Kfz-Versicherung und Reparaturkosten

Versicherung muss auch Kosten einer Markenwerkstatt zahlen

Dr. Britta Beate Schön Stand: 26. Juli 2016
Das Wichtigste in Kürze
  • Kfz-Haftpflicht- und Kaskoversicherungen müssen grundsätzlich die Kosten für eine Reparatur übernehmen – unabhängig davon, ob Geschädigte den Schaden reparieren lassen oder nicht.
  • Dabei können auch die Kosten einer Markenwerkstatt in Rechnung gestellt werden.
  • Die Versicherung darf einwenden, sie werde nur die Kosten einer günstigeren, nicht markengebundenen Werkstatt ersetzen, sofern diese mühelos erreichbar ist und einen vergleichbaren Qualitätsstandard hat.
  • Verbraucher können sich dagegen wehren, falls das Auto nicht älter als drei Jahre ist oder sie es bisher immer in einer Markenwerkstatt haben warten lassen. Dann darf die Versicherung den Anspruch nicht kürzen.

Sie stehen im Stau, der nachfolgende Fahrer passt nicht auf – Auffahrunfall. Wie hoch der Schaden ist, kann ein Laie schwer beurteilen. Deshalb ist der Weg zu einer Fachwerkstatt nötig. Die Experten machen einen Kostenvoranschlag. Danach wird in der Regel abgerechnet. Einige Versicherer versuchen allerdings, die Reparaturkosten zu kürzen.

Welche Reparaturkosten ersetzt die Haftpflichtversicherung?

Geschädigte können das Geld für eine Reparatur von der Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers verlangen. Das ist gesetzlich festgeschrieben (§ 249 Abs. 2 Satz 1 BGB).

Als Unfallopfer müssen Sie der Versicherung beweisen, dass deren Kunde Ihnen einen Schaden zugefügt hat. Ein Unfallprotokoll der Polizei und Zeugenaussagen reichen aus, um den Unfallhergang zu belegen. Zudem müssen Sie darlegen, wie hoch der Schaden ist. Das lässt sich in der Regel durch ein Sachverständigengutachten dokumentieren, das Sie in Auftrag geben.

Entscheidend ist, ob ein wirtschaftlicher Totalschaden vorliegt. Dann kann der Versicherer auf sogenannter Totalschadenbasis  abrechnen. Der Geschädigte bekommt dann den Wiederbeschaffungswert abzüglich Restwert und nicht die Reparaturkosten. Es gibt eine Ausnahme: Höhere Reparaturkosten muss die Versicherung dann übernehmen, wenn der Halter des kaputten Autos die Reparatur tatsächlich fachgerecht vornehmen lässt und die Kosten den Wiederbeschaffungswert um höchstens 30 Prozent übersteigen.

Liegt kein wirtschaftlicher Totalschaden vor, können Sie entscheiden, ob Sie Ihren Wagen reparieren lassen oder nicht. Sie können sich auch allein die Reparaturkosten nach dem Kostenvoranschlag oder dem Sachverständigengutachten bezahlen lassen.

Darf ich die Werkstatt frei wählen?

Sofern Sie sich als Geschädigter für die Reparatur entscheiden, können Sie wählen, wie und wo Sie die Reparaturarbeiten durchführen lassen: in einer markengebundenen Fachwerkstatt oder in einer freien Kfz-Werkstatt.

Ist das Fahrzeug schon ein paar Jahre alt und der Schaden nicht besonders hoch, bietet sich eine möglichst preisgünstige Reparatur an. Auch wenn Sie die um einiges günstigere, nicht markengebundene Werkstatt beauftragen, haben Sie Anspruch auf den Betrag, der bei einer markengebundenen Fachwerkstatt angefallen wäre. Der Unterschied zwischen den beiden Kostenvoranschlägen kann ganz beträchtlich sein. Sie müssen der Versicherung die tatsächliche Rechnung nicht vorlegen.

Bekomme ich die Reparaturkosten, auch wenn ich auf Reparatur verzichte?

Auch wenn Sie sich dazu entscheiden, den Schaden nicht reparieren zu lassen, muss die Haftpflichtversicherung die sogenannten fiktiven Reparaturkosten ersetzen. Das gilt genauso, falls Sie den Unfallwagen ohne Reparatur verkaufen. Dabei können Sie grundsätzlich die Kosten einer markengebundenen Fachwerkstatt einfordern, die ein Sachverständiger auf dem allgemeinen regionalen Markt ermittelt hat (BGH, Urteil vom 29. April 2003, Az. VI ZR 398/02; Urteil vom 20. Oktober 2009, Az. VI ZR 53/09; Urteil vom 22. Juni 2010, Az. VI ZR 302/08 und Az. 337/09).

Wann muss der Versicherer die Kosten für eine Fachwerkstatt zahlen?

Häufig wendet der Haftpflichtversicherer ein, er werde nur die Kosten einer günstigeren, mühelos zugänglichen, nicht markengebundenen Werkstatt ersetzen. Das ist zulässig. Es gibt dazu aber vier wichtige Ausnahmen, bei denen der Haftpflichtversicherer die Reparaturkosten einer markengebundenen Fachwerkstatt ersetzen muss und nicht kürzen darf:

  1. Nicht älter als drei Jahre
    Ist Ihr Auto nicht älter als drei Jahre, können Sie auf den Ersatz der Kosten einer markengebundenen Fachwerkstatt bestehen (BGH, Urteil vom 20. Oktober 2009, Az. VI ZR 53/09).
  2. Immer in der Fachwerkstatt repariert
    Wurde der Wagen in der Vergangenheit immer in einer markengebundenen Fachwerkstatt gewartet und repariert, müssen Sie sich nicht auf eine günstigere Referenzwerkstatt verweisen lassen. Das gilt auch, wenn das Auto älter als drei Jahre ist (BGH, Urteil vom 20. Oktober 2009, Az. VI ZR 53/09).
    Sofern Sie Ihr Auto regelmäßig in die Inspektion geben, sollten Sie sich das auch in einem Service-Heft bestätigen lassen. Will die Versicherung bei einem Schaden die Kosten kürzen, können Sie ohne großen Aufwand das Service-Heft vorlegen.
  3. Günstigere Werkstatt ist zu weit vom Wohnort entfernt
    Liegt die von der Versicherung benannte, günstigere Werkstatt weit von Ihrem Wohnort entfernt, ist sie nicht mühelos erreichbar. Das Amtsgericht Frankfurt am Main beurteilte eine Distanz von 20 Kilometern zur günstigeren Werkstatt schon als nicht zumutbar (Urteil vom 27. August 2010, Az. 380 C 3652/09). Eine Entfernung von 130 Kilometern ist auf jeden Fall unzumutbar, auch wenn die Versicherung die Transportkosten übernimmt (BGH, Urteil vom 28. April 2015, Az. VI ZR 267/14).
  4. Referenzwerkstatt hat keine marktüblichen Preise
    Die von der Versicherung benannte Referenzwerkstatt ist nur deshalb kostengünstiger, weil keine marktüblichen Preise, sondern vertraglich vereinbarte Sonderkonditionen mit der Versicherung zugrunde liegen (BGH, Urteil vom 28. April 2015, Az. VI ZR 267/14; Urteil vom 22. Juni 2010, Az. VI ZR 337/09). Das ist schwer zu beweisen. In dem konkreten Fall war am Büroeingang der Werkstatt ein Hinweisschild mit der Aufschrift angebracht: „Schadenservice Spezial-Partnerwerkstatt VHV Versicherungen". Das allein reicht aber noch nicht aus, um darzulegen, dass vereinbarte Sonderkonditionen in der Werkstatt gelten.

Muss der Versicherer die Mehrwertsteuer ersetzen?

Der Versicherer hat die Umsatzsteuer auf die Reparaturkosten zu ersetzen, sofern sie tatsächlich angefallen ist (§ 249 Abs. 2 S. 2 BGB). Lässt der Geschädigte die Reparatur in einer Werkstatt erledigen, kann er verlangen, die angefallene Umsatzsteuer in vollem Umfang ersetzt zu bekommen.

Repariert er den Wagen selbst oder bedient er sich fremder Hilfe, erhält er die Steuer nur in der Höhe, in der sie zur Reparatur angefallen ist, etwa wenn er Umsatzsteuer beim Kauf von Ersatzteilen gezahlt hat. Verzichtet er auf die Reparatur, kann er auch keine Umsatzsteuer von der Versicherung verlangen.

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Welche Reparaturkosten ersetzt die Kaskoversicherung?

Auch Kaskoversicherte können bei einem Unfall wählen, ob sie den Wagen reparieren lassen oder nicht. Verzichten sie auf eine Reparatur, können sie fiktiv auf Basis des Sachverständigengutachtens abrechnen. Der Versicherer muss dabei die Kosten einer Markenwerkstatt übernehmen, falls diese im Einzelfall erforderlich sind. Das ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs der Fall, sofern

  • nur in der Markenwerkstatt eine vollständige und fachgerechte Instandsetzung des Fahrzeugs möglich ist oder
  • es sich um ein neueres Fahrzeug handelt oder
  • der Kaskoversicherte bisher stets in einer markengebundenen Fachwerkstatt hat warten und reparieren lassen.

Kann der Kaskoversicherte eine dieser drei Konstellationen beweisen, muss die Versicherung die Kosten der Markenwerkstatt bezahlen (BGH, Urteil vom 11. November 2015, Az. IV ZR 426/14). In dem Fall hatte die Kaskoversicherung die Rechnung immerhin um 3.000 Euro gekürzt.

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Autor
Dr. Britta Beate Schön

Stand: 26. Juli 2016


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