solltest Du auf Bezahlung der Überstunden bestehen. Wenn Du ordentlich dokumentiert hast, stehen Deine Chancen in der Regel gut. Du brauchst zur Durchsetzung aber vielleicht einen Rechtsanwalt. Wer eine Ar­beits­rechts­schutz­ver­si­che­rung hat, muss sich von den Anwalts- oder Gerichtskosten nicht abschrecken lassen.

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