Pilotenstreik

Was Dir bei einem Streik bei der Fluggesellschaft zusteht

Dr. Britta Beate Schön
& Co-Autor
15. Januar 2020
Das Wichtigste in Kürze
  • Fällt Dein Flug aus, weil Pilot oder Flugbegleiter streiken, hast Du Anspruch auf einen Ersatzflug. Alternativ muss die Airline Dir ein Bahnticket bezahlen.
  • Teils zahlen Fluggesellschaften auch andere Verkehrsmittel, beispielsweise einen Mietwagen – setz Dein Verhandlungsgeschick ein!
  • Gestrandeten Fluggästen kann auch Geld als Entschädigung zustehen. Dazu hat der Europäische Gerichtshof entschieden.
So gehst Du vor
  • Erkundige Dich rechtzeitig auf der Website Deiner Fluggesellschaft, ob sich Dein Flug verschiebt oder entfällt.
  • Klär mit dem Kundencenter der Airline, wie Du trotz Streik an Dein Ziel kommst.
  • Hast Du eine Pauschalreise gebucht, wende Dich an den Reiseveranstalter.

Falls Deine anstehende Reise von einem Pilotenstreik oder einem Streik der Flugbegleiter betroffen sein könnte, prüf auf der Website der Airline den Status Deines Flugs. Du hast verschiedene Rechte – möglicherweise sogar zusätzlich einen Anspruch auf eine Ausgleichszahlung.

Worauf haben Fluggäste bei Streik grundsätzlich Anspruch?

Streicht die Fluggesellschaft Deinen Flug wegen Streiks, steht Dir eine alternative Beförderung zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu – so regelt es die europäische Fluggastrechte-Verordnung. Besprich die Möglichkeiten eines Ersatzflugs oder einer anderen Beförderung am besten direkt mit Deiner Fluggesellschaft.

Hast Du Deinen Flug über einen Veranstalter im Rahmen einer Pauschalreise oder über ein Reisebüro gebucht, musst Du Dich für eine Umbuchung oder Stornierung an Deinen Anbieter wenden. Mehr dazu liest Du weiter unten.

Anspruch auf ein Bahnticket

Falls Du innerhalb von Deutschland fliegen wolltest und keine Pauschalreise gebucht hast, kannst Du ohne weitere Kosten die Bahn nutzen. Dafür solltest Du über die Buchungsseite der Fluggesellschaft das Flugticket in eine Fahrkarte umwandeln. Du erhältst die Bahnfahrkarte auch am Ticketschalter der Airline.

Wenn Du Dir kurz entschlossen selbst ein Bahnticket kaufst, kannst Du später versuchen, es Dir erstatten zu lassen. Es kann aber sein, dass Du nur den Preis für Dein Flugticket zurückbekommst. Sollte die Bahnfahrt teurer sein, musst Du die Differenz zum Flugticket unter Umständen selbst zahlen. Tausch Dein Flugticket daher besser vor der Fahrt bei der Airline in eine Bahnfahrkarte um.

Mietwagen ist Verhandlungssache

Erkundige Dich bei der Airline, ob sie auch andere Verkehrsmittel erstattet – zum Beispiel die Kosten für einen Mietwagen. Was möglich ist, ist letztlich Verhandlungssache. Lass Dir Zusagen unbedingt per E-Mail bestätigen oder am Schalter gegenzeichnen.

Wann können Fluggäste Essen und Unterkunft verlangen?

Bist Du bereits am Flughafen und erfährst dort, dass Dein Flug wegen eines Streiks ausfallen wird, dann muss die Airline Dich verpflegen. Üblicherweise gibt es Getränke, Snacks oder Gutscheine. Wenn nichts angeboten wird, kannst Du Dir selbst Essen und Getränke kaufen und Dir die Verpflegung später von der Fluggesellschaft erstatten lassen. Aber Achtung: Menge und Art muss in einem angemessenen Verhältnis zu Deiner Wartezeit stehen.

Bist Du am Urlaubsort gestrandet und der Ersatzflug geht erst am nächsten Tag, dann muss die Airline Übernachtung und Transfer ins Hotel zahlen. Besprich die Details am besten telefonisch mit dem Kundendienst. Möglicherweise hat die Fluggesellschaft die Übernachtung bereits für Dich organisiert. Buch ein Hotel auf eigene Faust nur dann, wenn Du eine schriftliche Zusage hast, dass die Airline auch die Kosten erstattet.

Welche weiteren Rechte haben Pauschalreisende bei Streik?

Falls Dein Flug Teil einer Pauschalreise ist, kannst Du den Reisepreis mindern, falls wegen des Streiks Dein Urlaub erst später beginnt. Falls Dein Urlaub erheblich beeinträchtigt würde, kannst Du die Reise auch kostenfrei stornieren – zum Beispiel, wenn Du Deinen einwöchigen Urlaub erst vier Tage später antreten kannst. Falls der Rückflug ausfällt, muss der Veranstalter für Deine Unterkunft am Urlaubsort sorgen.

Haben Fluggäste bei Streik einen Anspruch auf Entschädigung?

Die Frage, ob Verbraucher bei Flugausfällen wegen Streiks einen Anspruch auf Ausgleichszahlung haben, ist sehr umstritten. Es kommt immer auf den Einzelfall an.

Fluggesellschaften müssen nach der europäischen Fluggastrechte-Verordnung bei großer Verspätung oder Annullierung des Fluges grundsätzlich Entschädigungen von bis zu 600 Euro zahlen. Es gibt allerdings Ausnahmen. Immer dann, wenn die Airline nichts dafür kann und sogenannte außergewöhnliche Umstände vorliegen, muss sie auch nicht zahlen (Art. 5 Abs. 3 EU-Verordnung 261/2004).

Was genau darunter zu verstehen ist, ergibt sich aus den Gründen der Verordnung. Außergewöhnliche Umstände können danach insbesondere eintreten bei politischer Instabilität, bei schlechtem Wetter sowie bei „den Betrieb eines ausführenden Luftfahrtunternehmens beeinträchtigenden Streiks“ (Erwägungsgrund 14).

Fluggesellschaften verweisen bei Streiks bisher immer auf die Begründung der Verordnung und lehnen jegliche Zahlung ab. Aber ganz so einfach ist das nach einer neuen europäischen Rechtsprechung nicht.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat entschieden, dass ein Streik die Fluggesellschaft nicht unbedingt und automatisch von der Ausgleichspflicht befreit (Urteil vom 17. April 2018, Az. C-195/17). Ganz im Gegenteil – die Gerichte müssen in jedem Einzelfall beurteilen, ob der Streik nicht seine Ursache in der normalen Geschäftstätigkeit der Fluggesellschaft hat und ob dieser tatsächlich nicht beherrschbar gewesen wäre.

Bei einem Fluglotsenstreik oder einem Streik der Gepäckarbeiter ist die Fluglinie in der Regel außen vor – dafür trägt sie keine Verantwortung. Anders kann es dann sein, wenn die eigenen Mitarbeiter streiken.

Im Sommer 2018 sind bei der irischen Fluglinie Ryanair Hunderte Flüge ausgefallen, weil die Mitarbeiter für bessere Arbeitsbedingungen europaweit die Arbeit niederlegten. Betroffen waren nach Angaben der Fluggesellschaft Zehntausende Passagiere. Diese haben sehr gute Chancen, eine Ausgleichszahlung zu bekommen, da der Streik seine Ursache in der normalen Geschäftstätigkeit der Fluglinie hatte. Einige Fluggasthelfer wie Flightright und Faiplane sind deshalb vor Gericht gezogen und berichten von Erfolgen: Ryanair hat die Ansprüche anerkannt und gezahlt.

Inwieweit Passagiere der Lufthansa wegen des Streiks im November 2019 Ansprüche auf Entschädigung haben, wird ganz unterschiedlich beantwortet. Einige Fluggastportale sind mit Blick auf die europäische Rechtsprechung optimistisch, da die Lufthansa zunächst die Verhandlungen abgelehnt und den Streik damit erst provoziert habe. Von einem außergewöhnlichen Umstand könne nicht die Rede sein. Wie der Streik zu bewerten ist, wird wahrscheinlich einige Gerichte in Deutschland beschäftigen.

Achtung: Weil es auf den Einzelfall ankommt, solltest Du auch bei einer Verspätung oder Annullierung wegen eines Streiks immer Deine Ansprüche auf Entschädigung einfordern. Du brauchst dabei wahrscheinlich Unterstützung. Du kannst Dich zum Beispiel an Fluggast-Portale wenden.

Krankheitswelle oder wilder Streik

Auch wenn die Fluggesellschaft Flüge annulliert, weil zu viele Crew-Mitglieder erkrankt sind, muss sie unter Umständen Entschädigungen zahlen. So war es im Herbst 2016 bei Tuifly. Die Airline wollte wie bei einem Streik üblich nicht zahlen, weil die Krankmeldungen mit einem Streik vergleichbar seien.

Das sahen zahlreiche Passagiere anders und klagten auf Entschädigung. Viele haben sich an Portale für Fluggastrechte gewandt. Fairplane hatte in knapp 50 Fällen Klage eingereicht, der Sofortentschädiger EUFlight führte 44 Klagen. Im Februar 2017 gab es die ersten Urteile – mit sehr unterschiedlichem Ausgang: mal zugunsten von Tuifly und mal zugunsten der Fluggäste.

Zwei deutsche Amtsgerichte wollten Klarheit und legten die Frage dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Klärung vor. Das Gericht hat am 17. April 2018 entschieden, dass sich Tuifly nicht auf außergewöhnliche Umstände berufen darf. Der „wilde Streik“ folgte auf eine überraschende Ankündigung des Managements, dass es umstrukturieren wolle. Die betriebswirtschaftlichen Risiken, die sich aus solchen Umstrukturierungen und den damit einhergehenden sozialen Problemen für Arbeitnehmer ergeben, sind Teil der normalen Ausübung der Tätigkeit der Fluggesellschaft, urteilten die Richter in Luxemburg (Az. C-195/17 u.a.) – also keine außergewöhnlichen Umstände.

Mehr dazu im Ratgeber Fluggasthelfer

  • Fluggäste können bis zu 600 Euro Entschädigung verlangen bei großen Verspätungen und Annullierungen.
  • Von uns empfohlener Anbieter für eine Sorfortzahlung: EUFlight. Du kannst Dich auch an Compensation2go wenden.
  • Von uns empfohlene Inkasso-Dienstleister: flug-verspaetet.de. Du kannst Dich auch an SOS Flugverspätung, EUClaim, Claim Flights wenden.

Zum Ratgeber

Autor
Dr. Britta Beate Schön
& Co-Autor
Daniel Pöhler

15. Januar 2020


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