Barunterhalt im Wechselmodell

Wer zahlt, wenn sich das Kind abwechselnd bei Vater und Mutter aufhält

Dr. Britta Beate Schön
Finanztip-Expertin für Recht
06. Mai 2022
Das Wichtigste in Kürze
  • Wie Eltern nach der Trennung die Betreuung der Kinder organisieren, ist entscheidend dafür, wer wie viel an Unterhalt zahlen muss.
  • Soll das Kind hauptsächlich bei einem Elternteil wohnen, ergibt sich der Unterhalt aus der Düsseldorfer Tabelle. 
  • Betreuen die Eltern ihre Kinder im Wechsel, jeder etwa 15 Tage im Monat, dann muss der Unterhalt besonders berechnet werden.
So gehst Du vor
  • Überlege Dir zusammen mit Deinem Ex-Partner, wie Ihr nach der Trennung die Betreuung der Kinder organisieren wollt. Legt fest, wo sie hauptsächlich wohnen sollen und wer sie wann betreut. 
  • Anhand unseres Musters kannst Du berechnen, wer wie viel Unterhalt im Wechselmodell zahlen muss.
  • Wer sich bei der Betreuung stärker einbringt, kann seine Unterhaltszahlung eventuell kürzen.

Nach einer Scheidung leben die meisten Kinder oft entweder beim Vater oder bei der Mutter. Den anderen Elternteil sehen sie an jedem zweiten Wochenende und in der Hälfte der Ferien. Das ist das übliche Modell: Der eine betreut die Kinder, der andere zahlt für die Kinder. Ihr könnt die Betreuung aber auch anders organisieren und sie gerechter aufteilen. Doch was bedeutet es für den Unterhalt, wenn Ihr die Kinder im Wechselmodell betreuen wollt?

Was versteht man unter Barunterhalt?

Der Elternteil, bei dem das Kind nicht überwiegend wohnt, zahlt einen monatlichen Betrag für den Unterhalt des Kindes – den Barunterhalt. Der andere Elternteil kümmert sich um Kleidung, Wohnen, Essen, Krankenvorsorge, Taschengeld und ähnliches. Damit leistet er den sogenannten Betreuungsunterhalt oder auch Naturalunterhalt

Wie viel Barunterhalt der Vater oder die Mutter für ein Kind zahlen muss, ergibt sich aus der Düsseldorfer Tabelle. Die Richter gehen bei der Einstufung davon aus, dass derjenige, der Unterhalt zahlt, sich an rund fünf Tagen im Monat um die Kinder kümmert und dabei auch Ausgaben für Essen, Wohnen und anderes hat. Solange die Eltern den Umgang so regeln – man spricht dann auch vom Residenzmodell –, kann der Zahlende wegen seiner Ausgaben für die Kinder den Unterhalt nach der Düsseldorfer Tabelle nicht kürzen.

Was ist das Wechselmodell?

Viele Eltern wünschen sich das Wechselmodell als Idealfall. Beide wollen durch die Trennung den Kontakt zu den Kindern nicht verlieren und die Hälfte der Betreuung übernehmen. Die Kinder halten sich abwechselnd bei beiden Elternteilen auf, zum Beispiel einige Wochentage bei der Mutter und einige Wochentage beim Vater. In diesen Fällen leisten beide Naturalunterhalt, das heißt: Beide betreuen das Kind, kochen oder kaufen ein. In der Praxis scheitert das Wechselmodell oft an wenig flexiblen Arbeitszeiten. Das Modell klappt auch nur, wenn beide Eltern nach der Trennung weiter an einem Ort wohnen. 

Von einem Wechselmodell spricht man nur, wenn die Eltern sich wirklich zu gleichen Teilen um das Kind kümmern, beide etwa 15 Tage im Monat. Deshalb liegt kein Wechselmodell vor, wenn der eine das Kind an zehn Tagen im Monat bei sich hat und der andere sich an 20 Tagen um das Kind kümmert (BGH, Urteil vom 21. Dezember 2005, Az. XII ZR 126/03).

Für ein echtes Wechselmodell ist Kooperation und Kommunikation der Eltern erforderlich. Das Kammergericht Berlin hat in einem Fall das Wechselmodell abgelehnt, obwohl der Vater das Kind zu 45 Prozent betreute und die Mutter zu 55 Prozent. Da zwischen den Kindeseltern aber praktisch überhaupt keine Kommunikation stattfand, lag kein echtes Wechselmodell vor. Der Vater war weiterhin zum Barunterhalt verpflichtet (KG Berlin, Beschluss vom 15. April 2019, Az. 13 UF 89/16).

Wichtig: Gegen den Willen der Kinder kann ein Elternteil das Wechselmodell nicht durchsetzen. Ein funktionierendes Umgangsmodell, das dem Willen der Kinder entspricht, wird das zuständige Gericht nicht abändern, nur weil ein Elternteil die gerechte Aufteilung der Betreuung wünscht (OLG Frankfurt, Beschluss vom 6. Juli 2021, Az. 3 UF 144/20).

Wie berechnet sich der Unterhalt beim Wechselmodell?

Im Gesetz finden sich keine klaren Regelungen dazu, welche Auswirkungen das Wechselmodell auf die Höhe des Unterhalts hat. Aber die Gerichte haben einige Grundsätze festgelegt. Denn nur weil beide sich die Kinderbetreuung teilen, entfällt der Anspruch auf Barunterhalt nicht. Über die Details streiten manche, einige ziehen vor Gericht. Die Betreuung von Kindern im Wechselmodell führt auf jeden Fall zu einer anderen Berechnung des Kindesunterhalts (BGH, Urteil vom 21. Dezember 2005, Az. XII ZR 126/03). Denn beide Eltern müssen anteilig Unterhalt zahlen.

Betreust Du Deine Kinder im Wechsel, kannst Du den Unterhalt in sieben Schritten berechnen (BGH, Beschluss vom 11. Januar 2017, Az. XII ZB 565/15). Zu jedem Schritt der Berechnung findest Du das Beispiel einer Familie mit einem zwölfjährigen Kind, das die Eltern im Wechsel betreuen. Das Kindergeld in Höhe von 219 Euro bekommt die Mutter (Stand: Mai 2022).

  1. Du rechnest das Nettoeinkommen von beiden Elternteilen zusammen.

    Beispiel: Der Vater verdient netto 2.500 Euro, die Mutter netto 1.800 Euro. Zusammen sind dies 4.300 Euro.
  2. Mit der Summe der Einkommen kannst Du in der Düsseldorfer Tabelle den Unterhaltsbetrag bei dem entsprechenden Alter des Kindes ablesen. 

    Beispiel: Bei einem Einkommen von bis zu 4.300 Euro beträgt der monatliche Unterhalt für ein zwölfjähriges Kind der Tabelle zufolge 725 Euro (Stand: Mai 2022).
  3. Du rechnest die Mehrkosten hinzu, die durch die gemeinsame Betreuung entstehen. Etwa, weil jeder in seiner Wohnung für ein Kinderzimmer Miete zahlt. Auch Fahrtkosten zählen dazu, nicht aber Kosten für die Nachmittagsbetreuung.

    Beispiel: Da es in den Wohnungen beider Eltern ein Kinderzimmer gibt, ergeben sich monatliche Mehrkosten von 300 Euro. Diese werden aufgeschlagen, so dass der Bedarf des Kindes sich auf insgesamt 1.025 Euro beläuft.
  4. Um den jeweiligen Anteil zu berechnen, ziehst Du vom bereinigten Nettoeinkommen jedes Elternteils den Betrag ab, den er behalten darf – den angemessenen Selbstbehalt wie gegenüber nicht privilegierten volljährigen Kindern. Der angemessene Selbstbehalt beträgt 1.400 Euro (Stand: Mai 2022). So ergibt sich das insgesamt einsetzbare Einkommen. 

    Beispiel: Vater: 2.500 Euro (Nettoeinkommen) - 1.400 Euro (Selbstbehalt) = 1.100 Euro;
    Mutter 1.800 Euro (Nettoeinkommen) - 1.400 Euro (Selbstbehalt) = 400 Euro. Das ergibt in unserer Beispielfamilie insgesamt ein einsetzbares Einkommen von 1.500 Euro.

    Einige Gerichte rechnen nicht mit dem angemessenen Selbstbehalt, sondern mit dem notwendigen. Der beläuft sich auf 1.160 Euro, falls der Zahlende arbeitet, oder auf 960 Euro, wenn der Zahlende nicht arbeitet. Rechnet man wie in unserem Beispiel mit dem höheren, angemessenen Selbstbehalt, kommt das dem zugute, der weniger verdient. Die unterschiedliche Handhabe findet sich in den Unterhaltsleitlinien der Oberlandesgerichte.
  5. Dann setzt Du das jeweils einsetzbare Einkommen zueinander ins Verhältnis.

    Beispiel: Die Eltern haften für den Unterhaltsbedarf in Höhe von 1.025 Euro im Verhältnis 1.100 : 400. Mit anderen Worten: der Vater schuldet 1.100/1.500 x 1.025 Euro = 752 Euro, die Mutter schuldet 400/1.500 x 1.025 Euro = 273 Euro.
  6. Jetzt kürzt Du anteilig den Unterhalt für die Zeit, in der sich Dein Kind bei Dir aufhält. Wird gerecht geteilt, so kürzt jeder seinen Barunterhalt um 50 Prozent.

    Beispiel: In unserem Beispiel müssen die Eltern jeweils die Hälfte an Barunterhalt zahlen, da sie beide auch Betreuungsunterhalt zur Hälfte leisten. Der Vater muss also noch 376 Euro zahlen, die Mutter 137 Euro. 
  7. Schließlich verrechnest Du die Zahlbeträge und berücksichtigst dabei auch das Kindergeld.

    Beispiel: Da die Mutter das komplette Kindergeld ausgezahlt bekommt (219 Euro), darf der Vater den Ausgleichsbetrag um den hälftigen Kindergeldanteil kürzen. Von den 376 Euro darf er somit 109,50 Euro abziehen. Der Vater muss damit 266,50 Euro an die Mutter zahlen. Verrechnet man das mit dem Betrag, den die Mutter zahlen muss (137 Euro), muss der Vater am Ende nur noch 129,50 Euro jeden Monat an die Mutter überweisen.

Wann wird der Kindesunterhalt gekürzt?

Ist die Betreuung der Kinder so geregelt, dass sich der eine zwar hauptsächlich um die Kinder kümmert, der andere aber mehr als die üblichen zwei Wochenenden im Monat übernimmt, dann kann sich das auf den Unterhalt auswirken.

Es bleibt zwar grundsätzlich dabei, dass der derjenige, bei dem die Kinder überwiegend wohnen, keinen Unterhalt zahlen muss (§ 1606 Abs. 3 Satz 2 BGB). Wer zwischen 30 und 50 Prozent der Betreuung der Kinder übernimmt, kann den Barunterhalt nach der Düsseldorfer Tabelle aber eventuell kürzen. Und zwar um den Betrag, den der andere Elternteil durch die Mehrbetreuung spart.

Allerdings spart der eine oft nur Lebensmittelkosten ein. Viele andere Dinge, die vom Kindesunterhalt bezahlt werden, fallen durch einen längeren Aufenthalt der Kinder bei dem anderen Elternteil nicht weg. Das gilt insbesondere für die anteiligen Mietkosten, die bei der Mutter ja auch während des Aufenthalts beim Vater ungekürzt weiterlaufen. Oft ändert ein längerer Aufenthalt der Kinder bei Vater oder Mutter auch nichts daran, dass trotzdem einer allein für Kleidung, Schulbedarf und so weiter aufkommt, so dass er auch insoweit nichts spart.

Wenn Du Dich stärker an der Betreuung beteiligst, kannst Du auch durch die Eingruppierung in die Düsseldorfer Tabelle finanziell entlastet werden. Deine außergewöhnlichen Aufwendungen können es erlauben, dass Du um eine Einkommensgruppe herabgestuft wirst. Im Ergebnis musst Du dann weniger Barunterhalt zahlen. Darauf kannst Du Dich mit Deinem Ex-Partner verständigen – oder ein Gericht entscheiden lassen. Bevor Du den Rechtsweg bestreitest, solltest Du Dich von einer Rechtsanwältin oder einem Rechtsanwalt beraten lassen.

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