Beim ETF-Verkauf kommen Geld und Steuer-Abrechnung gleichzeitig. Dein Depotanbieter hält automatisch die Abgeltungssteuer zurück und überweist sie dem Finanzamt.
Was viele nicht wissen: Es gibt eine Steuer-Stellschraube, die Du beeinflussen kannst – um im besten Fall Zehntausende Euro an Steuern zu sparen. Je länger Deine Sparphase läuft, um so wichtiger ist das für Dich. Der Steuer-Schock kommt für viele erst vor der Rente, wenn sie jahrzehntelang nichts verkauft haben und die Steuer für sie die ganze Zeit „unsichtbar“ war.
Wie läuft das mit der ETF-Besteuerung normalerweise?
Zum Hintergrund: Die Steuer auf Kapitalerträge setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Abgeltungssteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag von 5,5 % der Abgeltungsteuer. Der Betrag berechnet sich also aus 25 % (Abgeltungssteuer) plus 1,375% (Soli). Das macht insgesamt 26,375 Prozent Steuern.
Bei ETFs, die überwiegend Aktien enthalten, wie die Finanztip-Empfehlungen zum Vermögensaufbau, gibt es dank der sogenannten Teilfreistellung eine Ermäßigung. Nur 70 Prozent der Gewinne werden besteuert. Unterm Strich fallen 18,46 Prozent Steuern an (= 70 Prozent von 26,375 Prozent). Die Zahlen sind krumm, aber das Prinzip an sich einfach. Unser Beispiel geht von einem Fall ohne Kirchensteuer aus.

Spannend wird es bei Teil zwei dieser Berechnung. Denn der Steuersatz bezieht sich auf Deinen Gewinn. Verkaufst Du zum Beispiel zum Rentenbeginn an Deinem 67. Geburtstag ETF-Anteile, die Du als 37-Jährige gekauft hattest, wird der heutige Börsenkurs mit dem vor 30 Jahren verglichen. Klingt simpel – und es fällt auf: Je niedriger der Gewinn, um so niedriger auch die Steuern. Könntest Du ETF-Anteile verkaufen, die Dir erst seit zehn Jahren gehören, würdest Du mehr netto bekommen und weniger ans Finanzamt zahlen. Wir unterstellen dabei, dass der ETF über die Jahre stetig wertvoller wurde.
Das Problem: Wie das Finanzamt Deinen Gewinn misst
Hier kommt der Haken. Normalerweise kannst Du Dir nicht aussuchen, ob Du „alte“ oder „jüngere“ Anteile eines ETFs verkaufst. Das Finanzamt sortiert jeden ETF-Anteil chronologisch und geht nach dem sogenannten Fifo-Prinzip vor. Das steht für „first in, first out“ oder „als erstes rein, als erstes raus“. In der Grafik siehst Du: Obwohl in allen drei Säulen derselbe ETF steckt, schaut das Finanzamt beim Verkauf erstmal auf den – verhältnismäßig hohen – Gewinnanteil vom ältesten Kauftermin und zieht prozentual Steuer ab.

Nach Fifo verkaufst Du also zuerst aus der linken, der ersten Tranche. Über die Zeit sind dort die höchsten Gewinne entstanden (hellorange). Könntest Du aus der dritten Tranche verkaufen, wäre der blaue Steuer-Anteil kleiner, weil auch der hellorange Gewinn-Anteil im dritten Balken kleiner ist. In der Konsequenz heißt das dann: Du könntest dank der geringeren Steuerzahlung mehr Geld im ETF belassen, das sich weiter vermehren kann. Präziser gesagt: Es ist ein Steueraufschub, keine Steuerfreiheit.
In der Realität kaufst Du vielleicht monatlich per Sparplan neue ETF-Anteile, hast also irgendwann Hunderte unterschiedliche Kauftermine und Gewinnspannen. Um es nachvollziehbar zu halten, nehmen wir im Beispiel nur drei größere ETF-Käufe an: alle zehn Jahre.
Was Du konkret tun kannst
Mit unserer Finanztip 3x10-Strategie zahlst Du die fälligen Steuern zu einem späteren Zeitpunkt und erreichst damit, dass Du vorübergehend mehr ETF-Anteile im Depot behältst – was schließlich zu einer besseren Wertentwicklung führt. Wie eine Steuerersparnis von rund 23.000 Euro drin ist, zeigt ein Beispiel unten.
Variante 1: Alle paar Jahre den ETF wechseln
Das machst Du schon während der Ansparphase. Du kaufst nicht durchgehend denselben ETF, sondern steigst auf einen anderen ETF um, sagen wir alle zehn Jahre. Es entsteht eine neue Position oder Tranche im Depot. So kannst Du die verschiedenen Kaufzeitpunkte voneinander unterscheiden und in der Verkaufsphase gezielt den zuletzt besparten ETF zuerst verkaufen. Diese Variante gibt unserer Strategie auch ihren Namen, denn wenn Du mit 37 Jahren anfängst, besparst Du drei Mal einen ETF für zehn Jahre. Wer früher mit dem Investieren beginnt, kann bis zum Ruhestand auch eine 4x10- oder 5x10-Strategie anwenden oder kürzere Umstiege machen. Das Prinzip bleibt gleich.

Dabei kannst Du den ETF wechseln, ohne den Index zu wechseln, auf den er sich bezieht. Zum Beispiel wählst Du drei ETFs, die den MSCI World nachbilden. Die Auswahl an passenden Fonds ist groß – unser ETF-Finder hilft Dir weiter.
Steuergesetze können sich über die Zeit ändern. Es gibt also keine Garantie, dass der ETF-Umstieg die erhoffte Ersparnis bringt. Es schadet allerdings nicht, mehrere ETFs mit identischer Strategie zu besitzen.
Variante 2: Depotübertrag ins Zweitdepot
Diese Option klappt auch, wenn Du schon viele Jahre Geld in einen einzigen ETF gesteckt hast. Du eröffnest ein weiteres Depot und überträgst dorthin die ETF-Anteile, die Du noch nicht verkaufen möchtest. Bei einem solchen Übertrag gilt wie bei der Steuer: Die ältesten Anteile sind zuerst dran. In Deinem Hauptdepot bleiben die jüngeren mit der niedrigeren Steuerlast.
Du kannst ein Zweitdepot oft sogar bei derselben Bank eröffnen. In unserem Depotvergleich kannst Du nach Anbietern filtern, die ein hauseigenes Zweitdepot anbieten. Nimm unbedingt Depots aus Deutschland, weil bei ausländischen Depots die Steuerinformationen nicht übertragen werden. Ein Depotübertrag kann mehrere Wochen dauern.
Für wen sich die Strategie lohnt – und für wen nicht
Je größer Dein Depot ist, umso mehr Steuern kannst Du mit unserer Strategie sparen. Auch die Dauer spielt eine wichtige Rolle. Je länger Dein Depot wächst, um so höher wachsen die aktuellen Börsenkurse über die damaligen Kaufkurse hinaus.
Bei einem eher kleinen Depot oder wenn Du häufig die Anlagestrategie änderst, lohnt sich die 3x10-Strategie weniger. Der Aufwand ist zwar wirklich nicht groß, aber der Steuervorteil wird dann auch kleiner. Von häufigen Strategieschwenks und kurzen Haltedauern raten wir sowieso ab – hier unsere Meinung zum Trading.
Wie viel kann die Finanztip 3x10-Strategie sparen?
Um zu zeigen, was möglich ist, ein konkretes, einfaches Bespiel für die 3x10-Strategie:
Das Szenario
Nehmen wir an, Du hast in der Ansparphase drei Mal eine große Summe investiert: zu Deinem 37. Geburtstag, zehn Jahre später zum 47. Geburtstag und noch mal mit 57. Somit gibt es drei Kauftermine im Abstand von zehn Jahren. Das ist einfacher zu rechnen – in der Realität würdest Du vielleicht jeden Monat per Sparplan kaufen und hättest viele Kauftermine. Die Kauftermine sind wichtig, weil sich anhand des ETF-Kurses der Gewinn beim Verkaufen berechnet – und damit Deine Steuerzahlung.
- Einzahlung mit 37 Jahren: 48.000 Euro (das entspricht 400 Euro monatlich über zehn Jahre)
- Einzahlung mit 47 Jahren: 60.000 Euro (das entspricht 500 Euro monatlich über zehn Jahre)
- Einzahlung mit 57 Jahren: 72.000 Euro (das entspricht 600 Euro monatlich über zehn Jahre)
Die Höhe der Einzahlungen steigt, da wir davon ausgehen, dass Dein Einkommen wächst und Du mehr sparen kannst. Insgesamt hast Du 180.000 Euro investiert.
Nun nehmen wir an, dass Dein ETF jährlich um sechs Prozent im Wert steigt. Das ist historischen Daten zufolge realistisch. Das Finanztip-Analyseteam nutzt diesen Wert für alle Beispielrechnungen.
Auch die Auszahlphase vereinfachen wir und planen drei große Entnahmen, bei denen wir davon ausgehen, dass Dein Bedarf mit dem Alter steigt:
- Entnahme mit 67 Jahren: 180.000 Euro (das entspricht 1.500 Euro monatlich über zehn Jahre)
- Entnahme mit 77 Jahren: 300.000 Euro (2.500 Euro monatlich über zehn Jahre)
- Entnahme mit 87 Jahren: 420.000 Euro (3.500 Euro monatlich über zehn Jahre)

Ohne Strategie: höhere Steuern
Ohne die 3x10-Strategie von Finanztip würde es so laufen: Um den Betrag für die erste Entnahme an Deinem 67. Geburtstag rauszubekommen, musst Du ETF-Anteile im aktuellen Wert von rund 212.000 Euro verkaufen. Das Finanzamt rechnet wegen der Fifo-Regel mit den ältesten Anteilen, die Du seit dem 37. Geburtstag hältst. Sie haben in der Zeit ordentlich Gewinn eingefahren. Ergo gehen 32.000 Euro an Steuern ab, Dir bleiben wie geplant 180.000 Euro netto.

Mit Strategie: mehr Netto
Anders sieht es aus, wenn Du aufgrund verschiedener Tranchen in Deinem Depot gezielt nach dem Motto „last in, first out“ oder Lifo verkaufen kannst. Du versteuerst dann den deutlich niedrigeren Gewinn der jüngsten Anteile, die erst seit Deinem 57. Geburtstag im Depot sind. Du musst in diesem Fall nur ETF-Anteile im Wert von 199.000 Euro verkaufen, um nach Steuern auf 180.000 Euro zu kommen. Es gehen 19.000 Euro ans Finanzamt – statt 32.000 Euro. Es bleiben also rund 13.000 Euro mehr ETF-Vermögen für Dich investiert und können bis zur nächsten Entnahme weiter Rendite holen.
