Gliedertaxe und Invaliditätsgrad

Woran sich die Leistung der Unfallversicherung bemisst

Julia Rieder Stand: 23. September 2019
Das Wichtigste in Kürze
  • Die „Gliedertaxe“ ist eines der wichtigsten Merkmale der privaten Unfallversicherung.
  • Sie bestimmt, welchen Grad der Beeinträchtigung (Invaliditätsgrad) die Versicherung annimmt, falls nach einem Unfall Schäden an bestimmten Körperteilen bleiben.
  • Die Gliedertaxe ist zusammen mit der Versicherungssumme und der Progression entscheidend dafür, wie viel Geld der Versicherte bekommt.
  • Je nach Tarif kann sich die Gliedertaxe deutlich unterscheiden.
So gehen Sie vor
  • Überlegen Sie genau, ob Sie eine Unfallversicherung brauchen, denn diese zahlt nur, wenn nach einem Unfall auch dauerhafte Schäden bleiben. Die meisten bleibenden Behinderungen sind jedoch Folge einer Krankheit.
  • Falls Sie sich für eine Unfallversicherung entscheiden, vergleichen Sie die Gliedertaxe verschiedener Angebote. Die Unterschiede zwischen guten und schlechten Tarifen können im Ernstfall Zehntausende Euro ausmachen.
  • Eine gute Orientierung, welche Gliedertaxen üblich sind, bietet diese Tabelle.

Eine private Unfallversicherung springt ein, falls nach einem Unfall ein dauerhafter körperlicher Schaden bleibt. Mit entscheidend dafür, wie viel Geld es von der Versicherung gibt, ist der sogenannte Invaliditätsgrad. Er gibt an, wie schwer die Behinderung ist. Dabei spielt auch die sogenannte Gliedertaxe eine Rolle.

Wie wird der Invaliditätsgrad bestimmt?

Den Invaliditätsgrad berechnet die Versicherung mit Hilfe der sogenannten Gliedertaxe. Das ist eine Tabelle, in der jeder Anbieter festlegt, welchen Grad der Beeinträchtigung er annimmt, falls ein Kunde einen bestimmten Körperteil verliert oder nicht mehr benutzen kann.

Rutscht einem Heimwerker bei Holzarbeiten am Schuppen die Säge ab und der Daumen muss amputiert werden, bekommt er so in der Regel weniger Geld als eine Motorradfahrerin, die durch einen Unfall ein Bein verliert.

Wie funktioniert die Gliedertaxe?

Nach einem Unfall wird die Versicherungssumme festgelegt. Wie viel der Versicherte bekommt, hängt auch von der Schwere der gesundheitlichen Beeinträchtigung ab. Ist die Invalidität gering, gibt es auch nur einen Teil der Versicherungssumme.

Um den Invaliditätsgrad zu beziffern, ordnet die Versicherung mit der Gliedertaxe verschiedenen Körperteilen einen Prozentwert zu. So kann einem Auge beispielsweise ein Wert von 50 Prozent zugeordnet sein, einem kompletten Arm 70 Prozent und einem großen Zeh 5 Prozent. Aus diesem Prozentwert errechnet sich in Zusammenspiel mit der vereinbarten Versicherungssumme und der Progression, wie viel Geld die Versicherung nach einem Unfall zahlt.

Ein Beispiel: Ein Kunde hat eine Versicherungssumme von 100.000 Euro vereinbart. Die Gliedertaxe seines Tarifs legt für den Fuß einen Wert von 40 Prozent fest. Muss ihm nach einem Unfall tatsächlich ein Fuß amputiert werden, erhält er 40.000 Euro von der Versicherung. Falls er eine Progression vereinbart hat, kann die Summe auch größer ausfallen, denn die Progression sorgt dafür, dass die Versicherung bei schweren Behinderungen mehr zahlt.

Wenn ein Körperteil nicht völlig kaputt ist

Die Werte der Gliedertaxe gelten allerdings nur für den Fall, dass der Betroffene den entsprechenden Körperteil überhaupt nicht mehr benutzen kann. Ist die Funktion nur eingeschränkt, wird die Zahlung anteilig berechnet. Das bedeutet, ist nach einem Unfall auf einem Auge nur noch die Hälfte der Sehkraft vorhanden, halbiert die Versicherung den Prozentwert, der in der Gliedertaxe für das Auge angegeben ist.

Wie stark ein Körperteil in seiner Funktion beeinträchtigt ist, ermittelt ein Arzt. Sind mehrere Körperteile durch den Unfall betroffen, werden die einzelnen Invaliditätsgrade addiert. Im Ergebnis kann der Invaliditätsgrad 100 Prozent aber nicht übersteigen.

Wenn ein Körperteil bei der Gliedertaxe fehlt

Nicht jeder Körperteil ist in der Tabelle für die Gliedertaxe aufgelistet. Doch auch Verletzungen an Kopf, Wirbelsäule oder inneren Organen können schwerwiegende Folgen haben. Deshalb wird in solchen Fällen der Invaliditätsgrad anders ermittelt. Dafür schätzt ein Arzt ein, wie stark die Verletzung die gesamte Leistungsfähigkeit des Betroffenen einschränkt. So kommt der Prozentwert zustande, der Einfluss darauf hat, wie viel die Versicherung zahlt.

Nutzen die Versicherer unterschiedliche Gliedertaxen?

Eine private Unfallversicherung ist nur selten sinnvoll, denn nur 2 Prozent aller schweren Behinderungen entstehen durch einen Unfall. Die große Mehrheit ist Folge einer Krankheit und genau dann schützt die Unfallversicherung nicht. Viel wichtiger ist deshalb eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Ist diese zu teuer oder bekommen Sie keinen BU-Schutz, sollten Sie sich zu alternativen Möglichkeiten der Absicherung beraten lassen.

Mehr dazu im Ratgeber Berufsunfähigkeitsversicherung

  • Die staatliche Erwerbsminderungsrente reicht nicht aus, eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist für fast jeden sinnvoll.
  • Von uns empfohlene Makler: Hoesch & Partner, Buforum24, Zeroprov, Dr. Schlemann unabhängige Finanzberatung, P&F.

Zum Ratgeber 

Wollen Sie dennoch eine Unfallversicherung abschließen, lohnt sich ein Vergleich der Gliedertaxe verschiedener Tarife. Denn jede Versicherung legt ihre eigenen Maßstäbe fest. Zwar gibt es Empfehlungen des Versicherungsverbands GDV für die Gliedertaxe, gute Tarife leisten aber deutlich mehr. Während beispielsweise der vollständige Verlust einer Hand laut GDV-Empfehlung 55 Prozent Invalidität bedeutet, sind es bei guten Tarifen zwischen 70 und 100 Prozent. Das kann im Ernstfall einen Unterschied von mehreren Zehntausend Euro ausmachen.

Eine gute Hilfe für den Vergleich bietet eine Übersicht des Analysehauses Ascore. Das Unternehmen hat die Gliedertaxe von 105 Unfall-Tarifen untersucht und ausgewertet, welche Invaliditätsgrade die Versicherungen im Mittel für welchen Körperteil annehmen. Die Gliedertaxe eines leistungsstarken Tarifs sollte mindestens die genannten Mittelwerte erreichen und sie im besten Fall übertreffen.

Vergleich der Gliedertaxe verschiedener Tarife in Prozent

KörperteilEmpfehlung
des GDV
MittelwerteTarif mit der
höchsten
Gliedertaxe
Stimme080100
ein Auge506080
Gehör auf einem Ohr304080
Geruchssinn101525
Geschmackssinn51525
kompletter Arm7080100
Arm oberhalb Ellenbogen6575100
Arm unterhalb Ellenbogen6070100
komplette Hand5570100
Daumen203060
Zeigefinger102060
anderer Finger51020
Bein über Mitte Oberschenkel7080100
Bein bis Mitte Oberschenkel6070100
Bein bis unterhalb Knie5065100
Bein bis Mitte Unterschenkel4560100
kompletter Fuß4055100
großer Zeh51020
anderer Zeh2510

Quelle: Ascore Analyse, GDV-Musterbedingungen (Stand: 23. September 2019)

Entscheidend dafür, wie viel die Versicherung letztlich zahlt, ist das Zusammenspiel aus Gliedertaxe, Versicherungssumme und Progression. Letztere sorgt dafür, dass bei besonders schweren Verletzungen ein Vielfaches der Versicherungssumme ausgezahlt wird. Um ein Gefühl dafür zu kriegen, wie sich verschiedene Tarife hierbei unterscheiden, lohnt sich ein Blick auf die Auszahlungssumme für den Verlust von Daumen, Hand und Fuß. Anhand dieser drei konkreten Auszahlungen haben Sie einen guten Vergleich, der sowohl die Progression als auch die Gliedertaxe beinhaltet.

Autor
Julia Rieder

Stand: 23. September 2019


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