Sonderkündigungsrecht Strom und Gas

Bei steigenden Preisen für Strom und Gas können Sie sofort kündigen

Das Wichtigste in Kürze

  • Wenn Ihr Strom- oder Gasanbieter den Preis erhöht, können Sie den Vertrag sofort kündigen, egal wie lang er noch laufen sollte. Dies gilt auch, wenn die Preiserhöhung auf gestiegenen Steuern oder Umlagen beruht.
  • Wollen Sie umziehen, gewährt mancher Versorger ein Sonderkündigungsrecht. Lesen Sie dazu Ihre Vertragsbedingungen.
  • Falls Sie noch im Grundtarif sind, können Sie unabhängig vom Sonderkündigungsrecht jederzeit mit einer Frist von nur zwei Wochen wechseln.
  • Schickt Ihnen der Versorger ein Preiserhöhungsschreiben, ohne auf das Sonderkündigungsrecht hinzuweisen, ist die Preiserhöhung unwirksam.

So gehen Sie vor

  • Lesen Sie jedes Schreiben Ihres Strom- oder Gasversorgers aufmerksam durch – auch wenn es nach Werbung aussieht.
  • Sollen sich Ihre Preise erhöhen, können Sie den Vertrag per Brief und mit Hinweis auf Ihr Sonderkündigungsrecht kündigen. Nutzen Sie unseren Musterbrief.
  • Alternativ können Sie einen Kündigungsdienst wie Aboalarm und Volders nutzen.
  • Suchen Sie sich rechtzeitig nach der Kündigung einen neuen Versorger. Sonst fallen Sie bei Vertragsende in die teure Ersatzversorgung.
  • Wie Sie einen neuen Energielieferanten finden, zeigen unsere Ratgeber zum Stromanbieterwechsel und zum Gasanbieterwechsel.
  • Unser Tipp: Bleiben Sie rund um das Thema Strom und Energie immer auf dem Laufenden - mit unserem kostenlosen Newsletter!

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Will Ihr Energieversorger den Preis erhöhen, muss er sich an bestimmte Vorschriften halten (§ 41 Abs. 3 EnWG und § 5 StromGVV beziehungsweise § 5 GasGVV). Regel Nummer 1 ist: Er muss Sie vorab über eine Änderung der Preise informieren. Regel Nummer 2 lautet: Er muss Sie im selben Schreiben auf Ihr Sonderkündigungsrecht hinweisen. Somit können Sie Ihren Liefervertrag fristlos kündigen, wenn Sie die Preiserhöhung nicht mitmachen wollen. Was bei einer Kündigung genau zu beachten ist und wo sich Fallstricke verbergen, erklären wir in unserem Ratgeber.

Erster Fallstrick: Eine Preiserhöhung erkennen

Obwohl das Energierecht in der Sache sehr klar ist, kann es schwierig sein, eine Preiserhöhung überhaupt zu erkennen. Stromversorger als auch Gasversorger müssen zwar über neue Konditionen informieren. Die Mitteilungen sollen dabei transparent und verständlich gestaltet sein. Dies ist in der Praxis jedoch nicht immer der Fall.

Es gibt Unternehmen, die mit wenigen, klaren Sätzen mitteilen, dass sie die Preise anheben und in tabellarischer Form die bisherigen und die zukünftigen Entgelte angeben. Im Idealfall steht bereits in der Überschrift, dass sich der Preis erhöht. Andere Energieversorger schicken dagegen lange Briefe, in denen sie die Bestandteile des Strompreises oder Gaspreises analysieren, die Entwicklung der Kosten oder wie konkurrenzfähig die eigenen Tarife seien. Irgendwo versteckt sich dann ein Hinweis auf die geplante Änderung des Strom- oder Gaspreises sowie die Angabe der neuen Konditionen. Dass es sich aber um eine Erhöhung des Preises handelt, geht aus diesen Briefen nicht auf Anhieb hervor. Das kann der Kunde nur herausfinden, wenn er seine aktuellen Entgelte nachschlägt und mit den angekündigten vergleicht.

Dass eine Tarifanhebung ins Haus steht, lässt sich noch an einem anderen Hinweis ableiten: jenem auf das Sonderkündigungsrecht. Finden sich Sätze wie „Aufgrund der Preisanpassung haben Sie das Recht, den Vertrag ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist … zu kündigen“ oder „Im Zuge der Vertragsänderung steht Ihnen selbstverständlich ein Sonderkündigungsrecht zu“, ist klar, dass der Versorger die Vertragsbedingungen ändern will. Um zu prüfen, ob es sich dabei um eine Preiserhöhung handelt, nehmen Sie am besten Ihre letzte Abrechnung zur Hand.

Sonderkündigung auch bei gestiegenen Umlagen und Steuern

Im Unterschied zum Gaspreis belastet der Staat den Strompreis deutlich stärker: Allein fünf verschiedene Umlagen muss ein Versorger auf den Preis schlagen, dazu zwei Steuern und eine Abgabe. Stromkunden wie auch Gaskunden haben aber gleichermaßen ein Sonderkündigungsrecht für ihren Liefervertrag, wenn die Preiserhöhung auf gestiegene oder neu eingeführte Steuern, Abgaben oder Umlagen zurückzuführen ist. Denn am Ende legt der Versorger einseitig fest, ob er den Preis ändern will. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden (Urteil vom 5. Juli 2017, VIII ZR 163716).

Anlass des Gerichtsverfahren war eine Klage gegen den Stromversorger Stromio. Das Unternehmen hatte das Sonderkündigungsrecht im Falle der Erhöhung von Abgaben, Umlagen und Steuern durch eine Klausel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen ausgeschlossen. Diese Klausel erklärte zuerst das Oberlandesgericht Düsseldorf für unwirksam. Mit einer Revisionsklage am Bundesgerichtshof (BGH) scheitere Stromio: Der BGH wies diese zurück. Zusätzlich machte das höchste deutsche Gericht klar, dass das Urteil auch auf Gaslieferverträge anzuwenden ist.

Falls nicht nur Steuern oder staatliche Umlagen wie die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gestiegen sind, sondern der Anbieter auch die eigene Marge vergrößern will, sollten Sie auf jeden Fall Ihr Sonderkündigungsrecht nutzen und zu einem günstigeren Stromlieferanten wechseln.

Ausnahme: automatische Weitergabe steigender oder sinkender Steuern und Umlagen
Unter einer Bedingung müssen Verbraucher allerdings eine Preiserhöhung aufgrund steigender Umlagen, Steuern und Abgaben hinnehmen, ohne widersprechen zu können: Wenn der Versorger veränderte Kosten direkt weitergibt - sowohl, wenn sie steigen, als auch wenn sie fallen. So hat dies die E-Veen Energie eG in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen festgelegt. Nach Beschluss des Oberlandesgerichts Celle (Az. 13 W 51/17) legt der Versorger damit nicht einseitig fest, ob sich der Strompreis ändert, sondern verpflichtet sich vertraglich zur automatischen Anpassung. Und den Vertrag hat der Kunde unterschrieben - er muss dann damit rechnen, dass ihn höhere Steuern und Umlagen sofort belasten.

Wegfall von Boni löst kein Sonderkündigungsrecht aus
Zahlen Sie bei Ihrem Versorger von einem Jahr zum anderen mehr, weil ein Bonus weggefallen ist, steht Ihnen allerdings kein Sonderkündigungsrecht zu. Denn der Wegfall eines Bonus ist keine Preiserhöhung. Überdies ist vertraglich festgelegt, wie lange der Versorger einen Bonus gewährt. Sie haben damit einem Wegfall nach einer bestimmten Zeit bei Vertragsschluss zugestimmt. 

Zweiter Fallstrick: Rechtzeitig kündigen

Die Information über eine Vertragsänderung müssen Verbraucher rechtzeitig erhalten. Für Kunden in der Grundversorgung bedeutet das: Ihnen geht ein Brief zu, und zwar mindestens sechs Wochen vor einer geplanten Preiserhöhung (§ 5 Abs. 2 StromGVV). Bei allen anderen Kunden soll die Information vor Ablauf der normalen Abrechnungsperiode eintreffen (§ 41 Abs. 3 EnWG). Erstellt der Versorger beispielsweise immer im Mai die Jahresabrechnung, könnte er im April eine Preiserhöhung bekannt geben. Ob er dazu einen Brief sendet oder den Kunden auf elektronischem Weg informiert, ist nicht festgelegt.

Auch wenn bis zur Preiserhöhung mehr als ein Monat Zeit sein sollte: Wenn Sie kündigen wollen, dann setzen Sie das Schreiben sofort auf. Denn manche Versorger legen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen eine Frist fest, bis wann die Sonderkündigung einzugehen hat. Zudem bleibt Ihnen bei schneller Kündigung genügend Zeit, einen neuen Versorgungsvertrag abzuschließen. Fordern Sie im Kündigungsschreiben eine Bestätigung. Innerhalb einer Woche sollten Sie diese erhalten. 

Warten Sie dagegen zu lange mit einer Kündigung, ist der neu gewählte Versorger vielleicht nicht rechtzeitig startklar, Sie mit Strom zu beliefern. Bis zu drei Wochen darf ein Lieferantenwechsel sogar dauern (§ 20a EnWG). Im Notfall rutschen Sie dann für die Tage, in denen der neue Versorger noch nicht tätig ist, in die Ersatzversorgung. Dort gelten ähnliche Tarife wie in der Grundversorgung. Suchen Sie sich nach einer Kündigung nicht selbst einen neuen Versorger, rutschen Sie ebenfalls in die Ersatzversorgung. Diese endet, sobald Sie einen neuen Stromvertrag abgeschlossen haben. Nach drei Monaten beginnt allerdings ein Grundversorgungsvertrag.

Selbst kündigen mit einem Zweizeiler

Das Kündigungsschreiben sollte zwei Informationen enthalten: Weisen Sie auf Ihr Sonderkündigungsrecht hin und schreiben Sie, zu welchem Tag Sie kündigen. Geben Sie hierbei den Tag an, bevor die Preiserhöhung erfolgen soll. Plant Ihr Versorger beispielsweise, zum 1. April zu erhöhen, so kündigen Sie zum 31. März. Orientieren Sie sich beim Formulieren gern an unserem Musterschreiben.

Kunden in der Grundversorgung müssen dabei keinen Brief schreiben. Die Textform – dazu gehören auch E-Mails – reicht hier laut Gesetz aus. Für Kunden außerhalb der Grundversorgung ist dagegen die sogenannte Schriftform Pflicht: Schicken Sie daher Ihre Kündigung per Brief oder auch per Einschreiben. Ein Einschreiben ist zwar etwas teurer als ein normaler Brief. Dafür haben Sie aber einen Nachweis für das Absenden und den Zugang der Kündigung, wenn der Versorger den Eingang nicht sofort bestätigen sollte.

Wer sich scheut, selbst zu kündigen, kann auch ein Unternehmen damit beauftragen. Finanztip empfiehlt, den Kündigungsdienst von Aboalarm* oder Volders* zu nutzen.

So finden Sie einen günstigeren Energieanbieter

Die Sonderkündigung wegen einer Preiserhöhung ist ein Ausnahmefall, was den Ablauf des Anbieterwechsels angeht. Denn Sie brauchen weder Stromverträge noch Gasverträge gar nicht selbst zu kündigen – das übernimmt der Versorger, zu dem Sie wechseln wollen.

Die Sonderkündigung müssen Sie jedoch selbst erledigen. Danach sollten Sie warten, bis die Kündigungsbestätigung vorliegt. Erst dann schließen Sie einen Vertrag mit einem neuen Versorger. Die günstigsten Anbieter für Strom finden Sie über unseren Finanztip-Stromrechner, die günstigsten für Gas über unseren Finanztip-Gasrechner

Worauf es bei der Wahl eines neuen Versorgers und beim Wechsel ankommt, steht in den Ratgebern Stromanbieterwechsel und Gasanbieterwechsel.

Stromvertrag bei Umzug beenden

Wenn Sie umziehen, sehen einige Stromversorger vor, dass der Stromliefervertrag endet. Eine entsprechende Klausel findet sich dann in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). In manchen Fällen endet der Vertrag automatisch bei Umzug. In anderen Fällen räumt der Versorger ein Sonderkündigungsrecht ein oder verpflichtet Sie sogar dazu, dieses zu nutzen.

Müssen Sie kündigen, so schreiben Sie dem Versorger einen Brief. Berufen Sie sich in der Kündigung auf die entsprechende Klausel in den AGB und teilen Sie dem Versorger mit, wann Sie umziehen werden. Ein Musterschreiben dazu finden Sie hier.

Und wenn im Erhöhungsschreiben nichts vom Kündigen steht?

Will der Versorger den Strom- oder Gaspreis erhöhen, muss er Ihnen dies schriftlich mitteilen. Und er muss in dem Schreiben auf Ihr Sonderkündigungsrecht hinweisen. Unterlässt er eines von beiden, ist die Preiserhöhung unwirksam. 

Stellen Sie erst auf der Stromabrechnung fest, dass Sie höhere Preise zahlen sollen, so prüfen Sie die Mitteilungen Ihres Versorgers aus den vergangenen zwölf Monaten. Lesen Sie die Schreiben noch einmal aufmerksam, ob sich irgendwo eine Preiserhöhung versteckt. Ist das der Fall, dann prüfen Sie, ob das Sonderkündigungsrecht erwähnt ist. Ist das nicht der Fall, so widersprechen Sie der Abrechnung. Weisen Sie darauf hin, dass Sie keine Mitteilung erhalten haben oder dass Sie nicht über Ihre Kündigungsrechte aufgeklärt wurden. Fordern Sie den Versorger auf, die Rechnung entsprechend zu korrigieren.

Bemerken Sie erst Monate nach Erhalt der Rechnung, dass Sie für eine Preiserhöhung bezahlt haben, über die Sie der Versorger nicht ausreichend informiert hat, so können Sie der Rechnung auch nachträglich mit Verweis auf Paragraf 41 Absatz 3 EnWG widersprechen und eine Rückzahlung nach Paragraf 812 BGB fordern.

Zuletzt hat das Landgericht Berlin eine Preiserhöhung des Versorgers Primastrom für unwirksam erklärt, da die Firma in einem Schreiben zur Erhöhung des Strompreises zum Jahreswechsel 2017 das Sonderkündigungsrecht nicht erwähnt hatte (Urteil vom 19. Dezember 2017, Az. 15 O 162/17). Das Urteil ist rechtskräftig. Wenn Sie von der Preiserhöhung betroffen sind, können Sie unser Musterschreiben nutzen, um die ab 2017 verlangten Mehrkosten zurückzufordern.

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Mehr dazu im Ratgeber Kündigungsdienste

Daniel Pöhler
von Finanztip, Experte für Mobilität & Digitales

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Artikel verfasst von

Ines Rutschmann

Finanztip-Expertin für Energie

Als Expertin für Energie widmet sich Ines Rutschmann allen Fragen, die sich Verbrauchern rund um Strom und Heizen stellen. Über den Strommarkt berichtete sie erstmals 2005 für die Leipziger Volkszeitung, wo sie auch ihre journalistische Grundausbildung absolvierte. Danach war sie unter anderem für den Deutschlandfunk und das Solarstrom-Magazin Photon tätig. Ines Rutschmann ist Diplom-Ingenieurin (FH) und hat einen Abschluss als Master of Science in Energiemanagement.