Progressionsvorbehalt

Auf Lohnersatz folgt oft die Steuernachzahlung

Udo Reuß Stand: 17. Juni 2020
Das Wichtigste in Kürze
  • Kurzarbeiter-, Arbeitslosen- und auch Elterngeld unterliegen dem Progressionsvorbehalt. Viele Empfänger solcher Leistungen müssen mit einer Steuernachzahlung rechnen.
  • Die Einkünfte selbst sind zwar steuerfrei, erhöhen aber durch den Progressionsvorbehalt Ihre Steuerlast.
  • Welche Leistungen das sind, zählt das Einkommensteuergesetz abschließend auf.
So gehen Sie vor
  • Haben Sie in einem Jahr mehr als 410 Euro an steuerfreien Lohnersatzleistungen erhalten, müssen Sie im Folgejahr bis zum 31. Juli eine Steuererklärung abgeben.
  • Sind Sie verheiratet, sollten Sie einen Steuerklassenwechsel prüfen, wenn Sie Lohnersatzleistungen beziehen. Rechnen Sie auch durch, ob die Einzel- oder Zusammenveranlagung für Sie günstiger ist.

Viele staatliche Sozialleistungen sind steuerfrei. Sie können dennoch Ihre Steuerlast erhöhen. Das liegt am sogenannten Progressionsvorbehalt: Einnahmen, die ihm unterliegen, werden zur Berechnung Ihres Steuersatzes herangezogen, wobei die Einkommensersatzleistungen selbst nicht besteuert werden. Aber für das übrige steuerpflichtige Einkommen müssen Sie dann möglicherweise einen höheren Steuersatz zahlen.

Viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sind derzeit auf Grund der Corona-Pandemie in Kurzarbeit, bekommen Kurzarbeitergeld und eventuell auch Aufstockungszahlungen. Eine Folge davon können Steuernachzahlungen im kommenden Jahr sein. Ob auch Du wegen Kurzarbeitergeldes mit Steuernachzahlungen zu rechnen hast, wie hoch sie ausfallen können und was für Deine Aufstockungszahlungen gilt, kannst Du im Ratgeber zum Progressionsvorbehalt unter den Abschnitten zum besonderen Steuersatz und Kurzarbeitergeld nachlesen. 

Welche Leistungen stehen unter Progressionsvorbehalt?

Ersatzleistungen für wegfallenden Lohn oder Einkommen sind in der Regel steuerfrei. 

Lohnersatzleistungen unter Progressionsvorbehalt 

Alle steuerfreien Einkünfte unter Progressionsvorbehalt sind in Paragraf 32b Einkommensteuergesetz aufgezählt. Die Liste umfasst zum Beispiel:

  • Arbeitslosengeld I,
  • Elterngeld,
  • Mutterschaftsgeld und Zuschuss zum Mutterschaftsgeld,
  • Kurzarbeitergeld,
  • Aufstockungsbeträge des Arbeitgebers zum Kurzarbeitergeld,
  • Insolvenzgeld,
  • Übergangsgeld für Behinderte,
  • Krankengeld,
  • Verletztengeld,
  • Entschädigungen für Verdienstausfall nach dem Infektionsschutzgesetz,
  • Aufstockungsbetrag bei Altersteilzeit und
  • bestimmte im Ausland erzielte Einkünfte. 

Grundlage vieler Ersatzleistungen ist das Sozialgesetzbuch (SGB). Dem Progressionsvorbehalt unterliegen aber auch Auslandseinkünfte, die gemäß Doppelbesteuerungsabkommen hierzulande steuerfrei sind.

Die Aufzählung ist abschließend. Das heißt: Alles, was nicht aufgeführt ist, wie beispielsweise Arbeitslosengeld II, steht nicht unter Progressionsvorbehalt. 

Pflichtveranlagung von Arbeitnehmern 

Haben Sie in einem Jahr über 410 Euro aus Leistungen bezogen, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen? Dann müssen Sie bis zum 31. Juli des Folgejahres eine Steuererklärung abgeben. Das nennt sich Pflichtveranlagung

Arbeitgeber und andere Stellen, die Lohnersatzleistungen auszahlen, müssen die Zahlungen an die Finanzverwaltung melden. Deshalb liegen diese dem Finanzamt in der Regel als elektronische Daten vor.

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Wie wird der besondere Steuersatz berechnet?

Im Steuerrecht gilt das Prinzip der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit. Deshalb haben wir in der Einkommensteuer einen progressiven Tarifverlauf. Das heißt, der Steuersatz steigt mit dem zu versteuernden Einkommen.

Auch die steuerfreien Einnahmen verbessern die Leistungsfähigkeit des Empfängers. Um dies zu berücksichtigen, aber gleichzeitig die Lohnersatzleistungen steuerfrei zu belassen, ermittelt das Finanzamt einen besonderen Steuersatz. Dies erfolgt in drei Schritten:

  1. Steuerpflichtiges + steuerfreies Einkommen = Gesamteinkommen
  2. Hierfür wird der Durchschnittssteuersatz ermittelt.
  3. Dieser besondere Steuersatz wird nur für das zu versteuernde Einkommen angewendet.

Folglich wird nur das steuerpflichtige Einkommen etwas höher besteuert. 

Beispielrechnung

Wie sich der Progressionsvorbehalt auswirkt, zeigt ein Beispiel für die Einkommensteuer 2020: 

Ein unverheirateter Arbeitnehmer hat nach Abzug von Werbungskosten und Sonderausgaben ein zu versteuerndes Einkommen von 30.000 Euro. Hierfür müsste er 5.187 Euro Einkommensteuer zahlen. 

Im Lauf des Jahres 2020 erhält er 15.000 Euro Kurzarbeitergeld. Dies steht unter Progressionsvorbehalt. Deshalb setzt das Finanzamt 45.000 Euro als fiktives zu versteuerndes Einkommen an. Die Einkommensteuer darauf wäre 10.244 Euro. Daraus ergibt sich ein Progressionsteuersatz von 22,7644 Prozent (10.244 Euro * 100 / 45.000 Euro). Bezüglich des zu versteuernden Einkommens von 30.000 Euro ergibt sich dadurch eine Einkommensteuer von 6.829 Euro.

Das Kurzarbeitergeld führt in diesem Fall dazu, dass die Steuer um 1.642 Euro höher ausfällt als ohne Lohnersatzleistung. Hinzu kommt eventuell noch eine Mehrbelastung beim Solidaritätszuschlag und der Kirchensteuer

Beispiel: Arbeitnehmer mit Kurzarbeitergeld

Steuerpflichtiges

Einkommen

Kurzarbeitergeld

(steuerfrei)

Steuersatz

Einkommensteuer

30.000 €0,00 €17,29 %5.187 €
30.000 €15.000 €22,76 %6.829 €
   

Differenz

1.642 €

Quelle: Finanztip-Berechnung mit Progressionsvorbehaltsrechner (Stand: 12. Juni 2020)

In solchen Fällen kommt es im Folgejahr oft zu einer Steuernachzahlung. Dies sollten Bezieher von Lohnersatzleistungen berücksichtigen und, falls möglich, Geld dafür zurücklegen.

Progressionsvorbehaltsrechner gibt Auskunft 

Um zu erfahren, wie sich der Progressionsvorbehalt auf Ihre Steuerlast auswirkt und wie viel Sie zu zahlen haben, können Sie den Progressionsvorbehaltsrechner des Bayerischen Landesamts für Steuern nutzen. 

Beachten Sie dabei, dass sich der Rechner eher für einfache Sachverhalte eignet. In komplexeren Fällen haben Sie damit jedoch immerhin einen ungefähren Anhaltspunkt. 

Die Frage, ob Sie Steuern nachzahlen müssen, hängt von vielen Faktoren ab, wie zum Beispiel:

  • wieviel Lohnsteuer bereits abgeführt wurde,
  • wie lange Sie kurzarbeiten,
  • ob Sie während der Kurzarbeit überhaupt nicht oder noch teilweise arbeiten,
  • welche Ausgaben Sie steuerlich absetzen können und
  • ob sie sich einzeln oder zusammen mit Ihrem Ehegatten veranlagen lassen.

Wenn ein Partner Lohnersatzleistungen erhalten hat, kann es sein, dass unterm Strich weniger Steuern zu zahlen sind, wenn beide Gatten jeweils eigene Steuererklärungen abgeben. Dies können Sie mit einem Steuerprogramm im konkreten Fall berechnen. Auch die Wirkung des Progressionsvorbehalts können Sie damit näherungsweise berechnen.

Was gilt bei Kurzarbeitergeld?

Auf Grund der Corona-Pandemie beziehen im Jahr 2020 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld. Kurzarbeit kann der Arbeitgeber unter bestimmten Bedingungen anordnen. Er reduziert dann die Arbeitszeit seines Arbeitnehmers – möglicherweise sogar auf Null. Bei Kurzarbeit 50 zum Beispiel, arbeitet der Arbeitnehmer nur noch die Hälfte der üblichen Zeit. Zusätzlich zur Hälfte des Gehalts bekommt er dann 60 Prozent des ausgefallenen Nettoentgelts. Ein Arbeitnehmer mit Kind erhält sogar 67 Prozent. Ab dem vierten und dem siebten Monat des Bezugs steigt der Leistungssatz. 

Die optimale Steuerklasse wählen 

Diese Lohnersatzleistung wird nach einem pauschalierten Nettolohn berechnet. Folglich hängt die Höhe des Kurzarbeitergeldes von der auf der elektronischen Lohnsteuerkarte eingetragenen Steuerklasse ab. 

Verheiratete haben die Wahl zwischen mehreren Steuerklassen: III, IV, IV mit Faktor und V. Wenn bei einem Ehepaar bei einem Partner Kurzarbeit ansteht, dann sollte dieser eine steuergünstigere Lohnsteuerklasse haben, zum Beispiel III oder IV. In der Steuerklasse V fällt der Nettolohn niedriger aus und dementsprechend auch das Kurzarbeitergeld. Bereits abgerechnete Monate können nicht rückwirkend korrigiert werden. 

Betroffene sollten daher zum frühestmöglichen Zeitpunkt bei ihrem Finanzamt einen „Antrag auf Steuerklassenwechsel bei Ehegatten/Lebenspartnern“ stellen. Im Folgemonat sollten dann bei beiden Ehepartnern die neuen beantragten Steuerklassen auf der jeweiligen elektronischen Lohnsteuerkarte stehen. Seit 2020 können Steuerpflichtige mehrmals im Jahr die Steuerklasse ändern lassen. 

Handlungsbedarf bei Steuerklasse V 

Kurzarbeitende Mütter und Väter mit Steuerklasse V sollten auf jeden Fall einen Steuerklassenwechsel in III oder IV erwägen. Denn bei ihnen steht kein Kinderfreibetrag auf der Lohnsteuerkarte, nur beim Partner. Folglich zahlt der Arbeitgeber nur 60 Prozent Kurzarbeitergeld aus. Den erhöhten Satz für Eltern (67 Prozent) bekommen Sie, wenn der Kinderfreibetrag eingetragen ist. Das ist bei Steuerklasse III und IV möglich. 

Alternativ können Sie oder der Arbeitgeber eine Bescheinigung bei der Agentur für Arbeit beantragen, in der Ihre Kinder eingetragen sind. Zurzeit genügt sogar eine Kopie der Lohnsteuerkarte Ihres Ehepartners, auf der der Kinderfreibetrag eingetragen ist. Diese müssen Sie Ihrem Arbeitgeber aushändigen.

Steuerfreie Aufstockungszahlungen 

Am 5. Juni 2020 hat der Bundesrat das Erste Corona-Steuerhilfegesetz verabschiedet. Demnach können Aufstockungszahlungen zum Kurzarbeitergeld, die zwischen März und Dezember 2020 vom Arbeitgeber geleistet werden, steuerfrei bleiben (§ 3 Nr. 28a EStG). Dabei dürfen Aufstockungsbetrag und Kurzarbeitergeld zusammen höchstens 80 Prozent des ausgefallenen Arbeitsentgelts betragen. Eine Aufstockung bis zu 80 Prozent des Gehalts bleibt steuer- und beitragsfrei. Ein darüber hinausgehender Betrag ist zu versteuern.

Umkehrfall: negativer Progressionsvorbehalt

Einkünfte unter Progressionsvorbehalt können auch negativ sein. Bringen Ihnen etwa Geldanlagen im Ausland Verluste ein, werden diese bei der Berechnung des Steuersatzes von Ihrem zu versteuernden Einkommen abgezogen.

Das gilt auch, wenn der Staat gezahlte Transferleistungen zurückfordert. Dann tritt die umgekehrte Wirkung ein: Der negative Progressionsvorbehalt drückt Ihren Steuersatz und mindert somit Ihre Steuerlast.  

Autor
Udo Reuß

Stand: 17. Juni 2020


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