Privat­insolvenz Dauer

Schuldenfrei in drei Jahren jetzt für alle möglich

Dr. Britta Beate Schön
Finanztip-Expertin für Recht
23. September 2021
Das Wichtigste in Kürze
  • Mit einer Verbraucher­insolvenz kannst Du schon nach drei Jahren schuldenfrei sein und wirtschaftlich neu anfangen.
  • Die Hürden dafür sind seit dem 1. Oktober 2020 rückwirkend deutlich niedriger: Es gibt keine Mindestquote mehr für die Schulden, die Du zahlen musst. Auch die Verfahrenskosten musst Du nicht innerhalb der drei Jahre vollständig beglichen haben.
So gehst Du vor
  • Bist Du in finanzielle Not geraten, dann lass Dir von einem Rechtsanwalt oder Schuldnerberater helfen. Im Schuldneratlas des Statistischen Bundesamts findest Du einen Berater in Deiner Nähe.
  • Verschaffe Dir gemeinsam mit dem Berater einen Überblick über Deine Schulden und versuche, Dich mit Deinen Gläubigern zu einigen. Grundlage dafür ist der Schuldenbereinigungsplan.
  • Beantrage eine Privat­insolvenz erst, wenn es keine andere Lösung mehr gibt.

Nach Untersuchungen von Creditreform sind derzeit fast sieben Millionen Privatleute in Deutschland überschuldet. Die Reform des Insolvenzrechts zum 1. Oktober 2020 ermöglicht allen Betroffenen eine schnellere Rest­schuld­befreiung. Das hat im ersten Halbjahr 2021 zu einem Anstieg der Anträge um mehr als 60 Prozent geführt; rund 46.000 Privatpersonen haben sich zu diesem Weg aus der Schuldenfalle entschlossen.

Was ist eine Privat- oder Verbraucher­insolvenz?

Fressen Dich die Schulden und Zinsen auf, dann kannst Du Dich mit einer Privat­insolvenz von diesem Druck befreien. Deine Schulden werden damit gelöscht, obwohl Du sie nicht vollständig begleichen konntest. Das nennt man Rest­schuld­befreiung. Dafür musst Du allerdings bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Du kannst eine Privat­insolvenz nur beantragen, wenn Du keine selbstständige wirtschaftliche  Tätigkeit ausgeübt hast. Als Selbstständiger kannst Du das Verfahren nur anstreben, wenn gegen Dich keine Forderungen aus Arbeitsverhältnissen bestehen und Deine Vermögensverhältnisse überschaubar sind. Das ist der Fall, wenn Du bei Antragstellung weniger als 20 Gläubiger hast (§ 304 Abs. 2 InsO).

Am 1. Januar 2021 ist die Reform des Insolvenzrechts in Kraft getreten. Neu ist, dass das Verfahren jetzt grundsätzlich nur noch drei Jahre dauert und Du dann Deine Schulden los bist – und zwar ohne, dass Du einen bestimmten Teil der Schulden zahlen musst. Vorher konnte es bis zu sechs Jahre dauern, wenn ein Schuldner die Kosten des Verfahrens nicht aufbringen konnte. Die drei Jahre gelten rückwirkend für alle Schuldner, die seit dem 1. Oktober 2020 Privat­insolvenz beantragt haben.

Für Anträge zwischen dem 17. Dezember 2019 und dem 30. September 2020 gilt eine Übergangs­regelung: Die sechs Jahre reduzieren sich um die vollen Monate, die seit dem Inkrafttreten der europäischen Insolvenz-Richtlinie am 16. Juli 2019 bis zur Stellung des Insolvenzantrags vergangen sind. Wer zum Beispiel am 5. Januar 2020 Insolvenz beantragt hat, dessen Verfahren verkürzt sich um fünf Monate. Es dauert also nur fünf Jahre und sieben Monate, bis er von seinen restlichen Schulden befreit werden kann.

Was sind die Vorteile und Nachteile der Privat­insolvenz?

Der Weg in die Privat­insolvenz will gut überlegt sein. Du solltest Dir die Vor- und Nachteile klar vor Augen führen und mit einem Berater Deine konkrete Situation besprechen.

Vorteile einer Verbraucher­insolvenz

  • Schuldenfrei - Nach drei Jahren bist Du Deine Schulden los. Ohne Privat­insolvenz könnten Deine Gläubiger 30 Jahre aus einem Schuldtitel pfänden.
  • Pfändungen - Böse Überraschungen wie Konto- oder Lohnpfändungen fallen mit Eröffnung der Privat­insolvenz weg.
  • Besuche vom Gerichtsvollzieher - Dadurch, dass Deine Schulden und Dein Vermögen während der Insolvenz von einem Treuhänder verwaltet werden, überprüft der Gerichtsvollzieher nicht mehr, ob noch Vermögen vorhanden ist.
  • Existenzminimum ist gesichert - Durch die Pfändungsgrenzen ist Dein Existenzminimum auf jeden Fall gesichert. Seit dem 1. Juli 2021 sind monatlich knapp 1.253 Euro nicht pfändbar, sofern Du keine Unterhaltsverpflichtungen hast. Musst Du Unterhalt zahlen, erhöht sich die Grenze. Vielen Mandanten bleibt in der Insolvenz mehr Geld als zuvor, berichten die auf Insolvenzrecht spezialisierten Anwälte Miehler & Müller von entschuldigung.de.
  • Chance auf Neustart - Die Privat­insolvenz bietet Dir die Möglichkeit, finanziell neu anzufangen. Deine Schulden werden gelöscht, genauso wie die Negativeinträge bei der Schufa – letztere allerdings erst drei Jahre nach Erteilung der Rest­schuld­befreiung.

Nachteile einer Verbraucher­insolvenz

  • Dauer - Es dauert immer noch drei Jahre, bis Du die Schulden los bist und aufatmen kannst. Aber dann stehst Du immer noch in der Schufa - und zwar weitere drei Jahre.
  • Dein Arbeitgeber weiß Bescheid - Du musst mit Deinem Chef sprechen, denn die Lohnbuchhaltung muss den pfändungsfreien Teil an den Treuhänder überweisen.
  • Einschränkungen - Du musst Dich im Konsumverhalten einschränken. Ratenkaufverträge, Dispokredit und Kreditkarten sind passé.
  • Wohnungswechsel - Du hast einen Schufa-Eintrag wegen der Insolvenz und das sehen Vermieter gar nicht gerne.
  • Vertragswechsel - Wegen Deiner Schufa wirst Du wohl für einige Jahre den Strom-, Gas- oder Telefonanbieter nicht wechseln können.
  • Kosten - Durch die Privat­insolvenz fallen Kosten für das Gericht und für den Treuhänder an, die Du zahlen musst.

Wahrscheinlich kennst Du aber genau die Probleme ohnehin schon, die hier als Nachteile der Privat­insolvenz genannt sind. Dann ist es umso sinnvoller für Dich, den Weg über die Rest­schuld­befreiung zu gehen – und nach nur drei Jahren wieder Aussicht auf ein neues Leben zu haben.

Wie läuft ein Insolvenzverfahren ab?

Du solltest Dir zunächst einen Schuldnerberater oder Rechtsanwalt suchen. Einige bieten ihre Unterstützung auch kostenlos an. Im Schuldneratlas des Statistischen Bundesamts findest Du einen Berater in Deiner Nähe. Du musst Dich jedoch auf Wartezeiten einstellen – in der aktuellen Corona-Situation noch mehr als zuvor. Je eher Du das Thema angehst, desto besser. Weitere Informationen dazu findest Du in unserem Ratgeber Schuldnerberatung.

Das Verfahren der Verbraucher­insolvenz besteht aus sechs Stufen, die Du aber nicht alle durchlaufen musst. Vielleicht gelingt es Dir schon, mit Deinem Berater und ohne Gericht eine einvernehmliche Lösung mit Deinen Gläubigern zu finden. Dann erübrigen sich alle weiteren Schritte.

1. Außergerichtliches Schulden­bereinigungs­verfahren 

Vor dem eigentlichen Insolvenzverfahren muss ein außergerichtliches Schulden­bereinigungs­verfahren stattfinden (§ 305 Abs. 1 Nr. 1 InsO). Ziel ist es, eine Einigung mit Deinen Gläubigern zu finden. Dazu musst Du mit einer Schuldnerberatungsstelle oder einem Rechtsanwalt Deine ganzen Schulden ermitteln. Leichter fällt das, wenn Du die Unterlagen zu Deinen Schulden alle in einem Ordner abheftest.

In einem zweiten Ordner solltest Du aktuelle Nachweise sammeln über Dein Einkommen, Unterlagen zu Deinem Vermögen wie zum Beispiel zu Deinen Le­bens­ver­si­che­rung­en oder einen Grundbuchauszug, falls Du Haus- oder Grundstückseigentümer bist.

Du erarbeitest mit Deinem Berater einen Schuldenbereinigungsplan. Das ist aufwendig und mühsam, aber Voraussetzung für eine Lösung. Dein Schuldnerberater schreibt alle Gläubiger an, erklärt ihnen Deine Situation, bietet Ratenzahlungen an und bittet sie im Gegenzug darum, auf einen Teil der Schulden zu verzichten.

Alle Gläubiger müssen diesem Plan zustimmen. Diese Variante ist für Dich am günstigsten, da weder Gerichtsgebühren noch Kosten für den Treuhänder anfallen. Sie ist aber auch nur sehr selten möglich, denn die wenigsten Gläubiger sind bereit, auf ihre Forderungen zu verzichten.

2. Gerichtliches Schulden­bereinigungs­verfahren

Ist die außergerichtliche Einigung gescheitert, kann ein Insolvenzantrag gestellt werden. Gleichzeitig muss der Schuldenbereinigungsplan vorgelegt und nachgewiesen werden, warum es mit der außergerichtlichen Einigung nicht geklappt hat. Das Insolvenzgericht prüft nun, ob ein Schulden­bereinigungs­verfahren Erfolg verspricht. Andernfalls kann es darauf verzichten und das Insolvenzverfahren sofort eröffnen.

In der Praxis wird das gerichtliche Schulden­bereinigungs­verfahren eher selten durchgeführt. Denn wenn der Hauptgläubiger schon im Vorfeld nicht bereit ist, auf einen Teil der Forderungen zu verzichten, wird er sich auch nicht damit einverstanden erklären, wenn ein Gericht anfragt. Bei Erfolg kommt es nicht zur Privat­insolvenz, sondern zu einer Art Vergleich.

3. Gerichtliches Insolvenzverfahren 

Gibt es keinen Schuldenbereinigungsplan, eröffnet das Gericht auf Antrag das Insolvenzverfahren.

Dafür gibt es ein neues Antragsformular, das seit April 2021 verwendet werden muss. Den 45 Seiten umfassenden Antrag musst Du mit Deinem Berater oder Anwalt durcharbeiten. Dabei musst Du ein Verzeichnis über Dein Vermögen erstellen und eine Liste mit all Deinen Gläubigern und Schulden.

Das Gericht prüft zunächst, ob die Verfahrenskosten gedeckt sind oder einem Antrag auf Stundung der Verfahrenskosten stattgegeben wird. Die Stundung bewirkt, dass alle Verfahrenskosten erst nach der Rest­schuld­befreiung von Dir verlangt werden können. Die Eröffnung Deines Verfahrens wird auf der Website insolvenzbekanntmachungen.de veröffentlicht.

Nach der Eröffnung wird ein Treuhänder bestimmt, den Du auch selbst vorschlagen kannst (§ 288 InsO). Dieser versucht, das vorhandene Vermögen zu verwerten. Alles, was im Fall einer Zwangsvollstreckung pfändbar wäre, gehört zur Insolvenzmasse. Da Du auch alles Organisatorische mit dem Treuhänder klären musst, ist es wichtig, dass Du mit ihm gut auskommst.

4. Wohlverhaltensphase

Nach Eingang des Antrags trittst Du für drei Jahre Dein Einkommen an den Treuhänder ab – der Zeitraum nennt sich Abtretungsfrist (§ 287 Abs. 2 InsO). Du musst also den pfändbaren Anteil Deines Einkommens an den Treuhänder abführen. Wie hoch dieser Anteil ist, kannst Du der tabellarischen Übersicht entnehmen. Die Pfändungsgrenze steigt entsprechend, wenn Du für Kinder oder Deinen Ehepartner Unterhalt zahlen musst.

In dieser Phase darfst Du keine neuen, unangemessenen Schulden machen, ansonsten riskierst Du, dass das Gericht Dir die Rest­schuld­befreiung versagt.

Falls Du während der Wohlverhaltensphase etwas erbst, musst Du die Hälfte davon an den Treuhänder abgeben. Einen Lottogewinn musst Du in voller Höhe abliefern (§ 295 Nr. 2 InsO).

Während des Insolvenzverfahrens hast Du die Pflicht zu arbeiten. Bist Du arbeitslos, musst Du zumindest nachweisen, dass Du Dich um Arbeit bemüht und keine zumutbare abgelehnt hast (§ 287b InsO).

5. Insolvenzplanverfahren

Wenn sich während der Wohlverhaltensphase in Deinen Vermögensverhältnissen etwas ändert, weil Du zum Beispiel geerbt hast oder Du einen anderen Geldgeber gefunden hast oder wenn Deine Gläubiger signalisieren, dass sie jetzt verhandlungsbereit sind, kannst Du einen erneuten Einigungsversuch unternehmen und die Insolvenz vorzeitig beenden. Das kann funktionieren, da Gläubiger nach Insolvenzeröffnung manchmal einigungsbereiter sind als vorher.

Das Verbraucher­insolvenzverfahren wird damit deutlich flexibler, zumindest soweit sich alle Parteien um eine Lösung bemühen.

6. Rest­schuld­befreiung

Drei Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens entscheidet das Gericht über die Rest­schuld­befreiung (§ 300 Abs. 1 InsO). Für die Verfahren seit dem 1. Oktober 2020 gibt es keine Mindestquote mehr – vorher mussten Schuldner mindestens 35 Prozent der Schulden begleichen. Auch muss der Schuldner nicht sämtliche Verfahrenskosten innerhalb der drei Jahre gezahlt haben. Hast Du Deine Verpflichtungen erfüllt und sprechen keine Gründe dagegen, wird Dich das Gericht von den restlichen Schulden befreien.

Unterhalt, den der Schuldner pflichtwidrig nicht gezahlt hat, ist von der Rest­schuld­befreiung nicht erfasst (§ 302 InsO). Deine Unterhaltsschulden musst Du also trotz Rest­schuld­befreiung weiterzahlen. Gleiches gilt für hinterzogene Steuern, sofern eine rechtskräftige Verurteilung vorliegt. Hast Du ein zinsloses Darlehen von jemandem bekommen, um damit die Kosten des Insolvenzverfahrens zu bezahlen, bleibt dieses trotz Rest­schuld­befreiung weiter bestehen.

Speicherung der Rest­schuld­befreiung bei der Schufa

Die Schufa und auch andere Auskunfteien speichern die Informationen über die Erteilung einer Rest­schuld­befreiung. Sie werden erst nach drei Jahren auf den Tag genau gelöscht. Deshalb hast Du wahrscheinlich auch nach der Rest­schuld­befreiung noch immer Schwierigkeiten, Verträge abzuschließen oder eine neue Wohnung anzumieten.

Abhilfe könnte ein Urteil des OLG Schleswig schaffen (Urteil vom 2. Juli 2021, Az. 17 U 15/21). Demnach kann ein Betroffener sechs Monate nach Erteilung der Rest­schuld­befreiung die Löschung der Daten von der Schufa verlangen. Als Grund führen die Richter unter anderem an, dass die Schufa nach der Datenschutz-Grundverordnung kein berechtigtes Interesse an einer längeren Speicherung habe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Denn die Schufa akzeptiert das Urteil nicht und lässt es vom Bundesgerichtshof überprüfen (VI ZR 225/21). Wir werden Dich darüber weiter auf dem Laufenden halten.

Übrigens: Im Rahmen der Insolvenzreform sollte in einem ersten Entwurf die Frist für die Speicherung der Information über die Rest­schuld­befreiung auf ein Jahr verkürzt werden. Der Vorschlag fand in der Bundesregierung allerdings keine Mehrheit.

Welche Kosten fallen bei einer Verbraucher­insolvenz an?

Eine Privat­insolvenz gibt es nicht gratis. Du musst den Treuhänder bezahlen, die Gerichtskosten übernehmen und eventuell einen Anwalt oder Schuldnerberater entlohnen.

Gerichts- und Treuhänderkosten - Die Gerichts- und Treuhändergebühren werden nach der Insolvenzmasse berechnet. Das ist unter anderem der Betrag, den der Treuhänder monatlich von Deinem Gehalt bekommt, wenn Du mehr verdienst als das, was Dir gesetzlich bleiben muss. Falls Du weder Vermögen noch Arbeit hast, musst Du mit Mindestgebühren von etwa 2.000 Euro rechnen. Es gibt die Möglichkeit, den Betrag zu stunden oder in Raten zu zahlen.

Beratungskosten - Neben Rechtsanwälten und Verbraucherzentralen bieten auch kostenfrei arbeitende Schuldnerberatungsstellen Privatpersonen Hilfe bei Überschuldung an. Du kannst versuchen, Dir vom Amtsgericht einen Berechtigungsschein für Beratungshilfe zu holen, mit dem die Kosten für den Anwalt vom Staat getragen werden. Da es aber auch kostenlose Beratungsangebote gibt, verweisen viele Gerichte darauf und lehnen Beratungshilfe ab.

Selbst wenn Du Beratungshilfe bekommst, werden nur die Kosten bis zur Erteilung der Bescheinigung über das Scheitern des außergerichtlichen Schuldenbereinigungsversuchs übernommen. Antragstellung und Vertretung im Eröffnungsverfahren sind nicht inbegriffen.

Auch Prozesskostenhilfe gibt es im Insolvenzverfahren nicht. Sofern Du Dich an einen Anwalt wendest, solltest Du ein pauschales Honorar vereinbaren. Dann weißt Du vorher, was auf Dich zukommt.

Um Deine Finanzen im Blick zu haben, solltest Du Deine Einnahmen und Ausgaben kennen. Der Finanztip-Haushaltsrechner hilft Dir dabei.

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