Fehlzeiten in Deutschland: Sind wir wirklich öfter krank?
"Deutschland ist Fehlzeiten-Weltmeister" – das liest und hört man gerade überall. Aber stimmt das wirklich? Wir machen den Faktencheck zu fünf zentralen Thesen.

"Deutschland ist Fehlzeiten-Weltmeister" – das liest und hört man gerade überall. Aber stimmt das wirklich? Wir machen den Faktencheck zu fünf zentralen Thesen.


Der Krankenstand sorgt nach wie vor für Diskussionen – bis hoch in die Politik. Schnell sind dann Vorschläge wie Karenztage oder weniger Lohnfortzahlung im Raum. Aber bevor man an großen Stellschrauben dreht, lohnt sich ein Blick auf die Fakten. Wir haben uns einen aktuellen Faktencheck von Haufe mal genauer angeschaut.
Auf den ersten Blick ja: Laut OECD hatte Deutschland 2022 im Schnitt 24,9 Krankheitstage pro Person – deutlich mehr als viele andere Länder (z. B. Frankreich mit 14,2 oder Schweden mit 11,4 Tagen).
Analysen des IGES-Instituts für die DAK-Gesundheit zeigen jedoch, dass sich die OECD-Zahlen nur eingeschränkt vergleichen lassen. Der Grund: In Deutschland werden Fehlzeiten besonders genau erfasst, u. a. durch das elektronische Meldeverfahren. In vielen anderen Ländern fallen Krankheitstage schlicht durchs Raster – vor allem unbezahlte. Krankheitstage ohne Lohnfortzahlung werden z. B. in Frankreich, Italien oder Spanien häufig nicht als Fehltage erfasst.
In Politik und Medien taucht immer wieder diese Erklärung auf: Seit es die telefonische Krankschreibung (Tele-AU) gibt, steigen die Fehlzeiten. Die dahinterstehende Annahme klingt erstmal logisch – wer sich ohne Praxisbesuch krankmelden kann, kommt leichter an eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt aber: Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Studien und Auswertungen von Krankenkassen zeigen, dass nur ein sehr kleiner Teil aller Krankschreibungen telefonisch erfolgt – teils deutlich unter 2 %. Fachleute aus Medizin und Forschung sehen bisher keinen Hinweis auf systematischen Missbrauch.
Außerdem ist die Tele-AU deutlich enger geregelt als oft dargestellt. Ärztinnen und Ärzte dürfen Dich nur dann telefonisch krankschreiben, wenn sie Dich bereits kennen und keine schweren Symptome vorliegen. Die Krankschreibung gilt dann höchstens für fünf Tage. Eine Verlängerung per Telefon ist nicht möglich – für eine Folgebescheinigung musst Du in die Praxis kommen.
Unterm Strich spielt die Tele-AU beim Anstieg der Fehlzeiten also nur eine Nebenrolle – wenn überhaupt. Die Regeln setzen enge Grenzen und machen einen flächendeckenden Missbrauch eher unwahrscheinlich.
Deutschland zahlt im Krankheitsfall bis zu sechs Wochen lang 100 % Gehalt – das ist international eher die Ausnahme.
Eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung hat zum Beispiel gezeigt: Kürzt man diese Leistung von 100 auf 80 %, sinken die Fehlzeiten.
Andere Vergleiche sprechen aber dagegen. Länder mit ähnlich großzügigen Regeln haben teils sehr niedrige Ausfallquoten. Fazit: Der Zusammenhang ist komplizierter, als es oft dargestellt wird.
Die Idee eines unbezahlten ersten Krankheitstags – des sogenannten Karenztags – wird aktuell wieder intensiv in der Politik diskutiert. Hintergrund sind vor allem die hohen Kosten für Unternehmen. Einige Politiker fordern deshalb: Der erste Krankheitstag soll unbezahlt sein.
Im deutschen Entgeltfortzahlungsgesetz ist ein solcher Karenztag aktuell aber nicht vorgesehen. Dafür müsste das Gesetz geändert werden. Das ist zwar grundsätzlich möglich, politisch aber schwer durchzusetzen.
Der Grund: Karenztage bergen das Risiko, dass sich Beschäftigte krank zur Arbeit schleppen, um keine Gehaltseinbußen zu haben. Das kann dazu führen, dass Krankheiten verschleppt werden oder sich andere anstecken.
Weniger gemeldete Krankheitstage bedeuten also nicht automatisch, dass die Menschen gesünder sind – im Gegenteil.
Ein Ansatz, der gerade immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist die Teilkrankschreibung. Die Idee dahinter: Viele Menschen sind nicht komplett arbeitsunfähig, sondern nur eingeschränkt – etwa bei leichten Infekten, Rückenschmerzen oder psychischen Belastungen. Statt komplett auszufallen, könnten sie z. B. ein paar Stunden am Tag arbeiten oder leichtere Aufgaben übernehmen.
In anderen Ländern ist das längst Alltag. In Schweden oder der Schweiz gibt es Teilkrankschreibungen seit Jahren. Studien zeigen dort: Wer stundenweise im Job bleibt, fällt insgesamt kürzer aus und kommt leichter wieder vollständig zurück.
Auch in Deutschland wächst die Unterstützung für dieses Modell. Der Expertenrat „Gesundheit und Resilienz“ der Bundesregierung empfiehlt, Teilkrankschreibungen stärker zu nutzen. Der Gedanke dahinter: Mehr Flexibilität hilft beiden Seiten. Beschäftigte bleiben im Rhythmus und überfordern sich nicht, Unternehmen verlieren weniger Arbeitszeit.
Nach aktueller Rechtslage ist eine Teilkrankschreibung in Deutschland nicht vorgesehen. Im Arbeitsrecht gilt das Prinzip: krank ist krank. Entweder Du bist arbeitsfähig oder vollständig arbeitsunfähig – eine Krankschreibung für ein paar Stunden am Tag kennt das Gesetz nicht. Das hat auch das Bundesarbeitsgericht bestätigt (Az. 10 AZR 596/15). Heißt konkret: Teilkrankschreibungen wären nur möglich, wenn der Gesetzgeber die Regeln ändert. Bis dahin bleibt das Modell eine politische und rechtliche Zukunftsfrage.
Die Debatte um Fehlzeiten ist verständlich – vor allem angesichts hoher Zahlen und politischer Forderungen. Ein genauer Blick zeigt aber: Viele Vorwürfe greifen zu kurz. Internationale Vergleiche sind nur bedingt aussagekräftig, einzelne Instrumente wie die Tele-AU spielen kaum eine Rolle, und einfache Sparmaßnahmen wie Karenztage bergen neue Risiken. Statt schneller Kürzungen spricht vieles für durchdachte, flexible Lösungen, die Gesundheit und Arbeit besser miteinander verbinden.
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