Negativzinsen

Wenn das Guthaben von selbst schrumpft

Hendrik Buhrs Stand: 20. Februar 2020
Das Wichtigste in Kürze
  • Immer mehr Banken berechnen einen Negativzins. Er wird oft auch Strafzins genannt.
  • Bis zu -0,5 Prozent pro Jahr verlangen Banken bisher bei Giro- und Tagesgeldkonten sowie Verrechnungskonten zum Depot.
  • Wirklich zahlen müssen solche Negativzinsen allerdings nur wenige Kunden in Deutschland: Meist betrifft der Strafzins neue Kunden und gilt erst ab vergleichsweise hohen Summen. Der Zins für ein bestehendes Konto darf nicht ohne Weiteres unter null rutschen.
So gehen Sie vor
  • Verlangt Ihre Bank Negativzinsen von Ihnen, sollten Sie sich nach einer Alternative umschauen. 
  • Bei unseren Empfehlungen für Tagesgeld können Sie sicher sein, dass Sie keinen Negativzins zahlen müssen. Die immer aktuellen Finanztip-Empfehlungen finden Sie in unserem Rechner.

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Eigentlich schien das Prinzip klar und unumstößlich: Man bringt Geld zur Bank und bekommt Zinsen dafür. Dieser Zins war vielleicht mal höher, mal niedriger – aber zumindest gab es ihn. Immer.

Wieso kann ein Zins überhaupt negativ sein?

Doch jetzt steht die Finanzwelt auch bei diesem Thema Kopf. Banken haben Negativzinsen eingeführt oder überlegen, das zu tun. Damit wollen sie vor allem Neukunden davon abhalten, größere Beträge anzulegen. Denn Banken selbst zahlen negative Zinsen, wenn sie wiederum Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) einlegen. Ab einer bestimmten Höhe -0,5 Prozent pro Jahr – und die geben sie mittlerweile an ihre Kunden weiter. Negativ ist der Einlagezins für Banken bereits seit 2014.

Was Negativzinsen bedeuten, ist rechnerisch eine simple Sache. Ein positiver Zins von 1 Prozent macht im Laufe eines Jahres aus 100 Euro 101 Euro. Ein Negativzins von 1 Prozent hingegen lässt nur 99 von den 100 Euro übrig. In vielen Fällen geht es aber um viel höhere Kontostände als in diesem Beispiel.

Wie können Bankkunden vom Strafzins betroffen sein?

Die Skatbank in Thüringen hat 2014 als erste deutsche Bank einen Minuszins von -0,25 Prozent pro Jahr eingeführt. Damals galt das noch als Kuriosität – auch, weil die negativen Zinsen nur für Anleger mit stolzen drei Millionen Euro auf Tagesgeld- oder Girokonten galten. Im Preisverzeichnis der Skatbank hieß es damals: „Betroffene Kunden werden vor einer Berechnung von Negativzinsen durch die Bank informiert, um ihnen eine alternative Disposition zu ermöglichen.“

Mittlerweile sind einige Banken nachgezogen. Die Grenze für einen Negativzins setzen sie deutlich niedriger an, als die Skatbank-Einlage in Höhe von 3 Millionen Euro. Der Schwellenwert liegt oft bei 50.000 oder 100.000 Euro. Seit 2019 gibt es nunmehr sogar Banken, die ab dem ersten Euro einen Minuszins verlangen, darunter die Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck in Bayern oder die Kreissparkasse Stendal in Sachsen-Anhalt. Sie betonten, wie die meisten anderen Banken auch, dass dieser Schritt keine bestehenden, sondern nur neue Kunden treffe.

Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich schon Zinsen auf ihr Erspartes zahlen müssen, ist nicht bekannt. Es dürfte aber eine sehr kleine Minderheit sein.

Ist ein Negativzins auf Tagesgeld erlaubt?

Auf die Frage, ob Negativzinsen auch auf Tagesgeld erlaubt sind, gibt es bislang keine eindeutige Antwort. Tagesgeld ist eine Anlageform mit veränderlichem Zinssatz, und Banken dürfen in eigenem Ermessen den Zins ändern. Das Landgericht Tübingen urteilte jedoch bereits im Januar 2018, dass Kunden mit Altverträgen nicht damit rechnen müssen, dass aus positiven oder „neutralen“ Zinsen bei einem laufenden Vertrag plötzlich Negativzinsen werden (Az. 4 O 187/17). Wer Tagesgeld anlegt, erwarte entweder eine „geringe oder im schlechtesten Fall gar keine Verzinsung“, aber keinen Negativzins, so die Richter. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hatte die Volksbank Reutlingen verklagt, die daraufhin ihren Preisaushang anpassen musste. Bis dahin hatte nach Angaben der Bank noch kein Privatkunde den Minuszins zahlen müssen.

Für Neuverträge hingegen können Banken durchaus Negativzinsen verlangen, erklärte das Landgericht Tübingen. Der Bundesgerichtshof, die höchste deutsche Gerichtsebene, hat sich noch nicht mit dem Thema Negativzinsen beschäftigt. 

Negativzins auf dem Girokonto?

Eine Guthabenverzinsung auf dem Girokonto galt in der Vergangenheit eher als Ausnahme. Die meisten Banken haben in den letzten Jahren aber ihre monatlichen oder aktionsbezogenen Gebühren erhöht, manche von ihnen deutlich. Hohe Kontoführungsgebühren des Girokontos sind zwar keine Negativzinsen im eigentlichen Wortsinn. Faktisch führen sie aber dazu, dass das Guthaben kleiner wird.

Ein Beispiel: Wenn Sie bei Ihrer Bank pro Jahr 150 Euro Gebühren zahlen und einen durchschnittlichen Kontostand von 3.000 Euro haben, entspricht das rechnerisch einer Negativrendite von satten 5 Prozent. Der Preis ist zwar nicht das einzige Kriterium für die Auswahl eines Kontos. Weil Sie dadurch aber viel Geld sparen können, zeigen wir Ihnen hier kostenlose und sehr günstige Girokonten

Vereinzelt berechnen Banken auch pauschale Gebühren für ein Tagesgeldkonto, etwa die Raiffeisenbank Unteres Vilstal in Bayern. Ihr Tagesgeldkonto kostet monatlich 5 Euro Gebühren (Stand 31. Januar 2020). Auch das hat dieselbe Wirkung wie ein Negativzins. 

Was ist mit dem Verrechnungskonto des Depots?

Es gibt es auch Online-Broker, die für das Verrechnungskonto zu einem Depot einen Minuszins erheben. Flatex beispielsweise tut das seit 2017. Wer mit Aktien oder Fonds handelt, tut daher gut daran, sein Geld nur kurz auf dem Verrechnungskonto zu parken und entweder zügig neue Wertpapiere zu kaufen oder einen Verkaufserlös zu entnehmen.

So entkommen Sie dem Risiko Strafzins

Es gibt einige Gründe, einen negativen Zins absurd oder ungerecht zu finden. Akzeptieren müssen Sie ihn für sich nicht. Sie können ihn vielmehr sehr leicht vermeiden. Und zwar so:

  • Überprüfen Sie den aktuellen Zins für Ihr Tagesgeldkonto auf der Internetseite Ihrer Bank oder im Online-Banking.
  • Einen Überblick über die derzeit besten Tagesgeldkonten finden Sie mit Hilfe unseres Rechners
  • Sehr hohe Beträge (über 100.000 Euro) sollten Sie entweder auf mehrere Banken verteilen oder für einen Teil des Geldes andere Anlageformen in Betracht ziehen.
  • Falls Ihre Bank ankündigt, dass sie Ihnen Negativzinsen oder „Verwahrentgelte“ berechnen will, macht sie Ihnen wahrscheinlich den Vorschlag, dies zu vermeiden, indem Sie einen Teil des Geldes anders anlegen.
  • Finanztip empfiehlt eine Mischung aus Tagesgeld, Festgeld und günstigen Aktienfonds.  
  • Wenn Sie mit dem Alternativvorschlag Ihrer Bank nicht einverstanden sind oder keinen bekommen haben, suchen Sie sich ein neues Tagesgeldkonto.
  • Viel Geld abzuheben ist eher keine gute Alternative. Auch Bargeld verursacht Kosten, zum Beispiel für Schließfächer und eine Versicherung.

Warum die Banken selbst einen Negativzins zahlen

Die EZB verwaltet für jede Einzelbank ein Konto. Banken können sich also aussuchen, ob sie ihr überschüssiges Geld dorthin bringen, es einer anderen Bank leihen, Privatleuten oder Unternehmen leihen oder als Bargeld im eigenen Geldspeicher lagern. Die Kreditvergabe an Unternehmen stagniert in mehreren Ländern der Eurozone. Untereinander vertrauen sich die Banken weniger als vor der Finanzkrise.

Die Verwahrung im Tresor ist für eine Bank ebenfalls kein attraktiver Ausweg, denn auch sie hat eine negative Rendite. Es entstehen Kosten für den Transport und die sichere Verwahrung. Attraktiv ist das also auch nicht – im bayerischen Sparkassenverband wurde diese Idee aber dennoch bereits diskutiert.

Die Lagerung bei der Zentralbank ist die sicherste und für viele Banken auch die bequemste Lösung. Obwohl sie kostspielig ist: Die deutschen Banken haben im Jahr 2018 zusammengerechnet rund 2,4 Milliarden Euro an Einlagezinsen an die EZB gezahlt, die Banken der gesamten Eurozone rund 7,5 Milliarden Euro.

Weg ist dieses Geld natürlich nicht. Es landet später bei der Bundesbank und den anderen nationalen Zentralbanken der Eurozone. Und macht die Bundesbank einen Überschuss, fließt der in den Bundeshaushalt.

Der reale Negativzins – kommt öfter vor, fällt seltener auf

Der Minuszins hat einen unscheinbaren Bruder, der aber viel häufiger auftaucht – bei deutlich mehr Guthaben und Banken. Auf Papier oder dem Bildschirm wird Ihnen der sogenannte nominale Zins angegeben. Sie müssen dazu aber die Inflation oder Teuerungsrate beachten, die angibt, wie die Preise für Alltagsprodukte steigen. Nur dann erhält man den sogenannten Realzins. 

Für die Frage, wie sich der Wert des Geldes über die Zeit entwickelt, ist der Realzins die entscheidende Größe. Der Blick in die Statistik zeigt: Negative Realzinsen sind keineswegs neu. Es gab sie auch schon in manchen Jahren, die heute wie eine gute, alte Zeit des Sparens gelobt werden. Damals sah der Bankzins zwar gut aus, wurde aber von der Inflation aufgezehrt.

Ökonomen haben diesen Effekt der „Geldwertillusion“ im Labor nachgewiesen. Das menschliche Gehirn findet es nachweislich schöner, wenn es 5 Prozent Zinsen statt 0,5 Prozent gibt – selbst wenn in beiden Fällen die Inflation höher als der nominale Zins ist und man sich von seinem Geld genau die gleichen Produkte kaufen könnte.

Den Spieß umdrehen – Kredite zum Negativzins?

Bleibt noch die Frage, warum das Kassieren von Minuszinsen nur den Banken vorbehalten sein sollte. Schließlich ist auch die umgekehrte Situation denkbar: Kunden nehmen einen Kredit auf und müssen später eine kleinere Summe zurückzahlen. Solche Angebote gab es zuletzt von mehreren Unternehmen. 

Die Rahmenbedingungen machen die Sache allerdings eher zum Gag – und Sie sollten besser nicht ohne Weiteres auf ihn aufspringen. Für den Kreditbetrag gibt es meist eine Höchstgrenze von 1.000 Euro, die Rückzahlung muss teilweise über mehrere Monate oder sogar Jahre gestreckt werden. Obendrauf bekommt der Anbieter über die Bonitätsprüfung auch noch viele persönliche Daten, nicht zuletzt Einblick in die letzten Kontoauszüge.

Die staatliche Förderbank KfW gibt ebenfalls Kredite zu negativen Zinsen aus. Und ist in Sachen Gags wesentlich unverdächtiger. Sie reicht manche Immobilienkredite für einen negativen Zinssatz aus. Dabei müssen die Vorschriften zur Energieeffizienz beachtet werden. Oftmals ein guter Deal.

Empfehlungen aus dem Ratgeber

Video: Das Positive an Negativzinsen

Autor
Hendrik Buhrs

Stand: 20. Februar 2020


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