Erwerbsminderungsrente

Der Staat springt ein, wenn Du zu krank zum Arbeiten bist

Julia Rieder
& Co-Autor
Stand: 01. September 2020
Das Wichtigste in Kürze
  • Wenn Du dauerhaft zu krank zum Arbeiten bist, zahlt Dir die Rentenversicherung unter bestimmten Voraussetzungen eine Erwerbsminderungsrente.
  • Entscheidend für die Erwerbsminderungsrente ist, dass Du in keinem Beruf mehr arbeiten kannst.
  • Die Höhe der Rente richtet sich danach, wie viele Stunden Du pro Tag noch arbeiten kannst und welche Rentenansprüche Du bisher angesammelt hast.
So gehst Du vor
  • Lass Dir beim Antrag auf Erwerbsminderungsrente helfen, zum Beispiel in den Beratungsstellen der gesetzlichen Rentenversicherung.
  • Wird Dein Antrag abgelehnt, dann kannst Du Widerspruch einlegen und notfalls kostenlos vor dem Sozialgericht klagen. Hilfe dabei gibt es beispielsweise bei Sozialverbänden oder einem Fachanwalt für Sozialrecht.
  • Die Erwerbsminderungsrente reicht oft nicht zum Leben. Solange Du noch gesund bist, solltest Du zusätzlich eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. Für die Beratung dazu empfehlen wir Hoesch & Partner, Buforum24, Zeroprov, Dr. Schlemann unabhängige Finanzberatung, Freche Versicherungsmakler sowie P&F.

Wenn Du nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung nicht mehr arbeiten kannst, fällt auch Dein Einkommen weg. In einem solchen Notfall springt die gesetzliche Rentenversicherung ein. Seit 2001 zahlt sie eine sogenannte Erwerbsminderungsrente, wenn ein Arbeitnehmer nicht mehr arbeiten kann. Das bis dahin bestehende System aus Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitsrente wurde abgeschafft.

Welche Voraussetzungen gibt es für die Erwerbsminderungsrente?

Ein Anrecht auf Erwerbsminderungsrente hast Du, wenn die folgenden Voraussetzungen erfüllt sind (§ 43 SGB VI):

  1. Du kannst weniger als sechs Stunden täglich arbeiten, egal in welchem Beruf. Dabei gilt der Grundsatz „Reha vor Rente“. Das bedeutet, die Rentenversicherung prüft zunächst, ob Deine Erwerbsfähigkeit durch Rehabilitationsmaßnahmen wiederhergestellt werden kann.
  2. Du hast schon mindestens fünf Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Welche Phasen zu dieser Wartezeit zählen, kannst Du weiter unten nachlesen.
  3. In den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung hast Du mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge eingezahlt. Die drei Jahre müssen kein zusammenhängender Zeitraum sein.

Die gesetzliche Rentenversicherung unterscheidet zwischen voller und teilweiser Erwerbsminderung. Die Erwerbsminderungsrente in voller Höhe erhältst Du nur, sofern es Dir gesundheitlich nicht möglich ist, mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten.

Kannst Du noch zwischen drei und sechs Stunden irgendeiner Arbeit nachgehen, zahlt die Rentenversicherung nur die halbe Erwerbsminderungsrente. Denn es wird erwartet, dass Du Dir einen Teilzeitjob suchst. Welchen Beruf Du zuvor ausgeübt hast, ist dabei unerheblich. So kannst Du zum Beispiel als Akademiker auch auf Aushilfsarbeiten verwiesen werden. Wenn Du aufgrund der Arbeitsmarktlage keine Teilzeitstelle findest, kannst Du jedoch die volle Erwerbsminderungsrente beantragen.

Sonderregelung für die Jahrgänge vor 1961

Wenn Du vor dem 2. Januar 1961 geboren bist, gilt für Dich eine Sonderregelung. Du kannst die Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung schon dann bekommen, wenn Du in Deinem erlernten oder zuletzt dauerhaft ausgeübten Beruf weniger als sechs Stunden täglich arbeiten kannst. Die Rentenversicherung prüft zwar, ob eine andere, gleichwertige Tätigkeit zumutbar ist, kann Dich aber nicht auf jede beliebige Tätigkeit verweisen.

Erwerbsminderungsrente für Selbstständige

Für Selbstständige besteht keine Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung. In der Regel sichern sich selbstständige Gewerbetreibende und Freiberufler privat mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) oder einer der BU-Alternativen ab.

Du kannst als Selbstständiger aber auch einen Antrag auf Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung stellen. Dann bist Du wie ein Angestellter versichert und hast damit auch ein Anrecht auf Erwerbsminderungsrente. Der Nachteil dabei ist, dass Du keinen Arbeitgeberzuschuss bekommst und daher den vollen Beitrag allein zahlen musst.

Du kannst allerdings zwischen verschiedenen Arten der Beitragsberechnung wählen: dem einkommensgerechten Beitrag und dem sogenannten Regelbeitrag, der oft deutlich niedriger ist. Mit dem Regelbeitrag (2020 sind das monatlich rund 592 Euro in Westdeutschland beziehungsweise 560 Euro im Osten), erwirbst Du einen Rentenanspruch in der Höhe eines Durchschnittsverdieners. In den ersten drei Kalenderjahren der Selbstständigkeit hast Du die Möglichkeit, den Regelbeitrag zu halbieren.

Um als Selbstständiger eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten, musst Du dieselben Voraussetzungen erfüllen wie alle anderen Pflicht-Beitragszahler. Für einen lückenlosen Schutz bei Erwerbsminderung solltest Du die Versicherungspflicht innerhalb von 24 Monaten nach Beendigung der letzten versicherten Tätigkeit beantragen. Mehr Infos zur Versicherungspflicht auf Antrag findest Du in diesem Merkblatt der Rentenversicherung.

Wie hoch ist die Erwerbsminderungsrente?

Wie viel Erwerbsminderungsrente Du bekommst, hängt von Deinem individuellen Rentenanspruch ab. Für die Höhe der Erwerbsminderungsrente spielt es eine Rolle, wie viele Jahre Du schon in die Rentenversicherung eingezahlt hast. Außerdem kommt es darauf an, wie viele Entgeltpunkte Du dabei gesammelt hast und wie lange Du bis zur regulären Altersrente noch arbeiten müssten.

Beim Einschätzen Deiner Ansprüche hilft ein Blick in die Renteninformation, die Du einmal im Jahr von der Deutschen Rentenversicherung bekommst: Dort steht, wie viel Rente Du derzeit bei voller Erwerbsminderung bekommen würdest.

Üppig fällt die staatliche Absicherung in der Regel nicht aus. Wer im Jahr 2018 erstmals eine Erwerbsminderungsrente bezogen hat, erhielt laut Deutscher Rentenversicherung durchschnittlich 735 Euro im Monat.

Besonderheiten bei der Berechnung der Rente

Bei der Berechnung der Höhe der Erwerbsminderungsrente wird seit 2019 so getan, als hättest Du bis zum Alter von 65 Jahren und acht Monaten Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Die Basis dafür ist Dein durchschnittliches Einkommen der bisherigen Versicherungsjahre. Verringern die letzten vier Jahre den Durchschnittswert, etwa weil Du nur noch in Teilzeit gearbeitet hast, bleiben diese Jahre in der Berechnung unberücksichtigt. Zeiten ohne Einzahlung werden in die Rechnung ebenfalls nicht einbezogen.

Ohne diese sogenannte Zurechnungszeit würden gerade jungen Erwerbsunfähigen jahrzehntelange Einzahlungen in die Rentenkasse fehlen. Die Erwerbsminderungsrenten fielen so deutlich niedriger aus.

Seit dem Jahr 2020 wird die Zurechnungszeit schrittweise auf das vollendete 67. Lebensjahr angehoben. Dadurch können Versicherte in Zukunft mit einer etwas höheren Erwerbsminderungsrente rechnen.

Die genannten Zurechnungszeiten gelten jedoch nur für Versicherte, die seit Januar 2019 erstmalig eine Erwerbsminderungsrente bekommen. Bei Erwerbsminderungsrentnern, deren Rente nur verlängert wird, rechnet die Rentenversicherung mit der zuvor geltenden Zurechnungszeit bis zum 62. Lebensjahr.

Achtung: Diese Abzüge gibt es

Durch den vorzeitigen Rentenbeginn verringert sich die Erwerbsminderungsrente um einen individuellen Abschlag. Wie bei der regulären Altersrente gibt es auch bei der Erwerbsminderungsrente eine Altersgrenze für einen Renteneintritt ohne Abschlag. Diese wird bis zum Jahr 2024 schrittweise von 63 Jahren auf 65 Jahre angehoben. Jeder Monat vor der maßgeblichen Altersgrenze kostet 0,3 Prozentpunkte, höchstens werden jedoch 10,8 Prozent abgezogen.

Die Erwerbsminderungsrente liegt oft unter dem Bedarf zur Grundsicherung. Sie reicht also zum Leben nicht aus. Wir empfehlen deshalb, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, um das fehlende Einkommen auszugleichen.

Mehr dazu im Ratgeber Berufsunfähigkeitsversicherung

  • Die staatliche Erwerbsminderungsrente reicht nicht aus, eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist für fast jeden sinnvoll.
  • Von uns empfohlene Makler: Hoesch & Partner, Buforum24, Zeroprov, Dr. Schlemann unabhängige Finanzberatung, P&F.

Zum Ratgeber 

Wann ist die Wartezeit erfüllt?

Bei der Erwerbsminderungsrente gilt grundsätzlich eine Wartezeit von fünf Jahren, in denen Du in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert gewesen sein musst. Zusätzlich musst Du innerhalb der letzten fünf Jahre vor der Erwerbsunfähigkeit mindestens drei Jahre lang Pflichtbeiträge gezahlt haben.

Unter bestimmten Voraussetzungen zählen zur Wartezeit auch Phasen, in denen Du eine oder mehrere der folgenden Leistungen bezogen hast:

  • Krankengeld
  • Arbeitslosengeld
  • Arbeitslosengeld II (zwischen Januar 2005 und Dezember 2010)
  • Übergangsgeld

Außerdem hinzugerechnet werden folgende Zeiten:

  • Kindererziehung
  • nicht erwerbsmäßige häusliche Pflege
  • freiwillige Beitragszeiten
  • Zeiten aus einem Rentensplitting oder einem Versorgungsausgleich

Ausnahmen für Berufsanfänger

In den ersten fünf Jahren Deines Berufslebens bist Du durch die Regelungen zur Wartezeit kaum abgesichert. Es gibt allerdings Ausnahmen, die Berufsanfängern immerhin ein wenig Schutz bieten. Ist ein Arbeitsunfall oder eine Berufskrankheit die Ursache dafür, dass Du nicht mehr arbeiten kannst, reicht unter bestimmten Voraussetzungen schon ein einziger Beitrag zur Rentenversicherung für den Anspruch auf Erwerbsminderungsrente aus. Bei Unfällen in der Freizeit bist Du bereits nach einem Jahr Beitragszahlung abgesichert.

Nach einer Ausbildung oder einem Studium gilt: Die Wartezeit ist ebenfalls vorzeitig erfüllt, wenn innerhalb von sechs Jahren nach Ende der Ausbildung eine volle Erwerbsminderung bei Dir eintritt und Du in den zwei Jahren davor mindestens zwölf Monate lang Pflichtbeiträge an die Rentenversicherung gezahlt hast.

Wie beantragst Du eine Erwerbsminderungsrente?

Eine Erwerbsminderungsrente bekommst Du grundsätzlich erst mit Beginn des siebten Monats nach Eintritt der Erwerbsminderung. Bis dahin erhältst Du als Arbeitnehmer Krankengeld von der gesetzlichen Krankenkasse. Allerdings dauert es einige Zeit, bis der Antrag auf Erwerbsminderungsrente bearbeitet ist. Deshalb empfiehlt die Deutsche Rentenversicherung, die Leistung innerhalb von drei Monaten zu beantragen, nachdem alle Voraussetzungen erfüllt sind.

Wenn Du eine Erwerbsminderungsrente beantragen möchtest, musst Du einigen Papierkram bewältigen. Die Rentenversicherung fordert unter anderem folgende Angaben:

  • Namen und Anschriften der behandelnden Ärzte
  • Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte der vergangenen Jahre
  • eine detaillierte Beschreibung Deiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen
  • eine chronologische Aufstellung Deiner bisherigen Beschäftigungen inklusive Lohn- oder Gehaltsgruppe

Eine Übersicht aller benötigten Unterlagen findest Du bei der Deutschen Rentenversicherung.

Falls Du Hilfe brauchst beim Ausfüllen des Antrags auf Erwerbsminderungsrente, bekommst Du diese kostenfrei bei den Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung, dem Versicherungsamt Deiner Gemeinde sowie von ehrenamtlich tätigen Versichertenältesten. Auch Sozialverbände wie der VdK oder der SoVD beraten ihre Mitglieder beim Beantragen der Erwerbsminderungsrente.

Möchtest Du die Unterlagen lieber alleine ausfüllen, kannst Du die notwendigen Formulare auf der Website der Deutschen Rentenversicherung herunterladen und per Post an Deinen Rentenversicherungsträger senden.

Die Rentenversicherung prüft dann die Unterlagen und lässt die eigenen Sozialmediziner und Juristen beurteilen, ob alle medizinischen und versicherungsrechtlichen Voraussetzungen für eine Erwerbsminderungsrente erfüllt sind.

Widerspruch einlegen, falls Dein Antrag abgelehnt wurde

Fast jeder zweite Antrag auf eine Erwerbsminderungsrente wird abgelehnt. Einen Ablehnungsbescheid musst Du aber nicht einfach hinnehmen. Du kannst innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Diesen solltest Du per Einschreiben verschicken.

Alternativ kannst Du ihn auch direkt bei einer Auskunfts- und Beratungsstelle der Rentenversicherung vorbringen. Achte dann darauf, dass Du ein unterschriebenes Protokoll des Widerspruchs für Deine Unterlagen erhältst.

Wichtig ist, dass der Widerspruch innerhalb der Frist bei der Rentenversicherung eingeht. Eine ausführliche Begründung des Widerspruchs kannst Du gegebenenfalls nachreichen. Dafür solltest Du Dir fachkundige Unterstützung holen, zum Beispiel in der Rechtsberatung eines Sozialverbands oder von einem Fachanwalt für Sozialrecht.

Hat das Widerspruchsverfahren nichts gebracht und wird die Rente weiterhin abgelehnt, bleibt Dir noch eine Klage vor dem Sozialgericht. Das Verfahren ist grundsätzlich kostenlos. Es ist jedoch empfehlenswert, sich von einem Fachanwalt für Sozialrecht vertreten zu lassen. Dessen Honorar musst Du selbst bezahlen, falls Du den Prozess verlierst.

Wie lange bekommst Du Erwerbsminderungsrente?

Erwerbsminderungsrenten werden in der Regel befristet auf einen bestimmten Zeitraum gewährt. Eine unbefristete Erwerbsminderungsrente erhältst Du nur, wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Dein Gesundheitszustand bessert.

Endet die befristete Rente bald und Du kannst weiterhin nicht arbeiten, dann solltest Du rechtzeitig einen Folgeantrag stellen. Die Bearbeitung kann sich durchaus über einige Monate hinziehen.

Hat sich Dein Gesundheitszustand hingegen verbessert, kann die volle Erwerbsminderungsrente auf die Hälfte gekürzt werden. Längstens erhältst Du eine Erwerbsminderungsrente bis zur Regelaltersgrenze. Ab dann greift die normale Altersrente.

Darfst Du etwas hinzuverdienen?

Sofern Du eine volle Erwerbsminderungsrente bekommst, kannst Du 6.300 Euro im Jahr hinzuverdienen. Alles, was darüber hinausgeht, wird zu mindestens 40 Prozent von Deiner Rente abgezogen.

Wenn Du eine halbe Erwerbsminderungsrente erhältst, gilt eine deutlich höhere Hinzuverdienstgrenze. Sie wird für jeden Rentner individuell berechnet. Den Grenzwert für die erste Zeit des Rentenbezugs findest Du in Deinem Rentenbescheid. Allerdings verändert sich die Hinzuverdienstgrenze im Lauf der Zeit. Deshalb fragst Du am besten bei Deinem Rentenversicherungsträger regelmäßig nach, wie viel Du zusätzlich verdienen darfst.

Für die Verdienstgrenzen ist übrigens nicht nur Arbeitseinkommen relevant. Es werden auch Sozialleistungen und Vergütungen aus dem Ehrenamt angerechnet.

Autor
Julia Rieder
& Co-Autor
Annika Krempel

Stand: 01. September 2020


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