Erbschein

So weist Du Deine Erbenstellung nach

Dr. Britta Beate Schön
Expertin für Recht
27. August 2019
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Erbschein ist ein Ausweis darüber, wer Erbe ist und in welchem Verhältnis zueinander mehrere Personen erben (Erbquote).
  • Das Nachlassgericht stellt einen Erbschein nur aus, wenn er beantragt wird.
  • Mit dem Antrag nimmt der Antragsteller die Erbschaft an und übernimmt auch etwaige Schulden.
  • Können die Erben ihr Recht anders nachweisen, können sie sich den Erbschein in der Regel sparen.
So gehst Du vor
  • Finde heraus, ob Du einen Erbschein benötigst: Gibt es ein öffentliches oder privates Testament und ein gerichtliches Eröffnungsprotokoll, brauchst Du meist keinen Erbschein.
  • Suche alle Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden heraus, sofern der Verstorbene kein Testament hinterlassen hat.
  • Beantrage den Erbschein beim Amtsgericht am Wohnort des Verstorbenen.

Nach dem Tod eines nahen Angehörigen müssen die Hinterbliebenen nicht nur ihre Trauer bewältigen, sie müssen sich meist auch um den Nachlass kümmern. Diese Checkliste Todesfall hilft, nichts zu vergessen. Ein wichtiger Punkt ist der Erbschein, den Banken oder Behörden häufig als Nachweis sehen wollen.

Was ist ein Erbschein?

Der Erbschein ist ein vom Gericht ausgestellter Ausweis darüber, wer Erbe ist und wie groß der Erbteil ist (§ 2353 BGB). Das Nachlassgericht ist für die Erteilung von Erbscheinen zuständig. Das ist das Amtsgericht am letzten Wohnsitz des Verstorbenen (§ 343 FamFG).

Ein Erbschein ist erforderlich, wenn der Erbe sich im Rechtsverkehr als solcher ausweisen muss, um den Nachlass zu bekommen und darüber verfügen zu können. Willst Du also nach dem Erbfall als Erbe zum Beispiel gegenüber Mietern oder Vermietern, Banken, Behörden oder Geschäftspartnern auftreten, brauchst Du in der Regel einen Erschein. Der Erbschein ist damit nicht Voraussetzung, sondern Beweis dafür, dass jemand Erbe ist.

Kontovollmacht

In der Regel müssen Erben der Bank einen Erbschein vorlegen, falls sie über die Konten des Verstorbenen verfügen wollen. Wer aber zu Lebzeiten vom Verstorbenen eine Kontovollmacht über den Tod hinaus bekommen hat, erhält auch ohne Erbschein Zugriff auf die Konten.

Vorsorgevollmacht

Durch eine Vorsorgevollmacht kann man eine Person zu seinem Bevollmächtigten machen, zum Beispiel denjenigen, der später auch Erbe werden soll. Die Vollmacht kann dabei über den Tod hinaus wirksam sein. Der so Bevollmächtige kann dann über Gegenstände des Nachlasses verfügen. Das kann sinnvoll sein, da der bevollmächtigte Erbe schon vor Erteilung des Erbscheins handlungsfähig ist.

Andere Nachweise möglich

Banken dürfen nicht grundsätzlich einen Erbschein verlangen. Als Erbe kannst Du auch in anderer Form Deine Erbenstellung belegen, etwa durch ein notarielles Testament oder einen Erbvertrag in Verbindung mit dem gerichtlichen Eröffnungsprotokoll. Sogar die beglaubigte Abschrift eines handschriftlichen Testaments mit Eröffnungsvermerk kann ausreichen, um die Erbenstellung nachzuweisen (BGH, Urteil vom 5. April 2016, Az.  XI ZR 440/15).

Die in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen einer Sparkasse enthaltene Klausel, wonach sie nach dem Tod des Kunden einen Erbschein verlangen darf,  hat der Bundesgerichtshof für unwirksam erklärt. Der Erbe muss die Möglichkeit haben, sein Erbrecht auch anders nachzuweisen (BGH, Urteil vom 8. Oktober 2013, Az. XI ZR 401/12).

Verlangt die Bank einen Erbschein von Dir, obwohl Du anderweitig zweifelsfrei nachweisen kannst, dass Du Erbe bist, solltest Du die Bank auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hinweisen. In einem Fall musste die Bank die Kosten von 1.770 Euro für den Erbschein bezahlen, den sie verlangt hatte, obwohl er nicht notwendig war (BGH, Urteil vom 5. April 2016 Az. XI ZR 440/15).

Du brauchst einen Erbschein also nur dann, wenn Du Deine Erbenstellung nicht anderweitig nachweisen kannst oder es Unstimmigkeiten darüber gibt, wer tatsächlich Erbe wird. Gibt es kein Testament und bist Du aufgrund der gesetzlichen Erbfolge zum Erben berufen, kann ein Erbschein notwendig sein. Bevor Du also einen Erbschein beantragst, solltest Du klären, wofür er benötigt wird und ob er nicht aufgrund eines anderen Erbnachweises überflüssig ist.

Tipp: Hat der Erblasser eine Lebensversicherung abgeschlossen und einen Bezugsberechtigten benannt, leistet der Versicherer an diesen, ohne dass er einen Erbschein vorlegen muss. Die Versicherungssumme ist dann nicht Gegenstand des Nachlasses.

Grundbuchberichtigung mit und ohne Erbschein

Sofern Du ein Grundstück erbst, ist das Grundbuch entsprechend zu berichtigen. Dann verlangt das Grundbuchamt meist einen Erbschein (§ 35 Abs. 1 GBO). Wer im Besitz eines privaten Testaments ist oder als gesetzlicher Erbe zur Erbfolge berufen ist, kommt um einen Erbschein nicht herum. Beruht jedoch die Erbfolge auf einem notariellen Testament, so ist der Erbschein oft nicht erforderlich.

Wie sieht ein Erbschein aus?

Im Erbschein steht, wer Erbe ist und wie groß sein Erbteil ist. Daraus ergeben sich verschiedene Arten, wie den Alleinerbschein oder den gemeinschaftlichen Erbschein. Gibt es mehrere Erben, werden alle Mitglieder der Erbengemeinschaft aufgeführt. Man spricht dann von einem gemeinschaftlichen Erbschein (§ 352a FamFG).

Auch Beschränkungen wie die Anordnung einer Testamentsvollstreckung oder eine Nacherbschaft benennt das Gericht im Erbschein. Ein Nacherbe darf erst mit Eintritt des Nacherbfalls einen Erbschein beantragen. Vermächtnisse, Auflagen und Pflichtteilsansprüche vermerkt das Gericht hingegen nicht. Hier findest Du ein Beispiel für einen gemeinschaftlichen Erbschein.

Wie beantragst Du einen Erbschein?

Das Nachlassgericht stellt einen Erbschein nur aus, wenn der oder die Erben ihn beantragen. Vermächtnisnehmer oder Pflichtteilsberechtigte dürfen keinen Antrag stellen. Wichtig: Mit dem Erbscheinsantrag nimmst Du die Erbschaft an und übernimmst so auch etwaige Schulden. Du kannst die Erbschaft dann nicht mehr ausschlagen.

Zuständig ist das Amtsgericht am letzten Wohnsitz des Verstobenen (§ 343 FamFG). Du kannst den Antrag schriftlich einreichen oder Du gehst beim Gericht vorbei und erklärst den Antrag mündlich, über den dann ein Protokoll erstellt wird (§ 25 FamFG). Du kannst Dich auch an einen Notar wenden, der alles Weitere veranlasst. Das ist etwas teurer, da der Notar die Mehrwertsteuer auf seine Gebühren berechnen muss.

Der Antrag muss konkret denjenigen benennen, der entweder aufgrund von gesetzlicher Erbfolge oder durch ein Testament oder Erbvertrag Erbe geworden ist. Erben mehrere Personen gemeinsam, können sie gemeinsam den Antrag stellen, müssen sie aber nicht. Denn antragsberechtigt ist jeder Erbe.

Das Nachlassgericht überprüft die Angaben, auf die der Antragsteller sein Erbrecht stützt. Gibt es ein Testament, prüft das Gericht, ob es formell gültig ist. In einfachen Fällen sind nur die Unterlagen im Original oder in beglaubigter Abschrift vorzulegen. Zudem musst Du Dich gegenüber dem Gericht ausweisen.

Gibt es kein Testament, musst Du Dokumente vorlegen, aus denen sich Deine Stellung als gesetzlicher Erbe ergibt. Erbt die Ehefrau, muss sie die Heiratsurkunde vorlegen. Erben daneben die Kinder, sind ihre Geburtsurkunden erforderlich. Sofern Kinder schon verstorben sind, sind deren Sterbeurkunden und die Geburtsurkunden der Enkelkinder notwendig. Hinterlässt der Erblasser keine Kinder, so ist seine Geburtsurkunde zum Nachweis des Erbrechts der Eltern erforderlich. Sind die Eltern bereits verstorben, so sind deren Sterbeurkunden und die Geburtsurkunden der Geschwister vorzulegen.

Diese Dokumente benötigt das Gericht:

  • Deinen Personalausweis oder Reisepass,
  • Sterbeurkunde des Verstorbenen,
  • falls vorhanden Testament oder Erbvertrag im Original,
  • Geburts- und Sterbeurkunden aller Erben oder vorverstorbenen Erben,
  • Anschriften aller Erben.

Zum Nachweis der erforderlichen Angaben im Antrag musst Du meist vor Gericht oder vor einem Notar an Eides statt versichern, dass Dir nichts bekannt ist, was der Richtigkeit der Angaben entgegensteht (§ 352 Abs. 3 FamFG). 

Was kostet ein Erbschein?

Die Erteilung des Erbscheins kostet Geld. Die Höhe der Gebühren ist abhängig vom Wert des Nachlasses. Hatte der Erblasser Schulden, sind diese abzuziehen. Gehören auch Grundstücke zum Nachlass, treibt das die Kosten für den Erbschein schnell in die Höhe. Grundsätzlich müssen Erben den Verkehrswert angeben (§ 46 GNotKG). Wer den nicht zur Hand hat, kann sich auf den Bodenrichtwert der Stadt oder Gemeinde stützen. Der entsprechende Gutachterausschuss erteilt Auskunft, meist gegen eine geringe Gebühr. Bei vermieteten Immobilien kannst Du den Ertragswert angeben.

Die Kosten muss grundsätzlich derjenige zahlen, der den Antrag gestellt hat. Stellt die Erbengemeinschaft gemeinsam einen Antrag auf Erteilung des Erbscheins, müssen sich alle an den Kosten beteiligen.

Die Gebühren stehen in der Gebührentabelle B zum Gerichts- und Notarkostengesetz. In der nachfolgenden Tabelle findest Du einen Auszug für die entsprechenden Geschäftswerte.

Gebühren für den Erbschein

Geschäftswert bis …Gebührtatsächliche Kosten bei Antrag
beim Nachlassgericht
10.000 €75 €150 €
50.000 €165 €330 €
110.000 €273 €546 €
200.000 €435 €870 €
500.000 €935 €1.870 €
1.000.000 €1.735 €3.470 €
1.500.000 €2.535 €5.070 €
2.000.000 €3.335 €6.670 €

Quelle: GNotKG, Anlage 2, Finanztip-Recherche (Stand: August 2019)

Beispiele für die tatsächlichen Kosten eines Erbscheins:

  1. Beträgt der Wert des Nachlasses 10.000 Euro, so würde eine Gebühr für die Erteilung des Erbscheins von 75 Euro anfallen sowie eine weitere Gebühr für die eidesstattliche Versicherung, insgesamt also rund 150 Euro.
  2. Wer 110.000 Euro erbt, zahlt für einen Erbschein insgesamt 546 Euro.
  3. Beläuft sich das Erbe auf eine halbe Million Euro, fallen für den Erbschein Kosten in Höhe von 1.870 Euro an.

Was passiert, wenn der Erbschein falsch ist?

Stellt sich später heraus, dass der erteilte Erbschein falsch ist, so muss ihn das Nachlassgericht einziehen (§ 2361 BGB). Das kann der Fall sein, wenn nach Erteilung des Erbscheins ein jüngeres Testament auftaucht, das die Erbfolge anders bestimmt.

Derjenige, der im Vertrauen auf den Erbschein gehandelt hat, ist auch dann geschützt, wenn sich später herausstellen sollte, dass der Erbschein die falsche Person als Erben ausweist (§ 2365 BGB). Das bedeutet, dass durch den Erbschein gutgläubige Dritte geschützt sind. Man darf darauf vertrauen, dass die im Erbschein benannte Person auch der richtige Erbe ist.

Beispiele: Kauft jemand von einem Erben laut Erbschein zum Beispiel das Auto des Verstorbenen, so gilt der Inhalt des Erbscheins (§ 2366 BGB). Der richtige Eigentümer kann das Auto nicht zurückverlangen. Das Gleiche gilt bei einer Leistung an den Erbscheinserben.  Darlehensnehmer eines Verstorbenen sind gut beraten, ein Darlehen nicht einfach an die mutmaßlichen Erben ohne Vorlage eines Erbscheines zurückzuzahlen. Sonst riskieren sie, zweimal zahlen zu müssen.

Wann ist ein europäischer Erbschein sinnvoll?

Befindet sich ein Teil der Erbschaft im Ausland, reicht ein Erbschein nach deutschem Recht nicht immer aus, um nachzuweisen, dass Du der Erbe bist. Erkundige Dich am besten bei der entsprechenden Botschaft, wie Du Deine Erbenstellung nachweisen kannst.

Sollte der deutsche Erbschein nicht ausreichen, kannst Du ein europäisches Nachlasszeugnis beim Gericht beantragen. Seit dem 17. August 2015 besteht durch die EU-Erbrechtsverordnung die Möglichkeit, einen europäischen Erbschein zu beantragen, der in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gilt – außer im Vereinigten Königreich, in Irland und Dänemark.

Anders als beim deutschen Erbschein bekommt der Antragsteller nur eine beglaubigte Kopie des Zeugnisses, die grundsätzlich nur sechs Monate ab Ausstellung gültig ist. Nach Ablauf der Frist verliert die beglaubigte Kopie ihre Legitimationswirkung. Weitere Informationen und einen Antrag für den europäischen Erbschein findest Du bei der Europäischen Kommission.

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